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Ernährung in der Nachkriegszeit

von Lisbeth Wörther

Um die Nachkriegssituation auf dem Gebiet der Ernährung zu verdeutlichen, sind die Verhältnisse während des Krieges darzustellen. Zur flächendeckenden Verteilung der Lebensmittel wurden Lebensmittelkarten ausgestellt. Auf diesen Karten fanden sich Abschnitte für Brot, Mehl, Teigwaren, Wurst, Fleisch, Eier. Bei jedem Einkauf schnitten die Verkaufenden die betreffende Marke herunter und klebten sie auf bereitliegende Bögen.

Ein aufwendiges und zeitraubendes Verfahren, Organisation und Durchführung haben aber gut geklappt.

Man musste sparsam wirtschaften, um mit den vorgesehenen Mengen auszukommen und wurde nicht fett dabei, litt aber auch keinen Hunger. Nach Kriegsende wurde das System kurz beibehalten, wobei es öfter zu Engpässen oder überhaupt Lieferausfällen kam, vor allem bei Fleischwaren.

In den Straßenbahnen verkauften damals die Schaffner und Schaffnerinnen Fahrscheine und zwickten zur Entwertung kleine Löcher hinein. Der Volkswitz sagte, man dürfe seine Portion Faschiertes nicht in einen solchen Fahrschein wickeln, weil es durch die Löcher dringt und man es sonst unterwegs verliert.

Ein anderer Witz aus dieser Zeit, betreffend Lieferschwierigkeiten:

Ein Sünder kommt zur Hölle und zeigt seinen Einweisungsschein. Der Höllenwärter fragt, ob er in die Ost- oder in die Westhölle kommen wolle.

„Was ist denn der Unterschied?“

Der Wärter: „Na ja, in der Westhölle gibt es immer Feuerzeuge, Brennmaterial, und die Wärter wechseln einander im Dienst ab, der Hölleneingang ist immer besetzt.

„Und in der Osthölle?“

Der Wärter: „Einmal kommt die Lieferung Feuerzeuge zu spät, manchmal gibt es kein Brennmaterial, oder der Wärter macht gerade Urlaub.“

Wien wurde in vier alliierte Besatzungszonen eingeteilt, jede der Siegermächte übernahm abwechselnd für einen Monat die Lebensmittelversorgung.

Während des Krieges wurden kaum Fremdsprachen unterrichtet und wenn, dann aus Gründen der Tradition eher Französisch als Englisch, deshalb konnte man auch nicht erkennen, dass uns die Amerikaner Dosen mit catfood und dogfood lieferten. Erst bei meinem späteren USA-Aufenthalt erinnerte ich mich an die silver hakes. Fischkonserven mit Rückgrat und sämtlichen Innereien, die uns zugedacht waren. Weil ich ständig hungrig war, aß ich das Katzenfutter mit Behagen und hatte keinerlei Magen- oder Darmbeschwerden.

In den Schulen gab es die Schulausspeisung: In großen Metallkesseln wurden undefinierbare süße oder salzige dünnflüssige Gerichte geliefert, die man heute wahrscheinlich entsorgen würde.

Die Engländer und Franzosen lieferten ordentliches Essen, die Russen versorgten uns vor allem mit alten Hülsenfrüchten aus angeblich ehemaligen deutschen Wehrmachtsbeständen.

Zur Zubereitung – das Gas wurde nach Kriegsende nur dreimal täglich kurz eingeschaltet, man lauerte schon darauf – weichten die Hausfrauen die Erbsen, Bohnen, Linsen über Nacht ein. Am nächsten Morgen schwamm eine Schicht ertrunkener schwarzer Käfer auf dem Wasser, sie wurden mit einem Löffel vorsichtig entfernt, dann konnte das Kochen beginnen.

Seither stehen Hülsenfrüchte nicht mehr auf meinem Speisezettel. Das Sprüchlein „Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen“ besagt einiges.

Während des Krieges konnte man im Wiener Prater, in der Nähe des Stadions, winzige Grundstücke selbst bearbeiten, meinem Vater wurde eines zugeteilt. Er rodete das wild wuchernde Unkraut, beschaffte Gärtnererde, Samen und Pflänzchen (die gab es wenigstens) und fuhr mehrmals wöchentlich mit dem Fahrrad zu diesem Gärtlein, um die aufkeimenden Schätze zu begießen. Es wuchsen Erbsen, Fisolen, Radieschen, Salat, Erdbeeren, wir freuten uns schon auf die Ernte. Dazu sollte es nicht kommen, weil mein Vater zum Wehrmachtsdienst eingezogen wurde und jemand anderer alles für sich „organisierte“.

