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Das Glück auf dem Soziussitz

von Gabriele Stöckl

Nach Beendigung der Volksschule machte mein Vater mit mir in den Ferien 1954 – zur Belohnung für mein gutes Zeugnis und die bestandene Aufnahmeprüfung ins Gymnasium – auf dem Motorrad eine Drei-Bundesländer-Tour. Ab ging es von Kärnten (Lavamünd) nach Mallnitz, wo wir nächtigten. Bei schönem Wetter fuhren wir am nächsten Morgen weiter nach Heiligenblut. Man beachte meine Motorradkleidung!

Zehnjähriges Mädchen neben Motorrad vor Großglocknerkulisse

zehnjähriges Mädchen an Straßenmauer gelehnt vor Ortskulisse von Heiligenblut

Über die Großglockner-Hochalpenstraße, die sich in herrlichen Serpentinen in die Höhe windet, kamen wir zum Karl-Volkerthaus, in dem wir Quartier nahmen. Da es noch hell war, kraxelten wir hinter dem Haus ein Stück den Hang hinauf, setzten uns auf einen mit Gras bewachsenen Stein und Vati erzählte mir vom Bergsteigen. Auf der Wiese blühten Kohlröserl, Mehlprimeln, und was entdeckten wir noch? – Edelweiß! Aber ein wenig schwer zu erreichen. Vati sagte mir, dass all diese Alpenblumen unter Naturschutz stehen, doch für mich würde er ein paar pflücken. Ich spüre heute noch das Gefühl, das ich hatte, da Vati eine „Straftat“ beging. Er holte mir auch ein paar Edelweiß herunter. Gepresst klebte er mir die Blumen in das Album.

Am nächsten Morgen wieder strahlender Sonnenschein. Vom Fenster aus hatten wir einen herrlichen Blick auf den höchsten Berg Österreichs, den Großglockner. Nach dem Frühstück stiegenVati und ich zur Pasterze hinab. Mir war ein wenig mulmig dabei. Der Johannisberg leuchtete in reinem Weiß, während die Pasterze schon damals schmutzig aussah. Wir überquerten das Gletscherfeld und Vati zeigte mir einen Gletschertisch. Was die Natur doch für „Möbel“ gestaltet! Er warnte mich vor den Gletscherspalten, vor allem den „Brücken“ aus Schnee, die über Spalten liegen und einbrechen können. Was bekam ich für einen Schreck, wie ich plötzlich merkte, dass Vati auf einer solchen „Brücke“ stand! Es war kaum wer unterwegs. Wir blieben noch eine Weile auf dem Gletscherfeld und schließlich konnte er doch jemanden bitten, mit der Rolleiflex ein Foto von uns beiden zu machen. Da stand der Vater mit seiner nun zehnjährigen Tochter vor dem majestätischen Berg und dachte gewiss an 1944, als er sich im August – sie war ein halbes Jahr alt –, ganz allein auf dem Gipfel des Großglockners befand.

zehnjähriges Mädchen auf Felsvorsprung

In der Erinnerung an den Glockner fuhren wir zu den Salzachöfen und gelangten nach Hallein, mit Besichtigung des Salzbergwerks. Weiter ging es in die Stadt Salzburg, wo wir im Naturfreunde-Haus auf dem Bürgerwehrsöller schliefen.

Nach dem Frühstück erzählte Vati der Frau, die das Haus verwaltete, vom Großglockner und dass er, wenn ich zwölf bin, mit mir auf den Gipfel steigen werde. „Ja“, sagte die Frau, „in dem Alter hat mein Vater auch mit mir diese Bergtour gemacht. War schon anstrengend. Immer, wenn ich nicht mehr weitergehen wollte, drohte er mir, mich über den Fels hinauszuhängen!“ Ich sehe und höre es noch genau, wie sich Vati zu mir wandte, mit der Hand auf mich zeigte und sagte: „Siehsd´, das mach ich mit dir auch!“ Aus einer gemeinsamen Glockner-Besteigung ist nie etwas geworden…Schade.

Informationen zum Artikel:

Das Glück auf dem Soziussitz

Verfasst von Gabriele Stöckl

Auf MSG publiziert im März 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Großglockner; Hallein / Kärnten, Oberkärnten, Großglockner, Heiligenblut
  • Zeit: 1950er Jahre

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