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"Die Ehre war das Höchste ..." III

von Margarethe Lutz

Es war merkwürdig. Fast alle Männer die ihr begegneten, sei es der junge Greißler von gegenüber, der Buchhändler aus der Leihbibliothek, der Schilehrer, alle wollten sie sogleich heiraten. Daß sie außer einem niedlichen Äußeren auch eine gute Partie darstellte, begriff sie erst viel später, und diese Erkenntnis beinhaltete einen Tropfen Bitterkeit, nicht allein um ihrer selbst willen so begehrt gewesen zu sein.

Auch der Nachhilfelehrer verschwand wieder aus ihrem Leben und hinterließ anfangs eine spürbare Lücke. Jedoch nicht lange, Greti begann sofort mit den bewährten Tröstungen: Lesen, Geschichten erzählen, und dazu kam nun noch das Theaterspielen.

Es waren lauter Einmann-Stücke, man mußte sich mehrfach umziehen, aber der Fundus aus Großmutters Kasten war reichlich vorhanden. Bei der erschütternden Geschichte von Tristan und Isolde geschah es, dass Greti mit Stirnreif und Schleier angetan, beim Fenster nach Tristan ausspähen mußte. Unten, in der Wimbergergasse, wurden gerade Kohlen abgeladen, und Greti wurde bald bemerkt. Das Häuflein Neugieriger, die zu ihr hinaufstarrten, störte sie überhaupt nicht, sie paßten als „Volk“ tadellos in die Szene.

Jugendliches Mädchen mit einem etwas rundlichen Herrn in vornehmer Kleidung an eine Mauer gelehnt
Greti und ihr Vater auf einem Ausflug in die Wachau

Der Vater war sehr betroffen, als er erfahren mußte, seine Tochter müsse geistesgestört sein, und auch Dr. May wußte keinen Rat. Bis auf mehrere Bronchialkatarrhe erschien ihm die Patientin normal und gesund. Es mußte an der Seele liegen, und dafür gab es ganz besondere Fachärzte. Der arme Vater, diese Gattung Arzt – Psychiater, Psychoanalyse – war ihm in seinem Leben noch nicht vorgekommen, aber er war bereit, alles für sein Kind zu tun.

Dr. May schickte ihn sogleich an die für ihn einzig richtige Adresse – in die Berggasse zu einem gewissen Dr. Freud. Auch von diesem hatte der Vater bislang nichts gehört, nur dass dieser erstklassig und nicht ganz billig sei. Greti fand den alten Herrn mit Bart außerordentlich nett. Man saß in keiner Ordination, sondern in einem Zimmer in bequemen Sesseln, und es war sogar ein Sofa vorhanden. Nach Lesung des Begleit- und Empfehlungsschreibens mußte man sich auch nicht ausziehen, es wurde nichts abgehorcht und in den Rachen geschaut. Aber eine längere Ausfragerei begann.

Greti hatte keine Gelegenheit, die ihr gestellten Fragen zu beantworten, denn der Vater erledigte dies immer sofort selbst. Die Sache spielte sich ungefähr so ab: „Liebes Fräulein, was machen Sie nach der Schulzeit?“ Greti öffnete den Mund – der Vater sprach: „Sie ist zuhause bei meiner Mutter.“ – „Kommen Freundinnen zu Besuch?“ – „Nein! Warum? Wieso?“ – „Also gehen Sie, liebes Kind, zu den Freundinnen?“ Greti öffnete den Mund – der Vater sprach: „Wozu? Wir haben eine große Wohnung, und am Abend kommen meine Frau und ich nachhause.“ – „Wie gestaltet sich Ihre Freizeit?“ Greti blickte auf den Vater – wozu noch den Mund öffnen? „Am Samstag und Sonntag sind wir zusammen. Wir fahren zur Burg Kreuzenstein, nach Dürnstein, wir wandern im Lainzer Tiergarten. Meine Tochter fährt mit uns zu meinem Fischwasser in Petronell. Im Winter kann sie dort stundenlang eislaufen. Sie geht auch in Wien eislaufen, wenn Natureis ist. Sie kann eistanzen.“

4 Personen einer Familie in einem gepflasterten Innenhof, hinter ihnen sind auf einer Stange Fische aufgehängt
Greti mit ihren Angehörigen beim Fischen in Petronell/Niederösterreich (um 1925)

„Ihre Tochter ist also immer allein?“ – „Sie ist niemals allein, wir sind doch da! Meine Frau, meine Mutter.“ – „Darf ich sie bitten“, sagte der Doktor plötzlich, „mich jetzt mit Ihrer Tochter allein zu lassen.“ Der Vater entfernte sich unwillig und mißtrauisch, aber er ging. „Mein Kind“, sagte der alte Herr mit den guten Augen und einem Lächeln, dass man ihm gleich vertrauen konnte, „jetzt erzählen Sie einmal ...“

Ja, was kam da alles heraus? Greti geht mit Vater und Mama ins Kino, kommt aber eine Kußszene, muß sie sofort aufstehen und sich mit dem Vater durch die Reihen unwilliger Zuseher entfernen, denn die gezeigte Szene ist schlecht und kann schlecht machen. Die Freundin ist kokett. „Ich bin euch nachgegangen“, sagte der Vater und habe alles beobachtet. Sie hat ständig links und rechts nach Männern ausgeschaut. Das ist kein Verkehr für dich!“ Die Fischerei ist fad, das Eislaufen ebenso auf den gefrorenen, weiten Flächen. Es geht an Auwäldern und Karpfenbuchten vorbei, und man muß aufpassen, daß man nicht in eines der Löcher fällt, die für die Fische ins Eis geschlagen werden, damit sie atmen können.

