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Ein Tag wie jeder andere

von Anton Pillgruber

Ja, ein Tag wie jeder andere. So leben und erleben viele Menschen den Ablauf der Zeit, wenn der Alltag von der täglich wiederkehrenden Routine bestimmt wird. Es ist der Alltagstrott, der sich mit der Zeit einstellt. Es kommt aber auch manchmal ein Tag, an dem die Zeit stillzustehen scheint, ein Tag, von dem man sich wünscht, dass er nie angebrochen wäre, weil er Unglück und Unheil mit sich brachte, nach dem das Leben nicht mehr so ist wie zuvor.

Sie saßen gemeinsam beim Frühstück, Rosa und Franz, ihr Mann. Neben dem Tisch am Boden kauerte Arthur, der Partnerhund. Ein treues Tier, den sie sich vor einigen Jahren von einer Hundezuchtstation geholt hatten. So war es jeden Tag, bevor Franz zur Arbeit ins nahe Eisenwerk fuhr. Dort war er Betriebsleiter, ein gut bezahlter aber auch verantwortungsvoller Job. Er war dort, wie das allgemein heißt, „die rechte Hand“ vom Chef. Auch aus seiner Nachbarschaft arbeiteten Männer in diesem Werk. Da hatten sie sich eine Fahrgemeinschaft geschaffen, bei der jede Woche ein anderer Arbeiter mit seinem Wagen zur Arbeit fuhr.

An diesem Tag war ein Nachbar an der Reihe. Er fuhr auch bald vor. Mit einem schon zur Gewohnheit gewordenen Abschiedskuss verabschiedete sich Franz von seinem Rosale, wie er sie zärtlich nannte. Durch das Küchenfenster sah sie ihm nach, wie er mit beschwingten Schritten den Gartenweg entlangging und in das Auto des Nachbarn stieg. Nun war sie allein zu Hause und konnte neben ihrer Arbeit ihren Gedanken nachhängen.

Ein halbes Dutzend Kinder hatten sie großgezogen. Bis auf einen Sohn waren sie schon alle ausgeflogen und hatten sich woanders mit ihren Partnern ein Heim geschaffen. Die ersten Enkel waren auch schon da. Es sind glückliche Menschen aus ihnen geworden, auf die sie stolz sein durfte. Sie und ihr Franz haben sich alle Mühe gegeben, ihren Kindern gute Eltern zu sein. Sie haben es ihnen vorgelebt, wie ein anständiges Leben verlaufen soll.

So war sie neben ihrer Arbeit mit ihren Gedanken bei ihren Familien und in erster Linie bei dem Menschen, mit dem sie gemeinsam ihr Leben aufgebaut und gelebt hat, bei ihrem Franz. Wie zufällig sah sie zwischendurch aus dem Fenster auf den zum Haus führenden Gartenweg. Über diesen Weg ging jetzt ein Mann auf das Haus zu. Da erkannte sie ihn; es war der örtliche Gendarm, der da daherkam. Unmittelbar befiel sie eine innere Unruhe: Was soll das bedeuten? Was will dieser Mann in Uniform am Vormittag bei ihr? Ein Stoßgebet schickte sie zum Himmel: „Herrgott steh mir bei, dass es nichts Schlimmes bedeutet!“

Dann stand er vor ihr unter der Haustür, hatte seine Dienstmütze in der Hand, drehte sie zwischen seinen Fingern hin und her und suchte nach Worten, um dieser Frau, die mit angsterfüllten Gesicht vor ihm stand, das zu sagen, was er ihr sagen musste. „Es ist ein Unfall passiert“, sagte er, „ein Verkehrsunfall.“ Der andere Fahrer kam mit seinem Wagen aus einer schwer einsehbaren Seitenstraße. Wahrscheinlich ist er zu schnell gefahren und fuhr direkt in die Flanke des Autos vom Nachbarn, wo ihr Mann saß. Momentan stand Rosa da wie gelähmt, nicht fähig, etwas zu tun oder zu sagen. Dann aber kam wieder Leben in sie, und sie richtete an den Überbringer dieser schlimmen Botschaft nur das eine Wort: „Und?“, fragte sie hoffend, dass nicht allzu Böses passiert ist. Die Rettung habe ihren Mann in die Klinik gefahren, sagte er: „Wie schwer es ihn getroffen hat, kann ich dir nicht sagen, ich weiß es wirklich nicht.“

Jetzt hatte er es wenigstens hinter sich gebracht, das Ausrichten dieser Hiobsbotschaft. Er wäre fast erleichtert gewesen, stünde da nicht eine Frau vor ihm, mit der er wie auch mit ihrem Mann befreundet war und denen ein böses Schicksal so nahe gekommen war. Darum bot er ihr auch seine Hilfe an, falls sie diese brauchen würde. Damit verabschiedete er sich.

