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Erlebnisse, erzählt aus der Sicht von drei Generationen von Frauen

von Hildegard Wüntschüttl

Gestern am Abend rief mich meine Tochter Karin an, ihre Stimme klang anders als sonst. Und nach der Begrüßung erzählte sie mir folgende Geschichte, wie sie das Leben immer wieder schreibt, von Generation zu Generation, nur ein wenig verändert.

Stockend begann Karin zu erzählen. Ich fühlte förmlich ihre Emotionen, denn es war noch keine Stunde her, als sie endlos lange, furchtbare Stunden durchleben musste. Claudia, ihre 9 Jahre und 9 Monate alte Tochter, ein lebhaftes, wissbegieriges und auch kontaktfreudiges Kind, bescherte dies ihrer Mutter.

Claudia geht in ein Halbinternat und kommt täglich um 17 Uhr nach Hause, so auch gestern, an einem schönen Frühlingstag im April. Natürlich wollte Claudia ins Freie, sie nahm ihr Jojospiel und ging, wie sie zu ihrer Mama sagte, vor das Reihenhaus, wo sie wohnte, einer ruhigen Anlage, ohne Straßenverkehr. „Auf nur zehn Minuten“, wie sie sagte. Danach wollte sie im Garten spielen.

Karin schaute vom Küchenfenster ihrer Tochter zu, wie sie vergnügt spielte. Als sie nach 10 Minuten wieder hinaussah, war Claudia nicht zu sehen. Meine Tochter ging vor die Haustür, auch von hier keine Spur von ihrem Kind. Sie rief, aber keine Antwort. Und plötzlich überfiel sie eine furchtbare Angst. Kein Mensch war auf der Straße der kleinen Reihenhaussiedlung zu sehen, auch nicht in der angrenzenden Wohnhausanlage.

Karin lief zur Freundin von Claudia, die sehr verwundert war, dass Claudia nicht zu ihr gekommen war, um zu spielen, nämlich dort, wo es Hunde und Katzen zum Spielen gab. Auch in diesen kleinen Gärten war Claudia nicht. Die Bekannten waren bestürzt und boten sich an, das Kind suchen zu helfen – doch vergebens.

Karin ging ins Haus und wollte in ihrer Verzweiflung ihren Mann im Geschäft anrufen. Doch er war schon auf dem Heimweg. Sie legte den Telefonhörer weg, und in diesem Augenblick klingelte die Türglocke.

Sie öffnete, und Claudia stand lachend, fröhlich, vor der Tür. Doch ihre Mutter, die in dieser längsten Stunde ihres Lebens in Angst und Sorge um ihr Kind lebte, verlor ihre Nerven, wie man so sagt, und schrie: „Wo warst du, ich hab solche Angst um dich gehabt!“ Claudia, ganz verwundert, ihre sonst so stille Mutter so schreien zu hören, gab zur Antwort: „Ich war ganz kurz im letzten Haus, bei den zwei kleinen Kindern, zum Spielen.“

Beleidigt und nun weinend, lief sie in ihr Zimmer. In diesem Augenblick kam Peter, der Vater, nach Hause. Kurz erzählte Karin, die, wie sie mir sagte, noch am ganzen Körper zitterte, ihrem Mann von der furchtbarsten Stunde ihres Lebens, wo sie um ihr Kind bangte.

Zum besseren Verstehen möchte ich nun erwähnen, warum meine Tochter so besorgt und verängstigt war. Denn seit über 4 Wochen wird ein 10-jähriges Mädchen in Wien gesucht, das wie vom Erdboden verschwunden ist. Meine Tochter sagte zu mir: „Mama, ich hatte in dieser Stunde derart Angst. Ich war wie von Sinnen, in Schweiß gebadet und glaubte, mein Herz zerspringt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Jede Minute war wie eine Ewigkeit. Jetzt kann ich verstehen, was die Mutter der kleinen vermissten Natascha fühlt, und das schon vier Wochen lang.“

Peter ging zu seiner Tochter und sagte: „Weißt du, deine Mama hat geschrien, da sie nervlich total fertig war. Sie hatte große Angst um dich, und ich hoffe, du lernst daraus. Sag, wohin du gehst, wenn du deine Pläne änderst!“ Claudia hatte diese Lektion verstanden, sie lernte für die Zukunft. Ich hoffe es für uns alle.