Der Lainzer Tiergarten? Greti mag das Hirschengstemm nicht mehr, entweder sie geht vor den Eltern oder hinter diesen her und muß sich Geschichten erzählen, weil sie sonst keine Ansprache hat.

mehrere Erwachsene und ein jugendliches Mädchen rund um einen Wirtshaustisch im Freien
Mit den Eltern (rechts) und der Familie eines Werkmeisters aus dem väterlichen Betrieb auf einem Sonntagsausflug im Wienerwald (Anfang 1930er Jahre)

„Eine Tanzschule?“ – „Nein. Zuerst muß man alles lernen fürs Leben, die Matura, eine Kochschule. Dann vielleicht sollte man heiraten.“ – „Haben sie schon jemand kennen gelernt, den sie heiraten möchten?“ – „Nein.“

Greti zögert etwas und gesteht dann, daß sie einen Nachhilfestudenten gehabt habe und dass sie eistanzt mit einem Eislehrer. Nicht, daß sie so untalentiert gewesen wäre, immerzu Unterricht zu bekommen, aber das Tanzen war ihr nur mit dem Eislehrer erlaubt, bei dem war man gut aufgehoben. Ha, wenn die Eltern gewußt hätten, daß Greti eine große Vorliebe für eben diesen Eislehrer hegte! Er tanzte himmlisch. Es gab den Kilian, den Marsch, den Mondwalzer und den Herzerlwalzer. Der Eislehrer war alt, vielleicht so fünfunddreißig, er sah aus wie Luis Trenker mit scharfen, tiefen Längsfalten im Gesicht, und er hatte eine besondere Art, sie beim Herzerltanz an sich zu ziehen und dabei ihren Rücken an einer ganz bestimmten Stelle zu drücken. Fand dies statt, dann fühlte Greti ihre Knie irgendwie weich werden und das Ganze war sehr, sehr angenehm. Diese Details erzählte sie vorsichtshalber dem guten Dr. Freud nicht, man konnte nicht wissen, was da wieder an neuerlichen Verboten entstand.

„Nun hören Sie einmal gut zu, liebes Kind“, sagte der alte Herr. „Sie sind erwachsen oder wollen es zumindest werden. Ja? Wenn Sie wieder im Kino aufstehen sollen, dann bleiben sie sitzen, das ist ein ärztlicher Befehl! Sie werden in eine Tanzschule gehen und eine Sportart betreiben, bei der ihre Eltern nicht mitmachen können. Ich denke da ans Schifahren. Nein, nicht Eislaufen oder Tennis. Ich werde das alles mit ihrem Hausarzt besprechen.“

drei junge Männer und zwei Frauen, auf Schiern nebeneinander
Greti (Mitte) auf Schiausflug mit anderen jungen Leuten (1937)

Greti kam in eine Tanzschule und wurde im Touristenklub „Waldheimat“ eingeschrieben. Das ging alles ganz glatt; gefährlich wurde es erst, als Lilian Harvey von Konrad Veit umarmt wurde und ein Kuß oder sogar eine Verführungsszene vorauszusehen war. Der Vater stand auf und forderte die Tochter zum Verlassen des Kinos auf. Greti umklammerte die Seitenlehnen ihres Sitzes, preßte die Zähne zusammen und blieb sitzen. Der Vater wiederholte die Aufforderung und drückte sich durch die Reihe. Greti folgte ihm nicht nach und blieb bis zum Ende des Films. Er bereitete ihr als solcher keine Freude mehr, sie fürchtete sich eigentlich vor dem Ende der Vorführung. Als sie zögernd hinausging, saß der Vater im Warteraum und sagte nichts. Er sagte auch später nichts und von da an blieb sie immer sitzen.

Informationen zum Artikel:

"Die Ehre war das Höchste ..." III

Verfasst von Margarethe Lutz

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 7. Bezirk / Wien, 9. Bezirk, Berggasse 19
  • Zeit: 1935 bis 1936

Anmerkungen

Bei der Veranstaltung "Lebertran und Himbeerkracherl. Wiener Kinderwelten um 1930 aus lebensgeschichtlicher Retrospektive", am 11. März 2010 im Wien Museum Karlsplatz, wurde dieser Text von der Autorin in gekürzter Form vorgetragen.

Der Textbeitrag gibt einen Ausschnitt aus den Kindheits- und Jugenderinnerungen von Margarethe Lutz wieder, welche die Autorin um 1990 unter dem Titel "Die von der Hoffnung leben" zu Papier gebracht hat. Teile dieses lebensgeschichtlichen Manuskripts sind in dem Buch "'Höhere Töchter' und 'Söhne aus gutem Haus'", herausgegeben von Hannes Stekl, Wien-Köln-Weimar 1999, S. 271 ff., veröffentlicht.

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