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Lehrjahre sind keine Herrenjahre

von Helmut Krcal

"Lehrjahre sind keine Herrenjahre." Diesen Spruch meines Onkels (Vater hatte ich keinen, der ist in der Kriegsgefangenschaft gestorben) hatte ich beim Antritt meiner Feinmechanikerlehre im Jahr 1956 im Sinn und war als 14-Jähriger fest entschlossen, mich daran zu halten. Nur, die Wirklichkeit sah anders aus.

Vorausschicken möchte ich, dass diese Firma in punkto Ausbildung einen guten Ruf hatte, nur wusste ich dies damals noch nicht beziehungsweise wusste ich dies erst ab der Berufsschule zu schätzen. Denn in der praktischen Ausbildung in der Lehrwerkstatt, stellte sich heraus, dass nicht viele die gleiche Möglichkeit wie ich hatten, an Maschinen zu arbeiten.

Ich trat meine Lehre zu einer Zeit an, als Jugendschutzbestimmungen noch sehr kleingeschrieben wurden. Die Normalarbeitszeit für Erwachsene betrug 48 Stunden in der Woche, für Lehrlinge waren 44 Stunden vorgesehen.

Es gab ca. zehn Gesellen (Facharbeiter), einen Werkstätten-Meister, den Chef, seinen Schwiegersohn und zwei Kompagnons. Je nach Jahrgang waren wir zwischen 12 und 19 Lehrlinge.

Als Lehrlinge hatten wir 1,5 Stunden Mittagspause, damit wir anschließend, wenn die Arbeit der Gesellen beendet war, noch die Werkstätte sauber machen konnten. Es ging sich aber nie mit der 44 Stundenwoche aus, denn freitags hatten wir Großputz, und der dauerte bis mindestens 19 Uhr, je nach Laune des Werkstättenmeisters manchmal auch länger.

Ab und zu gab es auch „Kopfstücke“ seitens des Chefs, die mich aber weniger störten, denn dies war ich schon gewohnt von einem 14-tägigen Intermezzo als Verkäufer in einem Teppich- und Vorhanggeschäft.

Was mich mehr störte, war, dass vor dem Winter Koks zum Heizen angeliefert wurde, und den mussten wir Lehrlinge im Keller mit Mistgabeln verteilen, fast bis in die Höhe der Lampen, die an der Decke angebracht waren. Das sah so aus, dass wir, wenn der Keller schon sehr voll war, am Bauch kriechend den Koks verteilten.

Ich machte meinen Chef darauf aufmerksam, dass diese Art der Hilfsarbeit nichts mit den Lehrzielen zu tun hätte. Darüber hinaus beschwerte ich mich damals bei der Gewerkschaft.

Ein andermal hatte ich mir an einen Sonntag im Gänsehäufel den Fuß verstaucht, so dass ich nicht auftreten konnte, und ging deswegen in den Krankenstand. Wieder in der Firma, weigerte sich der Chef, für die Zeit des Krankenstands den Lohn zu bezahlen, mit der Bemerkung, das wäre mutwillig gewesen, und da müsste er kein Entgelt leisten.

Ich versuchte ihm gut zuzureden mit dem Hinweis, dass ihm die 50 Schilling nicht weh tun würden, mir aber schon, denn mit der Lehrlingsentschädigung (ÖS 34, - in der Woche) würde ich mich selbst einkleiden. Erst mit dem Hinweis, dass er gesetzlich dazu verpflichtet wäre und ich bei einer Weigerung mich gezwungen sehe, mich wieder bei der Gewerkschaft zu beschweren, gab er nach.

Dies alles hatte mich aber nicht sehr aus der Fassung gebracht. Erst die Verleumdung durch den Schwiegersohn des Chefs bei meiner Mutter, zeigte mir, dass auch die Vorgesetzten nicht alle Rechte haben. Wie kam es dazu?

Beim Maschinenputzen war mir durch Unachtsamkeit ein kleines Malheur passiert. Von einem Maschinenschraubstock war mir der Hebel zum Schließen (der aus Gusseisen besteht) abgebrochen und um die Ohren geflogen. Im Grunde keine große Sache, man konnte das abgebrochene Stück wieder anschweißen.

Infolgedessen verlangte der Schwiegersohn vom Chef, dass meine Mutter in die Firma kommen sollte. Meine Mutter musste sich daraufhin freinehmen, eine Hin- u. Rückfahrkarte für die Wiener Linien besorgen, denn eine Netzkarte so wie heute gab es damals noch nicht. Das Ganze war also mit Extrakosten verbunden.

Als ich dann nach Hause kam, setzte es einmal Ohrfeigen seitens meiner Mutter, mit der Bemerkung was ich doch für schlimmes Kind wäre, und was ich alles anstellen und kaputt machen würde. Ich war natürlich erstaunt, denn der abgebrochene Hebel war meine einzige Untat, und die hatte ich auch nicht verheimlicht. Zum Glück glaubte mir meine Mutter, denn ich stand immer für meine “Untaten“ ein. Sie meinte dann, Wenn sie noch einmal aufgefordert würde, in die Firma zu kommen, würde sie das ablehnen, denn das wäre mit zu viel Umständen und Unkosten wegen nichts und wieder nichts verbunden.

