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Erinnerungen an die Kriegszeit 1945 in Höflein an der Hohen Wand

von Josef Schwanerer

Ich bin in diesen Tagen 12 Jahre alt, wohne in meinem Elternhaus in Oberhöflein Nr. 16 mit meiner um 5 Jahre älteren Schwester Maria und unserem 49 Jahre alten Vater. Dieser ist Hauer im Bergwerk Grünbach. Meine Mutter ist im März 1944 im 42. Lebensjahr verstorben.

Am 14. März 1945 überfliegt ein amerikanisches Bombengeschwader unser Gebiet. Plötzlich erhebt sich ein gewaltiges Donnern. Die Erde bebt wie bei einem starken Erdbeben. Die Flugzeuge haben ihre Bomben entlang der Ortschaft Maiersdorf auf Wiesen und Felder abgeladen. Wie wir später erfahren, waren es ca. 300 Stück 1000 Kilo-Bomben. Glücklicherweise wird kein Mensch verletzt und kein Haus getroffen.

Am 31. März 1945 dringt ein Teil der russischen Armee, von Ungarn kommend, bis zum Steinfeld vor. Am 1. April flüchtet Familie Schneider, ein Ehepaar mit drei Kindern, Verwandte von uns, aus ihrem Haus in Neusiedl am Steinfeld vor der herannahenden Front. Sie finden bei uns Aufnahme. Weil auch nachts starker Kanonendonner zu hören ist und über unserem Ort Leuchtraketen (sogenannte „Christbäume“) von Flugzeugen abgeworfen werden, verbringen wir – wie auch andere Dorfbewohner – zwei Nächte im Luftschutzbunker im Legenstein-Graben. Dieser Stollen wurde zwei Jahre vorher von Bergmännern – auch mein Vater arbeitete mit – für Ortsbewohner errichtet.

Am 2. April, Ostermontag, besetzen russische Truppen Willendorf. Am 3. April dringen sie bis Oberhöflein vor. Unser Haus steht ca. 200 Meter unterhalb des Waldrandes am Fuße der Hohen Wand. Die russischen Truppen gehen nur bis zu unserem Haus vor. Der Wald oberhalb von uns und der Einödwald bis zum Spitzgraben ist von deutschen Truppen besetzt.

Porträtfoto des Autors

Nachdem auch unser Ort von den Russen eingenommen wird, kehrt die Familie Schneider wieder nach Hause zurück. Unser Haus und die Nebengebäude werden fast täglich von den Russen nach deutschen Soldaten durchsucht. Am Abend kommen immer zwei russische Soldaten und verbringen die Nacht in unserer Küche. Einer davon spricht fließend Deutsch. Er ist in einer Schule in Kiew Deutschlehrer. Die beiden verhalten sich korrekt. Wir nächtigen im eigenen Keller. Im angrenzenden Obstgarten sind Maschinengewehre aufgestellt. Abends und nachts wird stundenlang geschossen. Deutsche Soldaten schießen von der Hohen Wand aus mit Kanonen. Anfang der zweiten Kampfwoche, 10. oder 11. April, wird in der Nacht das Nachbarhaus Oberhöflein Nr. 39 in Brand geschossen. Im Haus befinden sich zu dieser Zeit Herr und Frau Birnbauer mit ihrem neunjährigen Sohn Franz und eine Frau mit ihrem dreijährigen Sohn, Flüchtlinge aus Neunkirchen. Das Brandgeschoß hat das Haus zerstört, es ist völlig abgebrannt. Die fünf Personen können sich unversehrt aus dem Keller retten, müssen sich jedoch um ein neues Quartier umsehen.

Wir haben großes Glück. Eine Granate schlägt in die Astgabelung eines alten aber starken Nussbaumes ein. Dieser steht zwei Meter hinter unserem Haus. Die Seitenmauer und das Dach werden durch Granatsplitter beschädigt. Am 16. April muss die Bevölkerung von Oberhöflein auf Anordnung der Russen die Häuser verlassen. Wir vergraben ein kleines Fass, gefüllt mit geräuchertem Fleisch und anderen für uns wertvollen Dingen, im Scheunenboden. Wir laden unseren Leiterwagen mit Hausrat voll und lassen unsere Kühe und die Ziegen ins freie Feld. Seiser-Bauer hängt unseren Wagen an seinen vollgeladenen von zwei Pferden gezogenen Wagen, und wir fahren jetzt alle zusammen nach Neusiedl am Steinfeld.

Die Straße von Oberhöflein nach Unterhöflein ist vor dem Haus Nr. 49 in der Nähe der Volksschule etwa 20 Meter mit Minen gesperrt. Deshalb müssen wir über Felder ausweichen.

In Willendorf wurden am 9. April viele Häuser in Brand geschossen. Bei unserer Durchfahrt sind noch starker Rauch und viele Glutnester zu sehen. In Neusiedl fanden wir bei der Familie Unterkunft, die vorher bei uns war. Familie Seiser kann sich bei einer bekannten Bauernfamilie einquartieren. Dort erleben wir, dass Häuser von den Besatzungstruppen beschlagnahmt und von ihnen bewohnt werden. Die von ihren Besitzern fluchtartig verlassenen Häuser sind aufgebrochen und werden, nicht nur von den Besatzungstruppen, ausgeraubt.

