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"Die Lehrerin sah jedenfalls nur Verdorbenheit ..."

von Wilma Brauneis

Ob ich ein schlimmes Kind war, kann ich nicht genau sagen, ich weiß ja nicht, ob andere Kinder damals mehr oder weniger angestellt haben.

Die früheste Erinnerung an eine harte Strafe war eine ordentliche Tracht Prügel die mir meine Mutter verabreichte, weil ich mit einer Schere das Netz meines Gitterbettes zerschnitten hatte. Ich muß damals circa drei Jahre alt gewesen sein. Sie fragte nach jedem Hieb, den sie mir gab: „Wirst du das wieder tun?“ Und ich, gerade im schönsten Trotzalter, schrie heulend: „Jaaa!“ So ging das eine Weile, bis sie aufgab. Sie konnte mich ja deswegen nicht totschlagen, wie sie später immer wieder anderen Leuten erzählte, wenn man über meinen Dickkopf und die damit verbundenen Erziehungsschwierigkeiten sprach. Vater hatte ich keinen, er war in Rußland geblieben, und meine Mutter mußte mit mir alleine zurechtkommen.

Mutter mit Tochter im Vorschulalter
Die Autorin mit ihrer Mutter (um 1942)

Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, wollte ich schon sehr gerne zur Schule gehen, wie die größeren Kinder. Mein Geburtstag war im Dezember und so mußte ich noch fast ein Jahr warten, bis der Eintritt in die erste Volksschulklasse möglich war. Es zählte damals das Geburtsjahr, aber man mußte in diesem Jahr sechs werden, nicht fünf. Ich bettelte so lange, bis meine Mutter mir eine Schultasche kaufte und ein hölzernes Federpennal, sowie eine Schiefertafel und Griffel. Mehr brauchte man für den Anfang nicht.

Mit diesem „Schatz“ ausgerüstet ging ich stolz am Morgen aus der Wohnung, um mir im Stiegenhaus an einem der Gangfenster meine „Schule“ einzurichten. Dort kritzelte ich das Täfelchen voll, und wenn ich meinte, daß es genug wäre, ging ich wieder nach Hause in die Wohnung, als käme ich aus der Schule. Das muß im Sommer 1942 gewesen sein, im September dieses Jahres war es dann endlich soweit, ich durfte wirklich in die Schule gehen.

Wir hatten eine sehr streng aussehende Lehrerin – immer schwarz gekleidet, die Haare zu einem Knoten am Hinterkopf gebunden –, die mir etwas Angst einflößte. Ich blieb daher möglichst unauffällig und bemühte mich, alles, was sie verlangte, brav auszuführen. Nachdem wir das Alphabet gelernt hatten, trug sie uns auf, alles, aber auch wirklich alles zu lesen, was uns auf der Straße oder in der Straßenbahn vor die Augen käme. Ich hielt mich so sklavisch an diese Anweisung, daß ich auch heute noch nicht anders kann. Ich lernte dadurch wirklich schnell und gründlich lesen. Das Schreiben kam dann wie von selbst dazu, nur mit Schönschrift hatte ich immer meine Probleme. Das war damals noch sehr wichtig und wurde benotet. Die äußere Form der Arbeiten war bei mir immer nur „Gut“, während alles andere „Sehr gut“ war.

In der Schule war ich also ganz brav, bis auf einige kleine Ereignisse, die passierten, jedoch von mir nicht böswillig gemeint waren. Nachdem ich die erste Klasse ziemlich gut hinter mir hatte und in die zweite Klasse ging, geschah es einmal, daß ich in der Schule einen kleinen Regenschirm fand, der herrenlos herumlag. So ein Kinderschirmchen schien mir damals der größte und begehrenswerteste Luxusgegenstand zu sein, und ich nahm ihn mit. Verwundert mußte ich erleben, daß meine Mutter ihn sofort zurückbringen wollte und mit mir damit zur Schule und meiner Lehrerin ging. Diese war empört über mein Handeln, ich hätte das Schirmchen doch sofort abgeben müssen, meinte sie, wenn ich keine Diebin werden wolle. Das wollte ich freilich nicht, aber mir war noch nicht ganz klar, daß jedes Ding seinen Besitzer haben mußte. Die „Schandtat“ war also durch das Zurückbringen wieder gutgemacht, auch wenn ich traurig war, daß ich das heißbegehrte Objekt nicht behalten durfte.

