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Besuch bei den Großeltern

von Hildegard Wüntschüttl

Im Jahr 1944 wollte meine Mutter mit meiner um ein Jahr jüngeren Schwester und mir die Großeltern in Groß-Enzersdorf besuchen, im damaligen 22. Bezirk von Wien. Noch vor unserer Abreise aus Unterstinkenbrunn bei Laa an der Thaya, wo wir bei den Eltern meiner Mutter wohnten, und zwar seit dem Jahr 1943, erfuhren wir, dass Großvater dienstverpflichtet wurde. Für die Kriegsfront war er zu alt, doch er musste in einem Bunker am Floridsdorfer Spitz Dienst machen.

Meine Mutter wollte unbedingt mit uns Kindern auch Großvater besuchen, bevor wir nach Groß-Enzersdorf weiterfuhren. Er wusste von unserem Besuch und freute sich, uns zu sehen. Der Bunker war fensterlos, aber es brannte Licht. Nach der Umarmung schenkte Großvater meiner Schwester und mir eine kleine, grüne Schachtel mit Zuckerln.

Und plötzlich heulten furchtbar laut die Sirenen. Ich wusste, das bedeutet Fliegeralarm. Viele Erwachsene und Kinder kamen mit großen Taschen gelaufen, um hier Schutz zu suchen. Großvater sagte zu uns: „Es tut mir leid, jetzt müssen wir in den Luftschutzkeller und noch tiefer hinuntergehen.“ Großvater trug den Koffer.

Ich hatte furchtbare Angst, als wir nach unten stiegen. Die vielen Menschen drängten, sie wollten einen guten Platz im Keller. Als wir schon längst im Keller waren, kamen keuchend noch viele Leute. Wir hielten uns an den Händen, meine Schwester hielt die Hand meiner Mutter und ich die von Großvater, seine Hand war riesig. Ich dachte mir: „Wär ich nur bei der Großmutter zuhause geblieben." In diesem so hässlichen, fensterlosen Bunker fühlte ich mich wie ein eingesperrter Vogel.

Nach der Entwarnung heulten die Sirenen anders, Großvater sagte zu meiner Mutter: „Ich bin so froh, Maria, dass du nicht mehr mit den Kindern im 2. Bezirk wohnst, sondern bei deinen Eltern in Unterstinkenbrunn.“

Mama drängte zum Aufbruch und meinte: „Wir haben noch eine lange Fahrt vor uns bis nach Groß-Enzersdorf, und hoffentlich kommen wir gut zur Großmutter. „Wir verabschiedeten uns von Großvater. Er drückte mich an sich, als ob er mich nicht hergeben wollte, er hatte Tränen in den Augen und sagte: „Behüt euch Gott, bis wir uns wiedersehen!“ Erst nach dem Krieg sah ich meinen Großvater wieder. Er besuchte uns im Herbst 1945 im Weinviertel und reparierte unseren Stadl, er war ja ein Zimmermann.

Mit der Straßenbahn führen wir dann bis Aspern, wo wir den nächsten Fliegeralarm erlebten, den ich noch furchtbarer empfand. Die Sirenen heulten besonders laut. Wir mussten aus der überfüllten Straßenbahn aussteigen. Ich hör noch heut die Schaffnerin immer wieder rufen: „Schnell, schnell, wir haben keine Zeit!“

Mama schleppte den Koffer, die Schaffnerin half ihr beim Aussteigen. Ich hüpfte allein aus der Straßenbahn, Mama hob Grete nach unten. Danach rannten wir hinter den anderen Fahrgästen nach in ein Haus, das einen Keller hatte; er war nicht tief unten und hatte ganz kleine Fenster.

Wir wurden richtig in den Keller gepfercht, gestoßen. Ich konnte nicht umfallen, hatte keinen Platz, konnte kaum atmen durch diese Enge. Mama wurde von mir weggestoßen, ich spürte sie nicht und hatte Angst. Es war so laut, nachdem in der Nähe eine Bombe einschlug.

