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"Die Ehre war das Höchste ..." II

von Margarethe Lutz

In der Handelsakademie ging es frei und locker zu, sie konnte nur staunen! Sie trug einsichtsvoll und selbstverständlich die Klosteruniform auf, die Stoffe waren gut, und Faltenröcke, dunkelblau, paßten zu einer weißen Bluse, einem blauen Pullover tadellos. Sie bemerkte aber doch die schicken, bunten Sachen, die Windstoßfrisuren, welche die Mitschülerinnen trugen. Gelackte Fingernägel und Puder auf der Nase. Auch Lippenstifte wurden benutzt, und die Professoren mußten „Sie“ sagen.

Porträt einer Jugendlichen in hellem Kleid
Greti Anfang 1930er Jahre

Leider wurde Greti keine gute Schülerin, Schon in der ersten Klasse mißfiel ihr die Mineralogieprofessorin. Sie schrieb nicht mit, sondern mußte sich mit Karikaturen abreagieren. Erfolg? Bei der Frage, was sie über den Braunstein zu erzählen wüßte, sagte sie nur: „Er ist braun …“ Es gab eine Nachprüfung, und die ganzen Ferien waren verpatzt.

Im nächsten Jahr waren es die Bruchrechnungen, Prozentrechnungen und das Kontokorrent, welche abermals die Ferien verpatzten.

Diesmal hatten die Eltern – nach gewissenhaften Erkundigungen und Empfehlungen aus dem Klosterbereich – im Waldviertel den Lechnerhof gewählt. Garant nach jeder Richtung war die Tochter des Hauses, welche ihre Sommerferien auf dem elterlichen Hof verbrachte. Sie war selbstverständlich eine gute Schülerin, in einer anderen Klosterschule, zwei Jahre älter und jeder unernsten Lebensauffassung abhold. Sie strebte nach Absolvierung der Schule das Noviziat in jenem Kloster an.

Sie hatte zwei Brüder, wovon einer blond war und gut aussah, der zweite einen großen, schwarzen Schnurrbart trug. Beide schliefen in einem Vorraum der Mädchenkammer, und so war bestens für jeden Schutz gesorgt. Das Fenster der Kammer lag im Stock, unerreichbar jeglicher Verführung, denn es wurde dort gefensterlt. Die Eltern konnten beruhigt nach Wien abreisen und sich ihren Geschäften widmen.

zwei jugendliche Mädchen, deren Köpfe vertraut aneinander gelehnt sind
Greti mit Bauerntochter Minna (um 1933)

Greti lernte ein überaus ursprüngliches Leben kennen. Gegessen wurde in der großen Stube, Eltern, Söhne und Minna, die Tochter, drei Knechte und eine Magd gruppierten sich um den Riesentisch, in dessen Mitte eine große, irdene Schüssel mit Suppe stand. Jeder führte seinen Löffel über eine betröpfelte Straße gelassen hin und her, wischte nach der Sättigung diesen in das Tischtuch und verstaute ihn in der Lade. Greti grauste es ein bißchen, und sie begehrte einen Teller. Aber sonst fügte sie sich nahtlos in das bäuerliche Tagewerk ein. Sie ging mit auf die Felder – es war ein großer Besitz –, und fand die Arbeit sehr lustig. Die Härte desselben verspürte sie nicht, wenn sie genug hatte, legte sie sich einfach irgendwo hin und träumte und schlief ein bißchen. Wenn die Arbeitspause kam, aß sie das gute Geselchte, trank den sauren Most und verliebte sich sofort in den blonden Sepp. Er entsprach aber keineswegs ihren Vorstellungen von Werbung, sicherlich war er zu anständig oder es fehlten ihm auch die Kenntnisse, die Greti so ausführlich aus Büchern kannte ...

