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Mädchen sind doch anders

von Manfred Schikowitz

Es war schön, ich war verliebt. In ein Mädchen, welches in die parallele Mädchenklasse ging und gleich zwei Eingänge neben mir wohnte. Inge, meine heiß geliebte. Aber wie sollte ich es zeigen? Ich hatte nicht den Mut, es ihr in irgendeiner Art mitzuteilen, waren wir doch nicht einmal ganze zehn Jahre alt. So zog ich den 'Schani' ins Vertrauen und wir besprachen einige in unserer Fantasie ausgemalten Situationen durch. Von im Knien vorgetragenen Liebeserklärungen mit roter Rose, bis hin zu Liebesbriefen, kamen alle Varianten vor.

Schlussendlich entschloss ich mich zu einem Brief, den ich aber nie überreichte und in meinem Kasten bei den Spielsachen aufbewahrte. Eines Tages kam er durch meine Mutter aber doch ans Licht und trug so zumindest zur Erheiterung Inges und meiner Eltern bei. Nachdem ich sie des Öfteren beim Federballspielen mit ihren Freundinnen beobachtete, in dem Glauben sie müsste meine Zuneigung doch spüren und mich dazu einladen, fasste ich mir eines Tages das Herz, um zu fragen, ob ich auch mitspielen dürfte. Natürlich kein Problem, aber da ich der einzige Junge unter den Mädchen war, handelte ich mir vom 'Motschka' den Spitznamen 'Mentschi' ein.

Jedes Jahr zu Peter und Paul, fand, so wie auch heute noch, am Petersberg ein Kirtag statt. Der Peterskirtag. Ich war noch keine fünfzehn Jahre alt, fuhr aber schon mit dem Moped meiner Mutter durch die Gegend. So auch an diesem Tag, um den Kirtag zu besuchen. Gerade durch die Siedlung III fahrend sah ich ´Sie`, meine unerreichte und heiß geliebte Inge. Im zartorangen Schnürlsamtkostüm, schwebend wie eine Elfe, auf dem Weg Richtung Ternitz. Ich blieb stehen und fragte, ob sie mit mir auf den Petersberg mitfahren wolle. Ihre bejahende Antwort ließ mir kalte und heiße Schauer über den Rücken laufen. Sie nahm am Gepäcksträger Platz und auf ging es Richtung Kirtag.

Nachdem ich mein Moped geparkt hatte, schlang ich 'meiner Inge' den rechten Arm um den Nacken, bis zur rechten Schulter. Aus der Handinnenfläche ihr Kostüm an der Schulter durchschwitzend, spazierten wir die Schaubuden entlang, nur unterbrochen durch eine Fahrt mit dem Ringelspiel oder Autodrom. Sie erzählte mir immer wieder von „ihrem Gatten Helmut“, einem der Älteren, aus den Häuserreihen hinter dem SPÖ-Heim. Ihre jugendliche Schwärmerei drang zwar an meine Ohren, aber der Inhalt nicht in mein Bewusstsein, so selig und stolz war ich in diesem Augenblick.

Die Gunst der Stunde nützend, um zu zeigen, dass auch ich eine Freundin hatte, fuhren wir am Nachhauseweg bei meinem Vater vorbei. Dieser wohnte ja nach der Scheidung meiner Eltern in Dunkelstein, am Fuße des Petersberges. Voller Stolz konnte ich meine Freundin (für einen Tag) präsentieren. Der Abschied vor ihrer Haustüre war für mich wie Weihnachten und Ostern zu gleich, ich getraute mich, ihr ein Küsschen auf die Wange zu drücken. Danach haben wir einander nie mehr verabredet und dann auch aus den Augen verloren.

Unser 'Motschka Ferl', doch etwas reifer als wir, offerierte uns eines Tages eine Mutprobe. Man könne doch mit vollem Lauf bei einem Mädchen vorbeisausen und dabei ihren Kittel in die Höhe streifen. Dabei hätten die umstehenden Jungen die Gelegenheit, einmal zu sehen, was sich so darunter befand. Nach eingehender Besprechung der Taktik war es eines Tages soweit. Die 'Suppentraudl', aus der langen Reihe mit dem Torbogen, bekam öfters Besuch von einer Klassenkameradin von uns, der 'Moni' aus der Siedlung II. Ein hübsches Kind mit immer sportlich brauner Hautfarbe, dunklem Haar und langen Zöpfen. Diese sollten unsere Mutprobe werden.

Sie und 'Traudl' spielten gerade am Eck, dort wo die Inge wohnte. Wir warteten auf den passenden Zeitpunkt. Nachdem sie dann endlich aufstanden, war das die Gelegenheit. Zu dritt stürmten wir auf sie los und einer nach dem anderen hob ihnen beim Vorbeilaufen das Röckchen in die Höhe. War das mutig und die anderen sahen das Darunter, die schwarze Glatthose. Um dem Ganzen eine Krone aufzusetzen, wurde die arme 'Moni' wegen ihrer braunen Hautfarbe noch weiter gehänselt und wir riefen ihr immer wieder zu: „Moni, mit dem dreckigen Hals“. Dieses Tun blieb aber nicht ohne Sanktionen und zwar in der Form von Fleißaufgaben. Vergeben von unserer geliebten Lehrerin Fr. Eleonore Thometich, der sich die Suppentraudl und Moni anvertrauten. (...)

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Mädchen sind doch anders

Verfasst von Manfred Schikowitz

Auf MSG publiziert im Mai 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Pottschach
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Manfred Schikowitz: Lederhosen, Murmeln und andere Dinge, Pottschach 2011, S. 30 ff., wieder.

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