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Teenagerjahre - Schönes und Schauriges

von Gabriele Stöckl

Am Gymnasium in Wien, das ich von 1954 bis 1958 besuchte, durften wir lange Hosen tragen, obwohl noch wenige Mitschülerinnen davon Gebrauch machten. In Amstetten (1958–1960) war dies vom Direktor aus verboten. Im Winter Schihosen waren erlaubt. So trug ich meine erste Jean in der Freizeit. Während es in Wien ein Mädchen-Gymnasium und eine Frauenoberschule war, war das Gymnasium auf dem Land „gemischt“. Der Anteil an Buben war größer. Wir mussten mit Bus und Bahn in die nächstkleinere Stadt fahren.

Noch in Wien bekam ich einen „Petticoat“, das heißt, Mutti ging mit mir einkaufen. Dieser Petticoat (wie auch das/der „Babydoll“) war ja schon unter den Mädchen im Gespräch. Endlich durfte ich mich zu den Besitzerinnen zählen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich mir im Geschäft diesen weißen Unterrock aus Nylon aussuchte. Er hatte zwei Stufen, am unteren Rand je eine breite Spitze. Er kostete 100 Schilling, damals nicht wenig. Zu Hause wollte ich das begehrte Stück nochmals probieren. Ich schlüpfte durch den Gummizug hinein, drehte mich wie ein Pfau vor dem Spiegel … Und beim Ausziehen passierte es dann: Ich blieb irgendwie mit dem Fuß hängen – ratsch hatte das dünne Gebilde einen langen Riss. Ich hätte heulen können. Natürlich musste ich den zerrissenen Petticoat behalten. Mutti nähte den Riss so gut es ging zusammen.

1957 wurde „Die unentschuldigte Stunde“ mit Adrian Hoven und Erika Remberg gedreht. Unsere Schule in Wien war angeschrieben worden, bei der Schluss-Szene des Filmes mitzumachen. Wir mussten in unserem Merkheft unterschreiben lassen, ob wir am Drehtag anwesend sein dürfen. Ich durfte. Wir wurden mit Bussen abgeholt, bekamen ein Lunchpaket, und man brachte uns zum Theresianum, wo im Hof die letzte Szene gedreht wurde. Wir wurden platziert und hatten den drei Darstellern, die schwungvoll die Treppe herunterkamen, zuzujubeln. Ein sehr hübsches Mädchen unserer Klasse hatte sich besonders herausgeputzt, da sie dachte, für den Film entdeckt zu werden. Mich freute nur, Adrian Hoven, den ich gerne mochte, live, wenn auch sehr entfernt, zu sehen. Die Szene wurde unterbrochen, da just beim Dreh ein Flugzeug drüberflog und unser Jubelgeschrei noch übertönte. Die Musik zu dem Film hat Heinz Sandauer (er war mit meinem Vater beim Bundesheer) geschrieben.

1958 war ich zu meinen Eltern und meinem Bruder nach Ybbs gekommen. Da wurde es Mode – damit der Unterrock noch mehr wippte –, zusätzlich ein flaches Plastikband am unteren Ende einzunähen. Auch ich wollte es haben, obwohl ich noch in keine Tanzschule ging. Aber es sah toll aus. Dazu die breiten Gürtel, die man an der Rückseite schloss. Leider hatte ich nicht die Wespentaille und Mutti schimpfte immer, ich solle mich nicht wie eine Leberwurst abschnüren.

In diesem Outfit wollte ich mit einer Freundin und ihrer Mutter das Ybbser Kirlfest besuchen. Apropos Kirlfest: Es war in den 50er Jahren das größte Sommer-Openair-Fest Niederösterreichs, veranstaltet vom ASK Ybbs. Es waren bekannte „Größen“ aus Funk und Fernsehen anwesend. Es machten z.B. Maxi Böhm, Max Lustig oder Heinz Conrads die Conference. Es spielte das Tanzorchester Max Greger oder das Rundfunkorchester Kurt Friedrich auf der Tanzfläche über dem Teich.

Es sangen unter anderem Peter Hinnen, Gus Backus, Udo Jürgens. Hannelore Auer stand auf der Bühne. Es wurde eine „Miss Kirl“ gewählt. Dafür hatte sich einmal sogar die „Miss Persien“ beworben. Leider war die Veranstaltung wetterabhängig. Als dann die fixe Bühne überdacht war, gab es ab ca. 1963 kein Kirlfest mehr.

mehrere junge Mädchen/Frauen, sitzend, in knielangen Kleidern bei Misswahl
Misswahl am Ybbser Kirlfest 1960

Das Leben war ganz schön, aber nun mit den pubertären Schwierigkeiten bei Eltern und in der Schule verbunden. Dazu kam die Liebe. Wenn ich zum Wochenende bei meiner Kusine war, hatte ich schon mit ihr „Tanzmusik auf Bestellung“ hören dürfen. Man schmolz bei den Schlagern dahin. Cornelia Froboess sang nicht mehr „Pack die Badehose ein …“, sondern als Conny „Wenn Teenager träumen …“ Träumte man nicht auch schon, „große Dame“ zu sein? Oder „… es küsst sie ein Mann?“ Conny Francis sang „Mit 17 hat man noch Träume …“ oder „Die Liebe ist ein seltsames Spiel …“ Ivo Robic meinte: „Mit 17 fängt das Leben erst an“ und Udo Jürgens „17 Jahr, blondes Haar …“ Kein Wunder, man wünschte sich sehnlichst, 17 zu sein.

