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Begleiterscheinungen zum Eintritt in meinen Beruf (1957)

von Judith Schachenhofer

Nach der Matura im Jahre 1952 standen die Aussichten auf eine Anstellung als Lehrerin ganz schlecht. Ich musste an eine Notlösung denken und nahm vorerst eine Stelle als Erzieherin an. Aus dieser Notlösung wurden fünf lange Jahre. Jahre bei Kindern in einem herrschaftlichen Haus der Habsburger, ein halbes Jahr bei einem Weinhändler, eineinhalb Jahre bei neureichen Geschäftsleuten. Trotz prominenter Fürbitter kamen meine Bittgesuche an die niederösterreichische Landesregierung stets mit einer negativen Antwort zurück.

Endlich kam mir zu Ohren, dass es in anderen Ländern leichter sein soll, im Schuldienst unterzukommen. Tatsächlich berichtete eine Zeitung (damals wichtigstes Informationsblatt), dass man für Galtür eine(n) Lehrer(in) suchte. Für mein rasches Ansuchen erhielt ich schon nach wenigen Wochen(!) eine positive Zusage. Wer wagt, gewinnt! Schon sah ich mich in die bergige Einsamkeit hinaufsteigen. Doch die für damalige Zeiten weite Entfernung – ohne Auto – lag mir schwer am Herzen. Die kalten, schneereichen Winter fürchtete ich auch ein wenig. Doch die Koffer waren schnell gepackt, die Fahrkarte gelöst – und der Weg nach Westen startfrei.

Schon im Zug sitzend und plaudernd versicherten mir nette Reisende dass es auch in Oberösterreich möglich sein sollte, als Lehrerin unterzukommen. An diese Hoffnung mich klammernd unterbrach ich raschest entschlossen die Fahrt in Linz und ging dort mutig auf die Landesregierung

Nach Vorlage meiner Zeugnisse zeigte mir der zuständige Präsident auf der Landkarte einen Ort und sagte: „Hier in Pischelsdorf am Engelbach wäre noch eine Stelle frei.“ Obgleich mir auch dieser Ort – bislang unbekannt – sehr abgeschieden vorkam, überlegte ich nicht lange und nahm die Stelle an. Somit hatte ich wenigstens etliche hundert Kilometer Wegstrecke gewonnen. Ich setzte später die Fahrt nach Mattighofen fort.

Die Nacht war schon hereingebrochen, als ich dort ankam. (Es war Ende November, der Tag sehr kurz.) Das Warten auf den Bus, der mich in das neun Kilometer entfernte Pischelsdorf bringen sollte, wurde mir durch unfreundliches Regenwetter vermiest. Es sah recht trostlos aus. Von einer nahen Wirtsbude kam mir, als ein torkelnder Gast die Stube verließ, ein Schwall Rauch entgegen. Da drinnen wollte ich also auch nicht warten. So stand ich mehr oder weniger geduldig bei der Haltestelle, von wo das Postauto nur einmal abends nach Pischelsdorf fuhr und erst am nächsten Morgen dieselbe Strecke zurückkam. Nur samstags gab es auch mittags zusätzlich eine öffentliche Fahrgelegenheit in oder aus jenem Ort, der mit der Bahn nicht zu erreichen war. So viel konnte ich vorläufig aus der angeschlagenen Fahrplantafel herauslesen. Die Chancen, jenem Ort öfter entrinnen zu können, schmolzen in weiser Voraussicht. In Oberösterreich waren ja damals die Donnerstage schulfrei.

Die Straßenbeleuchtung war nicht hervorragend, aber den niederprasselnden Regen konnte ich gut ausnehmen. Müde von der langen Fahrt wurden meine Gedanken – den äußeren Umständen angepasst – immer düsterer.