Ein anderes Mal in derselben Klasse hatten wir Musikunterricht, und die strenge Frau Lehrerin fragte uns Kinder, ob jemand von uns ein Instrument lernte und wenn ja, welches. Einige zeigten auf und sagten dann: Klavier, Geige, Blockflöte etc. Das schien mir alles sehr langweilig. Mir brannte eine Frage auf der Seele, die zu stellen ich mich aber nicht getraute. Nun dachte ich, daß ich die Antwort vielleicht auf einem Umweg bekommen könnte, wenn ich folgendes machte: Ich zeigte auch auf, und als ich an die Reihe kam, sagte ich: „Castagnetten“. Ich wußte nicht was das war, aber ich hatte ein Bilderbuch, worin in einem Reim davon die Rede war, der so lautete:

„Musik, Musik vernimmt mein Ohr,
Gitarre, Castagnetten.
Es geh’n spazieren vor dem Tor
der Tom , der Murner und der Mohr,
ich möchte darauf wetten.“

Diesen Reim konnte ich auswendig und hatte mir schon immer den Kopf zerbrochen, was denn Castagnetten seien. Auf dem dazugehörigen Bild sah ich nichts, was ich hätte zuordnen können. Jetzt hielt ich den Augenblick der Aufklärung für gekommen. Alle Kinder lauschten gespannt, denn auch ihnen war dieses Instrument unbekannt. Ich dachte, die Lehrerin würde es uns allen sogleich erklären. Aber diese fragte mich nur: „Ach, hat dein Vater dir welche aus Spanien mitgebracht?“

Ich war völlig verwirrt und schüttelte nur kleinlaut den Kopf, denn lügen wollte ich ja nicht. Aber genau das machte nun, daß ich als Angeberin und Lügnerin „entlarvt“ war. Diesmal wurde meine Mutter vorgeladen, und die Lehrerin sprach in sehr ernstem Ton davon, daß ich wohl etwas merkwürdige Charakterzüge hätte und fragte, ob sie mir denn noch immer nicht beibringen konnte, daß man nicht stiehlt und auch nicht lügt.

Meine Mutter war bestürzt über die Darstellung aus der Sicht der Lehrerin; ich wurde nicht gefragt.

Mama begann mir vor der Lehrerin eine kleine Geschichte zu erzählen, von guten und bösen Männlein, die in jedem Menschen wohnten und sagte, daß man immer nur auf die Guten hören sollte und niemals tun, was die Bösen einem einzuflüstern versuchen. „Das weißt du doch?“, fügte sie hinzu.

Das alles war mir sehr peinlich, denn diese Geschichte kannte ich bereits und hielt sie für unser intimstes Geheimnis. Später begriff ich, daß meine Mutter vor der Lehrerin demonstrieren wollte, daß sie mir schon Anstand beizubringen versucht hatte. Diese war dann auch beschwichtigt und ich kam ohne größere Strafe davon.

Fortan blieb ich lieber wieder ein unauffälliges, braves Mädchen und schaffte auch die dritte Klasse noch bis zum April/Mai 1945, dann kamen die Russen, der Krieg war aus. Ich reklamierte sofort einen Puppenwagen, den mir Mama versprochen hatte, sobald der Krieg zu Ende wäre. Natürlich konnte jetzt erst recht keine Rede davon sein. Wir hatten ja nicht einmal etwas Ordentliches zu essen.

Bald darauf verheiratete sich meine Mutter, und wir zogen aufs Land, nach Niederösterreich. Dort war wenigstens die Versorgung mit Nahrung einfacher. Ich bekam einen Stiefvater und mußte in eine einklassige Dorfschule gehen, wo ich das vierte Schuljahr vollendete. Da waren in einem Klassenzimmer alle vier Jahrgänge der Volksschulkinder vereint. Der Herr Lehrer, ein alter Nazi, hatte vermutlich noch zuvor die körperliche Züchtigung vollzogen. Die war jetzt verboten, aber wenn eines der Kinder seinen Zorn hervorrief,  stieß er es hart gegen die Schultern, links und rechts abwechselnd. Das schüttelte uns gehörig durch, waren aber immerhin keine Schläge.

