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"Eine Schneiderin aber brauchten sie nicht ..."

von Wilma Brauneis

1950 trat ich, noch nicht 14 Jahre alt, aus der Schule aus.

Mama versuchte eine Lehrstelle für mich zu finden, was in der Kleinstadt nicht ganz einfach war. Schließlich konnte ich in einem Gemischtwarenladen eine kaufmännische Lehre beginnen. Es wurde ein völliges Fiasko und nach einem halben Jahr schon abgebrochen. (Der Herr Chef hatte sich mir unsittlich genähert.)

Was sollte aus mir werden?

Meine Mutter hätte mich gerne zu einer Schneiderin in die Lehre gegeben, weil ihr selbst der Wunsch, Schneiderin zu werden, unerfüllt geblieben war. Ich hatte kein Interesse daran, und es gab auch keine Lehrstelle in der Kleinstadt. Ich selbst war völlig ratlos, ich wußte einfach nicht, was ich werden sollte.

Als nächste, vorläufige Lösung gab mich meine Mutter zur Kaufmannsfamilie in einem anderen Dorf, die ein Dienstmädchen suchte. Ich fühlte mich wie Aschenbrödel. Mußte um 5 Uhr früh aufstehen, alle Schuhe putzen, Feuer machen, das Frühstück zubereiten helfen und dann die Hausfrau bei ihren häuslichen Arbeiten unterstützen. Ich war sehr unglücklich und nach einer Woche schon, hielt ich es dort nicht mehr aus. Gegen Abend, das wußte ich, fuhr ein Zug nach Bruck, wohin meine Mutter inzwischen übersiedelt war. Ich schlich mich durch den Garten davon, mußte ein drei Meter hohes Tor überwinden, sprang über die Mauer, verstauchte mir den Knöchel und hinkte zum Bahnhof. In meiner Kammer hatte ich einen Zettel zurückgelassen, mit der Bitte, man möge mir mein kleines Köfferchen nachsenden. Auch dieses Abenteuer ging anders aus, als gedacht.

Auf dem Bahnhof sitzend sah ich plötzlich einen Knecht der Kaufmannsfamilie daherkommen, der forderte mich auf, sofort mit ihm zurückzukehren. Die Kaufmannsleute waren empört über meinen „Abgang“. „So nicht!“ sagten sie. „Wenn du nicht bleiben willst, werden wir dich nicht halten, aber dein Gepäck nachsenden kommt ja überhaupt nicht in Frage. Wer glaubst du denn, wer du bist? Nimm dein Zeug und geh!“ Irgendwie kam ich noch am selben Abend nach Hause, und meine Mutter war sehr betrübt über ihre unbrauchbare Tochter.

Der nächste Versuch war ein Probemonat beim Photographen der Stadt, der zwar keinen Lehrling, aber eine Hilfskraft brauchen konnte, die zugleich auch im Haushalt helfen sollte. Ich lernte mit wachsender Begeisterung, wie Photos nach der Aufnahme behandelt wurden. Durfte in der Dunkelkammer zusehen und die fertigen Bilder mit einer dafür vorgesehenen Maschine zurechtschneiden.

Allerdings das Drumherum gefiel mir wieder nicht. Ich schlief in einem mittelalterlich anmutenden, nur durch einen Vorhang abgetrennten Verschlag in einem Gang, welcher von der Wohnung zum Atelier des Photographen führte. Ganz zu schweigen von der leidigen Hausarbeit, für die mich die Frau „abrichten“ wollte!

Nach dem Probemonat war ich wieder zu Hause und lag meiner armen Mutter auf der Tasche. Sie arbeitete in einer Gärtnerei und nahm mich manchmal zur Aushilfe dorthin mit, außerdem war sie bei der Ernte in der Landwirtschaft behilflich und mähte mit der Sense ganze Kornfelder ab. Auch dabei und später bei der Rübenernte mußte ich helfen. Alles eine schreckliche Plage für mich.

So waren schließlich zwei Jahre vergangen, und ich hatte noch immer keinen Beruf und kein eigenes Geld.