Meine Kusine zeigte mir mit ihrer Freundin schon den neuesten Tanz aus Amerika – mitten auf der Straße in ihrer Siedlung. Sie sangen: „Auf der schwarzen Erde, da tänzeln die Pferde, wenn sie ihren Hufschmied hör´n, Jim unterm Lindenbaum. Wenn die Eisen glühen und die Funken sprühen …“ Es war eine beschwingte Melodie, und sie tanzten wippend und Hüfte schwingend auf dem Asphalt. Sie stießen sich mit den Händen voneinander ab, drehten sich jede für sich … Das war kein Charleston, wie mir Mutti gezeigt hatte, was sie in der Jugend getanzt hatten und auch kein Walzer. Musik und Bands wurden dann zum Schrecken unserer Eltern noch viel „wilder“.

Abbildung einer Schülerkarte für Tanzschulzutritt

In Ybbs durfte ich dann endlich die Tanzschule Mühlsigl besuchen. Das Ehepaar kam einmal in der Woche aus Wien nach Ybbs und gab im Saal eines Gasthauses Tanzunterricht. Zum Abschluss kam auch ihr Sohn Klaus (Opernball), mit dem ich einen Rock´n´Roll aufs Parkett legen durfte. Mein Mann hatte damals die Tanzschule bereits besucht.

Was wir in unseren Teenagerjahren als Schnulzen empfanden, waren die Lieder, die in der sogenannten „Erbschleicher-Sendung“ gespielt wurden und in denen die Rehlein im Walde etc. vorkamen.

„Im grünen Wald, dort wo die Rehlein grasen …“, „Lieserl, kumm her, ´s Wieserl is leer …“, „Wenn in Großmutters Stübchen ganz leise …“, „Ich möcht gern dei Herz klopfen hör´n …“, „Auf der Großmutter ihr´n Kaffeehäferl …“, „Wenn abends die Heide träumt …“, „Auf der Heide blüh´n die letzten Rosen (oder blüht die letzte Rose?) …“, „Waldesruhuhu“, um einige zu nennen. Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel machten immer den Versuch, uns dafür zu begeistern.

Schaurig für uns Teenager. Wir hörten lieber Conny und Peter, wenn sie im Dialog „Sag mir, was du denkst …“ sangen. Mit diesem Text konnten wir uns besser identifizieren.

Freilich ging ich als Kind mit den Erwachsenen in Filme wie „Barry“, mit einem Bernhardiner Hund; „Der Sonnblick ruft“, „Pünktchen und Anton“, „Das fliegende Klassenzimmer“ habe ich gerne gesehen, denn ich mochte auch die Bücher von Erich Kästner, „Der Dieb von Bagdad“, „Prinz Eisenherz“ sowie die Zeichentrickfilme „Bambi“, „Pinocchio“, „Schneewittchen“, „Peter Pan“, danach in die Naturfilme „Die Wüste lebt“, oder Unterwasserfilme von Hans Hass.

Es kamen Filme mit Romy Schneider wie „Scampolo“, „Monpti“, „Robinson darf nicht sterben“ (ich schwärmte auch für Horst Buchholz), „Lili“ (mit Leslie Caron und Mel Ferrer), auch mochte ich Catherine Hepburn. „Der Regenmacher“ mit ihr und Burt Lancaster war der erste Film, den ich mir mit Eltern anschauen durfte, obwohl der Film ab 16 Jahren zugelassen und ich war erst 15. Ich spüre heute noch, wie aufgeregt ich war, ob man mich hineinlassen wird? Filme mit Sophia Loren und Gina Lollobrigida waren für mein Alter noch nicht frei. Meine Kusine schwärmte für James Dean, und ich litt mit ihr, als er verunglückte.

In der Kunstschulzeit schauten wir uns Ingmar-Bergman-Filme an wie „Das siebente Siegel“ oder „Wilde Erdbeeren“, aber auch Krimis wie „Psycho“ von Alfred Hitchcock.

Kino war auch eine Gelegenheit, mich mit meinem Mann zu treffen, den ich mit knapp 16 kennen lernte. Wir gingen in Edgar-Wallace-Filme, die damals „in“ waren, aber auch in Antikriegsfilme, wie „Hunde, wollt ihr ewig leben?“

Programmheft des Kirlfests 1952

Programmheft des Kirlfests 1952

Informationen zum Artikel:

Teenagerjahre - Schönes und Schauriges

Verfasst von Gabriele Stöckl

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Niederösterreich, Mostviertel, Amstetten, Ybbs
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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