Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Dollfuß in Wolfpassing

von Toni Distelberger

Bundeskanzler Engelbert Dollfuß bei einem Empfang mit einer größeren Gruppe von Herren

Diese Photo-Postkarte ist datiert auf: Steinakirchen a. Forst 8. X. 33

Auf diesem Bild sind fast ausschließlich Männer zu sehen. Nur aus zufälligen Lücken blicken Frauengesichter durch das Spalier der Honoratioren des Marktes Steinakirchen, die aufmarschiert sind, um den Bundeskanzler zu begrüßen. Die hohe Geistlichkeit, Bürgermeister, Gendarmeriekommandant, Apotheker, Lehrer, Großbauern umringen den kleingewachsenen Mann, der, weltmännisch gekleidet, seinen eleganten grauen Hut in der rechten, seine Handschuhe in der linken Hand hält. In der zweiten Reihe hinter dem Polizeioffizier ein Block von Männern mit den Tschakos einer Militärkapelle. Es handelt sich um die Blasmusik von Steinakirchen.

Unter ihnen, einem kleingewachsenen Greis mit weißem Spitzbart über die Schulter gebeugt, zwischen Dollfuß und dem feisten Polizisten mein Großonkel Franz aus Götzwang. Die Klarinette zum Ansatz erhoben, lauscht er der Ansprache des Redners. Er war zweiunddreißig Jahre alt und gehörte damals zu den unverheirateten Habenichtsen des bäuerlichen Milieus. Sein ganzes bisheriges Leben hatte er als weitgehend mittelloser Knecht seines Bruders Josef auf dem Hof Pfefferreith verbracht. Seine Mutter hatte er nicht gekannt, an den Vater nur eine blasse Erinnerung. Franz war als Waisenknabe aufgewachsen, dessen Schicksal in der Hand seiner älteren Brüder zu liegen schien. Geld hatte er von ihnen keines zu erwarten, und auch der Versuch seines Bruders Michael, vor dem Krieg den kleinen Bruder nach Seitenstetten zu schicken, war abgebrochen worden. Noch nicht lange arbeitete Franz auf eigene Rechnung, um sich mit dem Verdienst im Lagerhaus das heruntergekommene Häuschen in Götzwang leisten zu können, auf das er verbissen sparte. Beim Aufmarsch für Dollfuß zeigt Franz den etwas verhärmten und leidenden Gesichtsausdruck, der ihn auch auf allen späteren Aufnahmen kennzeichnet. Sein verwachsener Rücken und die missgestalteten Zehen, von zu kleinen Schuhen, mit denen er als Kind in die Schule geschickt wurde, haben ihm das Einrücken im Zweiten Weltkrieg erspart.

Welcher Zweck führte Dollfuß nach Steinakirchen, in feines bürgerliches Tuch gekleidet, wie für den Empfang eines Diplomaten? Ferien gönnte sich der umstrittene Staatsmann beim christlichsozialen Bürgermeister von Lunz, Anselm Fallmann. Ein Jahr nach der Ermordung des Kanzlers führt der Musikant aus der zweiten Reihe, mein Großonkel Franz, die Tochter des Lohgerbers Anselm Fallmann aus Lunz an den Altar.

Durch Aufkäufe und Zusammenlegungen mehrerer Grundherrschaften entstand im Kleinen Erlauftal zwischen Reinsberg-Wang und Weinzierl-Wieselburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Privatreich der Familie Habsburg. Auch nach der Grundbefreiung von 1848 hielt der Einfluss des Kaiserhauses auf die Region an, da die Familie bis zum Jahr 1918 großer Waldbesitzer war. Vielleicht erklärt die langjährige Nähe der Menschen im Kleinen Erlauftal zum Herrscherhaus auch den Stellenwert von Treue zu Religion und Monarchie in ihrem Leben. Diese Orientierung auf die zentralen Werte des untergegangenen Reiches brachte die Bauern in Opposition zu den Leitideen der jungen Ersten Republik.

