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Die Pferde

von Alois Poxleitner-Blasl

Unsere Pferde, zwei Rappen, Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg, waren schon gut über zwanzig Jahre alt und hießen Fritz und Bubi. Fritz wurde rechts, Bubi links eingespannt. Auch im Stall standen sie so, getrennt durch eine Holzwand. Über der Heuraufe befand sich eine Öffnung in der Decke, durch die das Heu vom Heuboden heruntergestopft wurde. Links vom Eingang in den Ross-Stall stand die Hafertruhe. In der Fensternische darüber lagen Striegel und Bürste. Vor dem Stall ragten aus der Mauer links und rechts vom Eingang Holzzapfen, auf die das jeweils verwendete Zeug – Kummet oder Brustgeschirr – gehängt wurde. Das Wasser wurde in Kübeln in den Stall getragen. Die Rösser tranken eben wie Rösser, das heißt: einige Züge, und der Kübel – zirka zehn Liter – war leer.

Bauernknecht in kurzer Lederhose neben einem Gespann mit zwei Pferden und einer Fuhre voll Baumrinde
Pferdefuhrwerk mit einer Fuhre Baumrinde; Präbichl/Stmk. 1931 (Foto: M. Prügger)

Pferde machen viel Arbeit: füttern, tränken, striegeln, ein- und ausspannen. Vor allem das Füttern brauchte seine Zeit. Wollte man zeitig in der Früh wegfahren, so musste der Knecht noch eine oder zwei Stunden vorher den Pferden das Heu „fürgeben“. Vor einer Ausfahrt nach Molln am Sonntag wurden sie ordentlich gestriegelt und gebürstet, bis das Fell glänzte. Die Hufe wurden mit Schuhcreme gefärbt. Die Messingschnallen am Zeug mit Sidol geputzt und das Lederzeug, Halfter, Brustgeschirr, Leitseil auf Hochglanz gebracht. Natürlich war am Samstag der Wagen gewaschen worden. In der Sonntagfrüh nach der Stallarbeit, nach dem Frühstück und den üblichen Aufregungen, bis alles fertig war, stiegen wir in den inzwischen vorgefahrenen Wagen. Vater und Mutter saßen im Fond des Wagens, wo sich noch ein Kind dazwischenzwängen konnte. Gegenüber, also gegen die Fahrtrichtung schauend, saßen auf einem kleinen, aufklappbaren Bankerl meine Wenigkeit und mein älterer Bruder Hubert. Auf dem Kutschbock, neben dem Kutscher, war noch ein schöner Platz, auf dem ich in meiner Sonntagsausstattung (dazu gehörte ein spitzes Hütchen mit einer Pfauenfeder) manchmal saß. Der Knecht schnalzte leicht mit der Peitsche, hob die Zügel – und los ging’s!

Beim Förster Sterneder (später Wagner) vorbei zum Pörr, Paltner, Wieser, Kreuzhuber – aber da hieß es „Halt“. Die Pferde waren stehen geblieben. Sie bekamen jeden Sonntag ein Stück Zucker, und das vergaßen sie nie. Weiter durch den Hohlweg vor dem Schmidbauer, vorbei an den großen Birnbäumen und weiter. Bühler, Kikerdorfer, Tal bis zum Grießnerkreuz, die erste kleine Steigung seit dem Paltnerkreuz, dann Altermühle, Schneider Hartl und schon waren wir bei der Kerbl-Reit, wo für mich Molln – die große Welt – anfing. Man sah schon den Kirchturm und eine Ansammlung von Häusern, die wir in der Ramsau nicht zu bieten hatten. Mit Spannung warteten wir jedes Mal, bis das Schmiedbergerbergl kam, wo es einen förmlich in die Luft hob, wenn der Wagen rasch darüberfuhr. Beim Thaller (Zrenner) lenkte der Kutscher Ross und Wagen durchs Tor in den Hof, dort wurde ausgespannt, Die Pferde kamen in den Stall, und wir gingen in die Kirche.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Die Pferde

Verfasst von Alois Poxleitner-Blasl

Auf MSG publiziert im September 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Traunviertel, Molln, Ramsau
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem von Kurt Bauer herausgegebenen Erinnerungsbuch: Bauernleben. Vom alten Leben auf dem Land, Wien-Köln-München 2007; S. 42 ff.

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