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Vom Heilen und Hexen

von Johann Wiesböck

Was ist wahr daran? Was ist nur Scharlatanerie? Hypnose ist anerkannt, „Heilende Hände“ solle es vorwiegend in Russland geben oder gegeben haben. Aber gibt es einen „Heilenden Blick“? Hätte ich es nicht am eigenen Leib erlebt, ich würde es für Jägerlatein halten.  Es war im Sommer 1924. Alle Kinder unseres Dorfes spielten und tollten irgendwo herum, ich aber zog mich immer mehr zurück. Warum? Weil mich die anderen Kinder immer mehr verspotteten, hatte ich doch in letzter Zeit direkt auf der Nasenspitze eine etwa erbsengroße Warze bekommen. Alle dagegen angewandten Naturmittel, etwa das Einreiben mit dem milchigen Saft des „Warzenkrauts“ (Schöllkraut) halfen nicht.

Da sagte der Vater zu mir: „Johann, geh zum Bauer-Vater hinauf; der soll dir die Warze absprechen.“ Der wohnte drei Häuser weiter auf Haus Nummer 7. (Dieses Haus hat heute noch sein flach gewölbtes und ziegelgepflastertes Vorhaus – ein wahres Zuckerl für Kenner alter Bausubstanz.) Schüchtern trat ich also vor den Bauer-Vater und bat: „ Bittschön, der Vota schickt mi. Sie sollen so guat sein, mir die Warzn auf der Nosn obsprechn.“ Der immer etwas griesgrämig wirkende, vierschrötige alte Mann blickte zum Himmel, machte mit dem Daumennagel ein Kreuz auf die Warze, murmelte etwas vor sich hin und sagte zu mir: „Jetzt bet’st an Vaterunser am Hoamweg und auf die Warzn denkst nimma.“

Hatte der alte Mann auch meinen Willen beeinflusst? Ich vergaß die verhasste Warze völlig. Etwa ein oder zwei Wochen später kitzelte mich etwas auf der Nase. Ich rieb daran und hatte ein eingetrocknetes, winziges Hautstück in der Hand. Die Warze war weg und kam nie wieder. Auch Pferde hatten manchmal Warzen an recht unangenehmen Stellen, unter dem „Rossgeschirr“. Wurden die vom alten Bauer „abgesprochen“, waren sie für immer weg.

(...)

Dorf vor einem Weinberg
Alte Ansicht von Puch

Der Kleinbauer Aigner und seine Frau wohnten etwas abseits von Puch unten am Bachl. Ein kleines Haus, ein Schuppen, darinnen zwei Geißen und ein hölzerner Schweinekobel mit Platz für zwei Schweine. Dazu ein kleiner Weingarten, ein Presshaus mit einem kleinen Keller, ein paar Äcker – zum Überleben dürfte es aber doch gereicht haben.  Die Aignerin war eine stattliche, ich möchte sagen, recht hübsche Frau und hoch intelligent, „blitzg’scheit“ sagt man am Land dazu. Es musste wohl eine Liebesheirat gewesen sein, denn vom Bauernstand kam die Frau gewiss nicht.

Sie war eine gute Naturbeobachterin. Wenn sie in der Heuernte voraus sagte: „Übermorgen regnet es“, dann tummelten sich die Bauern, denn es kam todsicher der angesagte Regen. Sie verstand auch etwas vom kranken Vieh und ihr Rat war geschätzt und wurde auch ernst genommen. Vor allem von jenen, die etwas mehr Hirn im Kopf hatten. Es gab aber auch solche, die kaum ihren eigenen Namen schreiben konnten. Denen kam diese Frau unheimlich vor. Wetter auf Tage vorher sagen, krankes Vieh heilen – diese Frau konnte nur mit dem Teufel im Bunde sein!

In einer belanglosen Angelegenheit kam die Aignerin in ein Bauernhaus und plauderte dort auch mit der nicht gerade mit Klugheit überschütteten Bäuerin. Und am Abend war großes Geschrei: „Die Hex hat unsere Kuh verhext! Die melkt auf einem Stricher (= Zitze) nur Blut!“ Mein Vater hörte auch von dieser blödsinnigen Verdächtigung und wusste, wie schnell der gute Ruf eines Menschen ruiniert sein, ja sogar nicht selten in Hass umschlagen konnte. Kurz entschlossen besuchte er den Bauernhof mit der Bitte, die verhexte Kuh sehen zu können. Das blöde Geschwätz der Frau wimmelte er ab und sah auch schon die wirkliche Ursache: Knapp oberhalb der blutmelkenden Zitze saß ein Geschwür, das nach innen aufgegangen war. Doch dies der Hausfrau dort klar zu machen, war kaum möglich.

Hätte die Aignerin einige hundert Jahre früher auf der Welt gelebt, wäre sie wie tausende andere Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.

Buchumschlag Wiesböck
Informationen zum Artikel:

Vom Heilen und Hexen

Verfasst von Johann Wiesböck

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Puch
  • Zeit: 1924

Anmerkungen

Aus: Wiesböck, Johann (2005): So war's in Puch. Erinnerungen eines Weinviertler Altbauern. Gösing/Wagram: Edition Weinviertel, S. 103ff.

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