Aber jetzt war er da, der Bus! „Einmal nach Pischelsdorf“, sagte ich. Während mir der Chauffeur die Karte aushändigte, musterte er mich so wie man eben einen neuen Fahrgast, den man zum ersten Mal sieht, betrachtet. Platz war genug da. Ich setzte mich vorne hin, um im Scheinwerferlicht erste Eindrücke von draußen aufnehmen zu können Die tanzenden Scheibenwischer brachten Unruhe ins Blickfeld. Kilometerweit musste es keine Besiedlung geben, dafür viele Wälder und Wiesen. Neben der Straße schlängelte sich in vielen Windungen ein Bach, wahrscheinlich der Engelbach.

Als endlich mehrere Lichter auftauchten, ein Kirchturm in Sicht kam, wusste ich: Jetzt sind wir da. Der Bus hielt vor einem Gasthaus. Darin erkundigte ich mich nach der Wohnung des Schuldirektors. „Ja, da brauchst nur über die Brücke und an der Schule vorbeigehen. Im Haus daneben wohnt er!“ Das war eine freundliche Auskunft, aber dass mich die Leute gleich mit 'du' anredeten, kam mir etwas sonderbar vor.

Der Schuldirektor war ein leidenschaftlicher Jäger und von der Jagd noch nicht heimgekehrt, darum bewirtete mich vorerst dessen Gattin und richtete mir für die erste Nacht eine Schlafmöglichkeit. In der Wohnung fühlte ich mich mehr wie bei einem Förster als bei einem Schulmeister. Lediglich ein paar Heftstöße bekannten Farbe. Zu verspäteter Stunde stellte sich der Direktor als ein sehr freundlicher und ruhiger Mensch vor. Seinen großen Jagdhunden schenkte er beinahe mehr Aufmerksamkeit als mir. Ich war sehr froh und müde, dass ich bald zu Bett gehen konnte.

Die Schule war ein neues, großes Gebäude – fünfklassig, leider ohne Turnsaal, aber dafür mit einem Ausspeisungsraum ausgestattet – nach amerikanischem Muster. Dies gab es damals seit dem Kriegsende noch an vielen oberösterreichischen Schulen. Auch Duschen und Bäder waren beim Neubau mit eingeplant worden. Eine Schulwartfamilie ohne Kinder, ein ebenfalls kinderloser Lehrer mit Frau und eine verwitwete Schuldirektorin bewohnten freie Zimmer, die den großen und freundlichen Schulklassen angebaut worden waren.

Ich konnte vorerst bei einem nachbarlichen pensionierten Gendarmeriebeamten unterkommen, der von seiner ebenfalls betagten, aber noch rüstigen Frau umsorgt wurde; ziemlich wortlos, aber umsichtig. Ein winzig kleines Zimmerl mit Bett und Tisch und einem eisernen Öferl und einer kleinen Waschgelegenheit war mein erstes Quartier. Lediglich ein sehr schönes Bild über meinem Bett verschönerte den Raum. Darauf war ein liebliches Kircherl von St. Nikola hoch über der Donau abgebildet. Ein malerischer Winkel, der meine Blicke oft anzog – mit dem Hintergedanken: Dort müsste ich halt eine Anstellung bekommen … Denn das Gebäude unterhalb der Kirche sah wie eine Schule aus und wäre letztlich nahe bei Niederösterreich.

Zum Hobby meines Hausherrn gehörte das Sammeln von Uhren, die er allabendlich aufzog –so an die 50 Stück. Das Stiegenhaus war stets erfüllt von einem vielfachen, vielstimmigen Tick-Tack. Sein treuer Spitz war immer dabei. Das Ziehen an den Pendeln machte diesem Tier sichtlich Spaß, sonst lag er meist zu Füßen seines Frauerls, das bis spät in die Nacht hinein an der Nähmaschine saß.

