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Ziegenhüten am Rande der Lobau

von Hildegard Wüntschüttl

In meiner Kindheit lebte ich einige Jahre in Groß-Enzersdorf, in einer kleinen Stadt am Rande von Wien. Die Stadtmauer umschließt auch noch heute den alten Stadtkern. Damals, in meiner Kindheit, gehörte Groß-Enzersdorf zum 22. Bezirk von Wien, von 1938 bis zum Jahr 1955.

Nach dem Krieg, also in der Nachkriegszeit, mussten die Menschen schauen, sich irgendwie zusätzlich Essen zu beschaffen. In den Gärten wuchsen sehr wenige Blumen, eigentlich nur am Rande des Zauns. Es wurde Gemüse angebaut, es gab auch keine Zierbäume oder Ziersträucher wie heute, diese wären damals reine Platzverschwendung gewesen.

Oft wurde ein kleiner Teil vom Garten abgetrennt, und in diesem wurden Hühner gehalten. Einen Hasenstall hatten auch viele Familien, und noch ein sehr beliebtes Tier war eine Ziege, wenn man genügend Platz für einen größeren Stall hatte.

Meine Familie und ich lebten in einer gemieteten Wohnung auf einer Siedlung, wir hatten keinen Garten und leider keine Haustiere. Jedoch wir Kinder hatten einen schönen „Auslauf“, wie wir sagten, und durften viel im Freien sein. Über der Straße vor unserem Haus führte der Schutzdamm der Donau vorbei, überquerten wir den Damm, so konnten wir auf den Wiesen des Überschwemmungsgebietes spielen. Diese Wiesen waren öfters im Jahr durch Hochwasser überschwemmt. Für uns Kinder eine herrliche Zeit, wir badeten mit großer Freude im glasklaren Wasser, in dem viele Fische schwammen. Wir fuhren mit den Waschtrögen unserer Mütter in den Donauarmen. Heute sag ich: „Oh, wie gefährlich!" Wir glaubten einst im Paradies zu leben, wir waren zwar arm, aber durften uns in der Natur bewegen.

Ich fand es immer wieder schön, wenn die älteren Frauen, nie jüngere, mit den Ziegen über den Damm kamen, meistens mehrere Frauen zur selben Zeit. Die Ziegen hüpften voller Freude den steilen Damm hinunter, sie konnten es kaum erwarten, auf die saftigen Futterwiesen zu kommen.

Die Ziegenbesitzerinnen, die sogenannten „Gaßweiber“, hatten immer eine Sitzgelegenheit mit. Einen Schemel oder einen Klappsessel aus Holz, da die Frauen viele Stunden des Nachmittags auf der Weide verbrachten. Sie waren nicht untätig, hatten immer Handarbeiten dabei. Sie strickten Socken, Handschuhe sowie Strickwesten für ihre Familien. Es wurden auch Löcher in Socken und Strümpfen gestopft und diese nicht wie jetzt gleich in den Müll geworfen.

Auch ich verbrachte viele Stunden bei den Frauen und kam gut ausgerüstet auf die Wiese. Und zwar mit einer Wolldecke, einem Strickzeug, da ich schon sehr zeitig stricken konnte. Mit fünf Jahren lernte es mir meine Großmutter im Weinviertel, wo ich lebte, bevor ich nach Groß-Enzersdorf zog. Ich wollte es unbedingt lernen, da ich meine Großmutter nie untätig sah. Eigenartig, plötzlich fällt mir ein: Ich suchte die Nähe der alten Frauen, fühlte mich wohl bei ihnen. Denn meine geliebte Großmutter lebte nun weit weg von mir – ich vermisste sie sehr.

zwei Mädchen auf Bank vor einem gemauterten alten Haus, daneben eine weiße Ziege
Die Autorin mit ihrer jüngeren Schwester, hier noch vor dem Haus ihrer Großmutter im Weinviertel (um 1944)

Meine Mama, sowie die anderen jüngeren Frauen lachten über mich, als ich mit Decke und Strickzeug zu den alten Frauen ging. Die freuten sich, wenn ich zu ihnen kam. Sie bewunderten meine Handarbeiten und zeigten mir neue Strickmuster, ich fühlte mich glücklich und wohl dabei.