Karin erzählte mir all dies, nachdem Claudia schon ins Bett gegangen war, versöhnt mit ihrer Mama, nach einer längeren Aussprache. Meine Tochter war nach einem Arbeitstag und diesem Erlebnis völlig müde und ausgelaugt, aber glücklich über den Ausgang der schweren Stunde.

Schon im Gespräch mit meiner Tochter sah ich eine Szene vor mir, die sich vor langer Zeit zugetragen hatte. Doch dann stellte ich an meine Tochter eine Frage, aus einer Zeit, in der es mir genauso ergangen war, wie ihr, als ich nämlich stundenlang auf sie gewartet hatte. Ich fragte: „Karin, kannst du dich noch erinnern, als du mit Peter tanzen gegangen bist, und wir auf dich viereinhalb Stunden gewartet haben, bis du nach Hause gekommen bist?“

„Ja, ich kann mich erinnern, du bist im Nachthemd in der Vorzimmertür gestanden und hast mich angeschrieen, warum ich so verspätet nach Hause komme. Ich hab gesagt, es sei lustig gewesen, und ich hätte nicht auf die Uhr gesehen.“

Ich erinnere mich noch gut an diese Stunden des Wartens. Karin war sonst ziemlich pünktlich gewesen. Ich lag im Bett neben meinem ruhig schlafenden Mann und hasste ihn fast, da er ruhig schlafen konnte, und das Kind, das damals etwas über 19 Jahre war, nicht heimkam.

Diese Angst, die ich damals hatte, raubte mir fast den Verstand. Der Wecker, der auf meinem Nachtkästchen stand, auf dessen leuchtenden Zeiger ich immer starrte, bewegte sich kaum weiter, obwohl ich sein Ticken furchtbar laut empfand.

Nach zwei Stunden des Wartens stand ich auf und lief wie eine Irre im Wohnzimmer umher. Und neben mir unser Hund. Er spürte meine Unruhe – mehr als mein Mann, der fest und tief schlief. Doch dann weckte ich ihn auf. Er war verärgert, aber ich wollte nicht mehr allein wachen. Mein Mann sagte zu mir: „Geh wieder ins Bett, sonst verkühlst du dich noch. Sie wird schon kommen.“

Also gingen wir ins Bett, mein Mann drehte das Licht ab und schlief schnarchend ein. Und ich wachte. Nun, auch mein Hund wachte mit mir. Als ich ein Auto hörte, das vorm Haus stehen blieb, dachte ich: „Gott sei Dank, sie kommt.“ Ich hörte, wie sie das Gartentor öffnete und wieder schloss und danach über sechs Stufen zur Haustür ging.

Mit dem Hund ging ich ins Vorzimmer. Ich schimpfte mit meiner Tochter, der Hund wedelte voller Freude mit seinem Schwanz. Karin sagte: „Ich hab nicht auf die Uhr g’schaut, es war so lustig und schön.“ Und ich sagte zu ihr: „Du wirst es auch einmal erleben, was es heißt, auf ein Kind voller Sorge zu warten.“

Diesen meinen letzten Satz sagte auch mein Vater zu mir. Ich erinnere mich noch gut an diese Episode aus meiner Jugendzeit. Meine Schwester und ich besuchten gemeinsam eine Tanzschule. Sie war 16 und ich 17 Jahre alt. Wir kamen immer sehr pünktlich nach Hause, nämlich um 22 Uhr, gleich nach dem Kurs. Meine Eltern legten großen Wert auf Pünktlichkeit. Sie waren eher überpünktlich, stell ich heute fest.

Doch eines Tages unterhielten wir uns mit einigen jungen Leuten aus der Tanzschule etwas länger – bei der Straßenbahnhaltestelle.

Wir kamen um eine Stunde später nach Hause. Ich hatte ein ungutes Gefühl, im Gegensatz zu meiner Schwester. Ich dachte, da gibts heute eine Kopfwäsche, wie man so sagt.

Ganz leise wollten wir uns in die Wohnung schleichen, wir zogen unsere Schuhe aus. Ich sperrte auf, und im hellerleuchteten Vorzimmer stand im Pyjama mein Vater. In diesem Augenblick kam er mir noch größer vor als sonst. Er gab mir eine Ohrfeige – ich war verwundert und duckte mich, denn Vater wollte mir noch eine Ohrfeige geben.

