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Der Hof

von Silvia Zenta

Wir wohnten damals in Knittelfeld, meine Mama liebte diese Wohnung nicht. Alle Fenster waren nach Norden gerichtet, die Sonnenlosigkeit war ihr ein ewiger Dorn im Auge. Für mich war dies bedeutungslos, mir gefiel der Blick auf die hohen Berge, die in der Ferne das Aichfeld begrenzen. Auch tat das Fehlen der direkten Sonneneinstrahlung der damals sehr verbreiteten Gewohnheit, abends gemeinsam aus dem Fenster zu lehnen und die Umgebung vom zweiten Stock aus zu beobachten, keinen Abbruch.

Zu sehen gab es da Vieles. Zu jeder Tageszeit. Es war ja nicht so wie heute, dass sich die Hausburgen morgens vollends ihrer Bewohner entleerten, zu dieser Zeit bevölkerten die Hausfrauen ihre angestammten und vielfältigen Arbeitsbereiche. Nachmittags und am Wochenende strömten aus allen Wohnungen die damals noch zahlreich vorhandenen Kinder. Jeder Wohnung war ein Garten zugeordnet, der nicht nur in meiner kindlichen Fantasie riesengroß war. Dieser Garten diente zu jener Zeit - wir sprechen von den frühen 50er Jahren - der Ernährung meiner Familie. Hier wurde alles angepflanzt, was Magen und Darm mit füllenden Faserstoffen versorgte. Meterhohe Bohnenstangen ragten mehr oder weniger in Reih und Glied in die Höhe, am Boden drängten sich Kraut- und Kohlköpfe, Salat wurde in Dutzenden gepflanzt und auch Zwiebeln wurden in rauen Mengen eingelegt. Eine wahre Freude für die heutigen GesundheitsfanatikerInnen; Fleisch gab es wenig, dafür Gemüse, Gemüse, Gemüse. Und mit Beginn der Erdbeerzeit wuchsen auf den Kästen des Schlafzimmers die bunten Reihen der mit glänzendem Cellophan-Papier verschlossenen Marmeladengläser, bis im August die dunklen Zwetschkenröster die Einkochorgien beschlossen. Nicht, dass diese Arbeit damit beendet gewesen wäre, diese Spaliere von Gläsern mussten wie Feinde unter ständiger Beobachtung verbleiben, konnte doch der kleinste Befall von Schimmelpilzen das monatelange Nahrungskonservieren schlagartig zunichte machen. Seltsamerweise war die damalige Angewohnheit des Eierkonservierens in Wasserglas nicht so sehr anfällig, obwohl für mich als Kind in sehr nachhaltiger Erinnerung. Dabei schwammen nämlich die Eier von Anfang an in einer eher unappetitlichen Brühe. Wer kann sich heute noch vorstellen, dass es jahreszeitlich bedingte Engpässe bei Eiern geben könnte! Einen ziemlich grauslichen Duft verströmten die getrockneten Schwammerln, die in weißen Baumwollsäcken ebenfalls im Schlafzimmer aufbewahrt wurden. Zu diesem Behufe wurde zwischen den beiden Kleiderkästen eine Stellage mit einem Vorhang eingebaut, hinter diesem es all diese Köstlichkeiten gab. [...]

Der Hausfrau dieser Jahre oblag natürlich auch die Pflege der Wäsche. Keine leichte Sache das! Dazu gab es eine Waschküche, nicht im Haus, sondern am Ende einer langen Zeile von aneinandergereihten Verschlägen, Schupfen genannt,  in denen das Brennholz und auch die nötigen Gartengeräte, Fahrräder und sonstiger Hausrat, der in den gar nicht so geräumigen Wohnungen keinen Platz fand, untergebracht wurden. In jener Waschküche also, befand sich ein gemauerter Ofen mit einem rötlich-metallisch glänzenden, (für mich als Kind) riesigen Kessel, in dem mithilfe eines langen hölzernen Rührstabes die Wäsche in der Lauge hin und her gedreht werden musste. Waschrumpel und eine Mangel waren ebenfalls im Sortiment dieser hausfraulichen Folterkammer. Jedenfalls war der Waschtag nichts, worauf man sich als Frau zu freuen hatte. Sagenhaft auch die technisch ausgefeilte Methode des Wäscheaufhängens. Auch etwas, was ich sonst nirgends mehr entdeckt habe. So, wie die Methode des Heutrocknens mittels Heuschober, Heumandeln, Heuhiafln im Steirischen anders war, als dort, wo ich später im Oberösterreichischen landete, so war die Technik des Wäschetrocknens ebenfalls eine örtlich spezifische Variante. Höchstwahrscheinlich der Raumnot gehorchend, war man auf die Platz sparende Idee gekommen, nicht die Wäsche am Boden flächenmäßig wuchern zu lassen, sondern den verhältnismäßig freien Raum Richtung Himmel auszunützen. Eine Konstruktion von mehreren, wie Fahnenstangen hohen Masten, an denen in verschiedenen Höhen Wäscheleinen angebracht waren, konnte stockwerkartig angeordnet die nasse Wäsche mehrerer Wohnparteien gleichzeitig im Wind trocknen lassen. Kurbeln, die krächzend eine Menge Muskelkraft beanspruchten, sorgten für das Hinaufschweben der Wäsche in luftige Höhen. Nichts sprach dagegen, dass sich zu ebener Erd eine jugendliche Horde aller Altersklassen tummelte und den Wäsche- zum Spielplatz umfunktionierte.