Rosa nahm das gar nicht mehr so wahr. Ihre Gedanken waren schon woanders. Sie musste zu ihrem Franz in die Klinik. Sie musste an sein Krankenbett, um ihm beizustehen, seine Hände in den ihren zu halten, den Schweiß aus seinem Gesicht zu wischen und ihn zu trösten. Es kann doch nicht allzu lange dauern, dass sie ihn wieder mitnehmen kann, heim in ihr Haus, wo sie in selber pflegen kann, bis er wieder ganz geheilt ist.

Nachdem sie ihren Kindern von dem Unglück berichtet hatte, fuhr sie ins Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin kam ihr vieles in den Sinn, was sie ihrem Franz alles sagen wird. Vor allem das Wichtigste: „Dass sie ihn immer noch so sehr liebe, so wie am ersten Tag ihrer Begegnung, als er ihr ins Ohr geflüstert hatte, dass er sie unendlich gernhabe, und er sie damit in den schönsten Himmel gehoben hat, den sie sich überhaupt vorstellen konnte. Und sie bat auch den Herrgott, dass sie ihn wieder bald heimholen dürfte zu sich und ihrer Familie.

In der Klinik aber war alles anders. Erst ließen die Ärzte sie gar nicht zu ihm. Immerfort gingen Doktoren und Krankenschwestern in das Krankenzimmer, kamen wieder heraus, gingen fort und kamen gleich wieder. Rosa erschien das Ganze wie ein Hasten und Eilen in höchster Not. Immer wieder flehte sie diese Menschen an, dass sie zu ihm gehen dürfe und wurde weiter und weiter vertröstet. Bis dann ein Arzt kam und ihr bedeutete, dass sie mit ihm gehen solle. Er ging mit ihr aber nicht ins Krankenzimmer, sondern in einen Raum, der wohl als Besprechungszimmer eingerichtet war. Dort lud er sie ein, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Er selber setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. Dort saß er nun, stützte beide Ellbogen auf die Tischplatte und fuhr sich mit den offenen Händen über sein Gesicht. Es schien, als müsste er noch überlegen, wie er es ihr sagen soll.

„Der Patient“, sagte er dann, „hat bei diesem Unfall schwere Verletzungen erlitten“, weshalb sein jetziger Zustand Grund zur Besorgnis gebe. Sie würden aber alles tun, um sein Leben erhalten zu können. Bei diesen Worten rann es Rosa wie kalter Schauer durch ihren Körper. Der Arzt erhob sich nun, um wegzugehen. Da nahm Rosa noch einmal ihre ganze Kraft zusammen und sagte dem Arzt, dass sie ihren Mann sehen wolle, unter allen Umständen. Da blickte er ihr in ihre Augen und bedeutete ihr, wenn sie sich stark genug fühle, könne sie mit ihm ins Krankenzimmer gehen. Rosa fühlte sich weder stark noch sonst irgendwas. Sie wollte, ja musste zu ihrem Franz. Seine Hand wollte sie halten und ihm sagen, dass sie da ist bei ihm und bei ihm bleiben wird, bis sie ihn mitnehmen konnte, heim in ihr gemeinsames Haus.

Was sie aber am Krankenbett sah, schnürte ihr fast das Herz ab und der Atem wollte schier nicht mehr kommen. Von ihrem Franz sah sie nur einen kleinen Teil seines Gesichtes, die geschlossenen Augen, die Nase und den Mund. Die Lippen waren halb geöffnet und blutleer, wie auch die Wangen, die ganz eingefallen wirkten. Der ganze Körper war verbunden, bandagiert und an einem Galgen hingen Flaschen mit Schläuchen, an deren Ende sich Hohlnadeln befanden, die die Medikamente in den geschundenen Körper leiteten.

Der Arzt blieb neben Rosa stehen, wohl um sie zu stützen, wenn ihr die Kraft versagen sollte. Leise trat Rosa ganz nahe an ihren Mann heran, streichelte sein Gesicht und nahm die Finger in ihre Hand, die aus dem Verband herausschauten. Dann kamen die Tränen, die einzige äußere Reaktion, zu der sie jetzt fähig war. In ihrem Inneren aber sammelten sich die Hilferufe und Gebete, die sie nach oben schickte. Was sie betete und rief, kam gar nicht in ihr Bewusstsein. Sie wusste nur, dass der da oben helfen musste, wenn die Kunst der Ärzte nicht mehr ausreichen sollte, um das Schlimmste nicht wahr werden zu lassen.

