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Meine Lehrzeit in einem Stadtsalon

von Hildegard Wüntschüttl

Vor Beendigung der Pflichtschule suchte ich wie damals so viele Jugendliche eine Lehrstelle. Ich hatte das große Glück, einen Lehrplatz in einer Schneiderei zu bekommen, und sogar in der Innenstadt von Wien, in einem Stadtsalon.

Ab September 1953 war ich kein Schulkind, sondern ein Lehrmädchen. Meine Lehrstelle war in der Schulerstraße 1, gleich hinter dem Stephansplatz. Mein Meister war ein gerechter Mensch, er siezte die Lehrmädchen, und wenn er an uns etwas zu kritisieren hatte, dann rief er uns Lehrmädchen in sein Büro; das fand ich taktvoll.

mehrere weibliche Schneiderlehrlinge sitzend und arbeitend an einem Tisch, beobachtet von einem jungen Mann
Der Sohn des Meisters beobachtet uns Mädchen bei der Arbeit (1955)

In unserem Salon war es üblich, dass, wenn die Türglocke läutete, ein Lehrmädchen die Tür öffnen gehen musste. Die Kunden wurden in der dritten Person angesprochen. Ich fand das sehr eigenartig, da ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie jemanden so sprechen gehört hatte. Man musste die Kunden nach ihrem Namen fragen, ihnen aus dem Mantel helfen und danach in den Salon begleiten. Natürlich musste man dem „Meister“, wie wir sagten, den Besuch melden.

War es eine Dame, die zur Kostümanprobe kam, half ich ihr in den Rock und nach der Probe wieder beim Ausziehen. Danach wurden unsere Kunden auch wieder zur Tür begleitet. Auf Höflichkeit wurde großer Wert gelegt.

Wir hatten auch sehr bekannte Kunden. Ein sehr nettes Schauspielerehepaar waren Elfriede Ott und ihr Mann, Ernst Waldbrunn. Viele Fabrikanten mit ihren Gattinnen zählten zu unseren Kunden.

Ich musste auch die fertigen Kleider zu den Kunden „liefern gehen“. Davor war es meine Aufgabe, die Kleidungsstücke gut in ein Tuch einzuschlagen. Nie werde ich vergessen, wie ich mit der Straßenbahn zu den Adressen fahren musste. Ich, das Lehrmädchen, das in Groß-Enzersdorf wohnte, kannte mich in Wien nicht aus – doch mit der Zeit lernte ich die Stadt kennen.

Einmal passierte mir folgendes Missgeschick. Ich kam in eine Villa im 18. Bezirk. Nach dem Läuten wurde mir von einer nicht besonders gut angezogenen, ungeschminkten Frau die Tür geöffnet. Nach dem Grüßen sagte ich zu der Frau, die ich für die Bedienerin hielt: „Bitte, ich bring für die gnädige Frau das Kostüm.“ In dem Moment sah ich die Frau erst genauer an und erkannte die Kundin. Sie lachte und meinte: „Zuhaus’ bin ich sehr gern ungeschminkt und leger gekleidet.“

Für mich war das eine große Enttäuschung. Ich sah zum ersten Mal, wie Kleidung, Friseur und vor allem Schminke eine Frau verändern konnten. Diese Feststellung sollte ich später noch öfters machen. Zum Beispiel hatten viele Frauen in einem gut geschnittenen Kostüm eine ganz gute Figur. Doch dann, wenn ich sie nur im Unterkleid sah, bemerkte ich erst, dass sie in einem engen Korsett steckten. Da hatte ich fast Mitleid und dachte: „Die armen Frauen können ja nicht einmal richtig atmen!“

Wir Lehrmädchen freuten uns, wenn wir beim Liefern ein Trinkgeld bekamen. Einmal kam ich zu einer Fabrikantengattin. Ich stand noch am Gang, da rief sie: „Haben Sie Ihre Schuhe gut abgeputzt?“ – „Ja“, sagte ich. Im Vorzimmer lagen Bodentücher, und auf diesen stehend musste ich zu einem Tisch rutschen, um dort das Kostüm auszupacken.

