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Ein bisschen Wehmut

von Manfred Schikowitz

Zum Schluss lüfte ich noch die Identität unserer Klasse. So sah unsere Truppe 4C vom Schneidhaus im Jahr 1954 aus. Mit Wehmut betrachte ich dieses Bild, sind doch einige davon viel zu früh verstorben. Welche Schicksale haben sich bei so manchen anderen ergeben?

Schulklassenfoto

Ich würde mich freuen, wenn sich der eine oder andere nicht nur auf dem Bild, sondern auch in den Geschichten wieder erkennt und vielleicht etwas von sich hören lässt.

Wir wurden in einer Zeit geboren, wo es nur wenig gab. Es gab wenig zu essen, wenig zu wohnen, wenig zu hoffen. Es war das Ende des Krieges, und dann war die Nachkriegszeit. Und wir waren Kinder und kannten es nicht anders. Wir kannten kein Fernsehen, keine Play Station oder Last Minute Reisen. Wir hatten das magische Auge im Radio, Plastilin und Ferien zu Hause. Wir waren Kinder und keine Kids. Wir waren nicht gepierct, die Mädchen und auch die Buben hatten keine Ringe in der Nase, im Nabel, in der Zunge oder sonst noch wo, hatten kein Tattoo, keinen Walkman und auch keine Kugelschreiber. Es gab noch keine Jeans, keine Mikrofaser, keine Minis und auch keine Moonboots. Unsere Kleidung war für viele, wie man es damals so schön praktizierte, „gewendet“.

Von Kondomen wurde nur geflüstert, und die Pille gab es damals auch noch nicht. Handys, Internet, Kreditkarten, Pampers und auch die Plastiksackerln mussten noch erfunden werden. Damals gab es auch noch keine Weight Watchers und Fitness Studios, wer abnehmen wollte, konnte es jederzeit, da es nur zu essen gab, was man sich mit den bescheidenen Mitteln leisten konnte.

Es gab keine Autobahnen und es gab auch keinen täglichen Verkehrsstau. Für die Erwachsenen gab es die 48-Stunden-Woche und nur zwei Wochen Urlaub. Wir kannten keine Bräunungsstudios, keine Discos, keine Shopping Citys. Wir gingen nicht zu McDonalds, tranken kein Coca Cola und aßen auch keine Pizza. Unser Fastfood war Schmalzbrot, und dazu gab es Wasser. Wir wussten nicht, was Dating oder Briefing ist, Stress, Fun, Soft- und Hardware, ciao und tschüss waren für uns noch unbekannte Fremdwörter. Denn wir redeten alle noch in unserer Muttersprache.

Wir lasen Karl May, Lederstrumpf, Trotzkopf und Nesthäkchen. Wir spielten noch auf der Straße, im Wald, im Feld. Wir hatten ja nicht viel, und deshalb hatten wir doch alles. Wir hatten Fantasie, denn wir waren Kinder dieser Zeit. Das Abenteuer spielte sich in unseren Köpfen ab. Das war unsere Zeit, und es war trotzdem die schönste Zeit, es war unsere Kindheit und Jugend.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Ein bisschen Wehmut

Verfasst von Manfred Schikowitz

Auf MSG publiziert im Mai 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Pottschach
  • Zeit: 1950er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Manfred Schikowitz: Lederhosen, Murmeln und andere Dinge, Pottschach 2011, S. 63 ff., wieder.

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