Friedrich Schragl schreibt in seiner Geschichte der Pfarre Steinakirchen auf der Seite 83:

„In den nächsten Jahren [ab der Mitte der Zwanziger Jahre] setzten sich immer mehr bewußt christliche Männer als Bürgermeister in den einzelnen Gemeinden durch.“

Er meint damit Christlichsoziale, die sich zunehmend radikalisierten und eine härtere Gangart gegenüber der Sozialdemokratie befürworteten. Der als Gastwirt vermutlich deutschnational oder großdeutsch gesinnte (?) Langzeitbürgermeister Anton Aigner wurde in den Jahren 1931–1938 vom christlichsozialen Bürgermeister Josef Eppensteiner aus dem Amt gedrängt, in dessen erster Amtsperiode der Marktplatz von Steinakirchen in „Engelbert-Dollfuß-Platz“ umbenannt wurde. Josef Eppensteiner war von Beruf Oberverwalter des Lagerhauses (Landwirtschaftliche Genossenschaft) von Steinakirchen, das seit 1923 als Filiale der Landwirtschaflichen Genossenschaft Pöchlarn bestanden hatte, und nach der Gründungsversammlung vom 9. Jänner 1927 eigenständig betrieben wurde. Bei der Gründungsversammlung waren auch der christlichsoziale Landeshauptmann von Niederösterreich, Josef Reither, und Kammeramtsdirektor Engelbert Dollfuß anwesend. Josef Eppensteiner war von 1923 bis 1927 der Filialleiter und von 1927 bis 1969 Geschäftsführer des Lagerhauses und damit langjähriger Vorgesetzter seines Mitarbeiters Franz Distelberger.

Eine weitere bemerkenswerte politische Karriere nahm ihren Ausgang in den frühen Zwanzigerjahren in jener bäuerlichen Gemeinde, die das organisatorische Zentrum des bewaffneten bäuerlichen Widerstandes gegen die Interventionen der Volkswehr aus Wieselburg und Purgstall in der Pfarre Steinakirchen im April 1919 bildete, in Außerochsenbach. Eine Person, die Friedrich Schragl als kämpferischen Agitator der bäuerlichen Jugend erwähnt, ist Karl Etlinger aus Altenhof in Außerochsenbach. Er wurde im Jahr 1921 Diözesanobmann der christlich deutschen Burschenschaft. Zum 16. November 1925 verzeichnete Dechant Ignaz Trimmel auf Seite 96 der Pfarrchronik von Steinakirchen

die Trauung des Bürgermeisters und Diözesanobmannes des katholischen Burschenvereines der Diözese Herrn Karl Etlinger vom Knötzlhofgute in Altenhof mit Fräulein Anna Jungwirth aus Thurhofglasen“,

versehen mit allen Details der Hochzeit. Daran schließt sich eine ausgedehnte Eloge über das verdienstvolle Wirken des Bräutigams aus der Feder des Pfarrers an. Karl war zum Zeitpunkt seiner Hochzeit schon seinem Vater Leopold Etlinger als Bürgermeister von Außerochsenbach nachgefolgt. Karl Etlinger muss, um diese Ehren zu erwerben, als Repräsentant der bäuerlichen Jugend schon vor seinem Aufstieg zum Diözesanobmann durch entschiedenes und politisches Eintreten für die Sache des Christentums auf sich aufmerksam gemacht haben.

Der Bürgermeister Karl Etlinger, der inzwischen zum Landtagsabgeordneten avanciert war, wurde im Jahr 1938 durch den Nationalsozialisten Josef Lothspieler abgelöst, dessen Nachfolger im Jahr 1945 wieder Karl Etlinger hieß. Karl Etlinger war von 1926 bis 1938 und von 1945 bis 1959 Bürgermeister der Gemeinde Außerochsenbach. Er wurde in der Nachkriegszeit außerdem Bundesrat. Nachdem Engelbert Dollfuß am 8. Oktober 1933 in Steinakirchen empfangen worden war, an einem Dankgottesdienst für die Errettung vor dem Attentat des Nationalsozialisten Robert Dertil am 3. Oktober 1933 teilgenommen hatte und ihm die Mitteilung überbracht wurde, alle zwölf Gemeinden der Pfarre hätten ihn zum Ehrenbürger ernannt, besuchte er am darauffolgenden 9. Oktober seinen „Freund L.Abg.Etlinger auf seinem Anwesen in Altenhof“, wie der Chronikführer Dechant Ignaz Trimmel stolz auf Seite 182 der Pfarrchronik vermeldet.