Die Schneiderei ging meiner Mutter nicht aus dem Kopf, und sie brachte es zuwege, mich in die Fachschule für Damenkleidermacher in Bruckneudorf anzumelden. Dort gab es einen zweijährigen Lehrgang mit abschließender Gesellenprüfung. Ich willigte ein und ging wieder in eine Schule. Wenn es auch nicht mein Traumberuf war – es war jedenfalls besser als die Hilfsarbeiten. Die Gegenstände Französisch, Kulturgeschichte, Materialkunde und Schnittzeichnen interessierten mich mehr als der praktische Unterricht. Durch das Sitzen auf einfachen Stockerln bekam ich Rückenschmerzen, und meine Mutter brachte nach Rücksprache mit der Direktorin der Schule eigens für mich einen Sessel mit Lehne in die Schule. Sie fürchtete wohl, daß ich wieder abbrechen würde.

Ich schloß diese Schule mit gutem Ergebnis ab. Danach machte ich noch einen Kurs in der Wiener Mannequinschule Lazek, der mir ungeheure Freude machte, denn das war schon ein wenig in die Richtung Schauspiel, dachte ich, nur ohne Textlernen. Ich hatte eine gute Figur, konnte „schreiten“, hatte Traummaße und war 1,68 Meter groß.

junge Frau in sehr eleganter Kleidung bei Modevorführung
Abschlussprüfung der Mannequinschule im selbstgenähten Kleid (1956)

Danach ging die Suche nach einer entsprechenden Arbeitsstelle los. Ich wollte unbedingt weg aus der Kleinstadt, dort gab es auch keine Chance, Arbeit zu finden. Also nach Wien. Ich schrieb Bewerbungen an alle großen Modehäuser bzw. Haute-Couture-Salons (Adlmüller etc.) und bot meine Dienste an. Leider ohne Erfolg, es stellte sich heraus, daß ich als Mannequin(heute Model) für diese Salons zu klein war, 1,70 Meter war das Mindestmaß. Ich trug 12 Zentimeter hohe Absätze, doch das nützte nichts.

Eine Schneiderin aber brauchten sie nicht, und das war mir auch recht. Man empfahl mir, in die Konfektionsbetriebe zu gehen. Das tat ich, es gab viele davon, und ich besuchte eine Messe, die sich „Wiener Damenkleiderwoche“ nannte. Dort ging ich von Koje zu Koje und fragte mich durch, ob man nicht ein Mannequin gebrauchen könnte, das so nebenbei auch Schneiderin sei. Sie hätten schon Bedarf, aber eher mit Büroausbildung. Die hatte ich nicht.

junge extravagant gekleidete Frau auf einem Laufsteg
Die Autorin bei einer Modevorführung in Spittal an der Drau (1959)

Schließlich fand ich aber doch eine Firma, die Damenmäntel und Kostüme herstellte und ein Reisemannequin suchte. Ich mußte zunächst in der Schneiderei anfangen, wurde mit einer Kollektion ausgestattet, die mir auf den Leib geschneidert wurde, und durfte dann erstmals mit auf Tournee, um diese Kollektion in allen Bundesländern vorzuführen. Zunächst pendelte ich täglich mit der Bahn fahrend zwischen Bruck/Leitha und Wien. Das gefiel mir jetzt sehr gut. Ich machte auf Wunsch meines Chefs noch einen Kurs in Maschinschreiben und Stenotypie sowie den Führerschein und konnte allmählich sehr selbständig die Kunden besuchen und auch vom Büro aus betreuen, da ich sie alle persönlich kannte. Später bekam ich sogar eine eigene kleine Wohnung im 1. Bezirk in Wien, eine wunderhübsche Garconniere mit Bad und WC – was für ein Aufstieg!

Schneiderei ade!

Nach 5 Jahren war ich Direktrice in der Firma und damit schloß auch mein Berufsleben schon ab. Denn ich verliebte mich und heiratete, bekam drei Kinder und war „nur“ noch Hausfrau.

Erst als die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, begann ich mir, spät aber doch, meinen alten Wunsch zu erfüllen. Ich nahm privaten Schauspielunterricht bei einem Burgschauspieler, studierte alle klassischen Rollen und wollte wirklich ans Theater. Doch leider war ich inzwischen 38, und für den Start einer echten Karriere war es zu spät. So habe ich ein paar Jahre bei verschiedenen Amateurtheatergruppen gespielt. Meist natürlich Hauptrollen. Eine Art Nebenberuf, der allerdings das Familienleben und den ehelichen Frieden arg belastete. Doch das ist eine andere Geschichte.

Informationen zum Artikel:

"Eine Schneiderin aber brauchten sie nicht ..."

Verfasst von Wilma Brauneis

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Niederösterreich, Wien-Umgebung, Bruck an der Leitha
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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