Am 21. April rücken dann russische Truppen über Grünbach bis Puchberg vor. Die deutsche Wehrmacht muss sich auch von der Hohen Wand zurückziehen. Am 22. April geht Seiser Toni, der spätere Pensionsbesitzer, von Neusiedl nach Höflein und erkundet die Lage. Er erfährt, dass die Front weitergerückt ist und wir nach Hause können. Ich möchte noch erwähnen, dass nicht alle Personen dem Befehl, den Ort zu verlassen, nachgekommen sind. Andererseits sind schon vorher manche Familien nach Westen geflüchtet.

Am 23. 4. kehren wir wieder heim. In Willendorf liegt ein zerstörter Panzer im Straßengraben. Auch in Oberhöflein auf der Straße nach Zweiersdorf steht ein Wrack. Unterhalb der Felsen der Hohen Wand und in der Einöde brennt der Wald. Dort brennt auch das Haus Nr. 29 ab. Unser Haus ist unversehrt aber geplündert. Wir haben vorsichtshalber die Tür nicht abgesperrt, sonst wäre sie zertrümmert worden wie bei den Nachbarn. Und unsere freigelassenen Kühe und Ziegen finden wir auch wieder und können sie einfangen. Vom Bauern Seiser bekommen wir Weizen, den wir selber mahlen und uns damit Brot backen.

Den russischen Kampftruppen folgen die Besatzungstruppen. Diese plündern, vergewaltigen Frauen und erschießen Menschen. Bei uns schießt ein Soldat im Schlafzimmer in den Plafond, weil er keine Frau vorfindet. Meine Mutter war verstorben und meine Schwester verschwindet in Heu und Stroh, sobald die Soldaten in der Nähe auftauchen. Die Soldaten nehmen alles, was sie brauchen können: Radios, Uhren. Meine Firmungsuhr habe ich im Garten in einem Ziegelhohlraum versteckt, die fand niemand. Essen, vor allem Schnaps, ist gefragt. Fahrräder, Werkzeuge, Tiere und vieles andere wird mitgenommen. Es ist eine schreckliche Zeit.

Durch das drei Wochen andauernde Frontgeschehen liegt auf Wiesen und Feldern noch viel scharfe Munition herum, besonders auch Handgranaten. Ende Mai geht mein Vater auf unsere Felder und kämmt mit einem Rechen das Gras durch. Ich begleite ihn dabei, muss aber weit entfernt von ihm warten, damit ich, wenn notwendig, Hilfe holen kann. Auf unserer Wiese, in der Einöde, ist ein gefallener deutscher Soldat begraben. Am Grab liegt ein Stahlhelm. Darunter sind auf einem Zettel sein Name und andere Daten aufgeschrieben. Der Tote wird dann später, Ende Juli 1947, wie viele andere Gefallene, im Friedhof beigesetzt.

Zum Abschluss möchte ich noch von einem positiven Erlebnis erzählen: Zwei russische Soldaten kommen in unser Haus, rollen aus unserem Keller ein 50-Liter-Fass mit Most über die Stiege herauf. Sie hieven es in unsere Scheibtruhe (Schubkarre aus Holz mit einem Rad) und fahren damit weg. Mein Vater erklärt ihnen, dass wir die Scheibtruhe dringend zum Ausmisten brauchen. So deutet ein Soldat an, ich solle eben mitkommen und das Gefährt wieder heimbringen. Ich gehe ihnen also bis zur Schule nach. Dort laden sie das Fass beim Haus Nr. 49 ab. Ich soll noch warten. Im Hof wird gerade ein geschlachtetes Pferd zerteilt. Der Soldat nimmt ein Messer, schneidet ein Rippenstück ab und legt es mir in die Scheibtruhe. Jetzt werde ich entlassen. Ich bedanke mich erfreut und fahre rasch nach Hause. In dieser Zeit ist Fleisch ein seltener Leckerbissen. Für meinen Vater war es jedoch wichtiger, dass ich unversehrt wieder nach Hause zurückkomme.

Die Zeit, von der ich hier meine Erinnerungen niederschreibe, liegt 65 Jahre zurück. Es kann sein, dass manches angeführte Datum nicht genau stimmt. Ich habe in der turbulenten Zeit kein Tagebuch geschrieben. Vieles von damals kann man leider nicht vergessen. Ich wünsche allen unseren Nachkommen, dass sie solches nie erleben brauchen.

spärliche Hochzeitsgesellschaft vor einem Haus und einem alten Auto
Hochzeitsgesellschaft in Grünbach (1946)
Buchcover
Informationen zum Artikel:

Erinnerungen an die Kriegszeit 1945 in Höflein an der Hohen Wand

Verfasst von Josef Schwanerer

Auf MSG publiziert im Juli 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Höflein, Neusiedl, Willendorf, Hohe Wand
  • Zeit: 1945

Anmerkungen

Der Beitrag stammt aus dem Erinnerungsbuch "Grünbacher G'schichten. Ostern 1945", Wien 2011, S. 102-106, und ist einer von knapp 30 Zeitzeugenberichten, die Karl Kalisch in der Region um Grünbach am Schneeberg gesammelt und mit zahlreichen Abbildungen versehen in Buchform zusammengestellt hat.

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