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Beerenzeit

von Elisabeth Glettler

„I hob’s jo gwisst, dass s’ wieder kumman und alles scho alser greana zsaumbrockn werden!“, war der enttäuschte Ausruf der Ziehmutter an einem Sonntag Ende August des Jahres 1946. Der Almhalter vom Zoiggn hatte ihr beim Vorbeigehen gesagt, dass sie wieder da seien, die aus der Stadt, sie hätten einen „Haufen Gschirr zum Einibrocken mit“. Sie erschrak und ging vor das Haus, um Ausschau zu halten, machte sich am Herd zu schaffen, konnte sich nicht beruhigen, wiederholte ihre Befürchtung.

Was war geschehen? Wie an ein ungeschriebenes Gesetz hielten sich die Grabler und die Dorfbewohner daran, uns auf dem unserem Haus gegenüberliegenden Schwarzbeerschlag, der dem Dienstherrn Schloßmoar gehörte, nichts „wegzupflücken“. Sie gingen auf andere Plätze, so hatte die Mutter immer reichlich Schwarzbeeren für den Schloßmoar und für die eigene Familie zur Verfügung gehabt. Diesen Plan durchkreuzten die Städter.

Schon in der Kriegszeit, vermehrt aber in den ersten Jahren nach dem Krieg, kamen Frauen, Männer und Kinder, mit Rucksäcken und Kannen, um in den Wäldern nach Pilzen und Beeren zu suchen. Sie stammten aus Judenburg und Knittelfeld, es sollen auch welche aus Leoben dabei gewesen sein. Sie kamen in der Früh mit dem ersten Zug. Wie Bienen schwärmten sie aus, teilten sich auf die Schläge auf, riffelten so lange, bis sie alle Geschirre gefüllt hatten, und eilten wieder davon, um den Zug zu erreichen. Dies wiederholte sich so lange, bis die Beerenzeit, vornehmlich die der Schwarzbeeren, vorbei war.

Wieder zurück zum Jahr 1946, zu jenem Sonntag im August: Es dauerte nicht lange, kamen mehrere Leute den Weg neben dem Bach herauf, wohl jene, die der Almhalter angekündigt hatte. Sie verteilten sich auf den Schwarzbeerschlag, der links vom Weg anstieg. Nun gab es bei der Mutter kein Halten mehr. Sie legte die Vorbindschürze zur Seite, lief den Weg hinunter bis zu der Stelle, wo es in den Schlag bergauf ging. Teils aus Angst, nun alleine im Haus zu sein, teils aus Neugierde, was nun geschehen würde, liefen wir ihr nach. Wir hörten nicht, ob sie die Leute gegrüßt hatte. In ungewohnt lautem Ton warf sie ihnen vor, ihr vor der Haustür die Beeren „wegzubrocken“, auf die sie Anspruch habe, wo der Schlag doch dem Schloßmoar gehöre, ihrem Dienstherrn. Sie wüssten als Stadtleute nicht, was es bedeute, tief im Graben zu „hausen“, alles selbst erarbeiten zu müssen. Sie hätten das Kaufgeschäft vor der Tür, wo sie etwas kaufen könnten, oder Bauern ringsum, bei denen es Obst gab. Sie sollten sich einen anderen Schwarzbeerschlag suchen!

Die Antworten der Städter konnten wir kaum verstehen – sie erschienen uns aber bedrohlich wie alles, was sich gegen die Mutter richtete. Das Streitgespräch wäre sicher noch eine Zeit lang weitergegangen, hätte es nicht ein Mädchen, etwa so groß wie Walter, unterbrochen. Es kam den Schwarzbeerschlag herunter, stieg vorsichtig über einen Frattenhaufen, griff in eine Milchkanne, die es um den Bauch gebunden trug, holte eine Handvoll Schwarzbeeren heraus und reichte sie Walter. Er hielt seine Hände aber fest am Rücken verschränkt, nicht gewillt, die Beeren anzunehmen. Das Mädchen hielt sie ihm weiter hin. In die entstandene Stille hinein sprach die Mutter halb zu dem Mädchen, halb zu einer jungen Frau hingewendet, den erlösenden Satz: „Loss ma’s guat sein, habts ja selber nix!“ Als das Mädchen scheinbar unbeirrt meinem Bruder noch immer die Hand mit den Schwarzbeeren hinhielt, sagte die Mutter ungewohnt leise zu ihm: „Kimm hiatz, nimm’s und bedank di, wia si’s ghört!“ Als er flink die Beeren in den Mund steckte, lächelte das Mädchen, drehte sich um und lief die wenigen Schritte zu einer jungen Frau hinauf, die wohl seine Mutter war.

Wir sahen dem Mädchen nach und bemerkten, dass seine nackten Füße in viel zu großen, aus Autoreifen gefertigten Sandalen steckten. Solche wurden auch im Dorf getragen, sie waren besser als gar nichts, nur: Wie sollte man damit auf steilen Hängen weiterkommen, wie damit die nackten Füße vor Brennnesseln und Dornen schützen? Das Mädchen war ungemein dünn und blass. Die Mutter sagte jedes Mal, wenn sie später im Dorf davon erzählte, dass wir daneben wie Blasengel ausgesehen hätten, kräftig und mit roten Wangen. Wir sahen die Mutter selten weinen, nun weinte sie, gebot uns, „Pfüat Gott!“ zu sagen, drehte sich zu der jungen Frau um, verabschiedete sich mit einem „Nix für unguat!“, und ging mit uns zurück zum Haus.

