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Mein Großvater

von Gabriele Stöckl

Ich war sein „Herzibinki“ und sein „Zwutschgerl“ (wie heutzutage IGLO seinen Blattspinat nennt). Großvater (geb. 1879) war mein Opapa, obwohl er für mich einfach nur da war. Er saß bei seinen Sphinx-Kreuzworträtseln, die ich ihm einmal mit Buchstaben, die ich schon früh schreiben konnte, ausfüllte. Ich bat ihn beim Anblick der zerbombten Häuser: „Opapa richten!“

Großvater und Enkelin beim Spiel mit Holzhäusern

Auch sammelte ich - bis zum Verbot meiner Eltern - für ihn mit Begeisterung „Tschicks“. Er rauchte Zigaretten und Pfeife. Davon soll er ein Hirn wie ein Sieb bekommen haben, hatte der Arzt im Franz-Josephs-Spital, wo Opapa im Juni 1951 verstarb, zu meiner Großmutter gesagt. Er hätte aber lieber seine „Alte“ als seine Pfeife aufgegeben, erzählte mir meine Mutter immer, die kein gutes Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter hatte.

Seinen Enkel, meinen Bruder, geboren Ende November 1950, konnte er zu Weihnachten noch im Arm halten. Mein Vater holte mit mir seine Eltern ab. Ich erinnere mich aber, welche Mühe es ihm machte, mit seinem bereits gebrechlichen Vater von seiner Wohnung (Siccardsburggasse) um den Häuserblock in unsere Wohnung (Leebgasse) zu gelangen. Für mich dauerte es eine Ewigkeit, dabei konnte ich die „Bescherung“ kaum mehr erwarten.

Großvater war klein von Statur. Wenn ich zu viel fragte, sagte man mir entweder: „Neugierige Leute sterben bald“ oder „Neugierige Leute bleiben klein“. Da ich damals noch nicht sterben und auch nicht klein wie Opapa bleiben wollte, schränkte ich meinen Wissensdurst ein. So sind viele Fragen offen geblieben.

Großvater lernte Bäcker und übte diesen Beruf auch aus. Dazu musste man sehr früh, beinahe nachts, aufstehen. Meine Mutter erzählte öfters: „Da ist er müde von der Backstube nach Hause gekommen und musste gleich in der Früh mit seiner Frau in die Waschküche!“ Im Ersten Weltkrieg arbeitete er in der k.u.k. Gebirgsbäckerei No. 124. Er brachte die Bleiplomben der Mehlsäcke mit, aus denen Großmutter Figuren goss.

Soldaten des Ersten Weltkriegs in entspannter Atmosphäre

Viele seiner Laubsägearbeiten sind zum Glück erhalten geblieben. Zu meinen ersten Weihnachten (1944) hatte er mir die Möbel unseres Wohnzimmers und der Küche nachgearbeitet.

zahlreiche kleine mit Laubsäge selbst gezimmerte Möbelstücke unter Christbaum

Es gibt eine orientalische Krippe, von der es mir besonders Josefs Werkstätte angetan hat. (Auch hat er ein Theater aus den Mandlbögen gesägt. Leider ist das Proszenium abhanden gekommen, doch die Kulissen und Inventar sind da. Auch hat er die Figuren zu Nestroys Stück „Lumpazivagabundus“ hergestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg bastelte er viel Kinderspielzeug und für einen Lavamünder Bauern ein Butterrührgerät. In der Wohnung der Großeltern hingen oder standen die Bastelarbeiten herum. Über dem Zimmerofen, durch die aufsteigende warme Luft, werkte fleißig ein Holzknecht, und ein Wetterhäuschen vorm Kabinettfenster sagte das Wetter voraus. Gerne spielte ich mit dem Tirolerhäuschen (wo mag es wohl hingekommen sein?), mit zierlichem Balkon und Hundehütte unter der Stiege. Ein ganzes Puppenhaus hätte er mir noch basteln wollen, sagte Großmutter immer wieder bedauernd, da es dazu nicht mehr gekommen war.

Im Februar des Jahres, in dem mein Großvater starb, war ich sieben Jahre alt geworden. „Warum ist Großmutter über den Tod von Opapa so traurig?“, wunderte ich mich. Er war doch schon so schwach gewesen. Erwachsene weinen auch? Ich dachte, das tun nur Kinder. Warum hat sie und Tante Hilda (Großvaters Schwester) einen Schleier vor dem Gesicht? Ist doch so ein sonniger Tag im Juni! Für den Trauerzug zum Grab auf dem Matzleinsdorfer Friedhof war die Gudrunstraße extra vom Verkehr gesperrt worden. Mein Vater hatte seinen Freund gebeten, das Begräbnis zu fotografieren. Wie sich die Feierlichkeiten aufgelöst haben, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich glaube, es gab keine Zehrung.

Leichenzug

Die Ferien standen bevor, und es ging nach Lavamünd. In Zukunft sollte ich aber bei Großmutter in Wien wohnen und Großvaters Bett wurde meine Schlafstelle.

Informationen zum Artikel:

Mein Großvater

Verfasst von Gabriele Stöckl

Auf MSG publiziert im Juni 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 10. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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