Ich habe diese Art der Züchtigung auch einmal erfahren, warum weiß ich nicht mehr. Ich bekam trotzdem lauter gute Noten, vermutlich war ich in der Relation eine der Besten. Aufgrund der guten Noten sollte ich unbedingt in die fünf Kilometer entfernt gelegene Stadt Bruck an der Leitha in die Hauptschule für Mädchen gehen. Damals fuhr kein Zug und auch noch kein Autobus. Wir lebten in einem aufgelassenen Jägerhaus, ohne Strom und Wasserleitung mit schilfgedecktem Dach, in zwei Zimmern, wovon eines Küche und Wohnraum, das zweite das Schlafzimmer für uns alle war.

Natürlich mußte ich zu Fuß zur Schule und wieder nach Hause gehen. Manchmal kam ein Auto mit russischer Besatzung und nahm mich mit. Darüber war ich immer sehr froh. Die Russen waren freundlich zu mir, ich lernte in der Schule Russisch und konnte ihnen schon einige kleine Gedichtchen aufsagen, was sie besonders entzückte. Die Winter 1946 und 1947 waren sehr streng, und es gab viele Schneeverwehungen, ich sank manchmal bis zum Bauch in den Schneewächten ein, die das flache Land in eine Art Dünenlandschaft verwandelten.

Später, etwa ab der zweiten Klasse Hauptschule, gab es dann schon einen Bus, und auch eine kleine Bahn fuhr auf dieser Strecke, aber viel Erleichterung brachte das nicht, denn zu den Stationen mußte ich auch jeweils zwei Kilometer gehen. Das war wirklich eine sehr harte Zeit, aber dafür wuchs ich im Wald auf, und meine Liebe zur Natur ist wahrscheinlich damals entstanden.

zwei Mädchen im Handarbeitsunterricht
Mit einer Schulkollegin im Handarbeitsunterricht (um 1950)

In der vierten Klasse der Hauptschule (A-Zug), die ich mit spielerischer Leichtigkeit hinter mich gebracht hatte, wurden wir von unserer Klassenlehrerin, die uns auch in Deutsch unterrichtete, aufgefordert, einen ganz offenen und ehrlichen Aufsatz zum Thema „Was möchte ich werden“ zu schreiben. Wir sollten uns nicht scheuen, unsere Vorlieben ganz klar zu formulieren, so lautete die Aufgabe.

Nun hatte diese Lehrerin immer mit großer Begeisterung versucht, uns die deutschsprachige Literatur nahezubringen, und es war ihr Verdienst, daß wir auch ab und zu Theateraufführungen besuchen durften, was damals nicht ganz einfach war. Sie schwärmte von den Schauspielern des Wiener Burgtheaters, und als eine Truppe von dort einmal in unserer Stadt gastierte, gingen wir natürlich alle hin. Da sah ich Schillers „Räuber“ mit Fred Liewehr als Karl Mohr und war hingerissen. Das war nun mein Berufswunsch, und ich schrieb ehrlich und voll Vertrauen in meinem Aufsatz, daß ich Schauspielerin werden wolle.

Meine Aufsätze waren immer vorgelesen worden, ich war gut in Deutsch und deshalb eine Lieblingsschülerin dieser Lehrerin – bis zu diesem Augenblick.

Sie kam mit den korrigierten Heften in die Klasse, und man sah ihr schon an, daß sie gar nicht zufrieden war. Die Spannung stieg, als sie sagte, daß sie sehr enttäuscht worden sei. „Da gibt es eine in der Klasse, die möchte gar Schauspielerin werden, und sie hat sich sogar schon einen anderen Gang angewöhnt“, sagte sie und blickte mich dabei nicht an. Aber ich fiel aus allen Wolken. Das Wort „Schauspielerin“ klang auf einmal aus ihrem Mund wie „Sündenfall“ oder ähnlich. Und das mit dem anderen Gang, verstand ich überhaupt nicht. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. Es muß wohl ein Prozess der Reifung vom Kind zum Backfisch (wie man damals statt Teenager sagte) mit mir vorgegangen sein, doch das war mir nicht bewußt geworden. Die Lehrerin sah jedenfalls nur Verdorbenheit, wie es schien. Sie dachte an Filmstars, ich ans Theater, sie an einen Sündenpfuhl, ich an Dichtung und Kunst, für die sie uns doch so zu begeistern bemüht gewesen war. Was für ein Mißverständnis!