Wie lange Rosa bei ihrem Franz am Bett stand, bekam sie selbst gar nicht mit. Der Arzt nahm sie behutsam am Arm und führte sie weg. Als sie noch einmal zurückschaute, sah sie mehrere Ärzte mit Krankenschwestern ins Zimmer gehen. Am Gang draußen setzte sie sich auf ein Polstermöbel, das wohl für Krankenbesucher gedacht war. Inzwischen waren auch zwei von ihren Kindern gekommen. Sie sagte ihnen kurz Bescheid, soweit sie das überhaupt ertragen konnte. Jetzt mussten sie einfach die weiteren Geschehnisse abwarten. Die Kinder drängten sie, dass sie nach Hause fahren solle. Sie wehrte aber entschieden ab. Sie wollte mindestens so lange dableiben, bis Franz aus dem Koma erwachte und sie ein paar Worte mit ihm reden konnte. So verging Stunde um Stunde. Immer wieder gingen Ärzte zum Patienten, blieben eine Zeitlang bei ihm und gingen wieder fort. Irgendwann hat Rosa dann der Schlaf übermannt.

Als sie wieder zu sich kam, wusste sie erst gar nicht, wo sie sich befand. Als sie aber ihre Kinder sah, die am Gang hin und her gingen, stellte sich ihr Erinnerungsvermögen wieder ein. Sie schaute sie an, ihre Kinder, aber die schüttelten nur den Kopf. Bis ein Arzt mit langsamen Schritten auf sie zukam und vor ihnen stehen blieb. „Wir haben alles getan, was wir konnten“, sagte er, „aber die Verletzungen waren zu schwer.“

Wie gelähmt hörten die drei die Worte des Doktors. Rosa schien es gar nicht begriffen zu haben, was dieser Mann im weißen Kittel soeben gesagt hatte. Dann aber öffnete sich ihr Mund zu einem Schrei. Zu einem Schrei, der der ganzen Welt sagen sollte, welch ein Unrecht da soeben geschehen war. Aber er kam nicht, dieser Ausbruch. Der Schrei fuhr hinab in ihr Inneres und suchte sich den Weg zu dem Rosen- und Blumengarten an ihrem Herzen. Sie hatte ihn angelegt, diesen Garten, an jenem Tag, als er ihr sagte, dass er sie zu seiner Frau machen möchte. Sie hatte damals die schönsten Rosen und Blumen gepflanzt, die der Herrgott auf dieser Welt wachsen lässt und die eine Partnerschaft lebens- und liebenswert machen. Blüten der Liebe und Treue und des Zueinanderhaltens. Sie hat diesen Garten gepflegt und behütet. Freilich sind auch manchmal Unkräuter hervorgekommen, wenn man sich nicht immer und überall einig war. Aber sie hat sie nie groß werden lassen, diese unerwünschten Kräuter und Gewächse, und war streng darauf bedacht, dass sie nie Samen abstreuten. Frühzeitig hatte sie alles entfernt, was dieses Kleinod hätte verwildern lassen.

Dieser Schrei aber schien alles zu zerstören. Es war, als raste er über die Blütenpracht hinweg und knickte alles ein. Sie spürte ihr Innenleben nicht mehr, nahm nichts mehr wahr. Dafür kam ein leises Wimmern über ihre Lippen. Ungewollt formte sie Worte, die außer ihrem Bewusstsein waren. Worte des Nicht-Wahrhabenwollens, des Nicht-Verstehens dessen, was ihr da widerfahren ist.

Sie wollte ihn noch einmal sehen, ihren über alles Geliebten. Der Arzt riet ihr davon ab. Sie solle ihren Mann ihr Leben lang so sehen, wie sie mit ihm gelebt hatte. „Wenn du die Kraft hast“, sagte er dann, „versuche zu vergessen, wie du ihn zuletzt am Krankenbett gesehen hast.“ Noch eines sagte er ihr: „Hätten wir ihn am Leben erhalten können, wäre er so stark behindert geblieben, dass er sich selbst vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen hätte können. Niemandem hätte ein solches Dasein etwas gebracht. In ferner Zukunft waren diese Worte manchmal ein Trostanker für sie.

