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Wien war anders ...

von Erika Neuberger

Der größte Gegensatz zu heute war die Stille, die meine Kindheit umgab. Zu Hause anfangs kein Radio, kein Fernseher, nur die Eltern und mein Bruder, auch Großeltern und Verwandte, die uns häufig besuchten. Freunde am selben Stockwerk, mit denen wir den ganzen Nachmittag spielten. Auf der Straße fast keine Autos! Da konnte der Ball vom Gehsteig ruhig hinunterrollen, ohne daß wir gefährdet waren. Die Sommertage verbrachten mein Bruder und ich bis zum Dunkelwerden im Freien. Vor dem Haus, im nahegelegenen Park, im Wald mit unseren Eltern, die jeden Sonntag einen Ausflug machten. Mit einem Rucksack, der das vorbereitete Essen und Getränke, auch eine große Decke beinhaltete, wanderten wir durch einsame Gegenden, ohne Gasthäuser zu besuchen. Sehr oft waren die Großeltern, Onkel und Tanten dabei, die mit uns „Vater, Vater, leih mir d’ Scher!“ spielten, indem jeder von uns vor einem Baum stand. Nur einer hatte keinen fixen Platz und mußte sich den erobern. Schnell mußte man von einem Baum zum anderen laufen, Das waren ganz lustige Spiele, die man ja nur mit mehreren Personen spielen konnte. Auch in den Parkanlagen gab es viel mehr Kinder als heute, die meist gemeinsam etwas unternahmen: Figuren reißen, Drittabschlagen.

Wenn ich mit meiner Mutter auf einer Bank saß, wartete ich, bis ein Kind mich zum Spielen aufforderte. So einfach mittun konnte man nicht.

Im Winter, wo es viel kälter als heute war, gingen wir fast täglich nach der Aufgabe auf den Natur-Eislaufplatz ganz in der Nähe unserer Wohnung. Meine Mutter brachte zur Jause heißen Tee, sodaß wir erst am Abend unser Laufvergnügen einstellen brauchten. Ich erinnere mich, daß der Monat Jänner so unendlich lange dauerte. Das mag auch daran gelegen sein, daß es auch in der Wohnung sehr oft kalt war. Am Morgen gab es kein warmes Wasser zum Zähneputzern und Waschen. Erst am Vormittag wurde eingeheizt, und das nur in der Küche. Das Zimmer, das wir mit den Eltern gemeinsam als Schlafzimmer benützten, wurde nie richtig warm. Nur zu Weihnachten oder wenn Besuch kam, wurde die Tür geöffnet und das Zimmer mitbeheizt. Wir waren deshalb nie so kälteempfindlich wie heute.

Auf dem Eislaufplatz hatte ich ein Samtkleid, normale Strümpfe, die an einem Strumpfbandgürtel hingen und immer ein Stück nackten Schenkel freiließen. Natürlich hatten wir auch keine Eislaufschuhe, sondern unsere Straßenschuhe, auf denen die Eiskufen angeschraubt wurden. Wir nannten sie „Schraubendampfer“.

Im Sommer gab es die erst kurze Zeit vorher installierten Kinderfreibäder, die fast in allen Bezirken den Kleinen die Möglichkeit der Bewegung im Wasser ermöglichten, ohne Eintritt zu zahlen. Die Gemeinde Wien hatte damals nicht nur die ersten Gemeindehäuser gebaut, um die Wohnungsnot der arbeitenden Bevölkerung zu lindern, sondern auch Sportplätze und diese wunderbaren Kinderfreibäder.