Abends durfte ich auch in der warmen Stube des Gendarmen sitzen, was ich aber nicht so gerne tat, denn die Luft war stickig und roch nach allen möglichen Salben und Tees, die diese alten Leute schon brauchten. Damals hätte ich in vielen alten Büchern schmökern können. Aber der neue Beruf mit seinen vielen Vorbereitungen ließ mir wenig Zeit. Es gab weder Vervielfältigungsapparate noch Overhead, sogar wenig Papier, sodass ich stundenlang Skizzen vorbereiten, Tafelbilder zeichnen etc. musste.

Nach etlichen Wochen stellte mir die pensionierte Direktorin ein größeres Zimmer gegen einen kleinen Aufpreis zur Verfügung, da sie selbst viele Wochen in Salzburg zubrachte. Musste ich anfangs ins Wirtshaus essen gehen, konnte ich mir nun selber in der Schulküche oder auf einem kleinen Kocher etwas zubereiten. In den Wirtsstuben ging es für meine Begriffe noch sehr mittelalterlich zu. Zum Frühstück wurde eine große Schüssel Milch, Kaffee oder manchmal Stosuppe mitten auf den Tisch gestellt. Die Leute nahmen von irgendwelchen Gesimsen ihre(?) Löffel herunter, bröckelten Brot ein und löffelten dann, solange sie Appetit hatten. „Huck di her zu uns!“, wurde ich sogar aufgefordert, aber danach war mir nicht zumute. Das Essen war ja meist ganz gut und vor allem billig, aber zu allen süßen und sauren Speisen wurde als Gewürz Koriander verwendet. Ein Geschmack, den ich nicht ausstehen konnte. Sogar die Kipferl, die beim Brot lagen, rochen nach Koriander, der Schweinsbraten sowieso, die Suppe, einfach alles. So kochte ich mir lieber eine Kleinigkeit auf einem Kocher im Zimmer.

In der Tat gab es in der Gegend viele Bauern, die den Winter über Reitpferde pflegten und beherbergten. Ich war begeistert von so schönen Tieren und ging in Pferdeställe mit. Ich ließ mir von der Herkunft der Pferde und den Rennen erzählen. Ein Herr stellte sich einmal als „Gauleiter“ vor, was ich erst später kapierte: Er war ein Gaulleiter! Lehrgeld für eine Lehrerin!

Und was es außerhalb des Schulgebäudes noch zu lernen gab! In allen Häusern wurde viel Bier getrunken; auch gab es rundum in der Gegend viele kleine Brauereien. Die negativen Auswüchse der Biertrinker schilderte mir einmal der einheimische Arzt,  dessen Sohn in meine Klasse ging. Es gab nur wenige so gut situierte Familien im Ort wie diese des Arztes, der den anderen Dorfbewohnern in puncto Lebensführung und Lebenseinstellung weit voraus war, geistig und natürlich auch finanziell.

Manche Väter von Schülern waren fast noch Analphabeten, einer unterschrieb das Zeugnis tatsächlich noch mit drei Kreuzerln. Im Allgemeinen kamen damals noch die Väter der Schüler in die Schule, öfter als die Mütter. Der Pfarrer war ein strenger Richter und ließ harte Predigten von der Kanzel los. Der Religionsunterricht war streng, fast unbarmherzig, fand ich. Was mir besonders für die Erstkommunikanten leidtat. Nie hatte er ein freundliches Wort, schon gar nicht ein überflüssiges. Ob er daran schuld war. dass ein paar Buben eines Tages einen Frosch kreuzigten? Meine psychologischen Kenntnisse waren damals noch nicht sehr ausgeprägt; trotzdem nahm ich mich in diesem Fall intuitiv der armen Buben an. Die Mädchen waren im Allgemeinen braver und ruhiger, williger – wahrscheinlich folgsam wie ihre Mütter.