Der frischgebackene Jurist und Weltkriegsveteran Dr. Engelbert Dollfuß mit biographisch bäuerlichen Wurzeln in Kirnberg an der Mank hatte mit Josef Zwetzbacher und Josef Sturm vorher in Süddeutschland das dortige Kammernsystem studiert und war maßgeblich an der Ausarbeitung des niederösterreichischen Kammergesetzes beteiligt. Josef Zwetzbacher hatte als christlichsozialer Landesrat in der ersten provisorischen Landesregierung des noch vereinten Bundeslandes Wien/Niederösterreich im April 1919 Krisenmanagement betrieben, war mit der militärisch siegreich gewesenen Volkswehr in Purgstall in Verhandlung getreten und hatte die Freilassung der bäuerlichen Geiseln und Rädelsführer des Bauernaufstandes in der Pfarre Steinakirchen erreicht, ohne der Volkswehr dabei ein relevantes Zugeständnis zu machen. Dollfuß wurde Kammersekretär, stieg 1927 zum Kammeramtsdirektor auf und löste sich damit aus dem Schatten seines ehemaligen Förderers Zwetzbacher. Dass Zwetzbacher leiblicher Vater und Erzeuger von Dollfuß gewesen sein soll, wie Anfang der Dreißigerjahre das Gerücht ging, entbehrt vermutlich jeder Grundlage und stellt eine typische moderne Sage dar, die jedem Prominenten, dessen Geburt im Dunkeln liegt, einen ebenso Prominenten als Vater zur Seite stellen möchte.

Der Popularität von Dollfuß in der Pfarre Steinakirchen kamen auch seine privaten und politischen Netzwerke im Kleinen Erlauftal zugute. Der Kanzler war mit dem Leiter der „Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt für Milchwirtschaft“ (Molkerei, Molkereischule und staatliches Gut in Wolfpassing), Dr. Anton List, sowie dem Bürgermeister von Ochsenbach und Landtagsabgeordneten, Karl Etlinger, befreundet. Bei List verbrachte er mehrere Urlaube. An zumindest einem dieser Privatbesuche befand sich Dollfuß in Begleitung seiner Familie. Eine Aufnahme in der von Gudula Walterskirchen verfassten Biographie zeigt die gesamte Familie Dollfuß bei ihrem Aufenthalt in Wolfpassing.

Für Dollfuß, der nach dem Verbot der NSDAP und der blutigen Niederschlagung des Republikanischen Schutzbundes in das Fadenkreuz der Nationalsozialisten geraten war, war Wolfpassing ein Ort der Sicherheit und Stabilität. Das vertraute soziale Milieu bot ihm emotionalen Rückhalt. Bei seinem „Erholungsurlaub“ nach dem überstandenen Revolverattentat vom 3. Oktober 1933 verknüpfte er private Termine und offizielle Empfänge. Dechant Ignaz Trimmel vermerkte diese Besuche des Kanzlers bei dessen Freunden List und Etlinger in der Pfarrchronik, so auch den 8. Oktober 1933, als Dollfuß mit Pomp und Gloria in Steinakirchen empfangen und ihm die Ehrenbürgerschaft aller Gemeinden der Pfarre angetragen wurde. Der Eintrag im Memorabilienbuch der Pfarre Steinakirchen am Forst, der Pfarrchronik des Dechanten Ignaz Trimmel, beschreibt auf Seite 181 den Empfang von Dollfuß in Steinakirchen:

3. 10. [1933] Mehr als einmal war während der Kanzlerschaft Dr. Dollfuß von ernsten Attentaten die Rede; an diesem Tage wurde tatsächlich gegen ihn aus nächster Nähe ein Revolverattentat in Wien verübt [durch den Nationalsozialisten Robert Dertil], bei dem aber wie durch ein Wunder nur ganz geringfügige Verletzungen am Arme und in der Herzgegend dem Kanzler zugefügt wurden. Er konnte in häuslicher Pflege (Stallburggasse) verbleiben, und nahm sogleich am Samstag nachmittag [7.Oktober] einen kurzen Erholungsurlaub, den er in Wolfpassing zubrachte [bei Dr. Anton List, seinem persönlichen Freund und Direktor der 'Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt für Milchwirtschaft' seit 1930]