Nur mit der Badehose bekleidet, liefen wir barfuß von Hernals bis in den Türkenschanzpark, wo es ein besonders schönes Areal mitten unter hohen Trauerweiden gab. Da wir keine großen Reisen machen konnten, brachte uns unsere Mutter zu einer Sammelstelle der Kinderfreunde. Von  dort aus ging es täglich eine gute Stunde zu Fuß auf den Predigtstuhl am Wilhelminenberg, wo ein Tageserholungsheim lag. Eine große Wiese zum Turnen, Rollen, Spielen und auf Decken schlafen – das war für uns das Paradies. Viele Jahrzehnte später noch, wenn ich Holzrauch in meine Nase bekam, hatte ich Glücksgefühle, weil sie mich an diesen Aufenthalt erinnerten.

Ecke Lidlgasse / Roggendorfgasse liegt jetzt ein Park. In unserer Kindheit war dort ein Mistablageplatz, der eine ungeheure Anziehungskraft ausübte. Trotz strengem Verbot liefen wir manchmal dorthin und fanden wahre Schätze. Gipsabdrücke von Bandagisten z.B., mit denen man sämtliche Gehsteige der Gegend, viel besser als mit Kreide, beschmieren konnte. Ein Rechteck zum Tempelhüpfen oder große, weiße Pfeile für das Spiel „Ich verfolge dich“ konnte man damit zeichnen.

Mädchen im Volksschulalter mit Hullahoop-Reifen allein in städtischer Umgebung

Wenn es sehr heiß war, fuhr ab und zu der Spritzwagen durch unsere Rhigasgasse. Mit bloßen Füßen liefen wir hinter dem Gefährt her und kühlten mit dem Wasserstrahl unsere Zehen. Auch der Eiswagen, der täglich kam, machte Eindruck. Der Eismann schleppte einen oder zwei solcher länglichen Blöcke auf einem schützenden Sack auf seiner Schulter zu den Leuten, die einen Eiskasten besaßen. Wir holten aus dem Wagen die kleinen, abgesplitterten Stückchen Eis und lutschten mit großem Vergnügen daran.

Im Frühjahr gab es den Kalvarienberg. Neben der Kirche mit einem Kreuzgang werden auch heute noch Stände mit Spielzeug und Zuckerwerk aufgestellt. Ich bekam jedes Mal einen Baumkraxler oder ein Kaleidoskop mit herrlich leuchtenden Farben und Formen. Bei unserem Zuckerbäcker faszinierte mich ein Märchenhaus mit Hänsel und Gretel. Man zahlte zehn oder zwanzig Groschen, drückte auf einen Knopf, und heraus flog eine Kugel, die entweder zur Hexe oder zu Hänsel und Gretel geschleudert wurde. Bei der Hexe ging man leer aus, bei den Kindern bekam man ein Stück Schokolade.

Wie schon erwähnt, gingen wir fast alle Wege zu Fuß. Von der Rhigasgasse bis zum Stadttheater im 8. Bezirk, Laudongasse, war es ein ziemlich langer Weg. Dort standen wir mit unseren Eltern zwei oder drei Stunden auf dem Stehplatz und sahen viele Operetten der „Silbernen Ära“ mit Freude. Trotz Müdigkeit kam noch der lange Heimweg. Die Begeisterung für dieses Metier war so groß, daß wir, als meine Eltern einmal nicht zu Hause waren, sämtliche Freunde einluden, die Kästen plünderten, uns verkleideten und die Operette „Gräfin Mariza“ spielten.

Ich hatte als Kind niemals das Gefühl, daß meine Eltern keine Zeit hätten. Jeder, der Lust hatte, uns zu besuchen, tat das ohne Voranmeldung. Man klopfte oder läutete an, und es wurde aufgetan. Die Mutter unterbrach ihre Arbeit, machte eine Tasse Tee oder Kaffee und hatte immer ein Stündchen für den Gast. Auch mein Vater, der eine viel längere Arbeitszeit als die heutigen Menschen hatte, wirkte nie gestreßt, im Gegenteil! Er fand immer einen Grund für ein Lied, ein selbstgemachtes Gedicht oder einen Spaß, um uns zu unterhalten.