An diesem Tag wurde nicht mehr viel gesprochen, es wurde nicht auf die fremden Städter geschimpft. Walter war unschlüssig, wie er das Ereignis deuten sollte. Sollte er weiter seinen Wächterplan ausführen und melden, wenn jemand den Steig zum Haus heraufkam oder direkt auf dem Weg in den Schwarzbeerschlag ging? Die Mutter verneinte. Sie meinte, dass es arme Leute seien wie wir oder noch ärmer. Wir würden wohl noch genug Schwarzbeeren finden, auf unserem Schlag oder woanders.

So war es dann auch. Wir machten andere, weiter entfernte Plätze ausfindig. Die Schwarzbeeren wurden auch von uns meist nicht gepflückt, sondern geriffelt. Die Riffel ist ein etwa zwanzig Zentimeter langes, kammähnliches Gebilde, das an ein Kistchen genagelt war. Kämmte, also riffelte man eine Schwarzbeerstaude, fielen die Beeren in das Kisterl, eine ungeheure Zeitersparnis gegenüber dem Pflücken mit der Hand – meinte unsere Mutter. Mit den reifen Beeren fielen aber immer auch unreife hinein, kleine Blätter, Äste und Grashalme fanden sich in der Riffel. Das mühsame Ausklauben verschlang die Zeitersparnis wieder. Der Vorteil lag darin, dass man sich nicht so lange im Beerenschlag aufhalten musste, und in kurzer Zeit viel gepflückt werden konnte. Wir Kinder, denen die lästige Arbeit des Ausklaubens aufgetragen wurde, erinnerten uns viel später wieder an diese ungeliebte Tätigkeit, und dass wir uns damals manchmal gewünscht hatten, wären doch gleich gar nicht so viele gewachsen. Laut haben wir diesen Wunsch aber nie geäußert.

In den Kriegsjahren mussten die großen Ziehgeschwister häufig allein zum Schwarzbeerpflücken gehen und sie anschließend ausklauben – stundenlang. Sie füllten Eimer und Kannen, trugen sie zum Schloßmoar und waren froh, dafür eine Jause zu bekommen. Wir Jüngeren gingen, alt genug geworden, also nach dem Krieg, mit der Mutter, aber auch mit dem großen Ziehbruder allein in den Schwarzbeerschlag. Wenn wir Karl beim Brocken, beim Riffeln helfen mussten, durften wir Pausen machen; er musste das Geschirr, das er mit sich trug, aber voll machen. Erst dann machte er sich auf den Heimweg.

Oft brachte die Mutter auch nach dem Krieg noch einen Kübel voll Schwarzbeeren, den sie im Rucksack aus dem Graben hinaustrug, zum Schloßmoar und bekam dafür Brot, Futter für die Hühner oder – was uns Kinder besonders freute – Äpfel oder Birnen.

So ab dem sechsten Lebensjahr war dann das Ausklauben der Schwarzbeeren auch eine Aufgabe für Walter und mich. War das Wetter schön, geschah dies vor dem Haus, bei schlechtem Wetter, soweit ich mich erinnern kann, unter dem Dachvorsprung des Stadels. Auf dem Tisch wurde ein Nudelbrett mit Hilfe von Holzscheiten schräg gestellt, davor hatten wir uns hinzusetzen. Wir stellten eine breite Schüssel auf die Knie und ließen auf dem Nudelbrett, das mit einem groben Sack bedeckt war, der das Laub zurückhalten sollte, nur so viele Schwarzbeeren herunterrollen, dass wir auch den Rest des anhaftenden Mistes noch ausklauben konnten. Eine Hilfe stellten dabei zwei glatte Hölzer dar, die in V-Form auf das Nudelbrett gelegt wurden und immer nur wenigen Schwarzbeeren auf einmal den Weg in die Schüssel erlaubten. Der Vorgang – Beeren hinaufleeren, ausklauben, in die Schüssel rollen lassen – musste so oft wiederholt werden, bis alle Schwarzbeeren ausgeklaubt waren.

Diese Arbeit „ging häufig schlecht aus“. War es in den Augen der Mutter nicht weiter schlimm, wenn einmal einige Beeren auf den Boden rollten – die Hühner warteten schon darauf –, wurde die Situation jedoch ernst, wenn wir in Anbetracht eines Schwarzbeerkübels, der sich niemals zu leeren schien, ungeduldig wurden. Wir fingen an, uns gegenseitig zu beschuldigen, nur schöne Beeren aus dem Kübel zu schöpfen und den Mist dem jeweils anderen zu überlassen. Dann warfen wir uns den verbliebenen Mist ins Gesicht und schließlich auch die Beeren. Von solchen Streitereien nicht gerade begeistert, setzte die Mutter dem Treiben ein Ende, indem es Schelte, häufig auch Ohrfeigen gab. Es muss wohl so gewesen sein, dass sie uns dann half, mit der Arbeit zu einem Ende zu kommen. Wahrscheinlich haben wir uns auf diese Weise ihre Hilfe auch im nächsten Jahr garantieren können. (...)

Mutter mit vier Kindern verschiedenen Alters im Gras auf einer Anhöhe sitzend
Die Autorin (rechts vorne) mit Ziehmutter und Ziehgeschwistern (1942)

Ich weiß nicht, wie es anderen Grabenkindern erging – für mich, aber auch für Walter, bedeutete der Wald mit seinen Früchten einen Besitz, der uns gehörte. Es gab keine Zäune wie bei den Obstgärten im Dorf und keine Verbote. Man konnte pflücken, so viel man wollte und sich satt essen. Die Beerenzeit war eine schöne Zeit, ich glaube mich erinnern zu können, dass auch der strenge Ziehvater sich daran erfreute, die Ziehmutter ganz bestimmt.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Beerenzeit

Verfasst von Elisabeth Glettler

Auf MSG publiziert im Oktober 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, St. Georgen ob Judenburg
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Kein siebenter Tag. Kindheit in der Einschicht" von Elisabeth Glettler, S. 173  ff.

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