8. 10. [1933] Schnell hatte sich die Kunde verbreitet, dass Bundeskanzler Dr. Dollfuß Sonntag nach Steinakirchen kommen werde, um an einem anlässlich seiner glücklichen Errettung aus Todesgefahr [Revolverattentat vom 3. Oktober] stattfindenden Dankgottesdienste teilzunehmen. Sonntag früh prangte der ganze Markt im Schmucke der österreichischen Farben, die Kirche war festlich geschmückt, der Hochaltar leuchtete im Farbenspiel frischer Dahlien und Astern; eine große Menschenmenge fand sich auf dem Hauptplatze ein. Monsignore [Dechant Ignaz] Trimmel und Bürgermeister [Josef] Eppensteiner [gleichzeitig Leiter des 'Lagerhauses'] begrüßten ihn im Namen des ganzen Pfarrsprengels mit seinen 12 Ortgemeinden, zuvor hatte Bezirkshauptmann Hofrat Obentraut für den politischen Bezirk Scheibbs die Meldung erstattet. Bürgermeister Eppensteiner beglückwünschte den Kanzler zu dem guten Ausgang des verabscheuungswürdigen Attentates und machte ihm die Mitteilung, daß alle 12 Gemeinden der Pfarre und die Gemeinde Marbach bei Wieselburg ihn zum Ehrenbürger ernannt haben. Sodann begrüßte Landtagsabgeordneter [Karl] Etlinger den Kanzler und versicherte ihn der unentwegten Treue der Bevölkerung. Der Kanzler dankte in markigen Worten für die herzliche Begrüßung und für die Ehrung, die er von den Gemeinden erfahren und kam auf die Untat vom 3.10 zu sprechen, die sicherlich das Gute haben werde, daß viele, die bisher abseits standen, zu ihrer Heimat zurückfinden und in Liebe zu Österreich zusammenstehen werden. Nach den üblichen Vorstellungen der Bürgermeister und Gemeinderäte, der Lehrkräfte von Steinakirchen und Wang, der Hauptleute der Feuerwehren, der Veteranen und militärischen Formationen, der sonstigen Vereine, der Funktionäre der Raiffeisenkasse und der landwirtschaftlichen Genossenschaft durch Hofrat Bezirkshauptmann Obentraut begab sich der Kanzler mit seiner Begleitung in die Kirche zur Heiligen Messe, der eine Predigt des Ortspfarrers vorausging. Nach dem Gottesdienste fuhr der Kanzler nach Kirnberg an der Mank, in seine Heimat, wo er gleichfalls in einer vaterländischen Kundgebung sprach und versicherte, Ruhe und Frieden im Staate, die politische Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit Österreichs zu erhalten.
Sonntag abend brachte der christlich-deutsche Turnverein Steinakirchen mit Hubertendorf im großen Wirtschaftshofe Wolfpassing dem Kanzler ein gut zusammengestelltes Ständchen dar.

Am folgenden Montage besuchte der Bundeskanzler mit Dr. List seinen Freund, Landtagsabgeordneter Etlinger auf seinem Anwesen in Altenhof, wo sich auch [Franz] Sonnleitner aus Schönedt, [Josef ] Jungwirth aus Thurhofglasen, und der Nachbar 'Rosenteufl' einfanden.

Bundeskanzler Dollfuß mit etlichen anderen Personen, wie im Text beschrieben

Josef Sonnleitner von „Schöned“ (Hofweid 4, Pyhrafeld) verdanke ich eine photographische Aufnahme vom Besuch Dollfuß' bei Sonnleitners Onkel in Ochsenbach. Josef Sonnleitner ist ein Neffe von Karl Etlinger. Seine Mutter, Karl Etlingers Frau Anna, geb. Jungwirth, und Josef Jungwirth aus Thurhofglasen waren Geschwister, wie mir Josef Sonnleitner erklärte. Sein Vater Franz Sonnleitner (1899–1972) ist zusammen mit dem Mann seiner Schwägerin, Karl Etlinger, und dem Bruder seiner Frau, Josef Jungwirth aus Thurhofglasen, Seite an Seite auf dem Photo zu sehen. Die drei Männer ragen aus dem Hintergrund hervor, Franz Sonnleitner an der rechten Flanke, daneben der Landtagsabgeordnete und Bürgermeister Karl Etlinger mit seiner jungen Frau Anna, die sitzend ein Kleinkind auf den Knien hält, und seiner Mutter. Josef Jungwirth, der Bauer aus Thurhofglasen blickt Dollfuß, den man ins Zentrum genommen hat, über die Schulter. Anton List und der Nachbar Rosenteufel an der linken Flanke. Drei weitere Kinder stehen im Vordergrund aufgereiht, ein Begleiter Dollfuß', vermutlich ein Chauffeur, hält sich im Hintergrund. Trotz der Lebensgefahr, in der der autokratische Bundeskanzler schwebt, ist er ohne Polizeischutz oder Leibwächter unterwegs. Er ist von Freunden umringt, die ihm den Rücken stärken.