Als alter Mensch begeht man oft den Fehler, alles, was früher war, zu verklären. Wenn ich mir ein wenig Mühe gebe, fallen mir aber auch manche negative Begebenheiten von damals ein. Mein Vater war Bediensteter der Wiener Verkehrsbetriebe. Meine Mutter mußte, gab es irgendeine Unpäßlichkeit oder Krankheit in der Familie, entweder zum Betriebsarzt, der sich in der Remise Hernals befand, oder gar ins Ambulatorium Leebgasse gehen. Mich faszinierte ein Haken an der Wand dieses Warteraumes, an dem Nummernblättchen aufgefädelt waren, die man entnehmen konnte. Warum der Arzt, Prof. Orel, alle Frauen und Kinder – und das waren nicht wenige – auf einmal ins Ordinationszimmer hereinholte, weiß ich nicht. Wir standen dicht gedrängt, und dann hieß es: „Kinder umdrehen!“ Vorne beim Arzt wurde eine Frau coram publico untersucht. Alle anderen sahen und hörten zu. Wenn die Prozedur zu Ende war, durften wir uns wieder zurückdrehen. Da ich schon als kleines Kind diese Methode als sehr unangenehm empfand, hat sich mir diese Szene besonders eingeprägt.

In meiner Kindheit gab es viel Arbeitslose. Viele davon kamen an die Türen, um zu betteln, manche benützten unseren kleinen Hof, um zu singen, zu deklamieren oder Feuer zu schlucken, um auf sich und ihre Lage aufmerksam zu machen.

Da wir Kinder in der glücklichen Lage waren, einen berufstätigen Vater zu haben, empfanden wir diese Tragweite des Elends nicht. Für uns waren die Darbietungen, die wir vom Fenster aus – die Füße durch ein Fenstergitter gesteckt – beobachten konnten, das reinste Vergnügen. Da kam ein Feuerschlucker, der eine lodernde Flamme aus seinem Mund blies und mit einem dicken Holzhammer seinen Brustkorb bearbeitete. Gleich nach ihm erschien ein kleines Männchen mit einem Glöckchen, das er vor seiner Darbietung läutete. „Wilhelm Tell“ deklamierte er in einwandfreiem Burgtheater-Deutsch. Ein Quartett mit zwei Geigen, einer Ziehharmonika und einer Gitarre brachte Schwung unter die Leute.

Aber da krochen auch Menschen heran, hohläugig und blaß, die aus ärgster Not den Mund auftaten, um irgendeinen Schlager oder ein Wanderlied zu krächzen. Groschen, in Zeitungspapier gewickelt, regnete es dann stärker oder schwächer, je nachdem, wie viele Vorgänger der Sänger an einem Tag bereits gehabt hatte.

Eines Tages kam ein Mann in den Hof, und es erklang ein Lied an mein Ohr, das mich innig berührte. Hatten mich doch meine Eltern zuvor das erste Mal ins Kino mitgenommen, wo ein kleiner Bub die Hauptrolle spielte. In diesem Film wurde der Schlager „Tausend Englein singen, tausend Englein springen, o sonny boy, sonny boy“ kreiert, den ich zu meiner Beglückung wiedererkannte. In meiner Begeisterung warf ich den ganzen Inhalt der Brotdose in den Hof.

Ein etwa 6-jähriges Mädchen und ein etwas älterer Bub allein auf einer kopfsteingepflasterten, breiten Straße stehend
Die Autorin mit ihrem Bruder auf einer - auch für damalige Verhältnisse - außergewöhnlich ruhigen Alszeile in Wien-Hernals (1931)

Auf der Alszeile und auf dem nahen Schafberg gab es Ringelspiele, die wir manchmal benutzen durften. Auch Schaukeln in Form eines Bootes beglückten mich. Das Schönste aber war das Kasperltheater auf dem Schafberg. Als Zaungäste verfolgten wir diese spannende Handlung genau so wie die Kinder, die bezahlt hatten und sitzend das Ereignis erleben konnten. (…)