Glücklichere Stadtbewohner hatten Verwandte auf dem Land, die ihre Überschüsse teilten. Es setzte ein lebhafter Tauschhandel ein, man fuhr in die nähere oder auch weitere Umgebung Wiens, um zu „hamstern“, das heißt, sich Vorräte zum Überleben zu besorgen. So zog man mit Schmuck, Uhren, Gewand, Silberbesteck, Bettzeug und was man erübrigen konnte, los und tauschte es gegen Butter, Brot, Schmalz – wenn es gut ging, Fleisch – ein. Ein Häferl warmer Tee und dazu ein Schmalzbrot waren ein Hochgenuss, ungeachtet des Cholesterinspiegels. Eine gute Bekannte meiner Mutter arbeitete in der Fleischhalle und brachte uns gelegentlich unverkaufte Innereien wie Nierndln, Kuttelflecke, Leber, Hirn – bisher für uns unbekannte Kostbarkeiten.

Während des Krieges wurden wir immer wieder zu Hilfsbereitschaft und Kameradschaft aufgerufen; dieses Zusammenhalten wirkte sich auch nachher günstig aus. Man sagte einander, wo gerade etwas erhältlich war und half sich gegenseitig nach Möglichkeit aus. Im Resselpark beim Karlsplatz blühte der „Schleich“, der Schleichhandel. Waren und Essbares, von dem man sonst nur träumen konnte, waren dort erhältlich, natürlich zu stark überhöhten Preisen oder Tauschobjekten. Viele Schleichhändler hatten auf diese Art keine Zukunftssorgen mehr. Zigaretten kosteten ein Vermögen. Behelfsweise konnte man aus geschnittenen, getrockneten Tabakblättern und Zigarettenpapier selbst Zigaretten herstellen. Das Ergebnis diente jedoch eher dem Abgewöhnen als dem Genuss. Fast täglich las man in den Zeitungen von Menschen, die in schlecht oder gar nicht beheizten Wohnungen verhungert oder erfroren waren oder durch Einatmen von damals noch giftigem Leuchtgas Selbstmord begangen hatten.

Eine Sensation war das Wiedereintreffen von Südfrüchten. Jüngere Kinder aßen das erste Mal im Leben Bananen, Orangen, Feigen, Datteln, später folgten Kokosnüsse. Allmählich verbesserte sich die Versorgungslage, ich wachte nicht mehr mit vor Hunger knurrendem Magen auf.

Leute der älteren Generation haben gelernt, mit den Ressourcen sparsam umzugehen, nichts zu verschwenden und vor allem keine Lebensmittel wegzuwerfen. Wer heute durch die Straßen Wiens geht, findet täglich liegen gelassene Wurstbrote und Semmeln, halbvolle Getränkedosen und -flaschen, trotz allgemeiner Wirtschaftskrise. Wir sollten uns bewusst sein, dass das „tägliche Brot“ für Millionen Menschen auf der Erde keine Selbstverständlichkeit ist und unser Verhalten danach richten.

Rezepte aus der Kriegs- und Nachkriegszeit:

Gute Kriegstorte

5 dkg Fett, 15 dkg Zucker, l Ei schaumig rühren, 1/2 Zitronenschale, Vanillin, Rum, 1/8 Milch, 15 dkg Mehl, 1/2 Backpulver dkg = dag; statt Rum verwendete man „Rumaroma“, in winzigen Fläschchen erhältlich.

Erdäpfelkuchen

l kg Erdäpfel kochen und kalt reißen, 3-4 Esslöffel Mehl locker hineinmischen, Blech leicht einfetten, mit Bröseln bestreuen; abwechselnd eine Schicht Erdäpfelteig, eine Schicht Fülle drauflegen, backen. Nach dem Backen in Schnitten schneiden.

Grammelstrudel

1/4 kg faschierte Grammeln, 1/2 kg Mehl, l Backpulver, 2 ganze Eier, 15 dkg Zucker, Zimt oder Vanillegeschmack.

Lust aufs Backen?

Informationen zum Artikel:

Ernährung in der Nachkriegszeit

Verfasst von Lisbeth Wörther

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1940er Jahre

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