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Die große Kälte

von Marianne Wappelshammer

Der Ofen war fast so groß wie sie. Er war rund und grün emailliert, außerdem furchtbar schwer. Trotzdem wollte sie ihn irgendwie ins Schlafzimmer der Eltern hinüberbringen. Denn dort gab es keine Heizmöglichkeit. Mutter und Vater hatten die ganze Nacht stark gehustet, so dass sie nicht schlafen konnte, aufgestanden war und für die beiden Tee gekocht hatte. Es war aber wirklich viel zu kalt im Zimmer der Eltern.

Die stets feuchte Ecke neben dem Bett des Vaters war nun gefroren. Dicke Eisperlen glitzerten silbrig von der Zimmerdecke herunter, die Wand entlang. Wie im Winterpalast der Schneekönigin, dachte das kleine Mädchen. Die Mutter sagte immer: „Dort ist die Wetterseite, das Dach ist in Ordnung!"

So mühte sich die Kleine mit dem riesigen Kohleofen unter den leisen Protestrufen der Mutter: „Du wirst dir einen Bruch heben, er ist doch viel zu schwer für dich." Aber Anna drehte und schob den Ofen einmal links herum, einmal rechts herum und war sehr froh und stolz, als dieses Unikum dann wirklich unter dem Kaminloch stand.

Schwer atmend durch diese anstrengende Tätigkeit betrachtete sie nun, zufrieden aufseufzend, ihr ungewöhnliches Werk. Jetzt fehlte nur mehr das Ofenrohr. Dann konnte sie hier heizen. Wie sie sich darauf freute. Sie würde alles, was sie fand, in den Ofen stecken. Da gab es so viel hier in der Wohnung. Mutter hatte so viele Zeitungen unter ihrem Bett. Alle mit Spagat zusammengebunden in große Schachteln gepackt. Alles das würde sie als Erstes verbrennen. Dann wird es schön warm hier sein, dachte das Mädchen froh. Vater würde bald wieder gesund sein. Auch Mutters Krankheit würde besser werden, wenigstens der Husten. Denn die Mutter lag schon seit Wochen im Bett.

Warum wusste Anna nicht. Den Kohlenstaub, der noch vom vorigen Winter in der Kohlenkiste lag, wird sie fest in Papier wickeln und auch verbrennen. Wenn nur der Vater nicht so traurig wäre. Dabei hatte sie ihn doch auch noch mit ihrer Decke zugedeckt. Mit ihrer wunderbar bunten Decke, die sie sich selbst aus vielen Stoffresten genäht hatte. Er müsste doch eigentlich froh sein und sich über die Decke und seine Anna freuen. Stattdessen rannen ihm Tränen über die Wangen und er zischte zwischen den Zähnen immer wieder dasselbe hervor: „Daß man so ein armer Hund sein muß!"

Scherenschnitt von einem Mädchen mit Zöpfen und gegrätschter Beinstellung die Hände in die Hüften gestützt

Anna verstand Vater überhaupt nicht. Warum dachte Vater, er wäre arm? Sie hatte ihm ihre Decke gegeben, den Ofen hierher gebracht und sie würde Mutters Zeitungen verbrennen, über die er sich doch immer so ärgert. Eifrig brachte Anna nun das Ofenrohr aus der Küche, und zu ihrer Freude passte es wirklich oben ins Kamin loch und unten in den Ofenanschluss. Nun begann sie, eine Zeitung nach der anderen in den Ofen zu knüllen.

Bald brannte ein kleines rauchig unruhiges Feuer. Anna hockte nun vor dem Ofen und sah den roten und gelben Flammen zu, wie sie nun zunehmend gierig das Papier auffraßen. Sie konnte gar nicht so schnell die Zeitungen hineinstopfen. Gleich waren sie verbrannt, verglühten und zerfielen in weiße Asche. In viel Asche.

Als Anna die erste Schachtel zerriss, erwachte die Mutter: „Anna, was treibst du denn nun wieder?" Ächzend setzte sich die Kranke im Bett auf und sah zu dem Mädchen hinüber, das vor dem Ofen stand und die braunen Kartonstücke hinein schob. .„Was verbrennst du denn da?" fragte die Mutter verwirrt. „Aber nichts!", schrie Anna zornig und trotzig zugleich. Ach, Mutter würde sehr jammern über die unerlaubte Verbrennung der kostbaren Sammlung. Mutter hatte nie Zeit für sich, etwas zu lesen oder nur anzuschauen. So hatte sie angefangen, alle Zeitungen aufzuheben. Einmal würde sie alle durchsehen und lesen. Darauf freute sich die Mutter. Anna wusste das. Aber es kamen doch immer wieder neue Zeitungen dazu. Jeden Sonntag musste Anna für den Vater die große und die kleine Zeitung von der Trafik an der Ecke ihres Hauses holen. Jetzt schlief Mutter meistens und dachte nicht daran zu lesen.

Doch nun hatte sie Annas Geschäftigkeit aufgeschreckt. „Du zerreißt eine Schachtel, wie kannst du nur so etwas tun?!" Seufzend sank Mutter auf den unförmigen Polster zurück. Eigentlich war ihr alles egal. Sie hatte keine Kraft mehr, ihr Leben oder das ihrer Familie irgendwie zu beeinflussen. So zog die Kranke die schäbige Decke über den Kopf und döste weiter. Und Anna war froh, dass die Mutter nichts mehr sagte. Sie fuhr fort, die alten Schachteln zu zerreißen und in den Ofen zu schlichten. Einmal würde das Zimmer schon warm werden, hoffte das Kind.

Nebenbei dachte Anna auch an die Schule. Seit Tagen war sie nicht mehr dort. Seit auch der Vater krank war, hatte sie keine Zeit mehr hinzugehen. Die Lehrerin würde sie wieder sehr traurig anschauen und ihr mit der Hand über die Haare fahren. Das mochte Anna nicht, denn das machte sie so seltsam schwach und traurig. Wieso, wusste Anna nicht. Da ärgerte sie sich lieber über den bösen Riesen, der in ihrer Schule Direktor war und bei ihrem Anblick immer dasselbe rief: .„Ein dummes Mädl, ein faules Mädl!" Das störte sie weniger. Sie war richtig froh, dass sie zu Hause war. Sie hatte hier viel zu tun. Weiter brachte sie Mutters Zeitungen zu den züngelnden Flammen im Ofen.

Informationen zum Artikel:

Die große Kälte

Verfasst von Marianne Wappelshammer

Auf MSG publiziert im Dezember 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist dem 2010 im Poss Verlag erschienenen Buch "Lebensmomente 1923-2010" von Marianne Wappelshammer entnommen (S. 26-28)

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