Dafür war aber Minna keineswegs scheu, sie kam aus einem Kloster, wo man offensichtlich nichts daran fand, wenn Mädchen einander ein wenig küßten und etwas ins Ohr flüsterten. Sie ging mit Greti im Mondschein bei einer alten Mühle spazieren und benahm sich tatsächlich wie ein Mann. Heftige Umarmungen, Verbiegungen der von ihren Armen Umschlungenen und – es muß gesagt sein –  auch recht wilde Küsse. Greti hätte all dieses als angenehm empfunden, wenn es nicht gerade Minna gewesen wäre. Auch im Doppelbett der Mädchenkammer ging Minna über das mädchenhafte Gekose hinaus und war beleidigt, als Greti diese Steigerung nicht wollte. Sie zog sich gekränkt zurück und fand, daß der Gast ab nun selbst für die Ordnung des Zimmers zu sorgen hatte.

Greti mußte unter anderem auch den Kammerholzboden aufkehren und wurde bei dieser Tätigkeit erst gewahr, wieviele Flöhe immer wieder lustig von der Schaufel hüpften und Zuflucht auf ihren nackten Beinen suchten. Es gab damals kein DDT, man mußte die flinken Hüpfer fangen und knicken oder sehr viel kratzen.

Die Lechnerhofbäuerin wurde krank und starb eines Nachts. Das Käuzchen aus den nahen Wäldern schrie unablässig „Komm mit, komm mit …“, und der Kummer über den Tod der Mutter brachte die beiden Mädchen einander wieder näher. Minna mußte getröstet werden und dachte nicht mehr an Liebe.

Dafür lernte Greti den Briefträger kennen, welcher mit seinem Rad von Zwettl her die Post und die Zeitungen brachte. Es gab kein Radio, kein Telefon, Sensationen blieben fern. Der Briefträger lud Greti ein, an einem freien Nachmittag mit ihm ein wenig im Wald spazieren zu gehen, er wollte ihr viel Schönes zeigen. Warum nicht? Briefträger sind Beamte und Beamte haben eine Ehre und tragen eine Uniform. Greti wußte das alles von der Mama – die Ehre war das Höchste, jedermann hatte eine, aber Beamte und Soldaten eine ganz Besondere! Greti war also durchaus bereit spazieren zu gehen.

Sie wartete an einem schönen Sommernachmittag lang und war nachher traurig, weil der Beamte nicht kam. Ich bin häßlich, dachte sie, niemand kann mich begehren, nicht einmal spazieren gehen! Gretis Schutzengel, an den sie fest glaubte, hatte es bei ihr nicht leicht, mehrfach mußte er seine Schutzengelbeauftragung durchführen und sie vor Unaussprechlichem behüten.

Wieder in Wien, fragte sie der Vater beiläufig nach einem Briefträger, welcher die Gegend um Zwettl mit Post versorgte, ob sie wohl meine, der hier in der Zeitung abgebildete wäre mit diesem identisch? Er war es, er saß in Untersuchungshaft, weil er im Wald ein nicht williges Mädchen erwürgt hatte.

Informationen zum Artikel:

"Die Ehre war das Höchste ..." II

Verfasst von Margarethe Lutz

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 7. Bezirk / Niederösterreich, Waldviertel, Zwettl-Umgebung
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Bei der Veranstaltung "Lebertran und Himbeerkracherl. Wiener Kinderwelten um 1930 aus lebensgeschichtlicher Retrospektive", am 11. März 2010, hat die Autorin diesen Text in gekürzter Form im Wien Museum Karlsplatz vorgetragen.

Der Textbeitrag gibt einen Ausschnitt aus den Kindheits- und Jugenderinnerungen von Margarethe Lutz wieder, welche die Autorin um 1990 unter dem Titel "Die von der Hoffnung leben" zu Papier gebracht hat. Teile dieses lebensgeschichtlichen Manuskripts sind in dem Buch "'Höhere Töchter' und 'Söhne aus gutem Haus'", herausgegeben von Hannes Stekl, Wien-Köln-Weimar 1999, S. 271 ff., veröffentlicht.

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