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"Die Ehre war das Höchste ..." I

von Margarethe Lutz

Ich will die Geschichte einer Frau erzählen, die wohl zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geboren, aber nach jeder Richtung im Sinne des Vergangenen, etwa um 1880, erzogen wurde. Streng behütet, umsorgt was die körperlichen Bedürfnisse betraf, aber sonst unaufgeklärt und ohne Begriffe von Geld und Geldeswert. Sie lebte versponnen in einer nur ihr zugänglichen Welt, da über die Wirkliche niemand mit ihr sprach. Von der Großmutter wurde sie zärtlich Greti genannt, und so soll auch die Hauptfigur dieser Geschichte heißen. [...]

etwa dreijähriges Mädchen umarmt auf einem Sessel stehend eine alte Frau
Die Autorin mit ihrer Großmutter väterlicherseits (um 1921)

Die väterliche Großmutter erzog Greti, sie schlief mit ihr in einem Zimmer und leuchtete sie des Nachts öfters an, ob sie wohl noch atmete. Sie war für die warme Unterwäsche, die zwei glatt, zwei verkehrt gestrickten Strümpfe zuständig und für das gute Himbeerwasser.

Die zweite, echte Großmutter durfte Greti nur ganz selten besuchen, die Mama wollte das nicht. Dabei war hier sogar ein richtiger Großvater vorhanden und eine Menge Tanten und ein Onkel! Man mußte sie eben heimlich besuchen, wenn man für den Hund Luxi die Pferdeextrawurst in der Grundsteingasse holte, da konnte man schnell zum Großvater in die Spenglerei hineinhuschen. Er hatte eine Werkstatt im Keller mit einigen Gesellen und war immer schmutzig.

Er stammte aus Mostar, hatte eine Burgenländerin geheiratet und eine elfköpfige Familie gegründet. Er hatte deswegen so viele Kinder, weil zuerst nur Mädchen gekommen waren und er unbedingt einen Stammhalter haben mußte. Gretis Mutter war eine der jüngsten. Sie hatte wunderschöne Stickereien verfertigt, natürlich für Geld und saß dabei immer am Fenster. Gretis Vater ging öfter durch das Durchhaus zur Post, und da sahen sie einander und liebten sich durchs Glas. Sie hatte nicht gewußt, daß er ein wohlhabender Mann war, denn er trug eine Arbeitshose. Dann führte er sie in eine wunderschöne Wohnung und eine Villa, und sie lebte ein Jahr lang wie im Märchen.

Dann starb sie bei der Geburt, und der Vater konnte die kleine Greti nicht ansehen und schob sie unters Bett, wenn sie schrie. Die Großmutter holte sie immer schnell hervor und gab ihrem Sohn eine Ohrfeige, weil er Unrecht tat. Es hat aber offensichtlich dem Kleinkind nicht geschadet, und später liebte er seine Tochter sehr und paßte außergewöhnlich gewissenhaft auf sie auf.

Spenglereiwerkstätte mit mehreren Arbeitern
Der mütterliche Großvater - vorne rechts - in seiner Spenglereiwerkstatt in Wien-Ottakring (um 1920)

Greti pendelte ohne große Schwierigkeiten zwischen dem recht östlichen Milieu aus Jugoslawien, und dem hochgeborenen Flair der Thurn & Taxis hin und her. Der schmierige Großvater, ein fleißiger Mann, gefiel ihr ganz besonders, und sie beschloß, Spenglerei zu lernen. Eisen biegen, schöne Gitter, kostbare Stiegengeländer! Befragt, was sie einmal werden wolle, bot sie außer diesem Beruf noch den einer Friseurin, einer Malerin, Baletttänzerin und Bildhauerin an. Die Eltern schüttelten den Kopf, sie waren dagegen, hoffentlich würde die Zeit, mancherlei Einsichten und vor allem das Erwachsenwerden, den Wunsch reifen lassen, in die elterliche Firma als Teilhaberin und Sekretärin einzutreten.

Bis zu diesem Zeitpunkt, verlief Gretis Leben ohne weitere Erziehung. Sie war einzig und allein auf Beobachtung und Bücher angewiesen. Viel gesprochen wurde nicht mit ihr außer den täglichen Redensarten: „Aufstehen, es ist Zeit!“ „Wieso kommst du so spät erst aus der Schule?“ „Iß ordentlich, sei nicht so eine ‚Zezn’, warte nur, bis ein Krieg kommt, dann wirst du das gute Fett von dem Schnitzel nicht mehr wegschneiden!“

Krieg? – Greti konnte die Großmutter nur bemitleiden! Nie wieder würde die Menschheit so dumm sein, einen Krieg zu beginnen, wo es nachher nur Wrucken, Maisbrot und Hunger gab. Die Mama erzählte oft davon, jetzt kochte sie sehr gut, es gab Rebhendeln und Fasane, Schill mit Sardellenbutter, dazwischen aber auch Erdäpfelnudeln und eine grausliche Speise, wo die Ringerln eines Schlundes hineinkamen, sowie eine Fischsuppe. Die Nudeln wurden handgemacht und trockneten auf einem großen Bogen Papier auf dem Küchenkasten.