Wesentliche Teile ihres politischen Konzeptes und ihrer Praxis verdankt die christlichsoziale Bewegung dem weltanschaulichen und sozialen Konflikt mit dem sozialdemokratischen Lager. Die Kämpfe der Zwanzigerjahre, in denen ihre Angehörigen gelernt hatten, sich gegen eine Welt abzugrenzen, die so grundsätzlich verschieden von der ihren war, hatten vier Männer geprägt, die der gleichen Generation angehörten: Dollfuß, Sonnleitner, Etlinger und Jungwirth. Auf dem Bild sind diese vier Männer an dem gleichen gestutzten Oberlippenbärtchen und an dem streng aus der Stirn gekämmten Haar zu erkennen. Der städtisch-bürgerliche List ist glattrasiert, das knorrige Antlitz des Nachbarn Rosenteufel schmückt noch der gezwirbelte Schnauzbart. Ganz war diese traditionelle Barthaartracht einer älteren Generation als jener von Dollfuß/Sonnleitner/Etlinger/Jungwirth damals noch nicht aus der Mode gekommen, wie mein Großvater beweist, der im selben Jahr wie Dollfuß geboren wurde. Doch früher war sie so verbreitet, dass an den Mostkrügen, aus denen bei der Feldarbeit reihum getrunken wurde, eine Schutzvorrichtung dafür sorgen musste, dass die Männer ihre Schnauzbärte nicht im Inhalt der Krüge tränkten.

In der Kirche von Pyhrafeld war bis vor wenigen Jahren in der nördlichen Innenwand des Kirchenschiffes eine Marmortafel eingelassen, die dem Andenken an den Heldenkanzler Engelbert Dollfuß gewidmet ist. Am 8. Oktober 1933 war Engelbert Dollfuß auch zum Ehrenbürger von Pyhrafeld ernannt worden, das zur Pfarre Steinakirchen gehörte.

Nach der Ermordung von Engelbert Dollfuß stiftete der Cousin meines Großvaters, der Bauer und Heiler August Distelberger (1904–1988), von 1933 bis 1983 Kustos der Filialkirche in Pyhrafeld und von 1945 bis 1955 Bürgermeister der Gemeinde Pyhrafeld, eine Ehrentafel zum Gedächtnis des Toten. Diese Tafel wurde im Innenraum der Kirche angebracht. Am 20. Oktober 1935 wurde die Gedenktafel mit einem laut dem Chronisten der Pfarrchronik „gut gelungenen Bild des verewigten Bundeskanzlers Dr. Dollfuss“ enthüllt, vom Ortspfarrer geweiht und unter den Schutz der Gemeinde gestellt. Während der nationalsozialistischen Machtübernahme nahm August Distelberger die Tafel ab und vergrub sie. Nach dem Ende des Dritten Reiches wurde die Tafel exhumiert und feierte ihre Apotheose in der Kirche. Mittlerweile wurde sie auf die Orgelempore verbannt. Vorher war schon das Konterfei von Dollfuß verschwunden.

Am 19. März 1988 wurde vom Wiener Bürgermeister auf dem Zentralfriedhof, Tor 2, Gruppe 28, Reihe 42 ein Denkmal enthüllt, auf dem die Namen der im Kampf gefallenen österreichischen Spanienkämpfer geschrieben stehen. Ungefähr eintausendfünfhundert Österreicher kämpften im Bürgerkrieg 1936–1939 auf Seiten der legitimen Spanischen Republik, davon fielen 260 in Spanien, weitere 84 kamen in Konzentrationslagern, als Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die für die Sowjetunion kämpften, und auch als Opfer des NKWD ums Leben.

Am 1. Dezember 1936 kam der dreiundzwanzigjährige Schlosser Willy Distelberger (geb. 13. 10. 1913, Steyr) von Moskau nach Spanien und fiel ein Monat später zum Jahreswechsel beim erfolglosen Angriff auf Teruel als Angehöriger der 13. Internationalen Brigade.

