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Luxus und andere Genüsse

von Silvia Zenta

[...] Als es dann ein bisschen besser zu gehen schien, gönnte sich Mama noch einen Luxus: Im Nachbarhaus hatte eine Wäscherei eröffnet. Mit einem braunen Köfferchen wurde die Bettwäsche dorthin gebracht und säuberlich gewaschen wieder abgeholt. Nass versteht sich, um dann auf besagter Konstruktion im Hof zum Trocknen aufgehängt zu werden. Um das Köfferchen nicht durch die nasse Wäsche zu ruinieren, wurde diese in ein großes Stück rosaroten Kautschuks eingeschlagen, ein Relikt aus jener Zeit, als ich "noch nicht trocken" war und das vormals meine Matratze vor feuchtem Unbill schützen sollte. Jener braune Koffer hatte natürlich nicht nur diese eine Funktion. Er begleitete neben einem nagelneuen, grünen, zweiteiligen Kofferset unsere Sommerurlaube, die uns meist ins nicht weit gelegene Kärnten führten und beinhaltete die Urlaubsschuhe der Familie.

Unter anderem quartierten wir uns in einem kleinen Dorf nahe des Faakersees in Kärnten ein. Wir wohnten "privat", d.h., wir bezogen bei einer Bauernfamilie Quartier, die einige kleine Zimmerchen in ihrem Haus im Sommer an Feriengäste vermietete. Ein Bad gab es während der ersten Jahre im Haus keines, man ging ja sowieso im See baden, ein Waschbecken mit Kaltwasser bot bereits eine gewisse Annehmlichkeit im Zimmer, warmes Wasser holte man aus der Küche und eine Toilette gab es auf dem Gang. Dafür war das Zimmer mit einem Balkon ausgestattet, von dem wir in den Obstgarten hinunter blicken konnten. Wir Gäste waren eine wichtige Einnahmequelle der Familie, die uns sogar einmal das elterliche Schlafzimmer für unsere zwei Urlaubswochen zur Verfügung stellte. Später wurde ausgebaut und ein Badezimmer installiert, das aber weniger den Gästen zur Körperpflege zur Verfügung stand; viel mehr weichte darin die Hausfrau die Gästebettwäsche ein, um sie auch dann gleich hierin zu waschen und zu schwemmen. Auch für sie war die moderne Errungenschaft einer Badewanne eine nicht unbedeutende Arbeitserleichterung. Elektrische Waschmaschinen waren ja noch Mangelware. In diesem Haus wurden Freundschaften geknüpft, die über viele Jahre halten sollten, auch andere Gemeinsamkeiten wurden gepflegt: Das Dorf war gemischt slowenisch-österreichisch besiedelt, unsere Gastfamilie hatte eine slowenische Mutter, der Vater war Österreicher. In diesem Haushalt gab es ein regelloses Sprachengemisch, die beiden Kinder in meinem Alter, sprachen jedoch nur Kärntner Dialekt. Doch verstehen konnten sie alles, wenn ihre Mutter es nötig fand ihnen aufgebracht und lauthals die Leviten in slowenischer Sprache zu lesen. Aus dieser Zeit stammen auch die von mir noch immer verwendeten Dialektausdrücke wie "Wusalan" (Kücken) , "Strankalan" (Fisolen) und "Popa" (kleines Kind). Nur "Dati" war mir nicht erlaubt zu meinem Papa zu sagen, das ging ihm dann doch zu weit.

Sogar aus dem damaligen Wirtschaftswunderland Deutschland waren dorthin Gäste gekommen. Tatsächlich war es ein wohlbeleibtes Ehepaar mit großem Auto, man rauchte Zigarre, alles "roch nach besserem Leben". Auch die anderen Familien, die hier ihren Sommerurlaub in den frühen 50er Jahren verbrachten, kamen schon mit einem eigenen Auto angereist. Besonders ein hellgrüner VW-Käfer mit geteiltem Heckfenster war eine Sensation: Hatte er doch auf der gebogenen Motorhaube zur Zierde einen kleinen Laubfrosch sitzen, der dieses Auto unverwechselbar machte. In dieses wurden zwei Familien eng geschlichtet, wenn es zu Ausflügen in die nähere oder weitere Umgebung ging. "Geschlichtet" im wahrsten Sinne des Wortes: Wir waren vier Erwachsene und drei halbwüchsige Kinder, mager zwar, aber trotzdem... Mein Papa hatte den zweifelhaften Vorteil, vorne neben dem Chauffeur sitzen zu dürfen. Erstens, weil er groß war und zweitens, weil ihm regelmäßig ziemlich rasch sehr schlecht wurde. Auf der Rückbank saßen außen die beiden Mütter, dazwischen das Geschwisterpaar, Bruder und Schwester und ich. Dass es da nicht selten zu Gerangel, Zwickereien und dergleichen kommen musste, ist ja wohl klar. Schlecht ist uns allen regelmäßig geworden, es war ja drückend heiß in dieser Konservendose.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Luxus und andere Genüsse

Verfasst von Silvia Zenta

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, Knittelfeld / Kärnten, Villach-Umgebung, Faaker See
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Silvia Zenta: Eine griechische Orange. Alltagsgeschichten aus den 1950er Jahren, St. Pankraz 2010, S. 37 ff. wieder.

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