Doch überschnitten sich die Zuständigkeitsbereiche der Erziehenden, und da entstanden große Lücken. Niemand kümmerte sich um die Sauberkeit, jede der beiden Damen glaubte wohl, es wäre das Ressort der anderen. Zähneputzen oder auch nicht, den Hals nur jeden zweiten Tag waschen, die Hände ebenfalls in größeren Zeitabschnitten, all dies änderte sich, als Greti, von Läuschen befallen, aus der hochnoblen Klosterschule nachhause geschickt wurde.

Da gab es dann ein großartiges, väterliches Donnerwetter: „Zwei Weiber im Haus und das Kind verkommt!“ Die Läuse erstickten im Petroleum, Greti erlebte einen sogenannten Läusekamm, und der Vater bestand darauf, daß sich Greti in das Badewasser nicht nur eintunkte, sondern mit Seife und Bürste an sich herumrippelte.

Das Kloster hatte noch viele andere Gründe, die Mama immer wieder zu einer Besprechung zu bitten. Greti hatte beim Schwimmunterricht einen total schamlosen Badeanzug an, man mußte sie entfernen und in die Kabine zurückschicken. Was konnte sie dafür? Man hatte ihn ihr zuhause gegeben? Ein Schatten mehr zu den bereits erwähnten Verfehlungen gegen die Sittlichkeit, indem man eine Freundin umarmte und küßte.

Dann kam der Tag, wo Greti zu Notre Mère befohlen wurde. Notre Mère war mit einem richtigen Hofknicks zu begrüßen, wobei das rechte Knie geknickt hinter das linke, ebenfalls gebeugte, schlüpfte, der Rock mit beiden Händen gefasst, das Auge ehrfürchtig auf die zu Begrüßende gerichtet, man mit geradem Oberkörper in die Tiefe ging.

Es wurde ein peinliches Verhör, warum und wie oft die Schülerin Nr. 233 am Nachhauseweg vor der Konditorauslage in der Burggasse stehen geblieben war. Greti gestand sehr eingeschüchtert, daß es ihr die Dobosch-Schnitten angetan hatten, für die sie schwärmte, die sie aber nie bekam, weil, wie die Mama sagte, da lauter Mist drinnen war! Dies wäre wirklich der einzige Grund gewesen? Ja, warum sollte sie sonst stehen geblieben sein? Verboten war es nur in der Kärntnerstraße!

Greti verlor Kreuz und Gürtel, weil sie verlogen und verstockt war. Sie hatte schon oft Kreuz und Gürtel in der großen Assemblee verloren. Beides wurde auf einem Polster, mit Hofknicks, im großen Saal vor der gesamten Schülerschaft der Notre Mère überreicht, und es war eine Schande!

Mädchenklasse in einer Klosterschule, alle in dunklen Schuluniformen
Wegen einer Strafe muss die Autorin in der hintersten Reihe des Klasse stehen (um 1930)

Doch bis dahin wußte man immer warum: einmal die Vorderschülerin in das Bein gekniffen; mehrmals im Speisesaal die Tischgenossinnen zum Kichern gebracht; statt mitzuschreiben einen Professor karikiert; auf den leeren Platz neben sich ein rosa Leukoplast gelegt, damit sich der Naturgeschichteprofessor draufsetze, weil er sich mit Vorliebe in die Bänke dazusetzte. Scheußlich wie eine Herrenhose am Hinterteil aussieht, wenn es wie ein nackter rosa Popoteil hervorlugte!

Aber diesmal? – Greti war gerade dreizehn Jahre geworden, sie begriff überhaupt nichts. Wen kann man fragen? Die anderen durften strafhalber in der Pause nicht mir ihr sprechen, ihr war es verboten, die anderen anzusprechen. Sie war völlig isoliert.

Zuhause? Die Wetti war für solche Probleme nicht zuständig, und wen hätte sie sonst noch fragen sollen? Es wären nur noch mehr Mißverständnisse herausgekommen. Sie mußte einfach warten und auf keinen Fall bei den Dobosch-Schnitten stehen bleiben! Vielleicht, wahrscheinlich waren auch die Eltern verständigt worden, sie erfuhr es nie; auch nicht, daß man sie auf dem Nachhauseweg beobachtete.