Zuerst tröstete es mich, daß sie keinen Namen genannt hatte, aber allmählich sickerte es doch durch, wer gemeint war. Außerdem sprach mich bald danach eine andere Lehrerin als „unsere Diva“ an. Ich schämte mich meiner selbst, doch was konnte ich tun? Ich mußte die Hänseleien und alle spöttischen Bemerkungen ertragen. So wollte man mir die „Flausen“ austreiben. Außerdem war mein Wunsch ohnedies unerfüllbar, das wußte ich. Wir hatten kein Geld für die Ausbildung, ich mußte möglichst bald eigenes Geld verdienen und einen Brotberuf erlernen. Aus dem gleichen Grund kam auch ein Weitergehen ins Gymnasium nicht in Frage. Das kostete damals Schulgeld. Ich wäre in zweiter Wahl auch gerne Journalistin geworden, dafür brauchte man Matura, die ich nicht haben würde.

Aber zuvor war ja noch das letzte Halbjahr der Hauptschule zu beenden. Ich wurde zum „enfant terrible“ in dieser Zeit. Meine Enttäuschung war unbeschreiblich und ich pubertierte heftigst. Ich spielte in den Pausen mit den Klassenkameradinnen Fangen und rannte wild über die Schultische und Bänke, wobei meine Schuhabdrücke darauf zurückblieben; der Erfolg: Strafarbeiten.

Einmal dachte ich mir einen besonderen Streich aus, der aber ganz anders gemeint war, als er dann gedeutet wurde und mir ein Gut in Betragen einbrachte.

Ich war, mit der Bahn von auswärts kommend fast immer eine der Ersten in der Klasse. An diesem Tag überhaupt die Erste. Ich wollte aber nur mein großes Gepäck abstellen und noch Schreibwaren einkaufen gehen. Es war Zeit genug dafür. Da ritt mich der Teufel: Ein Bild aus Biologie mit dem menschlichen Körper und seinen Innereien fand ich besonders unschön. Ich nahm es von der Wand und platzierte es auf einen Stuhl, den ich innen vor die Klassentüre schob. Um es zu fixieren, mußte ich auch noch einen Blumentopf davorstellen. Es sollte ein Spaß sein und alle Nachkommenden zum Lachen bringen.

Ich ging weg, und als ich zurückkam, war die Klasse bereits voll, aber das Bild stand noch immer da. Keiner hatte es weggeräumt. Schon nahten Lehrerinnenschritte, und ich setzte mich schnell auf meinen Platz. Es war kurz vor 8 Uhr, und es kam die Klassenvorsteherin herein, die wir aber nicht in der ersten Stunde hatten. Sie stutzte vor diesem Empfangsbild und fragte sofort, was das sein sollte. Niemand antwortete. „Was habt ihr in der ersten Stunde?“, war die nächste Frage. Die Antwort war Englisch – oh je, durchzuckte es mich. Das war fatal, denn unsere Englischlehrerin war ein etwas komisches älteres Fräulein. Sie schrieb Gedichte und ließ uns lernen wie wir wollten, was darauf hinauslief, daß wir nur wenig lernten und uns immer über sie lustig machten.

Nun sah das so aus, als wäre es ihr gegenüber eine Art Verspottung oder so etwas. Natürlich konnte ich mich nun schon gar nicht dazu bekennen, als gefragt wurde, wer das aufgestellt hätte. Ich hoffte inständig darauf, daß sich die Sache irgendwie in nichts auflösen würde. Doch leider ging die Lehrerin entschlossen vor. Sie rief alle Auswärtigen heraus, wir mußten uns in einer Reihe aufstellen, und es wurde ein richtiges Verhör mit uns veranstaltet: „Wer war als Erste in der Klasse?“

Ein Mädchen meldete sich. „Aber das Bild stand schon so da“, sagte sie ängstlich. Kurz und gut, schließlich mußte ich zugeben, was ich angestellt hatte. Es ergab sich unwiderlegbar aus der Befragung. Ich heulte den ganzen Vormittag, aber die Lehrerin blieb ungerührt, die Betragensnote war mir sicher. Dabei hatte ich doch gar nicht an die Englischlehrerin gedacht. Ich fühlte mich wieder einmal mehr ungerecht behandelt. Erst 25 Jahre später, als dieser Streich bei einem Klassentreffen zur Sprache kam, konnte ich den Sachverhalt aufklären.

Informationen zum Artikel:

"Die Lehrerin sah jedenfalls nur Verdorbenheit ..."

Verfasst von Wilma Brauneis

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 18. Bezirk / Niederösterreich, Wien-Umgebung, Bruck an der Leitha
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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