Am Sonntagnachmittag durften mein Bruder und ich manchmal ins Kino. Da wurden wir vom Billeteur auf unseren Sitzplätzen zusammengepreßt, damit doppelt so viele Kinder hineinkonnten. Wenn es dunkel wurde und der Vorhang sich öffnete, gab es ein ohrenbetäubendes Pfeifen, Schreien und Auf-die-Sitze-Steigen. Es war wie im Tollhaus. So viel aufgespeicherte Energie, so viel Begeisterungsfähigkeit waren mit dabei. Alles war für uns neu und ein echtes Erlebnis. Hatten wir doch erst vor kurzer Zeit unser erstes Radio bekommen. Ein Kasten mit Knöpfen und noch einer, aus dem der Ton drang, der Lautsprecher. Daneben standen zwei riesige, schwere Glasbehälter mit Flüssigkeit, die Akkumulatoren. Der Ton war kreischend und unrein, aber man hörte in unserer Wohnung plötzlich die Stimme einer Opernsängerin oder die eines großen Politikers.

In der ersten Volksschulklasse – ich ging in die Hernalser Hauptstraße 100, die sogenannte „Hunderterschule“ –, hatten wir noch Gaslicht. Wenn es am Morgen im Dezember und Jänner noch sehr dunkel war, wurde der Schulwart geholt, der mit einer langen Stange diese Lampen entzündete.

Klassenfoto einer Volksschulklasse
Klassenfoto im Hof der Volksschule Hernalser Hauptstr. 100 (um 1932)

An die späteren Volksschuljahre habe ich nicht die besten Erinnerungen. Da ich konfessionslos war, wurde ich plötzlich von Lehrern und Mitschülern angefeindet, noch bevor sich die Lage im Jahr 1934 zuspitzte. Ich litt unter dieser Isolierung in der Schule. Immer wenn die Religionsstunde begann, musste ich in eine andere Klasse gehen. Einmal, zu Ostern, als ich in meine Klasse zurückkehrte, weinten die Mädchen und waren tief ergriffen. „Warum weint ihr?“, war meine drängende Frage. „Christus ist gestorben“, erklärten sie, und ich war sehr traurig, nicht an ihrem, mir unbekannten Kümmernis teilhaben zu können. Um uns Kinder vor Anfeindungen zu schützen, entschloss sich mein Vater später schweren Herzens, in die altkatholische Kirche einzutreten.

Einmal wollte meine Volksschullehrerin uns den Begriff „Nächstenliebe“ nahe bringen. Da es in der Klasse Kinder von Langzeitarbeitslosen – damals „Ausgesteuerte“ genannt – gab, die nie ein Gabelfrühstück mithatten, forderte uns die Lehrerin auf, von unserem mitgebrachten Brot ein Stück abzubrechen und es auf einen Pappkarton zu legen. Diese sehr unappetitlich aussehenden Bröckerln wurden dann an die „armen“ Kinder verteilt. Heute noch bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie sich diese jungen Menschen gefühlt haben müssen. Die „Wohltätigkeit“ war damals mit sehr viel Hochmut verbunden. Man half den Armen mit Spenden und warmer Suppe, aber man wolle nichts mit ihnen zu tun haben. Sie waren ein Fremdkörper in einer noch weithin geordneten bürgerlichen Welt. Wie leicht aber konnte jeder Einzelne selbst dort unten landen?

Informationen zum Artikel:

Wien war anders ...

Verfasst von Erika Neuberger

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 17. Bezirk
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Text wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zu Papier gebracht und bei der Veranstaltung "Lebertran und Himbeerkracherl. Wiener Kinderwelten um 1930 in lebensgeschichtlicher Retrospektive" am 11. März 2010 im Wien Museum Karlsplatz vorgetragen.

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