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Teenagerjahre

von Gabriele Stöckl

Größere Veränderungen brachten meine beginnenden Teenagerjahre, als ich 1958, 14-jährig, aus der Obhut meiner Großmutter in Wien, unter die Fittiche der Eltern in die bürgerliche Kleinstadt auf dem Lande kam. Eben dabei flügge zu werden, fing meine Mutter nun an, mir die Flügel zu stutzen.

Ich kam ins Gymnasium in Amstetten, wo die Klassen „gemischt“ waren, mit einem größeren Buben-Anteil. Es hieß jeden Tag früh aufstehen, mit dem Autobus zum Bahnhof und mit dem Zug nach Amstetten. Im Sommer kein Problem, doch im Winter war es unangenehm. Ein kalter Warteraum, wo wir mit klammen Fingern manch vergessene Hausaufgabe schrieben. In Wien hatten wir Mädchen auch in der Schule lange Hosen tragen dürfen, nun waren hier vom Direktor aus nur Schihosen im Winter erlaubt. So durfte ich meine Jean, wie sie damals modern wurde, in der Freizeit tragen, aber nicht in der Schule, wo die Buben versuchten, uns Mädchen unter den Rock zu greifen. Auch einen „Petticoat“ zu tragen, war nicht erlaubt. Dabei hatte ich so ein begehrtes Stück noch in Wien bekommen. Hundert Schilling hatte der Traum aus Nylon mit breiter Spitzenbordüre gekostet! Und zu Hause passierte mir gleich ein Missgeschick. Ich wollte mich mit dem Unterrock im Spiegel betrachten, schlüpfte hinein und drehte mich wie ein Pfau. Und beim Ausziehen passierte es dann: Ich blieb mit einem Fuß irgendwie hängen – und ratsch, hatte das dünne Gebilde einen langen Riss. Heulen hätte ich können. Natürlich musste ich den beschädigten Petticoat behalten. Mutti nähte den Riss, so gut es ging, zusammen.

In Wien hatte ich die Wochenenden hauptsächlich mit meiner Kusine (Jahrgang 1941) verbracht. So war sie mir an Jahren und auch Entwicklung voraus. Ihre Mutter war der Jugend gegenüber aufgeschlossen und tolerant. Wir durften „Tanzmusik auf Bestellung“ hören. Was wir in unseren Teenagerjahren als Schnulzen empfanden, waren die Lieder, die in der sogenannten „Erbschleicher-Sendung“ gespielt wurden: „Im grünen Wald, dort wo die Rehlein grasen …“, „Lieserl, kumm her …“, „Wenn in Großmuttters Stübchen ganz leise …“, um einige zu nennen. „Waldesruhuhu …“ – schaurig für uns Teenager!

Wir schmolzen bei anderen Schlagern dahin. Cornelia Froboess trällerte nicht mehr „Pack die Badehose ein …“, sondern sang als Conny „Wenn Teenager träumen …“. Träumte man nicht auch schon „große Dame“ zu sein? Oder „… es küsst sie ein Mann?“ Conny Francis sang „Mit 17 hat man noch Träume …“ Oh ja, hatten wir, denn „Mit 17 fängt das Leben erst an“, meinte Ivo Robic. Udo Jürgens schwärmte von „17 Jahr, blondes Haar …“ Kein Wunder, man wünschte sich sehnlichst, 17 zu sein. Mit einer ihrer Freundinnen zeigte mir meine Kusine den neuesten Tanz aus Amerika, mitten auf der Straße in ihrer Siedlung. Dazu sangen sie:

„Auf der schwarzen Erde, da tänzeln die Pferde, wenn sie ihren Hufschmied hör’n, Jim unterm Lindenbaum. Wenn die Eisen glühen und die Funken sprühen …“ Es war eine rhythmische Melodie, zu der sie auf dem Asphalt tanzten, wippend und die Hüften schwingend. Sie stießen sich mit den Händen voneinander ab, drehten sich jede für sich … Das war kein Charleston, wie mir Mutti den „verrückten“ Modetanz ihrer Jugend gezeigt hatte, auch kein Walzer, den ich schon ein wenig ohne Tanzschule beherrschte. Es war ein Boogie-Woogie, ein „wilder“ Tanz, doch Musik, Bands und Tanz wurden zum Schrecken unserer Eltern noch viel „wilder“.

Beim Kino bot meiner Kusine der Altersunterschied den Vorteil, sie durfte bereits in Filme ab 16 oder gar Jugendverbot gehen, wie „Die badende Venus“ mit Esther Williams. Weil ein paar Frauen im Badekostüm im Wasser herumschwammen! Freilich hatten mich die Erwachsenen zu Filmen wie „Barry“, mit einem Bernhardiner-Hund, „Der Sonnblick ruft“, mitgenommen. Gerne habe ich die Verfilmungen von Erich Kästners Büchern angesehen. Gelesen hatte ich sie ja bereits: „Pünktchen und Anton“, „Das fliegende Klassenzimmer“ oder „Das doppelte Lottchen“ mit den Film-Zwillingen Isa und Jutta Günther. Mit ihnen auch „Der erste Kuß“, erst einmal auf Leinwand. Bis zur Realität fehlten mir noch ein paar Jahre. „Der Dieb von Bagdad“, „Dschungelbuch“, „Prinz Eisenherz“, „Tarzan“ waren spannend und die Zeichentrickfilme „Bambi“, „Pinocchio“, „Schneewittchen“, „Peter Pan“. Danach die Naturfilme „Die Wüste lebt“ oder Unterwasserfilme von Hans Hass.