Als die Sirenen wieder heulten, durften wir aus dem Keller, nachdem ein Mann in den Keller rief: „Die Flieger san furt, wir haum a Glück ghobt, dass ma ned troffn san wurn."

Auf der Straße war es staubig, wir husteten alle. Wir stiegen in die verstaubte Straßenbahn, die Fenster waren zersplittert. Die Schaffnerin sagte: „In der Nähe vom Flughafen hat a Bombn in a Haus eingschlagen, wir haum Glück ghobt." Hustend und völlig verstaubt fuhren wir weiter.

Und endlich kamen wir bei Großmutter in Groß-Enzersdorf an. Großmutter sagte: „Ich war im Keller und hab an euch dacht, wo ihr seids.“ Wir weinten und weinten, und ich sagte immer nur: „I mecht ham zur Großmutta.“ Großmutter nahm mich in die Arme und sagte: „I kann di vastehn, des woa heit zu viel in so ana kurzen Zeit, gleich zwa Bombenangriffe zu erlebn."

zwei Mädchen mit großen weißen Maschen im Haar vor kahler Hausmauer mit drei Fenstern
Vor dem Wohnhaus der Großeltern in Groß-Enzersdorf (1944)

Nur drei Tage blieben wir bei Großmutter, wir wollten eigentlich eine Woche bleiben. Die meiste Zeit verbrachten wir auch im Haus der Großeltern im Keller. Der Flughafen Aspern war ja nicht weit von uns entfernt, Luftlinie vielleicht sechs Kilometer.

Der Keller war für uns direkt gemütlich, mit Betten aus Holz, die Großvater selbst gezimmert hatte. Auch Polster und Decken gab’s hier. Manches Mal kamen auch Leute aus der Nachbarschaft, die keine eigenen Keller hatten. Wie freute ich mich, als Mama sagte: „Wir foahn endlich ham.“

Großmutter umarmte und küsste uns, wir weinten. Mama sagte: „Mit den Kindern komm ich nicht mehr nach Wien.“ Mit der Straßenbahn und danach mit der Bahn fuhren wir nach Laa an der Thaya. Mama hoffte, es wäre ein Pferdefuhrwerk aus Unterstinkenbrunn am Bahnhof, um jemanden abzuholen. Wir hatten Pech, kein Fuhrwerk aus unserem Dorf war am Bahnhof.

Da wir früher nach Hause fuhren und Mama ihren Vater nicht verständigen konnte, dass wir schon nach ein paar Tagen nach Hause kämen, gingen wir zu Fuß diese langen sieben Kilometer einer hügeligen Straße. Mama trug den Koffer und größtenteils auch meine vierjährige, heulende Schwester. Ich ging diese Strecke allein, meine Füße taten weh. Auf der ganzen langen Strecke begegneten wir keinem Fuhrwerk, das uns hätte mitnehmen können.

Als ich den Kirchturm vom Dorf immer näher kommen sah, weinte ich vor Freude. Mama weinte auch, sie sagte: „Jetzt samma boid z’ Haus." Die Großeltern waren natürlich erstaunt über unser Kommen. Großmutter machte uns ein Fußbad. Unsere Füße waren voller Blasen. Nach diesem Besuch bei den Großeltern fuhr Mama vor dem Kriegsende nur noch einmal mit dem Zug nach Wien. Und ich hatte Angst um sie, wegen der Bomben. Denn immer wieder wurde im Dorf von Leuten gesprochen, die aus dem Dorf stammten, in Wien lebten und ihr ganzes Hab und Gut bei Bombenangriffen verloren hatten, und einige sogar ihr Leben.

Informationen zum Artikel:

Besuch bei den Großeltern

Verfasst von Hildegard Wüntschüttl

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 21. Bezirk / Niederösterreich, Wien-Umgebung, Groß-Enzersdorf
  • Zeit: 1940er Jahre

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