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Nur für das Leben lernen

von Manfred Schikowitz

Ja, für das Leben lernen, wem ist das im jungen und jugendlichen Alter schon bewusst? Mir war es ein Gräuel dazusitzen und seitenweise Buchstaben zu schreiben oder um Himmelswillen sogar mit Zahlen zu manipulieren. Ich habe daher für mich beschlossen, mit dem minimalsten Aufwand das Lernen zu bewältigen. Aber alles schön der Reihe nach.

Mit sechs Jahren begann, wie auch für viele andere, der Ernst des Lebens. Ich saß in der zweiten Reihe meiner Schulklasse, ein Fritzchen hinter mir, der Anfangs immer nur um seine Mutter weinte. Unverständlich, der wusste nicht wie schön das Leben ohne Aufsicht eines Erwachsenen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon einen Sinnesgenossen, Walter, ein aufgeweckter Junge und ebenfalls auf seine Freiheit bedacht. Und dieser wohnte zum Glück im selben Haus und Eingang wie ich.

Die Volksschule lag mitten im Dorf, so benennt sich der Ortsteil von Pottschach, wo sich die Bauerngehöfte befanden und auch heute noch befinden. Die Schulbehörde hatte zum Hauptgebäude ein Wohnhaus zu Klassenräumen adaptiert, das Schneidhaus, in dem zwei Volksschulklassen untergebracht waren. Und in eine dieser Klassen bin ich unter anderem mit Walter gegangen, in der Zwischenzeit von uns Kindern auf ‚Wäudl’ oder ‚Schani’ umgetauft. Mich nannte man ‚Mani’ aber meistens ‚Schigal’.

Da zu wenige Schulklassen zur Verfügung standen, wurde bis zum Jahre 1955 der Unterricht für die Hauptschule am Vormittag und für die Volksschule am Nachmittag durchgeführt. In den Klassenzimmern befanden sich große Kanonenöfen, die im Winter wohlige Wärme verbreiteten. Zu den Toiletten ging es über den Pausenhof in einen gesonderten kleinen Holzbau, ein Erlebnis für uns Siedlungskinder, da wir ja schon die modernen englischen Klosetts in der Wohnung hatten. Auf Grund des starken Geburtsjahrganges, wurde eine reine Mädchen- und Bubenklasse geführt, der Rest kam in die gemischte Klasse, also Buben und Mädchen im gemeinsamen Klassenzimmer. Auch ich durfte diese Klasse besuchen.

Da gab es einen Schüler, den wir in der vierten Klasse einholten. Er wohnte gleich im nächsten Eingang von mir. Sein Name war Gerald, aber alle riefen in ‚Motschka’ oder ‚Ferl’. Dieser hatte immer gute Ideen. Nachdem unsere Pausezeichen mit Klingeln signalisiert wurden, nahm er eines schönen Tages den Wecker von zu Hause mit, installierte ihn im Vorraum zum Klassenzimmer und ließ ihn um zehn Minuten früher als das reguläre Pausenzeichen läuten. Eine phantastische Idee, er erntete damit vollen Beifall von uns Mitschülern. Wir dachten, Ältere sind doch gescheiter. Nach zehn Minuten kam das Schulklingelzeichen um den Unterricht wieder fortzusetzen. So weit so gut, aber was er nicht bedachte, nach weitern fünf Minuten kam noch einmal das reguläre Klingelzeichen und so flog die Sache natürlich auf.

Gegenüber dem Schneidhaus befand sich das Kaufhaus ‚Semmler’. Bestückt mit all den Dingen, die man zu dieser Zeit benötigte. Natürlich auch mit Schulbedarf. Der Sohn der Familie Semmler, Walter, war geistig behindert und saß den ganzen Tag in seinem Rollstuhl im Geschäft. Eines Tages benötigten wir Zeichenblätter für den Unterricht. Der Nalicek Sepp, von uns ‚Söpi’ gerufen, ein immer lustiger Kerl, wurde zum Besorgen ausgewählt. Mit den eingesammelten Schillingen in der Hand, machte er sich auf den Weg. Die Stunde verging, aber der ‚Söpi’ kam nicht zurück. Unsere besorgte Lehrerin machte sich auf den Weg, um ihn zu suchen und fand ihn Wurstsemmeln verspeisend gemütlich vor der Schule sitzend. Anstatt die Zeichenblätter zu kaufen, hat er den Betrag in sein leibliches Wohl umgesetzt.

