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Als ich nur knapp einer Verhaftung entging

von Johann Wiesböck

Es war 1932; meine Schulzeit hatte ich erfolgreich hinter mir. Ich wollte nichts anderes als Bauer werden. Das hieß natürlich auch früh aufstehen, Stallarbeit tun und dann nichts wie hinaus aufs Feld. Allerheiligen war schon vorbei. Die restliche Feldarbeit erledigte mein Bruder Karl. Mutter und ich sollten in den Wald Laub rechen gehen. „Johann, geh’ einstweilen voraus. Nimm das Grastuch mit; ich nehm’ die zwei Rechen und komme gleich nach.“ Das Grastuch war aus grobem Leinen, etwa 1,5 m breit und auch so lang, an jeder Ecke ein dickes Bandl. Auf das Tuch kam das Laub drauf, die Ecken wurden fest zusammengebunden und das „Binkerl“ am Buckel zum nächsten Waldrand getragen.
 
Ich war noch sehr müde und schläfrig und setzte mich am Ortsende unter einen Zwetschkenbaum, die zuckersüßen, nur noch spärlich vorhandenen Früchte verzehrend. Da sah ich ihn schon kommen, den Lotten-Toni. „Lotten“ stand für „Latte“. Er war ein junger Gendarm vom Posten Sonnberg und unheimlich hartherzig. Er wollte auch möglichst rasch ein Obergendarm werden. Er strafte, wo er nur konnte. Fahrräder hatten damals zum Beispiel kaum eine Beleuchtung; erwischte er einen, so hatte dieser sofort eine Anzeige.
 
Zu seinem Namen kam er aus folgendem Grund: In unserer Nachbargemeinde Oberthern standen mehrere Burschen beisammen. Einer hatte sich etwas verspätet und kam gerade mit dem Fahrrad vom Feld. Es dämmerte schon, und der Lotten-Toni kam dazu und verlangte sofort Strafe, da das Fahrrad natürlich keine Beleuchtung hatte. Alles gute Zureden hatte keinen Sinn. Da wurden die Burschen wütend, rissen einige Latten vom Gartenzaun und verprügelten den übereifrigen Gesetzeshüter derart, dass er tagelang dienstunfähig war. Seit diesem Vorfall wurde er nur noch der Lotten-Toni genannt – und genau der kam jetzt auf mich zu.
Jetzt muss ich aber wieder weiter ausholen. Wir waren fünf Kinder, davon vier Buben. Der Älteste von uns, der Pepi, war schon Junglehrer und bekam immer ein neues Gewand. Der wuchs dann draus, wie man so sagt. Das zu klein gewordene Gewand bekam der Karl, dann der Franz. Dementsprechend sah das Gewand aus. Dann kam ich als Jüngster an die Reihe. Ein Fleck verdeckte den anderen, Löcher wurden gestopft. „Aber das geht schon noch“, hieß es nur.  So lag ich also Zwetschken essend unterm Baum, als der Lotten-Toni mich barsch fragte: „Was machen Sie hier?“ Ich: „Nix!“ „Wo kommen Sie her?“, fragte er weiter. Ich deutete zurück zur Ortschaft. „Haben Sie einen Ausweis?“ „Nein.“ „Stehen Sie auf!“ Jetzt klopfte mir das Herz bis zum Hals. Wenn mich der jetzt „hopp“ nimmt, nach Sonnberg bringt? Da kam aber schon die Mutter das Bergerl herunter. Oh Gott, war ich jetzt erleichtert! „Da kimmt eh schon die Mutter“, sagte ich. „Gehört der Ihnen?.“ „Ja, des is mei Jüngster. Wir gehngan jetzt in Woid, Streu rechen.“ „In Ordnung“, sagte der Toni und ging seines Weges.
 
Die Mutter fragte mich, was der von mir wollte. Ich sagte: „Ich glaube, der wollt mi jetzt verhoften und auf’n Posten mitnehmen.“ Die Mutter sah mich von oben bis unten an und wurde sehr nachdenklich.  Schweigend sammelten wir das Laub, schweigend wurde dann nach Hause gegangen. Daheim aber sah ich die Mutter heftig auf den Vater einreden, und – oh Wunder! – bald bekam ich nicht nur ein neues Gwandl – natürlich etwas größer, wegen dem „Reinwachsen“ – auch neue Schuhe erhielt ich dazu. Lotten-Toni, dir sei es gedankt!

Buchumschlag Wiesböck
Informationen zum Artikel:

Als ich nur knapp einer Verhaftung entging

Verfasst von Johann Wiesböck

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Puch
  • Zeit: 1932

Anmerkungen

Aus: Wiesböck, Johann (2005): So war's in Puch. Erinnerungen eines Weinviertler Altbauern. Gösing/Wagram: Edition Weinviertel, S.31-32.

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