Die Kinder drängten jetzt zur Heimfahrt. Fast widerwillig folgte sie ihnen. Sie wollte einfach nicht weg von hier. Die Realität, die bittere Wahrheit war in ihrem Bewusstsein noch nicht angekommen. Es musste doch irgendwann die Tür von diesem Zimmer sich öffnen und er musste herauskommen, damit sie Hand in Hand dieses Gebäude verlassen und heimfahren könnten. Heim in ihr Zuhause, das sie mit so viel Fleiß, Eifer und so manchen Entbehrungen aufgebaut hatten.

Daheim angekommen, schien ihr alles fremd zu sein, als ob es gar nicht ihr Haus und das ihrer Familie wäre. Arthur, ihr Partnerhund, kam ihnen in der Diele entgegen und schaute sie mit seinen Hundeaugen traurig an, so als ob er schon davon wüsste, dass sein Herrl nicht mehr kommen wird. Rosa setzte sich hin und barg ihr Gesicht in beide Hände. Dann kamen die Tränen. Das erste Mal nach diesem furchtbaren Geschehen. Wie nach einem Dammbruch kamen sie, rannen hervor zwischen den Fingern und tropften auf das Fell des Hundes, der sich ganz nahe zu ihren Füßen hingelegt hatte. Diese Geste des Hundes tat ihr ungemein wohl. Langsam fing sie an zu begreifen, dass diese brave Kreatur das einzige Lebewesen war, das treu an ihrer Seite bleiben würde. Die Kinder werden sich ihre Partner suchen, um ihr eigenes Leben aufbauen zu können.

Aber noch war es nicht so weit. Noch waren sie da und drängten Rosa jetzt, mitzuhelfen beim Organisieren der Trauerfeierlichkeiten. Das war auch gut so. Sie musste trachten, wieder zu klaren Gedanken zu kommen, um ihren Beitrag dazu leisten zu können. Die tiefe Traurigkeit wurde dabei ein wenig verdrängt. Angst hatte Rosa vor dem Alleinsein in der ersten Nacht. Da war aber Arthur da. Er legte sich neben dem Bett auf den Teppich und schien Wache zu halten bei ihr. Tatsächlich tat ihr die Nähe des Hundes so gut, dass sie ein wenig schlafen konnte

Das Begräbnis war eine Demonstration der Beliebtheit ihres Mannes und ihrer Familie. So viele Menschen waren gekommen und bekundeten ihr Beileid. Für Rosa war es eine harte und anstrengende Feierlichkeit. Alle Leute wollten ihr die Hand drücken oder sie gar umarmen. Der härteste Augenblick aber war für sie, als der Sarg mit ihren geliebten Franz langsam in die Gruft gesenkt wurde. Sie wusste, dass es die Minuten waren, in denen sie das Letzte von ihrem Mann sehen konnte. Neben ihr standen ihre Kinder, und das gab ihr die Kraft, diese Zeremonie nach außen hin gefasst zu ertragen. Wie es im Herzen und in der Seele aussah, war ihre Sache. Sie durfte und wollte keine Regungen zur Schau stellen.

Nun war alles vorüber. Die Kinder hat wieder der Alltag gefordert. Nur eine Tochter wohnte noch bei ihr. Aber auch die fuhr tagsüber zur Arbeit. Rosa musste nun versuchen, mit ihren Tagesablauf allein zurechtzukommen. Die ersten Tage des Alleinseins waren sehr schlimm. In den vergangenen Tagen waren immer Menschen um sie. Nun war sie mit Arthur allein. Oft ging sie zweimal am Tag zum Friedhof, richtete die vielen Kränze und Blumen, bis sie welk waren und abgeräumt werden mussten. Das Wichtigste aber war ihr, dass sie mit ihm, der unter dem Grabhügel lag, Zwiesprache halten konnte. Jetzt war sie allein mit ihm und konnte ihm alles sagen, was sie bedrückte. Sie fühlte oftmals, dass er ihr zuhörte und ihr manche Frage beantwortete, die sie ihm stellte. Manchmal schaute sie hinauf zum Himmel und glaubte, dass sie ihren Franz spazieren gehen sehe mit den Wolken, die da still dahinschwebten und ständig ihr Aussehen veränderten.

