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Die Hühner

von Alois Poxleitner-Blasl

Der Hühnerstall befand sich im Saustall über der rechten Seite des Kobels. Gitterstäbe, wie bei einem Gartenzaun, trennten ihn von den Schweinen. Er war kaum einen Meter hoch, aber sehr lang. Vom Hof führte die schmale Hühnerstiege unter dem Ross-Stallfenster schräg zum Hühnerstallfenster, in dem die untere, linke Scheibe als Türl fungierte, das man in der Nacht sorgfältig verschloss, denn der Fuchs lag immer auf der Lauer. Am hinteren Ende des Stalles ging eine gleiche Treppe hinauf in den Heuboden, wo sich der Scharraum befand, ein Holzverschlag mit Abteilungen für die Nester, in denen etwas Heu lag.

Die Hühner legten immer brav in diese Nester, in die man zum Anreiz ein Gipsei gab, da man wusste, dass sie gerne „dazulegen“. Hie und da kam es vor, dass ein Huhn ein „Neidoa“ legte, ein besonders kleines Ei, das man laut Mutter „übers Dach werfen konnte“, ohne dass es zerbrach. Das Eierholen vom Nest („Oa abnehma“) war eine der Lieblingsbeschäftigungen der Mutter, die den Hühnern sehr gewogen war. Hatten die Hühner gut gelegt und waren in der Schürze viel Eier, dann war die Freude groß.

Wir hatten an die zwanzig Hühner, so genau wusste man das nicht immer. Sie konnten den ganzen Tag im Freien sein. Weiter als zweihundert bis dreihundert Meter vom Haus entfernten sie sich kaum. Zweimal am Tag bekamen sie im Hof Futter gestreut, Mais oder Weizen. Auf die Rufe „Biibibibibiiii“ kamen sie ganz aufgeregt von allen Seiten herbeigeflattert und gelaufen. Zwischendurch versuchten einige Goldammern oder Spatzen, zu einigen Körnern zu gelangen. Rasch aber wurden die Körner von den Hühnern aufgepickt, und danach ging es wieder auf die Wiese oder auf den Misthaufen, um ihre natürliche Nahrung zu suchen – und vor allem, um zu scharren, denn „das Scharren ist des Huhnes Lust“.

einige Hühner samt Hahn auf einem terrassierten Hang
Hühnerschar eines Bauernhofs in den Voralpen (Foto: Margareta Wurm)

Wie glücklich war ich doch, dass damals niemand gesagt hat „die Hühner sind unrentabel, sie müssen weg“. Zugegeben, auch für mich gab es unangenehme Momente, wenn ich barfuß über den Hof lief und plötzlich etwas Kaltes, Weiches zwischen die Zehen drang, denn die Hühner legten nicht nur Eier! Aber man stelle sich einmal das freudige, erregte Gegacker einer Henne vor, nachdem sie ein Ei gelegt hat. Diese Erleichterung, dieses überströmende Glücksgefühl, das muss man doch der ganzen Welt mitteilen, und zwar, wie sich’s gehört, mit lautem Gegacker. Manchmal fällt eine zweite und dritte ein und nicht selten der Hahn. Ein richtiges Konzert schallt über den Hof.

Überhaupt die Hühner! Sie plaudern miteinander! Am Nachmittag stehen sie auf einem Bein im Hof in der Sonne und geben langsame, ziehende und glucksende Laute von sich, richtig beruhigend. Diese Tiere waren einfach zufrieden und glücklich. Wir hatten damals weiße und bunte Hühner (Rhodeländer) und immer einen Prachthahn. Wenn er einen Leckerbissen entdeckt hatte, lockte er, bis die Hühner gelaufen kamen, er konnte dabei ganz aufgeregt werden. Dann sah er mit Stolz zu, wie es sich die Hennen schmecken ließen. Er selbst verschmähte es meistens, am Mahl teilzunehmen.

Der siebente Himmel eines Huhnes muss aber sein, in einem ausgescharrten, staubigen Erdloch zu sitzen und die Sonne auf dem Gefieder zu spüren. Unsere Hühner genossen das Leben! An der Stallmauer, wo die Nachmittagssonne hinscheint, hatten sie mehrere solcher Mulden ausgescharrt und benützten diese auch immer.

Hühner spüren auch den Frühling. Nicht nur, dass sie immer fleißiger Eier legen – manche jeden Tag eines –, sie hatten auch die seltsamsten Gelüste, ihre Eier so in Verstecke zu legen, dass sie ja niemand finden sollte. Eigentlich hatten wir ja nichts dagegen, denn wenn es eine Gluckhenne gab, dann kamen bald Küken. Andrerseits kam es vor, dass eine Henne zehn oder zwanzig Eier irgendwo im Heu in ein Nest gelegt hatte und dieses aufgab. Man musste um diese Zeit also immer ein wachsames Auge auf das Hühnervolk werfen. Schlich sich eine etwa durch ein Loch im Tor in die Scheune? Hörte man auf dem Heuboden ein Gackern? Da hieß es dann eben gelegentlich nachsehen.

Kam aber eines Tages eine Gluckhenne mit gesträubtem Gefieder und eben glucksend zum gestreuten Futter, so wusste man, es sind schon Küken ausgebrütet. Und nach einigen Tagen großer Aufregung – da spaziert sie über den Hof mit zehn oder zwölf Biberln, die um sie herumwurln. Freude und Entzücken kennen keine Grenzen: wie lieb (und wie nützlich). „Hoffentlich werden es nicht lauter Hähne“, sagte Mutter. Wagte man es, ein Biberl anzufassen – aber so weit kam man ja gar nicht –, dann fuhr die Gluckhenne mit geplusterten Federn und scharfem Schnabel auf einen los, dass man schnell das Weite suchte. Nicht selten saß die Henne dann im Hof, die Flügel leicht angehoben und darunter alle ihrer Biberl, die kaum Platz hatten und immer wieder dort und da aus dem mütterlichen Schutzmantel hervorschauten – wie die Menschen der Schutzmantelmadonna in Frauenstein. Es war immer eine gewisse Bewegung, eine Unruhe, und man hörte ein leises Piepsen, hauchdünn, und dazwischen das beruhigende oder warnende Glucksen der Alten.

In der Wagenhütte, auf der Fluderseite, waren durch die Dachtraufe einige Bretter nahe dem Boden abgefault, sodass eine Katze oder ein Huhn hineinspazieren konnte. Besonders die Hühner hatten dort ein Plätzchen, das sie liebten, denn es gab trockene Erde, die man aufscharren und für ein Staubbad benützen konnte. Außerdem war ein rascher Übergang von der ungeschützten Wiese möglich. Das wussten sie zu schätzen. Hie und da fanden wir ohnedies einen Haufen Federn auf der Wiese; alles, was uns der Bussard von einer Henne zurückgelassen hatte.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Die Hühner

Verfasst von Alois Poxleitner-Blasl

Auf MSG publiziert im September 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Traunviertel, Molln, Ramsau
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem von Kurt Bauer herausgegebenen Erinnerungsbuch: Bauernleben. Vom alten Leben auf dem Land, Wien-Köln-München 2007; S. 44 ff.

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