Meine Schwester, die hinter mir stand, bekam links und rechts eine Ohrfeige. Vater sagte: „Eine Stunde kommt ihr heute später! Mama und ich haben schon Angst gehabt!“ Mama stand im Nachthemd in der Schlafzimmertür und sprach kein Wort. Sie war sprachlos. Was das bei Mama bedeutete, kann sich nur der vorstellen, der sie kannte.

Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, kam Vater in unser Zimmer und entschuldigte sich, dass er uns geohrfeigt hatte. Meine Schwester sagte kein Wort. Sie war beleidigt, und konnte das sehr lange sein, auch nicht zu sprechen, aus Trotz. Doch ich sagte, da es für mich immer unerträglich war, wenn ich mit jemandem nicht ausgesöhnt war: „Es ist schon gut, es war falsch von uns – wir machen das nie wieder.“ Ich fühlte, dass Vater mehr litt, als ich. Er hatte sich immer in der Hand, schlug uns nie und war über seine Reaktion richtig unglücklich. Er verstand sich selbst nicht mehr, so etwas getan zu haben.

Armer Vater, ich weiß, du wolltest nie deine Kinder schlagen, denn du selbst wurdest viel geschlagen. Das hattest du mir erzählst, als du schon älter warst, und noch etwas hattest du gesagt: „Ich wurde als Kind viel geschlagen und schwor mir damals, sollte ich einmal Kinder haben, schlag ich sie nicht.“

Bei diesem Schreiben wird mir jetzt bewusst, ich dachte selbst als Kind wie mein Vater und sagte immer zu mir, wenn Mutter mich schlug: „Wenn ich einmal Kinder haben werde, schlag ich sie nicht.“

Ich hielt mich auch danach, denn meine Mutter hatte, wie man so sagt, eine schnelle Hand.

Vater lernte daraus, obwohl er geschlagen wurde, wollte er das bei seinen Kindern nie tun und ich genauso. Zu Mamas Entschuldigung möchte ich erzählen: Sie war 8 Jahre mit uns Kindern allein, ohne Mann, der im Krieg war und danach in der Gefangenschaft. Als Vater aus der Gefangenschaft nach Hause kam, war er ein kranker Mann und sehr ruhebedürftig.

Mutter mit Kleinkind auf einer Böschung hockend
Die Autorin mit ihrer Mutter (1940)

Erzogen wurden wir von unserer Mutter. Vater hielt sich immer aus unseren Problemen heraus. Er hatte mit sich selbst genug zu tun, nämlich, sich in die Familie einzugliedern. Wir waren uns alle fremd geworden, durch die lange Trennung des Krieges.

Mama wurde nach außen hin eine starke Frau. Doch wie ich heute weiß, war sie immer eine überforderte Frau, die viele Jahre in einer schweren Zeit die Familie führte und lenkte. Für sich hatte sie nie Zeit, erst, als sie in Pension ging. Diese Zeit, sehr kurz, drei Jahre – dann starb sie mit 63 Jahren.

Doch nun nochmal zurück zum Titel der Geschichte: „Erlebnisse, erzählt aus der Sicht von drei Generationen von Frauen“.

Männer haben meist kein Problem damit, wenn sich ihre Kinder verspäten. Sie haben weniger Angst als Mütter, die nie schlafen können, wissen sie ihre Kinder außer Haus. Und das, solange sie in einem gemeinsamen Haushalt leben.

Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn einem die Tochter erzählt, sie hätte um ihr Kind große Angst gehabt, als es verspätet nach Hause kam. Ich fühlte, spürte mich – obwohl wir uns nicht sahen, nur telefonierten – mit meiner Tochter unsagbar verbunden. Genauso wie damals im Spital, als ich mein Enkelkind das erste Mal in meinen Armen hielt.

Meine Tochter legte mir ihr Kind behutsam in die Arme, wir blickten einander an. Es war ein inniges Verstehen in uns, wie ich es heute, nach fast zehn Jahren, wieder empfand, als sie mir von ihrem Kind erzählte, das sie fast eine Stunde vergebens gesucht und große Angst dabei gehabt hatte.

Geschrieben am 4. 4. 1998

Informationen zum Artikel:

Erlebnisse, erzählt aus der Sicht von drei Generationen von Frauen

Verfasst von Hildegard Wüntschüttl

Auf MSG publiziert im Jänner 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950er Jahre, 1970er Jahre, 1990er Jahre

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