Daheim wartete dann die Hausarbeit. War auch die getan, setzte sie sich hin, und dann kam öfters ungewollt die Vergangenheit wieder zurück. Aber nicht nur Leid und Schmerz meldeten sich. Auch schöne Erlebnisse wurden wieder wach. So wie der Tag, an dem sie Franz zum ersten Mal begegnet war und er ihr sagte, dass er sie zu seiner Frau machen möchte. Für ein Mädchen wie sie, das ihr bisheriges Leben nur von der kargen und wohl auch etwas harten Seite kennengelernt hatte, waren das die schönsten Worte, die sie je in ihren jungen Leben gehört hatte. Es war, als ob sich ein grau verhangener Himmel plötzlich aufheitert und nur mehr klar und blau sein konnte.

Kurze Zeit nach ihrem Kennenlernen fingen sie schon an, Pläne für die Zukunft zu machen. Bald konnten sie ein Stück Baugrund erwerben, und als es die finanzielle Lage erlaubte, begannen sie, ihr Haus zu bauen. Der Dachstuhl kam drauf, und sobald es ging, zogen sie ein. Es war zwar vorerst ein äußerst primitives Wohnen, aber es war ihr Heim. Schon kamen die ersten Kinder, im Laufe der Jahre wurde es ein halbes Dutzend. Franz verdiente gut bei seiner Firma und Rosa war eine umsichtige Hausfrau und Mutter. Kleidungsstücke für ihre Kinder nähte und strickte sie alle selber. Auch Franz konnte sich viele Arbeiten beim Ausbau des Hauses selber machen. So kam es, dass es nicht allzu lange dauerte, um aus ihrem Haus ein schönes und schmuckes Heim zu machen.

Dass es da manchmal auch zu finanziellen Engpässen und folglich zu gegensätzlichen Meinungen der Partner kam, war wohl nicht verwunderlich. Aber Rosa und letztlich auch ihr Franz ließen da kein Unkraut aufkommen in ihrem Liebesgarten. Sie gingen nie ohne Aussöhnung zu Bett. Rosa empfand so kleine Gegensätzlichkeiten nicht so schlimm. Sie wertete das wie das Salz in der Suppe oder mit einem anderen Vergleich: wie Sonnenschein nach einen Regenguss. So wuchs eigentlich alles heran bei den beiden Partnern: die Kinder und auch das Haus. Als dann die Jungen mit Lebensgefährten ankamen, waren immer so viele Räumlichkeiten vorhanden, dass diese vorübergehend zu Hause wohnen konnten.

Für einen Umstand hat Rosa bei ihrem Nachsinnen über die Vergangenheit dem Herrgott gedankt. Es gab nie schwere Krankheiten oder Unfälle in der Familie. Bis zu dem verhängnisvollen Tag, von dem es besser gewesen wäre, wenn er nie angebrochen wäre.

Die Zeit bleibt nicht stehen. Sie dreht sich weiter. Stunde um Stunde, Tag um Tag spult sie sich ab, fragt nicht nach dem Ergehen der Menschen und richtet sich nicht nach ihnen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Menschen müssen sich nach ihr richten. Kein Tag dauert länger, auch wenn es manchmal noch so wünschenswert wäre. Ebenso wenig gibt es einen kürzeren Tag, auch wenn er manchmal noch so willkommen wäre. Der Einfluss des Menschen geht nur so weit, dass er die Zeit, über die er verfügen kann, nach seinen Möglichkeiten und vielleicht auch nach seinem Gutdünken nützen kann. Was der Einzelne daraus macht, liegt an vielen Faktoren. Rezept gibt es hierfür keines.

Auch für Rosa gab es keine Anleitung, wie sie ihre Zukunft bewältigen sollte. Jetzt, wo sie plötzlich ohne Partner dastand, wusste sie es wirklich nicht. Es war alles so unwirklich und verschwommen. Noch hatte sie gar nicht die Kraft dazu, Überlegungen darüber anzustellen. Die Wunde war offen, sie musste erst so weit verheilen, dass nur die Narbe blieb. Vorerst erfüllte sie ihre Pflichten, die sich ihr als Hausfrau stellten. Und ging so oft wie möglich zum Grab ihres Mannes, wobei Arthur sie immer begleitete. Er war auch sonst immer in ihrer Nähe, und sie fühlte es geradezu, dass diese treue Hundeseele sie beschützen wollte.

Ganz sachte kam dann wieder etwas Ruhe in ihre Seele und sie spürte, dass der Blumengarten an ihrem Herzen wieder zu blühen begann. Es waren aber andere Blumen, die da sprossen. Rosen der unvergänglichen Liebe, die in der Zeit ihrer Ehe nur ihm gehörten und die sie mit keinem anderen Mann geteilt hatte. Auch Blumen des Nichtvergessens sprossen und solche der Hoffnung auf ein Wiedersehens dereinst. Sie spürte aber auch, dass sie anfangen musste, das Unvermeidliche zu ertragen, so hart es sie auch ankam.