Nie sagte ihr Notre Mère, daß man sie zu Unrecht verdächtigt hatte, sich von älteren Herren vor der Konditoreiauslage ansprechen zu lassen. Mehrere Mädchen aus der Maturaklasse wurden überführt und hinausgeworfen. Wieso war man gerade auf sie verfallen? Ja, wer einmal unangenehm auffällt, der wird gleich verdächtigt, und das gute Gewissen nützt überhaupt nichts. Der liebe Gott weiß es, aber er teilt es Notre Mère nicht mit.

Auch hatte man keinen besonderen Vater hinter sich; da gab es Kammersänger-, Minister- und Großindustriellen-Väter. Gar nicht zu reden von den Adeligen! Diese Mädchen hatten während der Rekreation unter anderem auch das Problem, welche von ihnen bei der Rückkehr Kaiser Ottos wohl zuerst als Hofdame berufen würde? Es gab auch Eltern, die goldene Kelche stifteten. Greti erzählte es, aber der Vater war da gar nicht einsichtig. Das Schulgeld wurde bezahlt, und das Kind war bis dreiviertel 5 Uhr nachmittags gut aufgehoben und behütet.

Es lernte nicht nur das Notwendige, es erhielt auch einen Anstandsunterricht: wie man sich schamhaft schneuzt, indem man den Kopf leicht zur Seite wendet; daß man nie vom Bauch sprechen durfte, nicht mit den Fingern zeigen und mit kleinen Brotstückchen bei Nicht-Inanspruchnahme des Messers, den Bissen auf die Gabel schiebt. Nicht mit vollem Mund sprechen, auch wenn man eine Gräte unangenehm verspürte. Man trug beim Turnen über einer mausgrauen Bundhose ein faltenreiches, kurzes Röckchen, weil der Hoseneinschnitt schamlos war. Man trug in der Kapelle einen kleinen schwarzen Schleier, denn der Apostel Paulus wünschte die Frau bedeckt und schweigsam! […]

Es hatte lange gedauert, bis Greti aus mannigfachen und schmerzlichen Erlebnissen die Schlußfolgerungen zog: Sagte man die Wahrheit, wurde sie nicht geglaubt. Schwindelte man und log – na ja, sie verfügte über eine ziemliche Phantasie und benutzte sie auch –, dann war das Leben viel einfacher. „Es ist aus unserer Walther ein Paulus geworden“, hörte sie einmal die Klassenmutter sagen – welch schöner Erziehungserfolg!

Gegen Ende der Klosterzeit wurde wieder die Frage des Berufes an sie gestellt. Greti verzichtete bereits auf die Friseurin, aber Ballett, Malerei und Bildhauerei waren für sie noch immer aktuell. Die Eltern äußerten sich nicht weiter und teilten ihr nur im Herbst mit, daß sie in die erste Klasse der Handelsakademie eingeschrieben, diese vielversprechende Laufbahn zu betreten habe. Mit Erfolg selbstverständlich – sonst wirst du ein Dienstmädchen! Greti wollte absolut kein Dienstmädchen werden, alles was die Wetti und ihre Nachfolgerinnen taten, war ihr zuwider.

Sie kam aber doch mit einigem Mut auf ihre Berufswünsche zurück und verlangte zu wissen, weshalb alle, aber rein alle abgelehnt wurden. Die Erklärungen waren knapp und völlig einleuchtend. Beim Ballett wurde man eine sogenannte Ratte, ein Flitscherl und wie es in Maler- und Bildhauerateliers zuging, das wußte man! Da gab es Orgien! Man verlor seinen Ruf, bekam nie einen ordentlichen Mann, womöglich ein uneheliches Kind. Auch Fanny Elßler hatte eines oder vielleicht sogar mehrere, und von da an ging es bergab. […]

Also verschwand sie ohne weitere Widerrede in der Handelsakademie.

Informationen zum Artikel:

"Die Ehre war das Höchste ..." I

Verfasst von Margarethe Lutz

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 7. Bezirk / Wien, 16. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Bei der Veranstaltung "Lebertran und Himbeerkracherl. Wiener Kinderwelten um 1930 aus lebensgeschichtlicher Retrospektive", am 11. März 2010, hat die Autorin diesen Text in gekürzter Form im Wien Museum Karlsplatz vorgetragen.

Der Textbeitrag gibt einen Ausschnitt aus den Kindheits- und Jugenderinnerungen von Margarethe Lutz wieder, welche die Autorin um 1990 unter dem Titel "Die von der Hoffnung leben" zu Papier gebracht hat. Teile dieses lebensgeschichtlichen Manuskripts sind in dem Buch "'Höhere Töchter' und 'Söhne aus gutem Haus'", herausgegeben von Hannes Stekl, Wien-Köln-Weimar 1999, S. 271 ff., veröffentlicht.

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