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Durch die Seele ziehen Sterne

von Marianne Wappelshammer

Dicht gedrängt umringte eine Menschenmenge den jungen Chinesen, der im Gegensatz zu seiner kleinen Statur mit außergewöhnlich starker Stimme „Oh sole mio” schmetterte. Verschiedenartige Musik oder musikseinsollende Geräusche, vom leisesten Piano bis zum ohrenbetäubenden Fortissimo, ertönte aus allen Richtungen der am Sonntag Nachmittag sehr bevölkerten Fußgängerzone. Der kleine Sänger freute sich sichtlich über seine so zahlreichen Zuhörer, die ihm mit lauten Bravo-Rufen begeistert applaudierten. Immer wieder verbeugte er sich tief nach allen Seiten, nachdem er lächelnd seinen opernhausreifen Vortrag unterbrochen hatte.

„Das Glück is a Vogerl”, klang es leise doch hingebungsvoll aus einer dunklen Tornische. Hier musizierte still für sich ein Mundharmonikaspieler, von den dicht vorbeidrängenden Fußgängern kaum wahrgenommen und fast außerhalb des allgemeinen Trubels. Doch er war dabei und irgendwie gehörte er auch dazu.

Mitten im Gewühl, zwischen den zahlreichen Spaziergängern, saß ein schnauzbärtiger älterer Mann auf einem Fußschemel und bewegte sichtlich vergnügt seine kleine schrille Ziehharmonika zu einem scheinbar endlosen Ländler. Geräusch voll klopfte er mit seinen derben Bergschuhen den Takt dazu. Er lachte unter seinem federgeschmückten Hut den vielen Vorübergehenden fröhlich zu. Hier auf diesem Platz war auch er ein auffälliger Mittelpunkt und verbreitete auf seine Weise gewollte oder auch ungewollte Heiterkeit.

In unmittelbarer Nähe umkreisten unzählige Tauben die kleine, in schwarz gehüllte Gestalt einer alten Frau. Den graublauen Vögeln schien sie ziemlich vertraut zu sein. Sie hatte links und rechts an ihrem Gürtel schwarze, fast bis zum Boden reichende, prall gefüllte Säcke hängen. Daraus schaufelte sie mit flinken kleinen Händen den sie zutraulich umflatternden Tauben Mengen von Reiskörnern hin. Gurrend und flügelschlagend tummelten sich die Tiere scharenweise auf diesem willkommenen Futterplatz. Einige setzten sich auf die breite Hutkrempe der Alten und andere nickten von deren Schultern in die Richtung der Futterbehälter. Von der zahlreichen, teils empört schimpfenden, teils heiter staunenden Menschenmenge ließen sich die Tauben kaum verjagen. Die Futterspenderin lächelte triumphierend ihrem Publikum zu. Ihre ganze Gestalt demonstrierte hier ihre Wichtigkeit.

Plötzlich ertönte lautstark in einiger Entfernung eine bekannte mitreißende Tanzweise herüber. Fünf Blasmusikanten waren rasch von lachenden, in die Hände klatschenden Neugierigen umringt. Zwei vorbeischlurfende, schäbig gekleidete Männer blieben horchend stehen. Der eine drängte sich in den Kreis durch die Menschenmenge und begann zu tanzen. Er lachte und tanzte selbstvergessen, voll Hingabe zu den schmissigen Klangfolgen. Seine langen struppigen Haare flogen um seine Schultern und er klatschte mit hoch erhobenen Händen im Rhythmus zur Musik. Er ließ sich von seinem ungeduldigen Kumpel, der schon weitergehen wollte, beschimpfen. Nichts konnte seine Freude am Tanzen stören. Dann warf er alle Münzen, die er in seinen Hosensäcken finden konnte, in den am Boden liegenden Hut des einen Musikanten. Er schrie seinem Kameraden, der ihn schon für verrückt erklärte, nach, dass diese Künstler doch auch von etwas leben müssten.

Lachend und von dieser Wende überrascht nahm er dann den großen Geldschein von einem der vielen Zuhörer mit beiden Händen entgegen. Glücklich und reicher als vorher rannte er seinem Schicksalsgefährten nach. „Wer ist hier verrückt?”, schrie er fröhlich. Für ihn war es ein Sonnentag. Sein Hut war alt, die Kleider abgetragen – durch die Schuhe konnte Wasser fließen, doch durch seine Seele zogen Sterne.

Zeichnung eines fliegenden Vogels

Informationen zum Artikel:

Durch die Seele ziehen Sterne

Verfasst von Marianne Wappelshammer

Auf MSG publiziert im Dezember 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1980er Jahre, 1990er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist dem 2010 im Poss Verlag erschienenen Buch "Lebensmomente 1923-2010" von Marianne Wappelshammer entnommen (S. 81-83)

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