Irgendwann entsann sie sich ihrer Besuche in den Seniorenheimen mit Arthur, dem Partnerhund. Wie viel Freude hatte sie damals den alten Leuten gebracht, wenn sie ihnen Mut zusprach und diese ihren Hund streicheln durften. Damit wollte sie jetzt wieder beginnen. Die Heimleitungen waren froh, als sie ihnen ihr Vorhaben mitteilte, und von den Bewohnern dieser Heime wurde sie mit heller Freude begrüßt. Verschiedentlich kannte man sich noch aus früheren Jahren.

Für Rosa war diese Tätigkeit von großem Wert. Sie konnte diesen Menschen Freude bringen, was ihrer ureigensten Veranlagung entsprach. Zum anderen sah sie dort auch manches Leid. So kam sie zu einer Frau, die schon monatelang im Wachkoma lag. Sie lag mit offenen Augen reglos im Bett und niemand konnte sagen, ob diese Frau von ihrer Umwelt etwas mitbekam. Wäre das der Fall, müsste es für diesen Menschen ganz schrecklich sein. Rosa fielen da die Worte des Arztes ein: „Hätten wir sein Leben erhalten können, hätte er sich auf Grund seiner Verletzungen selbst vielleicht nicht mehr wahrnehmen können.“ Ein solcher Zustand wäre aber wohl das Letzte gewesen, was sie sich für ihren Franz und letztlich auch für sie sich selber hätte wünschen können. Da ertappte sie sich, dass sie ein Dankgebet zum Himmel schickte, dass ihnen dieses Schicksal erspart geblieben ist.

Solche Erlebnisse halfen ihr aber auch, dass sie ihr Los leichter ertrug. Auch anderweitig machte Rosa sich nützlich. Sie arbeitete in Seniorenverbänden, half bei kirchlichen Veranstaltungen mit, und irgendwie machten ihr diese Arbeiten Freude. Sie war unter Menschen, die sie brauchten und es ihr auch dankten. Es waren manchmal Tage, an denen ihre sprichwörtliche Fröhlichkeit wieder da war. Sie begann wieder Fuß zu fassen und spürte den festen Tritt am Boden.

Freilich war jetzt vieles anders, seit sie allein war. Besonders wenn sie allein daheim war, kamen leicht die bitteren Gedanken. Dann ging sie zu ihm, zu seinem Grab. Da konnte sie den Tränen freien Lauf lassen, wenn die Bitterkeit wieder einmal arg daherkam und nicht weichen wollte. Aber auch an diesem Ort stellte sich in ihrem Herzen eine Wandlung ein. Sie versuchte, mit ihrem Franz zu reden. Sie erzählte ihm von ihrer Arbeit in der Gemeinschaft, von ihrem Tun im Haus und im Garten. Ein paar Kaninchen hatte sie sich angeschafft, und als diese Nachwuchs bekamen, ging sie zu ihm und erzählte ihm, wie viel Freude sie mit diesen kleinen Lebewesen habe. Sie ließ ihn einfach teilhaben an allen Abläufen ihres alleinigen Daseins, ganz so, als wäre er noch neben ihr.

So stark war ihre Verbundenheit zu ihm, dass sie einmal in einer Nacht aufwachte und ihr Franz an ihrem Bett stand. Er habe jetzt einen Blumengarten zu pflegen, sagte er. Unwillkürlich wollte Rosa nach ihm greifen, da war er wieder weg. Hatte sie mit offenen Augen geträumt? Oder war es die überaus starke Liebe über den Tod hinaus, dass die Seele ihr dieses Bild vermittelte? Rosa dacht über keine dieser Möglichkeiten nach. Sie sagte schlicht und einfach: „Er war da bei mir, und ich weiß jetzt, dass es ihm drüben gut geht. Dieses Erlebnis trug sicher einiges dazu bei, dass sie immer mehr zu ihren normalen Leben zurückfand, so weit das im Alleinsein überhaupt möglich ist.