Seine besondere Liebe entwickelte er zu unserem Pfarrer Fricke, ein etwas korpulenter Mann und voller Optimismus, uns den Katechismus etwas näherzubringen. Obwohl er auch andere Lehrer zu „erheitern“ versuchte, beim Fricke gelang es ihm immer. Hatte er doch eines Tages das große Glück, mit einem Gummiring und einem Papiergeschoss, dem Pfarrer aus der letzten Reihe heraus an der Tafel die Kreide aus den Fingern zu schießen. Beifall von uns, Ärger mit dem Pfarrer. Dieser hatte für uns eine besondere Methode des Strafens. Er stieg uns mit seinen Schuhen auf die Zehenspitzen, damit war man festgenagelt und mit seiner fülligen Leibesmitte bekam man Stöße. Die Steigerung war dann das Haar ziehen an den Schläfen und die Krönung, eine saftige Ohrfeige. Nalicek bekam alles.

Der Religionsunterricht durfte auch in keiner Weise gestört werden. Musste man auf die Toilette, so war das in einer Religionsstunde unmöglich. Ich hatte als Kind das Problem, vor lauter anderen Interessen immer zu vergessen auf die kleine Seite zu gehen und wenn ich es dann nicht mehr aushielt, war es meistens zu spät. Also schöne gelbe Flecken in der Lederhose. So auch eines Tages, ich zappelte schon mit den Beinen unter der Schulbank und versuchte mich zum Austritt zu melden. Unmöglich, ich hätte es ja wissen müssen. Um mir die gelben Flecken zu ersparen, nahm ich kurz entschlossen mein „Lulu“ aus der Lederhose und pinkelte auf  den öligen Holzboden. Plötzlich hörte ich schräg hinter mir das gleiche Geräusch. Angesteckt von mir und die Erfolglosigkeit austreten zu können begreifend, hatte der Günter ebenfalls auf den Boden gepinkelt. Was sollten wir nur unternehmen, um unsere Tat zu vertuschen? Die einzige Möglichkeit war, sie mit den Beinen gleichmäßig am Boden zu verteilen, zum Glück hatten wir Schuhe an, denn es war schon Herbst.

Da war auch noch die Geschichte mit der Zeichenhausaufgabe, unter dem Motto: Beim Zahnarzt. Ein Talent im Freihandzeichnen bin ich bis heute nicht, aber diese Zeichnung war mir echt gelungen. Stolz habe ich sie noch am Abend meinen Eltern gezeigt und auch ihr Lob geerntet. Nächsten Mittag, ich versperrte gerade unsere Wohnungstür, um in die Schule zu gehen, kommt von gegenüber der Raimund heraus. Der hatte ein Motorrad und damit immer etwas zum Schrauben. Fragte er mich, ob ich nicht ein Zeichenblatt hätte, welches er als Dichtung zuschneiden könnte. Natürlich! Vom Zeichenblock die letzte Seite, ratsch, und schon war er weg damit.

Zeichenblock mit Kinderzeichnung und dem winzigen Rest eines abgerissenen Blatts
Das Zeichenheft - an der rechten Seite ist noch der Abriss erkennbar

Die Zeichenstunde begann, alle wiesen ihre Zeichnungen vor, ich stolz auf meine gelungene. Ich blättere vor, zurück, wieder vor, wieder zurück, das letzte Blatt war mit einer Zeichnung versehen, aber nicht mit dem Zahnarzt. Ich glaube weiterer Erklärungen bedarf es nicht mehr, die Strafe folgte auf dem Fuß. (...)

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Nur für das Leben lernen

Verfasst von Manfred Schikowitz

Auf MSG publiziert im Mai 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Pottschach
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Manfred Schikowitz: Lederhosen, Murmeln und andere Dinge, Pottschach 2011, S. 6 ff., wieder.

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