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Die vor Schreck erstarrten Augen der Matka

von Johann Wiesböck

Wenn draußen der Sturm um das Haus heult und Schneeflocken vor sich hertreibt, dann kommt sie aus der Dunkelheit im Schlafzimmer hervor, zuerst nur schemenhaft, dann aber steht sie, so wie sie damals war, vor meinem Bett: klein und dick, graues Haar, nur mit dem bis zu den Knöcheln reichenden Nachthemd bekleidet, vom Feuerschein des brennenden Hauses gespenstisch beleuchtet. Die vor Angst und Schrecken weit aufgerissenen Augen starren in das brennende Haus; obwohl bloßfüßig, scheint sie die Kälte – etwas mehr als minus 30 Grad – gar nicht zu spüren. Das Nachthemd war wie ein Sack, aus selbst gewebter, grober Leinenfaser hergestellt. Oben ein Loch, dass man den Kopf durchstecken kann, links und rechts ein Loch zum Durchstecken der bloßen Arme. Dann deute ich ihr – wie damals – mit der Hand, in eine Richtung zu laufen und siehe, sie verschwindet langsam, löst sich wieder in nichts auf. Ich aber liege jetzt hellwach in meinem Bett und schon wandern meine Gedanken 60 Jahre zurück, ins tiefe Russland.

Gruppenbild von Soldaten, im Hintergrund Holzhütten
Als Unteroffizier im Kreise meiner Gruppe in Russland, 2. Weltkrieg.

Damals brachte der draußen vor der Front aufgestellte Wachposten drei halb verhungerte, zerlumpte deutsche Soldaten zum Kompaniechef. Ein Hauptmann, ein Leutnant und ein Unteroffizier. „Wir sind der Rest der 293. Infanteriedivision“ erzählten die drei total erschöpften Männer unserem Kompaniechef. Der Russe war auf breiter Front südlich von unserer 262. Infanteriedivision durchgebrochen, die 293. Division war dabei völlig vernichtet worden. Und schon hörten auch wir den von der Ferne herankommenden Gefechtslärm.

Wir entkamen dem Debakel nur 61 dadurch, weil unser Kommandeur nicht nach Westen, sondern weit nach Norden und erst dann nach Westen ausgewichen war. Die ganze Mittelfront schien damals zusammenzubrechen und da kam jetzt dieser strategisch vielleicht richtige, menschlich aber unfassbare, grauenhafte Befehl: Auf hunderte Kilometer Länge wird die Front zurückgenommen; alle Gebäude im zurückgelassenen Abschnitt sind durch Brand zu vernichten, um dem nachströmenden Feind keine Unterkunft zu hinterlassen und um so neue Auffangstellungen errichten zu können.

Das hatte zwar Erfolg, aber fragen Sie nicht, um welchen Preis! Die rückwärtigen Einheiten waren schon alle getürmt, unsere Kompanie war als Nachhut, also die letzten, eingeteilt. Wir mussten nun diesen grauenhaften Befehl ausführen. Wer sich weigere, sei an Ort und Stelle zu erschießen, das wurde uns laut und deutlich mitgeteilt. Das sei ein allerhöchster Befehl von oben. Das war deutlich genug! Die russischen Dörfer waren durchwegs verstreut, nur durch Feldwege miteinander verbunden. Auch die Häuser im Dorf waren nicht, wie bei uns, entlang der Straße angelegt. Sie lagen in sogenannten Einzellagen, ein Haus zum anderen zwischen 20 und bis zu 100 Meter entfernt, wahrscheinlich wegen der Brandgefahr, waren doch alle Hütten aus Holz gebaut und mit Stroh gedeckt.

Unsere Kompanie hatte einen etwa 2 km langen Abschnitt zugeteilt bekommen, da standen an die 25 bis 30 Hütten darauf. Weiter rückwärts standen noch drei Hütten, eine davon auf einer kleinen Anhöhe, knapp dahinter in einer kleinen Mulde die anderen zwei hineingeduckt, nur die Dachgiebel lugten aus der Senke heraus. Diese drei Hütten bekamen mein Kamerad und ich zum Abbrennen zugeteilt. Es dämmerte schon, ein Haus nach dem anderen ging in Flammen auf. Der ganze Horizont begann sich rot zu färben. Da hielt auch schon mein Kamerad das Zündholz unter das herabhängende Strohdach, während ich mit dem Gewehrkolben an die Tür trommelte und brüllte. „Pan, Matka, dawei, dawei!“ (Schnell, schnell!) Da kam sie auch schon, wie eingangs beschrieben. Meinen Kameraden hatte genauso das Grauen gepackt wie mich. Wir blickten uns an und verstanden uns. Ich deutete der verstörten Frau in Richtung der zwei Häuser in der Mulde. Wie von Furien gehetzt, rannte sie dort hin. Auch der Mann war inzwischen herausgekommen. Der hatte noch Hose und Schafpelz anziehen können. Er sah seine Frau laufen und rannte sofort hinterher.

Nur mühsam erreichten wir unsere Einheit. „Befehl ausgeführt!“, meldete ich mich beim Chef. Angst hatte ich jetzt keine. Auf den Strohdächern hatte eine dicke Schneedecke gelegen. Diese konnte zwar die brennenden Häuser nicht löschen, aber qualmender Rauch hüllte das ganze Gelände ein. Von den zwei Häusern in der Mulde war nichts zu sehen und da unsere Einheit „Nachhut“ war, konnte uns ja auch niemand verraten.

Ich würde mir wünschen, dass diese wahrheitsgetreue Schilderung viele junge Menschen lesen, damit sie sehen, wie fürchterlich grausam und menschenverachtend ein Krieg ist, besser gesagt, alle Kriege sind.

Buchumschlag Wiesböck
Informationen zum Artikel:

Die vor Schreck erstarrten Augen der Matka

Verfasst von Johann Wiesböck

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Russland
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Aus: Wiesböck, Johann (2005): So war's in Puch. Erinnerungen eines Weinviertler Altbauern. Gösing/Wagram: Edition Weinviertel, S. 62-63.

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