Wenn die frei laufenden Ziegen zu weit wegliefen, holte ich sie wieder zurück. Ruhig gingen sie hinter mir her, da sie mich ja gut kannten. Eine weiße Ziege mit langen Haaren liebte ich besonders, suchte für sie Klee und Kräuter auf der Weide. Gar manche andere Ziege wollte ihr die Leckerbissen wegnehmen.

Diese Nachmittage mochte ich sehr, ich hatte schon vorher, gleich nach dem Mittagessen, meine Hausaufgaben geschrieben. Da fällt mir ein: Wenn es regnete oder im Herbst schon kalt war, wurde ich traurig, denn da konnten wir nicht die Ziegen hüten. An kühlen Tagen nahmen die Frauen eine Decke mit und wickelten sich gut damit ein. Dann konnten sie nicht stricken, aber viel besser plaudern, denn bei schwierigen Strickmustern mussten sie Maschen zählen, also aufmerksam sein.

Die geführten Gespräche waren öfters nicht für meine Ohren bestimmt, stell ich heute fest. Heute würde ein Kind nur lachen über diese Gespräche, die man einst mit vorgehaltener Hand führte, ja, so ändern sich die Zeiten! Ich war ganz still und hörte nur zu, ich glaub', die Frauen waren so in ihre Gespräche vertieft, dass sie meine Anwesenheit völlig vergaßen.

Die Ziegen grasten ziemlich lange, aber wenn sie satt waren, legten sie sich wiederkäuend in einem Kreis zusammen und wirkten sehr zufrieden. Immer wieder fand ich es schön, wenn ab und zu ein Kitzlein zur Welt kam. Dieses dann zu beobachten, wenn es mit übermütigen Sprüngen über die Wiese hüpfte, machte mir große Freude.

Im Hochsommer hatten die Ziegen bei Hitze ständig Durst. Die Wiesen grenzten an einen Donauarm, hier konnten sie Wasser trinken, aber nicht zu viel, wie ich immer wieder hörte. Unsere Sitzplätze verlegten wir bei großer Hitze unter die alten, dichten Eibenbäume, die neben dem Donauarm wuchsen und uns herrlichen Schatten spendeten.

Da ich meistens barfuß ging, wurde ich öfters von Bienen, die auf den Kleeblüten nach Nektar suchten, in die Fußsohlen gestochen. Um die aufgeschwollene Sohle zu kühlen, lief ich zum Wasser. Diese Bienenstiche hielten mich jedoch nicht ab vom Barfußgehen.

Manchmal wollten mich die Kinder aus der Siedlung von den „Gaßweibern“ weglocken, sie konnten nicht verstehen, dass ich gern bei ihnen war. Selten gelang es den Freunden, mich mit einem Ballspiel zu ködern; wir spielten Völkerball. Der Platz zum Ballspielen war gleich neben der Ziegenweide. Die alten Frauen sahen uns sehr gerne zu und fiel ein Ball direkt auf eine Ziege, hüpfte diese wie ein Kitzlein. Ich glaub’, die Buben schossen öfters absichtlich auf eine Ziege, um sie hüpfen zu sehen.

Kinder wie auch jüngere Erwachsene können sich heute nur sehr schwer vorstellen, dass man in der Nähe der Großstadt Ziegen hält. Damals hatten die Menschen durch die Ziegen täglich frische, gesunde Milch. Es wurde Topfen sowie Streichkäse daraus gemacht. Frische Milch gab es nicht so selbstverständlich jeden Tag zu kaufen. Denn man bekam auf Lebensmittelkarten, die wir damals alle hatten, nur eine bestimmte Menge – wie bei allen Lebensmitteln und Gütern für unseren täglichen Gebrauch.

Nach diesen erklärenden Worten kann man vielleicht besser verstehen, warum eine Ziege eine Kostbarkeit war und liebevoll gehütet wurde. Das taten damals viele Menschen, besonders jedoch am Stadtrand von Wien, zum Beispiel auf den Wiesen des Überschwemmungsgebietes der Donau neben der schönen Lobau. Vielleicht erinnert sich nach dieser Erzählung ein Leser, Ähnliches vom Ziegenhüten gehört oder gesehen zu haben.

Informationen zum Artikel:

Ziegenhüten am Rande der Lobau

Verfasst von Hildegard Wüntschüttl

Auf MSG publiziert im Oktober 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 22. Bezirk, Lobau / Niederösterreich, Wien-Umgebung, Großenzersdorf
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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