Das Frühjahr zog ins Land. Die Natur wachte auf und begann rundum zu grünen und blühen. Rosa bepflanzte das Grab von Franz mit den schönsten Blumen, die sie finden konnte. Aber auch um ihr Haus stellte sie Blumentöpfe mit den verschiedensten blühenden Gewächsen. Es war eine Freude, diese Pracht zu sehen. Es fehlte nur, dass er kam und ihr sagte, wie wunderschön sie alles gemacht hat, hegt und pflegt. Um das alles zu bewerkstelligen, brauchte es aber viel Arbeit und Zeit. Und das war gut so. Die bitteren Gedanken kamen nicht mehr so oft und mehrmals kam echte Freude in ihr auf. Auf diese Weise hatte sie es geschafft, ihrem vordem trostlosen Leben wieder einen Sinn zu geben. Auch auf die Menschen um sie herum konnte sie wieder zugehen, und die kamen auch zu ihr.

Die Zeit geht weiter. Das Trauerjahr, die schlimmste Zeit nach so einer persönlichen Katastrophe nimmt ein Ende. Weitere Jahre kommen und vergehen. Zurück bleibt die Erinnerung und die Art und Weise, wie man mit ihr umgeht. Bleibt sie bestehen, diese Aufbewahrung von Vergangenem in der Seele des betroffenen Menschen ein Leben lang, oder verblasst sie im Laufe der Zeit? Es kommt wohl darauf an, welchen Stellenwert die vergangene Partnerschaft beim Zurückgebliebenen hinterlassen hat. Rosas Erinnerungen waren geprägt von den Jahren mit ihren Mann. Franz hatte von Anbeginn ihres Kennenlernens den ersten und schönsten Platz in ihrem Herzen bekommen, und diesen Ort wollte sie hüten und pflegen, solange sie leben darf. Nie in ihrem Eheleben hätte sie es zugelassen, dass sich irgendwer da eingenistet hätte und Franz diesen Platz hätte teilen müssen. Und so sollte, ja, musste es auch bleiben.

Mit dieser Einstellung zum weiteren Leben und den Aufgaben, die sie sich selbst gestellt hatte, kam auch die innere Ruhe wieder. So wurde sie keine vergrämte Frau, die mit dem Schicksal haderte. Sie blühte auf zu einer gut aussehenden, weisen und reifen Frau mit einer positiven Ausstrahlung, die nicht zu übersehen war. So konnte es auch nicht ausbleiben, dass die Männerwelt sich um sie bemühte. Nur Rosa wollte sich nicht binden. Für eine zweite Partnerschaft war sie nicht bereit. Die vergangenen Geschehnisse waren noch viel zu nahe da. Sie konnte und wollte in ihrem Herzen keinen Platz hergeben für einen anderen Mann. Es kam ihr wie ein Verrat vor an ihren Franz.

Nach einiger Zeit änderte sich dann aber doch etwas. Sie ging mit Arthur, ihrem treuen vierbeinigen Freund spazieren. Da traf sie auf Stefan. Sie kannte ihn aus der Zeit, als ihr Mann noch lebte. Zwischen den beiden Männern hatte sich durch ihre berufliche Tätigkeit eine Art Freundschaft entwickelt. Auch er war vom Schicksal nicht sonderlich gut behandelt worden. So kamen sie unwillkürlich ins Gespräch. Als Stefan sie dann zu einer Tasse Kaffee ins nächste Lokal einlud, ging sie gerne mit. Es ließ sich da so schön über Gott und die Welt plaudern, und als ihr Stefan beim Auseinandergehen vorschlug, wieder einmal ein paar Stunden bei Kuchen und Kaffee zu verbringen, sagte sie nicht nein.

Diese Einkehr wiederholte sich dann öfter. Ab und zu kam ein kleiner Spaziergang entlang des Flusses dazu. Eines Tages merkten dann beide, dass ihnen diese Begegnungen gut taten. So kam es, dass sich beide beim Abschied auf das nächste Wiedersehen freuten. Es stellte sich eine Verbindung ein, die sie erst gar nicht geplant hatten, jetzt aber nicht mehr missen mochten.

Rosa ging in der Zeit noch viel öfter zum Grab von Franz, um ihm zu sagen, was da eben passiert ist. Sie musste es ihm sagen und ihn auch fragen, was er davon hielt. Da glaubte sie, auf dem am Grabstein angebrachten Foto sein Lächeln zu sehen, das er zu seinen Lebzeiten gerne gezeigt hatte, wenn ihm danach zumute war. Auch glaubte sie zu spüren, dass durch die Verbindung mit Stefan das Andenken an Franz nicht geschmälert würde. Es war noch Platz da für den Neuen, ohne die vergangene Zweisamkeit schmälern zu müssen. Es war ja auch anders, dieses Verhältnis in reiferen Jahren. Nicht mehr stürmisch und zuweilen besitzergreifend wie es die Jugend manchmal braucht. Es war eher ein Aufeinanderzugehen, fast möchte man sagen, eine beiderseitige Beschützerrolle, die sich da entwickelte. Einfach ein ruhender Pol, der gut tut, wenn der Alltag wieder einmal mit Dingen daherkam, die man lieber nicht hören oder sehen wollte.