Es wäre aber falsch, sähe man "den Hof" nur als Ort täglicher Schinderei. Zwischen Beeten und Wäscheplatz, Holzschupfen und Waschküche gab es für uns Kinder Sandkisten; es standen Tische und Bänke, meist unter üppigen Holunderbüschen. Einer davon begeisterte mich besonders und beflügelte meine Fantasie. Ein Baumhaus war mein innerster Wunsch, ein Wunsch, den ich mir erst einige Jahre später im Garten in Mürzzuschlag erfüllen konnte.

Auch der Kommunikation diente der Hof. Schreiduelle aus den Fenstern, wenn die Männer nach der Nachtschicht in den Wohnungen schlafen wollten und wir Kinder einen Mordsradau machten, Mütter, die ihre Kinder zum Essen riefen, oder unser Theaterspiel auf einer improvisierten Bühne an der Außenwand der Waschküche. Eigentlich war es eine Art Turnvorführung im Zirkusstil, natürlich mit Eintritt. Mein künstlerischer Beitrag war, auf den Schultern eines größeren Jünglings zu balancieren. Heinzi hieß er, wohnte einen Stock unter uns, also im ersten Stock. Er war es auch, der einmal aus dem Fenster gesprungen ist, er hatte aber Glück und dabei keinen Schaden genommen. Auch das Fahrrad fahren habe ich im Hof erlernt. Stilmäßig erbärmlich, aber ich fuhr: Klein war ich damals, das Männerfahrrad groß und schwer. Da spielte sich alles unter der Stange ab, in arger Schräglage bugsierte ich das Rad in kippender Pendelbewegung über den Schotter des Hofes.

Seltsam: Als ich über 30 Jahre später dorthin wieder zurückkehrte, schien mir die Zeit stehen geblieben zu sein. Ich stieg in den zweiten Stock hinauf, ich erkannte die rauen, gemusterten Bodenfließen wieder, das hölzerne Stiegengeländer und die halbrunden, bodennahen Gangfenster - in den sonnenlosen Norden blickend - die durch einen Spalt vom Boden des Stiegenhauses getrennt waren, der immer bei mir die Furcht ausgelöst hatte, in eben diesen Spalt zu fallen und stecken zu bleiben.

Auch der Treppenaufgang vor dem Haus, zum Bahnhofsplatz zeigend hatte sich nicht verändert. Die paar Treppen waren von einem niederen Gemäuer beidseitig begrenzt und mit sich weich und glatt anfühlenden Platten belegt. Darauf ließ es sich herrlich hinunterrutschen, aber auch akrobatisch-sportlich hinaufkünsteln. Nichts desto trotz wurde das Stiegenhaus im Parterre regelmäßig von den unmäßig heftigen Gewittergüssen überschwemmt. Aus dieser Zeit stammt auch meine gewisse Angst vor Gewittern, denn selten habe ich derartige Blitz- und Donnerangriffe gehört wie in dieser weiten Ebene des Aichfeldes. Und von unseren Fenstern aus,  konnten wir in der Ferne Heustadeln, nicht selten auch Bauernhäuser in Flammen aufgehen sehen. [...]

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Der Hof

Verfasst von Silvia Zenta

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, Knittelfeld
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag gibt Textausschnitte aus dem Erinnerungsbuch von Silvia Zenta: Eine griechische Orange. Alltagsgeschichten aus den 1950er Jahren, St. Pankraz 2010, S. 22 ff., 27 ff., wieder.

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