Ab diesem Zeitpunkt sah ich schon rot, wenn der Schwiegersohn seine Kontrollrunden durch die Werkstatt machte. Ein weiteres Ereignis bewog mich dann dazu, mich nach erfolgreichem Lehrabschluss nach einer anderen Firma umzusehen, denn nach meinem damaligen Auftritt wusste ich, dass ich in dieser Firma keine Chance hatte.

Es begann damit, dass ich an einem Morgen (noch als Lehrling) bei Betreten der Firma vergaß, meine Anwesenheit durch Stempeln zu dokumentieren. Es konnten natürlich alle (einschließlich des Werkstätten-Meisters) bezeugen, dass ich anwesend war. Aber am darauf folgenden Freitag bei der Lohnauszahlung fehlten mir von der Lehrlingsentschädigung (die wahrlich nicht üppig war) 1,50 Schilling. Das war auch damals vom Betrag her nicht die Welt, aber mir gings ums Prinzip.

Ich fragte die Buchhalterin, die die Auszahlung vornahm, wieso. Sie meinte spitz: "Ja, du hast nicht gestempelt, und dafür wird dir das abgezogen." Ich daraufhin wieder zum Chef, dem ich klarmachte, dass ich erstens, anwesend war und zweitens, er mir von der Lehrlingsentschädigung als Strafe nichts abziehen dürfe.

Nach längerem Hin und Her sagte er, ich solle zu Fr. Maria, der Buchhalterin, gehen und mir die ÖS 1,50 auszahlen lassen. Ihr Kommentar: "Jetzt mache ich den Safe nimmer auf, du kriegst das Geld nächsten Freitag bei der Auszahlung." War mir auch recht.

Der nächste Freitag kam, aber die ÖS 1,50 waren nicht dabei. Ich wieder zum Chef. Der meinte, die Fr. Maria solle mir den besagten Geldbetrag sofort geben. Es begann das gleiche Spiel, der Safe sei schon geschlossen, ich solle mir Montag früh das Geld holen.

Am Montag früh wiederum meinte sie, der Safe sei noch nicht offen.

Jetzt wurde es mir zu bunt. Ich sagte zu ihr: "Ich komme mittags mein Geld holen, und wenn Sie es mir nicht geben, dann setzt es etwas." Ich hatte aber vor, mir erst beim Nachhausegehen das Geld zu holen.

Daraufhin wurde ich vor dem Mittagessen ins Büro vom Schwiegersohn des Chefs gerufen, der mich fragte, was ich mir eigentlich einbilde, der Fr. Maria ein Ultimatum zu stellen. Ich sagte ihm, dass ich dreimal höflichst um Auszahlung gebeten hatte und immer mit fadenscheinigen Ausreden hingehalten wurde.

In der Zwischenzeit kam besagte Fr. Maria aus dem angrenzenden Büro und redete wie ein Wasserfall immer dazwischen, was mich veranlasste zu bemerken, sie sei weder von mir noch vom Schwiegersohn des Chefs gerufen worden und sie solle sich wieder in ihr Büro zurückziehen.

Nach einigen Schrecksekunden und dem Rückzug der Fr. Maria sagte der Schwiegersohn zu mir, die ÖS 1,50 würde ich bekommen, aber den Betrag müsste sich meine Mutter holen. Daraufhin rechnete ich ihm vor, was dies kosten würde, da meine Mutter sich wieder freinehmen, einen Straßenbahnfahrschein lösen müsste, und außerdem ließe meine Mutter ihm ausrichten, sie käme nicht mehr.

Schließlich sagte ich ihm, ich schenke ihm die ÖS 1,50 für seine Autoreparatur. Er hatte nämlich zwei Tage zuvor einen Autounfall verschuldet. Damit drehte ich mich um und ging.

Ergebnis: 1 Stunde später bekam ich meine ÖS 1,50.

Konsequenzen für mich gab es interessanterweise keine, und die Lehre die ich daraus zog: Man muss sich schon frühzeitig für seine Rechte zu wehren wissen.

Informationen zum Artikel:

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Verfasst von Helmut Krcal

Auf MSG publiziert im März 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Eine Erinnerung an Zeiten, wo man froh war eine Lehrstelle zu finden. Das ist noch nicht so lange her, aber 10-15 Jahre später hätte sich die Jugend dies nicht vorstellen können - da warb man mit Sonderangeboten um Lehrlinge. Heute sind wir aber fast wieder dort angelangt, denn mit wenigen Ausnahmen ist die Wirtschaft nicht mehr bereit Facharbeiter selbst auszubilden.

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