Die Dame holte einen Kleiderhaken, so hatte ich Zeit zum Herumschauen. Auf einer kleinen Kommode bemerkte ich einen Aschenbecher mit ein paar Groschen. Nachdem das Kostüm am Kleiderhaken hing, legte ich das große, schwarze Liefertuch zusammen, grüßte und wollte schon gehen. Da zeigte die Dame mit dem Finger auf die Kommode und sagte: „Im Aschenbecher ist Ihr Trinkgeld.“ Ich wusste momentan nicht, soll ich es nehmen oder liegen lassen. Ich entschied mich, es zu nehmen. Noch am Gang zählte ich es – es waren genau acht Groschen.

Um dieses Trinkgeld konnte ich mir nicht einmal ein Stollwerck kaufen, da dieses zehn Groschen gekostet hätte. Später erzählte ich einem Lehrmädchen im dritten Lehrjahr von meinem Trinkgeld, und sie sagte: „Das ist bei dieser Dame immer so. Ich hab einmal die Groschen im Aschenbecher liegen gelassen.“

Den strengen Winter 1954/55 werde ich nie vergessen. Meine Arbeitszeit begann um 7 Uhr Uhr früh. Mein Vater und ich mussten uns durch den hohen Schnee kämpfen. Durchnässt kamen wir zur Straßenbahnhaltestelle. In der Straßenbahn zog es wie in einem Vogelhaus. Frierend kam ich ins Geschäft, wo ich meine Schuhe in der Werkstatt neben dem Ofen trocknen durfte. Keinen Abend kam ich vor 20 Uhr nachhause. Wir Lehrmädchen mussten nach Arbeitsschluss die Werkstätte sowie den Salon aufräumen. In der Früh, nach dem Einheizen der Öfen, wurde der Staub gewischt. Unsere offizielle Arbeitszeit waren 48 Stunden pro Woche – das Aufräumen zählte nicht dazu.

Im Jahr 1954 bekamen wir im 12. Bezirk eine Wohnung. Ich hatte nun einen viel kürzeren Weg zur Arbeit, aber an das Wohnen in der Großstadt musste ich mich erst gewöhnen. Die Mansardenwohnung mit ihren 47 Quadratmetern fand ich groß. Wir hatten Wasser und Klo in der Wohnung, aber die Wände waren schräg. Unsere Möbel passten schlecht, meine Eltern konnten sich so rasch keine anderen leisten.

Meinen Urlaub verbrachte ich als Lehrmädchen, genauso wie schon meine Schulferien, bei den Großeltern im Weinviertel. Meine Eltern halfen bei der Ernte und beim Korndreschen, dafür durfte die Familie kostenlos den Urlaub verbringen.

Ich war ein Mädchen mit 16 Jahren, als Österreich durch den Staatsvertrag seine Freiheit und Neutralität bekam. Im Radio wurde die Rede unseres Außenministers Leopold Figl aus dem Schloss Belvedere übertragen. Ich hörte den Satz „Österreich ist frei“ aus dem Radio auf meinem Arbeitsplatz. Es läuteten die Glocken aus dem nahen Stephansdom. Mein Lehrherr weinte, wir umarmten uns alle, gingen auf den Balkon hinaus und sahen, wie die Menschen auf dem Stephansplatz tanzten.

Wenn ich heute über meine Lehrzeit nachdenke, darf ich sagen: Ich hatte großes Glück, einen Lehrplatz in der Wiener Innenstadt zu bekommen. Viele meiner Schulfreunde, besonders Mädchen, bekamen keinen Ausbildungsplatz. Sie wurden in Betrieben angelernt, erlangten also keinen richtigen Abschluss, und sie waren froh, überhaupt arbeiten zu dürfen. Außerdem denke ich, mancher Lehrherr von heute würde sich glücklich schätzen, solche guten Hauptschulabgänger zu bekommen.

Informationen zum Artikel:

Meine Lehrzeit in einem Stadtsalon

Verfasst von Hildegard Wüntschüttl

Auf MSG publiziert im Oktober 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 1. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre

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