Es kamen Filme mit Romy Schneider, wie „Scampolo“, „Monpti“, „Robinson darf nicht sterben“ (ich schwärmte auch für Horst Buchholz), „Lili“ (mit Leslie Caron und Mel Ferrer). Gerne mochte ich Catherine Hepburn. „Der Regenmacher“, mit ihr und Burt Lancaster, war der erste Film, den ich mir zusammen mit meinen Eltern im DIDO-Kino anschauen durfte, obwohl der Film erst ab 16 Jahren zugelassen war. Ich war erst 14 und spüre heute noch, wie aufgeregt ich war, ob man mich hineinlassen wird? Filme mit Sophia Loren und Gina Lollobrigida waren für mein Alter noch nicht jugendfrei. Meine Kusine schwärmte für James Dean, und ich litt mit ihr, als er so jung verunglückte.

1957 wurde in Wien der Film „Die unentschuldigte Stunde“ mit Adrian Hoven und Erika Remberg gedreht. Unsere Schule war angeschrieben worden, bei der Schluss-Szene des Filmes mitzumachen. Wir mussten in unserem Merkheft unterschreiben, ob wir am Drehtag anwesend sein dürfen. Ich durfte. Wir wurden mit Bussen abgeholt, bekamen ein Lunchpaket, und man brachte uns zum Theresianum, wo auf einem Areal im Freien die letzte Szene gedreht wurde. Wir „Schauspielerinnen“ wurden platziert und sollten den drei Darstellern, die schwungvoll eine Treppe herunterkamen, zujubeln. Ein sehr hübsches Mädchen unserer Klasse hatte sich besonders herausgeputzt, da sie hoffte, für den Film entdeckt zu werden. Mich freute nur, Adrian Hoven, für den ich damals schwärmte, live, wenn auch sehr entfernt, zu sehen. Erst einmal wurde geprobt. Doch auch beim Dreh wurde die Szene abgebrochen, da in dem Augenblick ein Flugzeug über das Areal flog und unser Jubelgeschrei noch übertönte. Die Musik zu dem Film hat Heinz Sandauer (er war mit meinem Vater beim Bundesheer) komponiert.

1958 war ich zu meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder nach Ybbs gezogen. Das Leben war ganz schön, aber nun mit den pubertären Schwierigkeiten bei Eltern und mit dem Wechsel der Schule verbunden. Dazu kam die Liebe – ein Paddler –, und es zog mich immer wieder zur Donau .Natürlich hoffte ich, ihn auch am „Kirlfest“ zu sehen. Es war in den 50er Jahren das größte Sommer-Openair-Fest Niederösterreichs, veranstaltet vom ASK Ybbs. Es waren bekannte „Größen“ aus Funk und Fernsehen anwesend. Die Conference machten z.B. Maxi Böhm, Max Lustig oder Heinz Conrads. Es spielte das Tanzorchester Max Greger oder das Rundfunkorchester Kurt Friedrich auf der Tanzfläche über dem Kirlteich. Es sangen unter anderem Peter Hinnen, Gus Backus, Udo Jürgens. Auch Hannelore Auer stand auf der Bühne. Es wurde eine „Miss Kirl“ gewählt. Dafür hatte sich einmal sogar die „Miss Persien“ beworben. Leider war die Veranstaltung wetterabhängig. Als später dann die fixe Bühne überdacht war, gab es ab ca. 1963 kein Kirlfest mehr.

Ich bekam die Erlaubnis, mit einer Freundin und ihrer Mutter auf das Fest zu gehen. Es war Mode geworden – damit der Unterrock noch mehr wippte – zusätzlich ein Plastikband am unteren Ende einzunähen. Darüber den Rock und dazu den breiten Gürtel, den ich so eng wie möglich schließen wollte. Leider hatte ich keine Wespentaille und Mutti schimpfte, ich solle mich nicht wie eine Leberwurst abschnüren. Aber alles zusammen sah einfach toll aus. Doch meine Hoffnung, meiner Liebe zu begegnen, war vergebens.

Endlich durfte ich in Ybbs die Tanzschule besuchen. Das Ehepaar Mühlsigl kam einmal die Woche aus Wien und gab im Saal eines Gasthauses Tanzunterricht. Zum Abschluss kam auch ihr Sohn Klaus (Opernball), mit dem ich einen Rock’n’Roll, den „wilden“ Tanz auf die Wirtshausdielen legen durfte. Mein Mann hatte damals die Tanzschule bereits hinter sich.

Wir mussten uns heimlich treffen, war ich doch erst 16. Da ich das Gymnasium in Amstetten verließ und in die Kunstschule nach Linz kam, waren wir getrennt. Wir schrieben uns fleißig Briefe. Besuchte ich mit meinen neuen Freundinnen die sehenswerten Ingmar-Bergmann-Filme, wie „Das siebente Siegel“ oder „Wilde Erdbeeren“, aber auch Krimis, wie „Psycho“ von Alfred Hitchcock, war zum Wochenende das Kino in Ybbs eine Gelegenheit, mich mit meinem Freund zu treffen. Wir gingen in Edgar-Wallace-Filme, die damals „in“ waren, aber auch in Antikriegsfilme, wie „Hunde, wollt ihr ewig leben?“

Informationen zum Artikel:

Teenagerjahre

Verfasst von Gabriele Stöckl

Auf MSG publiziert im November 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Ybbs, Amstetten / Wien
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung des Texts "Teenagerjahre - Schönes und Schauriges" und wurde beim Lesenachmittag unter dem Motto "Generationen und Jugendkulturen" am 10. November 2011 im Wien Museum Karlsplatz vorgetragen.

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