Im „Lexikon der österreichischen Spanienkämpfer 1936–1939“ von Hans Landauer und Erich Hackl (Wien 2003) lautet der Eintrag von Willy Distelberger: geb. 13. 10. 1913 in Steyr. Schlosser. In Spanien: Saul, Karl. SchB. [Schutzbündler]. 1934 Flucht in ČSR und SU. Ende 1936 aus SU nach Spanien. XIII. IB/ [13. Internationale Brigade] 8. Baon [Bataillon]. Zugsführer. Gefallen am 28. 12. 1936 bei Teruel.

Willy Distelberger war einer der rund 700 österreichischen Schutzbündler, die nach dem Februar 1934 über die Tschechoslowakei in die Sowjetunion flüchteten. Nach anfänglichen Privilegien standen die österreichischen Emigranten unter Druck, den Erwartungen ihres neuen Umfeldes zu entsprechen. Ihnen vermittelte sich die Erwartungshaltung der sowjetischen Gesellschaft, ihre militärische Schlappe, die sie in Österreich erlitten hatten, in Spanien wettzumachen. Viele der Schutzbündler meldeten sich für den Einsatz im spanischen Bürgerkrieg. In den spanischen Bürgerkrieg zu ziehen, war für einen ehemaligen österreichischen Schutzbündler nicht gefährlicher als der weitere Aufenthalt in der Sowjetunion.

Augen wie Rudolfo Valentino.
Glutaugen, die dich festnageln, aufspießen, in Bann schlagen, heranziehen.
Sinnliche Lippen, ein ausdrucksstarker Mund.
Aufgrund seiner zarten Gestalt insgesamt eine sehr feminine Erscheinung.
Der südländische Einschlag verstärkt seinen Sex-Appeal. Sein temperamentvolles Auftreten harmoniert mit dem schönen Körper.
Nur das Handicap, das vor einem großen Auditorium seine persönliche Ausstrahlung ins Gegenteil verkehrt, ist auf dem Bild nicht zu erkennen.
Der theatralische Auftritt liegt ihm nicht. Sein fehlendes Charisma lässt Versuche, die Massen zu beeindrucken, als operettenhaft misslingen.
Der Experte steigt quer in die Politik ein. Seine Position verdankt er nicht dem Wohlwollen der Bürger. Er musste sich nie um ihre Gunst bewerben. Immer fand er mächtige Gönner, die ihn hinaufhoben. Der Bürokrat als Autokrat.
Wer einmal über Leichen gegangen ist, bekommt keine zweite Chance. Er kommt unter die Räder.

In Männerbünden ist er groß geworden. Und immer ist zur rechten Zeit ein starker männlicher Mann da, der sich des armen, aber begabten und überaus herzigen jungen Mannes annimmt. Ihm unter die Arme greift. Ihn unter seine Fittiche nimmt. Ihn beschützt und fördert. Ihm Gutes tut. Ihn vorwärts treibt. Ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Ihn dirigiert. Die Marionette tanzen lässt.
Ist es falsch, damit die unausgesprochene homoerotische Stimmung der exklusiv männlich besetzten Clubs zu assoziieren?

Er wird eine wichtige Lektion aus seiner Zeit als Priesterkandidat nicht beherzigen: Wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert umkommen!

Am 4. Oktober 1892, seine Geburt in einem Bauerndorf des niederösterreichischen Alpenvorlandes; im gleichen Jahr wie mein Großvater.
Unehelich.
Die Mutter lebt noch bei ihrem Vater.
Der Großvater will einen dreiundzwanzigjährigen mittellosen Müllergesellen nicht zum Schwiegersohn.
Der Großvater ist Bauer am Großmaierhof. Zum Gatten seiner Tochter bestimmt er einen Bauernsohn, der den Hof seiner Eltern übernehmen wird. Der Großvater kennt keine Gnade mit seiner Tochter.

Sie hat nicht viel Gutes gehabt in ihrem Leben, sagt ihre spätere Schwiegertochter: und dabei war sie die gütigste Frau, die ich je kannte.

Der Knabe begleitet die Mutter auf den Hof des Stiefvaters. Er bekommt drei Stiefbrüder und eine Stiefschwester. Er ist der Ledige der Mutter, zwar der Älteste der Geschwister, aber vom Vater ungewollt und ungeliebt.

