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Was man so alles trug

von Manfred Schikowitz

Ich erinnere mich noch so gut, da war einmal die obligate Lederhose, an den Schenkeln aufgestrickt, mit ledernen Hosenträgern und immer speckig. War man aus der einen herausgewachsen, so musste eine Neue her. Die vorderste Priorität bei der Neuen war, sich im Gras und am Boden herumzuwälzen und vor allem die schmutzigen Finger an ihr abzuwischen, um das zünftige Aussehen zu erreichen. Es gab nichts Schlimmeres, als mit einer nigelnagelneuen Lederhose zu erscheinen.

Bub in Lederhose mit weißen Stutzen und auffälliger Haartolle

Darunter trug man im Frühjahr und im Herbst einen Strumpfbandgürtel, an dem die braunen, zwei glatt, zwei verkehrt gestrickten Strümpfe Marke ‚Knäbchen’ befestigt waren. Das Schuhwerk bestand je nach Witterung entweder aus Gummistiefeln oder aus hohen Schuhen. Im Sommer war das schon einfacher, selbstverständlich die Lederhose, ein Hemd und an den Füßen Herrgottsschlappen, deren Sohlen aus alten Autoreifen gefertigt waren. Stabil und vor allem dauerhaft und meisten so groß, dass sie über zwei Jahre hinweg getragen werden konnten.

Und unter der Lederhose das unbedingte Muss, die schwarze Glatthose [Klothhose]. Dieses „Designerstück“ war auch bei den Mädchen sehr beliebt, konnte man doch, wenn es ganz heiß war, die Überkleidung ablegen und war mit Glatthose und nacktem Oberkörper noch immer gut gekleidet. Wir wussten in diesem Alter ja noch nicht, dass es zweierlei Geschlechter gab und so entstand auch dadurch nie ein Problem. Ein kleiner Unterschied war zwischen Mädchen- und Knabenglatthosen – der Beinabschluss. Bei den Buben mehr oder weniger am Bein anliegend und gerade auslaufend, so hatte er bei den Mädchen ein Gummiband und die Hose war etwas pludrig geschnitten.

Die Mädchen hatten immer so schöne bunte Kleidchen an, die durch das viele Waschen einen immer anderen Farbton erhielten und so zur Abwechslung beitrugen. Darüber gab es meist ein nettes Schürzchen, das war unbedingt notwendig, konnte man doch abgepflückte Blumen, Steine, Puppen oder Kirschen tragen.

Für viele, nicht für alle, gab es aber auch das Sonntagsgewand, das ganz Schöne. Ich kann es nur von mir erzählen, aber das war ein Matrosenanzug, den meine Mutter aus einem alten blauen Anzug ihres Bruders im gewendeten Zustand dazu verarbeiten ließ. Als ich noch ganz klein war, gab es natürlich nur Selbstgestricktes.

Winterkleidung, oh je. Wer erinnert sich noch an die „Schnellfeuerhose“? Oberteil mit langen Ärmeln und mit dem Unterteil, der langen Hose, fest verbunden. Damit man es auch anziehen konnte, war das ganze Vorderteil zum Knöpfen. Für den Besuch der Toilette war hinten ein offener Schlitz. Das ganze aus Barchent, außen glatt und innen geraut, wohlig warm, aber verhasst. Darüber eine aus Drillichzeug genähte Hose, ein Stoff, der beim Militär Verwendung fand, wasserdicht und leicht zu reinigen. Strickpullover und Jacke deckten dann den Oberkörper nach außen zu. War es nass, trug man Gummistiefel, wobei die Füße zusätzlich mit den so genannten „Stiefelfetzen“ eingeschlagen wurden, um etwas mehr Wärme zu erhalten. Sonst gab es hohe Lederschuhe und dicke Strickstutzen.

Meinen Kopf zierte zu jüngsten Zeiten eine Haarrolle. Damals weit verbreitet und ein Muss, um schöne Haare zu zeigen. Meine Mutter gestaltete auch mein Äußeres (heute würde man Outfit sagen) eher etwas mädchenhaft und der Spottname ‚Mentschi’ vom ‚Ferl’ bekäme da seine richtige Bedeutung. Nun, irgendwann war es auf jeden Fall zu viel mit der Lieblichkeit und kurz entschlossen schnitt mir mein Vater eine Glatze. Aus reiner Sympathie ließ sich der ‚Schani’ auch gleich eine schneiden. Soll ja gesund sein und den Haarwuchs fördern, sagte man. Denn Spott ‚Glotzate’ gab es darauf von vielen Seiten des Öfteren zu hören. Heute lässt die Haardichte meiner Stirne durch den Reflex der Sonne ein Gegenüber mit den Augen blinzeln. Beim ‚Schani’ aber hat sich die Dichte relativ lange gehalten, erst jetzt im Alter ist es am Hinterkopf eher schlechter bestellt. Aber den Versuch war es trotzdem wert.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Was man so alles trug

Verfasst von Manfred Schikowitz

Auf MSG publiziert im Mai 2011

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Pottschach
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Manfred Schikowitz: Lederhosen, Murmeln und andere Dinge, Pottschach 2011, S. 20 ff., wieder.

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