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Der Edelweiß-Bua

von Anton Pillgruber

Ohne Hut ist man zu unserer Jugendzeit als Mann nicht aus dem Haus gegangen. Nicht am Werktag und schon gar nicht am Sonntag, wenn zur Messfeier in die Kirche gegangen wurde. Selbstverständlich war das nicht immer derselbe Hut, den man aufsetzte. Am Wochentag tat es bald einmal so ein Deckel auf dem Kopf. Am Sonntag war das aber was anderes. Das musste schon ein Plüschhut sein, so ein glänzender mit schönen Schnüren auf der Krempe. Die besseren Leut’ hatten für die Festtage meist noch einen schwarzen Plüschhut mit einem breiten Band. Kurz und gut, am Hut konnte man schon ungefähr abschätzen, zu welcher Kategorie der Träger gehörte. Ob ganz reich, etwas weniger reich oder ein wenig ärmlich.

Aber der schönste Hut hatte nicht den anerkannten Wert, wenn er nicht mit einem Schmuck versehen war. Ein beliebter Aufputz war der Gamsbart oder auch der Hirschbart. War einer ein Jäger oder ein Förster, so war es fast eine Verpflichtung, ein solches Ding am Hut zu haben. Wo diese Bärte herstammten, war mitunter gar nicht so einfach festzustellen. Beim Jäger oder Förster nahm man natürlich an, dass sie von einem von ihnen rechtmäßig erlegten Wildbret stammten. Aber solche Bärte trugen auch noch andere, meist jüngere Burschen. Und bei diesen war die Rechtmäßigkeit schon ein wenig fraglicher.

Mag schon sein, dass manch einer sich so einen Bart gekauft hatte, um ein bisschen angeben zu können. Aber ein gewisser Prozentsatz stammte mit Sicherheit vom verbotenen Abschuss einer Garns oder eines Hirschen. Man erzählte sich auch, dass ganz freche Burschen, die einen solchen Hutschmuck trugen, am Kirchplatz ganz nahe am Revierhüter vorbeischarwenzelten, sobald sie seiner ansichtig wurden, und zwar so nahe, dass die Barthaare fast das Gesicht desselben kitzelten. Eigentlich gemein, oder nicht? Der Jäger war zu jener Zeit halt kein sehr beliebter Mann, und wenn er dieser Burschen noch dazu nicht habhaft werden konnte, so konnte die Spottlust fröhliche Urständ’ annehmen. Dass es unter solchen Umständen manchmal zu einem Unglück kommen musste, wo ein Jäger einem Wilderer nach dem Leben trachtete oder auch umgekehrt, war auch klar.

Eigentlich wollte ich aber etwas ganz anderes erzählen. Meine damaligen Freunde und ich konnten uns keine Bärte kaufen, noch hatten wir die Veranlagung zum Wildern. Aber einen Hutschmuck wollten wir doch haben. Also bot sich das Edelweiß an. Auf den Feldern wuchsen sie nicht, und solche, die in den Hausgärten gepflanzt waren, waren uns nicht schön genug. Also mussten wir uns welche holen, hoch oben vom Berg – man weiß ja, wie das ist, wenn man jung ist. So zogen wir los an einem Samstagnachmittag. hinauf auf den Filling.

Vom Bluntautal aus begann der Anstieg durch die Wälder zur Brunnalm und weiter zu den Fillingalmen. Als wir die Weideflächen erreichten, hörten wir Blasmusik. Mitglieder der Gollinger Musikkapelle waren droben und spielten auf. Da fiel mir ein Phänomen auf. Ich will nicht sagen, dass sie nicht schön aufspielten, aber von der Ferne – wir waren ja noch ein gutes Stück von der Almhütte entfernt, in der sie spielten –, hörte sich diese Musik wunderbar an. Bei der Hütte angekommen, klang es dann so, wie es die Musikanten zur damaligen Nachkriegszeit eben zustandebrachten.

Am nächsten Morgen brachen wir frühzeitig auf, der Almhöhe zu. Oben angekommen, erlebte ich eine wunderbare Überraschung. Vor uns lag das Salzachtal inner Gebirg von Sulzau, Tenneck bis Werfen. Ein herrlicher Anblick. Gegenüber das Tennengebirge mit der Eisriesenwelt und unten das schmale Tal, nur so breit, dass die Eisenbahn und die Bundesstraße Platz hatten. Ich hatte so einen Ausblick noch nie gesehen. Es war einfach schön.

Mann in steilem Gelände zum Boden gebeugt, um etwas zu pflücken
Der Autor beim Edelweißpflücken auf dem Ritterhorn bei Rauris (um 1950)

Aber dann fiel uns schon wieder ein, wozu wir da aufgestiegen waren, und stiegen in die Wand ein. Herrliche Edelweiß gab es da, und bald hatten wir ein paar schöne Sträußerl beisammen. Es sollte aber nicht so glatt gehen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Der Unstern näherte sich uns in Form der deutschen Bergwacht, die uns unsere Bleamerln samt und sonders konfiszierten. Jetzt standen wir da wie der Ochs vorm Tor und schauten dumm aus der Wäsche.

Vorderhand setzten wir uns einmal zur Jause hin und beobachteten, wohin sich die Berghüter wendeten. Sie gingen geradewegs zur Almhütte, wo die Gollinger wieder aufspielten. Dass die noch einmal auftauchen würden, war also nicht anzunehmen. So mussten wir halt noch einmal in die Wand. Auf einmal merkte ich, dass ich ganz allein war. Gleich darauf hörte ich meine Spezln rufen. Die waren schon unterhalb der Wand unterwegs in Richtung Tenneck, weil wir von dort mit dem Zug nach Golling fahren wollten. Da machte ich etwas, was den anderen die Gänsehaut auftrieb. Ich stieg geradewegs durch die Wand ab, vorbei an Felsbändern, an Grasbüscheln und dürftigen Stauden Halt suchend, bis ich unten ankam. Die Gefährlichkeit dieses Abstieges kam mir erst zu Bewusstsein, als ich von unten zurückschaute. Ich hatte wohl einen sehr fürsorglichen Schutzengel gehabt.

So ging auch dieser Tag zu Ende. Ende gut, alles gut. Wir hatten unseren Hutschmuck.

Eine Woche später saßen wir abends beim Wegscheidwirt. Da war eine fesche Wienerin, die mich um ein Paar Sterne anbettelte. Ich gab sie ihr, dafür bekam ich von ihr ein Busserl – das erste, das ich von einer Frau bekam, und dazu sagte sie, dass ich zeitlebens ihr „Edelweiß-Bua“ wäre. Ich hab diese Frau in meinem Leben nie mehr zu Gesicht bekommen und kann daher nicht sagen, wie lange ich wirklich ihr Edelweiß-Bua war. Auf jeden Fall war ich damals so schüchtern, dass ich einen knallroten Kopf bekam, wofür mich meine Freunde herzlich auslachten.

Informationen zum Artikel:

Der Edelweiß-Bua

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im November 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau, Hagengebirge / Deutschland, Bayern, Oberbayern
  • Zeit: 1940er Jahre

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