Hingegen gehörte es sich für Buben, dass sie, sobald sie das Schulhaus verlassen hatten, eine Rauferei begannen. Ich schaute ihnen gern vom Fenster aus zu. Die Schultaschen wurden weggeschleudert, und ein Kräftemessen begann. Die aufmunternden Zurufe der nicht unmittelbar Beteiligten erinnnerten mich an die lautstarken Reden der viel Bier trinkenden Männer im Wirtshaus. Verkehr war ja fast keiner, die Straßen – einschließlich Straßengraben – gehörten den Ranglern. Passiert ist eigentlich nie etwas; seltsamerweise,  außer dass einmal einer zerrissene Hosen oder ein verdrecktes Gewand nach Hause brachte. Ich glaube, dass sie deshalb nicht einmal gerügt worden sind. Mancher Schulweg war weit, da konnten sie ja hinter dem nächsten Stadel noch einmal eine Revanche austragen. Wann sie wohl nach Hause gekommen sein mögen?

Zur Heuarbeit und Erntezeit ließen viele Eltern ihre (schon größeren) Kinder wegen der Feldarbeit entschuldigen, sonst aber schickten sie sie regelmäßig in die Schule. Bei den Aufgaben halfen die Eltern wenig oder gar nicht mit. Das Jausenbrot bestand noch häufig aus einem Stück trockenem Brot oder Schmalzbrot.

Die Verwaltung und Einteilung der Lebensmittel für die Ausspeisung, die die Lehrer abwechselnd überhatten, nahm viel Zeit in Anspruch. Auch war die Abrechnung, denn die Schüler mussten dafür bezahlen, etwas kompliziert. Wegen dem freien Donnerstag dauerte der Unterricht meist bis 14 oder 15 Uhr; am Samstag nur bis 11 Uhr. Das war für mich günstig. So konnte ich zum Wochenende wenigstens ab und zu nach Mattighofen oder Braunau fahren, um dort notwendige Einkäufe zu erledigen. Die Geschäfte hatten samstags bis zum Abend offen. So schnell vergisst man das!

In Pischelsdorf selbst gab es nur Greißler oder Krämer nach altem Muster. In den Verkaufsbuden musste man richtig wühlen, um vielleicht doch Gewünschtes zu finden. Lebensmittel und Wäschestücke türmten sich übereinander. Meist waren die Räume schlecht oder gar nicht beheizt. Der Krämer oder die Greißlerin kamen auf das Klingelzeichen der aufgemachten Eingangstür irgendwo aus einem hinteren Winkel hervor, wo sie irgendwelche Schreibarbeiten händisch erledigten. Ein Auto besaßen nur wenige. An etwas freundlichen Tagen borgte mir die Schulwartin ihr altes Rad, sodass ich wenigstens ein paar Kilometer in die Gegend hinausfahren konnte.

Lehrer und Kollegen hatten neben ihrem Dienst auch andere Interessen, etwa für Wohnungssuche, Wiederaufbau, Holzarbeit, Sport, Musik-Leben, Familiengründung und vieles mehr.

Die erste Inspektion war für mich etwas aufregend, da ich doch so lange vom eigentlichen Beruf weg war; aber zugleich befriedigend, weil ein verständnisvoller Schulinspektor selbst zeigte, wie Lehrer etwas anders machen sollten. Die größten Schwierigkeiten ergaben sich für mich beim Ausfüllen der sogenannten Schülerbeschreibungsbögen, weil ich Land und Leute, Schüler und deren Eltern noch viel zu wenig kannte.

Nebenbei musste ich auch etwas lernen oder wiederholen, weil man damals noch nach zwei Jahren eine Befähigungsprüfung ablegen musste.

Was man ganz fest wünscht, bekommt man auch, sagen alte Leute. Und durch Protektion bekam ich tatsächlich als nächsten Posten die Schule in St. Nikola. Wie das Leben eben spielt!

Informationen zum Artikel:

Begleiterscheinungen zum Eintritt in meinen Beruf (1957)

Verfasst von Judith Schachenhofer

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Innviertel, Braunau, Pischelsdorf am Engelbach / Oberösterreich, Linz/Zentralraum, Linz; St. Nikola
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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