Der nörglerische und wirtschaftlich denkende Vater ist hart zu allen, zu seinem Gesinde, zu seiner Frau, aber ganz besonders zu seinem Stiefsohn.

Die Mutter ist die stille Dulderin.
Madonnengleich.
Als der Bub in die Schule kommt, trifft er in der Kirche das Bild seiner Mutter wieder. Es ist Maria unter dem Kreuz.
Christus sagt zu seinem Jünger: Sei Du jetzt ihr Sohn!
Er baut sich zuhause einen Altar und spielt die Heilige Messe nach. Seiner frommen Mutter fällt es nicht schwer, daraus seine Berufung abzuleiten.
Dem Wiener Weihbischof gehört die Ortskirche. Er ist auch Kurator des Knabenseminars in Hollabrunn und verschafft dem zwölfjährigen Buben einen Freiplatz im Gymnasium.
Der Stiefvater will sich von der Kirche nicht um die billige Arbeitskraft prellen lassen.
Mit dem Geld des leiblichen Vaters wird der Knabe für das Seminar ausgestattet.
Der Bub fährt nach Hollabrunn.

Er hat eine Tuchent aus feinsten Gänsedaunen mit, die seine Mutter für ihn gemacht hat. Solch ein Federbett ist mehr als eine wärmende Decke, es ist ein Stück Zuhause, man fühlt sich geborgen darunter, wenn man weit weg ist von daheim und erst zwölf Jahre alt.

Er scheitert. Nicht Genügend in Mathematik und Latein. Und das gleich im ersten Jahr. Außerdem stirbt sein Freund, Förderer und Gönner.
Aber die Mutter gibt nicht auf.
Sie gelobt eine alljährliche Wallfahrt nach Maria Taferl, wenn der Bub in Hollabrunn bleiben darf. Und es gelingt. Er wiederholt das Jahr, wohnt für diese Zeit extern. Muss sich alles selbst bezahlen, spart sich das Essen vom Mund ab. Sitzt, lernt in einer ungeheizten Kammer bei einem Bauern nahe des Ortes. Haucht über seine kälteklammen Finger, reibt in die Eisblumen am Fenster ein Guckloch und wirft einen traurigen Blick auf die Gleichaltrigen, die im Schnee spielen. Aus Geldmangel verbringt er die Weihnachtsferien in der Fremde. Hilft aus, bessert seine magere Kost auf. Alles um Priester zu werden. Alles um seiner Misere zu entkommen.

In den Sommerferien ist der Bub zu Hause. Er hilft auf dem Bauernhof mit, manchmal auch bei Verwandten. Einen Sommer lang versorgt er die Bienen für einen Cousin seiner Mutter.

Die Klarinette ist kein besonders adäquates Instrument für einen angehenden Priester. Lustige Landler und flotte Märsche lassen sich damit besser spielen als getragene Choräle und strenge Fugen.

Die Matura wird 1913 bestanden. Frisch im Alumnat am Stephansplatz genügt ihm vorläufig die Freiheit, die der Besuch der Zusammenkünfte einer Studentenverbindung bietet. Sonst dürfen die Studenten allein nicht an die Öffentlichkeit gehen. Sogar Spaziergänge im Prater sind nur gemeinsam erlaubt. Nur im Talar. Einer seiner Kollegen scheitert daran. Er sagt, er könne es nicht ertragen, wie ihn die Leute in einem derartigen Aufzug anstarren würden.

Der hübsche junge Mann gibt in einer Familie Nachhilfe. Er verliebt sich in seine Schülerin. Er tritt aus dem erzbischöflichen Priesterseminar aus, zieht in die Wohnung der Familie seiner Angebeteten.
Er ist einundzwanzig und interessiert sich für soziale Probleme der Zeit. Er will sich in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Wenn schon nicht als Priester, dann wird er doch auf andere Weise den Menschen helfen, nimmt er sich vor.
Ein Jahr darauf hat er nichts Besseres zu tun, als sich für den Kriegsdienst zu melden.
Sein körperliches Manko verzögert nur, aber verhindert nicht sein Begehren, sich in die Schlacht zu stürzen.
Zu seinen Freunden redet er nur von Pflichterfüllung und patriotischer Tat. Er rät ihnen, ja bald ihr Leben für Volk und Vaterland in die Schanze zu schlagen.
Er selbst kann es gar nicht erwarten. Als man die Burschen ohne militärisches Training nicht an die Front lassen will, ist er bedrückt und deprimiert.
Zähneknirschend nimmt er die Ausbildung zum Offizier auf sich. Macht sich Sorgen, ob vielleicht nicht eher der Krieg aus ist, bevor er zum Feind kommt. Ob er sich dann nicht vor jenen seiner Kameraden schämen wird müssen, denen es bereits gelungen ist, sich verwunden zu lassen.