In weiterer Folge ging Stefan auch mit Rosa mit zum Grab vom Franz. Er sah, mit welcher Liebe sie diese Stätte pflegte, wie sie die Blumen setzte und betreute, und nie kam es ihm in den Sinn, dass er sich zurückgesetzt fühlen müsste. Franz war ihr erster Mann, mit dem hatte sie fast ein halbes Menschenleben zusammen gelebt. Mitsammen hatten sie die Familie gegründet, das Haus gebaut. Sie haben ihre Kinder zu tüchtigen Menschen erzogen und ihnen geholfen, als diese anfingen, sich selbständig zu machen und ihr eigenes Leben aufzubauen. Das war eine Partnerschaft, die von niemandem gestört werden durfte. Stefan hatte das gleich gespürt, und er akzeptierte und respektierte das auch.

Es kamen trotzdem schöne Zeiten, die sie gemeinsam erleben konnten. Sie machten kleine Reisen, besuchten Veranstaltungen oder wurden von ihren Familien eingeladen. Ganz frei verfügen über ihre Zeit konnte Rosa dann aber doch nicht. Das Rad der Zeit drehte sich weiter. Es kamen die Enkerl zur Welt und gar manches Mal wurde sie als Babysitterin gebraucht. Sie tat das gern. Als Oma hat man ja für die Kinder mehr Zeit als für die eigenen, als diese noch klein waren.

Besonders stolz war sie, als sie nach langen Jahren Uroma werden durfte. Weil auch ihre Mutter noch lebt (die jetzt Ururoma geworden ist) standen vier Generationen am Taufaltar. Ein Freudenfest, das sie wohl nie vergessen wird. Es wäre aber nicht Rosa, hätte sie dabei nicht an den Menschen gedacht, mit dem sie den Grundstein für diese Entwicklung geschaffen hat.

Bei solchen Anlässen spürt man auch, daß die Zeit niemals still steht. Das Leben geht weiter. Oft kommt es darauf an, wie man dieses Dasein gestalten kann. Es verläuft nicht immer so, wie wir Menschen es vorausplanen. Das muss jeder Mensch erfahren. Das Schicksal bremst manchmal den Weg oder leitet dich um auf ein anderes Geleise, das in eine andere Richtung führt. Es muss aber nicht immer Not oder Verzweiflung sein, wohin eine neue Strecke führt. Auch schönes Land liegt zuweilen an dieser Spur, das uns glücklich macht und Lebensfreude spendet. Mit zunehmendem Alter, wenn der Arbeitsprozess uns nicht mehr unsere Zeit abverlangt, sieht man diese Dinge eher. Man wird auch dankbarer für alle schönen Erlebnisse, die uns das Schicksal gewährt, und seien sie noch so klein.

Ich habe diese Geschichte niedergeschrieben, weil sie sehr viel Wahrheit beinhaltet. Ob sie je einmal wer liest? Die heutige Gesellschaft will Reißerisches, Sexuelles, Sensationelles haben. All diese Dinge werden hier vermisst. Es ist dies vielmehr die Geschichte einer Frau, die in einer Zeit aufgewachsen ist, in der die Lebensweise karg und knapp war. Sie und ihr Mann haben aus dem Nichts heraus das geschaffen, was ich kurz beschrieben habe. Das war nur machbar mit Fleiß, Eifer und gegenseitigem Vertrauen. Als es dann wirtschaftlich um sie herum leichter wurde, schlug das Schicksal auf grausame Art zu. Und da zeigte sich der starke Charakter dieser Frau. Auch ohne jeden Seelendoktor hat sie es geschafft, ins normale Leben zurückzukommen, weil sie den Glauben nicht verloren hat. Den Glauben an den, der über uns steht, wenn wir ihn auch nicht immer begreifen können. Dann waren da die Familien ihrer Kinder, die ihr Halt gaben. Es konnte aber auch nur deshalb sein, weil sie im Elternhaus eine gute Erziehung erlebt hatten.

Ich achte sie als einen Menschen, der vorbildhaft gehandelt hat.

Informationen zum Artikel:

Ein Tag wie jeder andere

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im November 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau
  • Zeit: 1980er Jahre, 1990er Jahre, 2000er Jahre

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