Erst als der erste Freund als gefallen gemeldet wird, denkt er ans Sterben: Wenn ich allein bin, kann ich nicht recht zu einem anderen Gedanken kommen, als wieder an den Straßer [der gefallene Freund]. So manche Erinnerungen … nun alles aber tot[.] unter kühler Erde kann ich ihn mir nicht vorstellen.

Das Regiment erlebt in der Isonzoschlacht die Hölle.
Später werden Kameraden das Lob des jungen Mannes singen; wie er standhaft blieb, wie er der Verzweiflung trotzte, wie er den Glauben nicht verlor.
Dieser Glaube war noch stärker als der vorherige.
Im Krieg erlernt er das Geschäft des Tötens.
Zurück im hungernden Wien fällt sein feuriger Idealismus auf. Wieder wird er von einem mächtigen Mann entdeckt und gefördert. Noch bevor er den Doktor juris in der Tasche hat, ist er engagiert. In seiner Gesinnungsgemeinschaft gilt er als kompetent und konziliant, als Pragmatiker. Und als nachtragend gekränkt, wenn Gegner seine physische Behinderung aufs Korn nehmen. Als unversöhnlich, wenn ihm seine bäuerliche Herkunft zur Last gelegt wird.

Seine erste Tochter erkrankt an ihrem ersten Geburtstag und stirbt eine Woche später an infektiöser Gehirnhautentzündung. Erfolg, Macht und Einfluß des Vaters haben sie nicht retten können. Seine zweite Tochter erinnert sich an die Tage nach dem 25. Juli 1934:

Ich bin bald sechs Jahre alt. Rudi ist dreieinhalb. Er versteht das alles nicht – das viele Schwarz, die Kerze, die vor Papas Bild brennt.
„Warum ist Papa nicht da?“, fragt er mich. Ich schüttle nur den Kopf.
„Komm, wir suchen ihn!“, sagt er. Ich gehe eben mit. In allen Ecken schaut er. Zuletzt suchen wir in der Speisekammer.
Meine Mutter kommt vorbei. Sie fragt: „Was sucht ihr denn da?“ -  „Den Papa!“ sagt Rudi.
Ich muß schnell wegsehen. Ich ertrage den Ausdruck auf Mamas Gesicht nicht.

Alle Zitate aus: Eva Dollfuß, Mein Vater – Hitler erstes Opfer (1994)

In dem kleinen Ort südlich von Melk bestand seit 1483 ein auf Grund der letztwilligen Verfügung des Hans von Plankenstein gegründetes Kollegiatstift. Wegen der unerschwinglichen Kriegssteuern mußte es bereits 1612 wieder aufgelassen werden. Die dem Kloster vorstehenden Dechanten hatten zu diesem Zweck alle Besitzungen verkaufen müssen, nur der Meierhof und einige kleine, unbedeutende Güter waren verblieben. Das Dekanat wurde in der Folge auf Antrag des Wiener Kardinals Melchior Khlesl der Wiener Dompropstei einverleibt. So bestand von 1612 bis 1905 der etwas ungewöhnliche Umstand, daß der Dompropst von St. Stephan gleichzeitig Dechant von Kirnberg war. Kirnberg ist seit 1905 zwar selbstständige Pfarre, die Dompröpste von St. Stephan behielten aber weiterhin das Nutzungsrecht für das Propsteigut. Davon wird bis heute Gebrauch gemacht, besonders im Sinn einer willkommenen Sommerfrische.
Carl F. Panagl-Holbein, Zeugen einer großen Vergangenheit. Aufgelassene Klöster in Österreich (Wien 1988), Seite 26, Kirnberg an der Mank.

Informationen zum Artikel:

Dollfuß in Wolfpassing

Verfasst von Toni Distelberger

Auf MSG publiziert im September 2011

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Wolfpassing, Steinakirchen, Pyhrafeld
  • Zeit: 1930er Jahre

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.