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"Es ging damals nicht so hochsteril her ..."

von Edmund Scherer

Aus meiner Erinnerung einige Episoden aus dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien II, Große Mohrengasse 9.

Als ich im November 1964 in den Orden der Barmherzigen Brüder eintrat, gab es auf den Stockwerken noch die großen Krankensäle, in denen 8-,10-, 16- oder auch 20-Bettzimmer üblich waren – in der normalen (Nicht-)Klasse. Gelegentlich wurden dann in Notfällen im 20-Bettzimmer noch ein, zwei, drei Betten in der Zimmermitte zwischen den Bettreihen hineingeschoben. Die großen Tische wurden halt nach hinten verschoben.

Dazu kam, dass die Betten damals meistens noch keine Räder hatten. Man musste dann einen eigenen „Bettenheber“, ein Gestell mit vier Rädern, holen, unter das Bett fahren, mit einer Kurbel das Bett aufheben, und dann konnte man erst damit wegfahren, ob ins Röntgen oder in die Hauskapelle oder sonst wohin.

1964 hatten wir in den großen Sälen noch Betten, die aus der Monarchie stammten, mit Drahtgeflechteinsätzen. Es musste darauf noch ein Tuch, der Matratzenschoner, gespannt werden, weil sonst ja die Drahtmaschen die Matratzen viel schneller durchscheuerten. Wehe, man spannte den zu wenig, dann fuhren die Fingerknöchel über die Eisen drüber.

Es ist ein großer Fortschritt, dass die Betten nun Räder haben, die in verschiedenen Positionen fixierbar sind, dass die Betten höhenverstellbar und in verschiedenen Bereichen verstellt werden können.

Jedes dieser großen Zimmer hatte eine Pflegeperson zur Betreuung. Im Zimmer wurden dann auf den großen Tischen vom Pflegepersonal die Fieberkurven geschrieben, die schwarzen Blechtafeln am Kopfende der Betten mit nasser Kreide oder Schlämmkreide mehr oder weniger kunstvoll mit dem jeweiligen Namen beschrieben. Rechts schrieb dann der Arzt meist auch noch lateinisch die Diagnose drauf. Auch das Religionsbekenntnis stand ganz oben in der Mitte, wo die Tafel am „Galgen“ hing.

Die „Notglocke“, der Schwesternruf, wurde bei Tag selten betätigt, da ja meist eine Pflegekraft im Zimmer anwesend war. Der Nachtdienst hatte weit mehr zu tun als heute. Den Datenschutz gab es damals sicher nicht in dem Ausmaß, wie er heute – vielfach übertrieben – gehandhabt wird. Bei der Visite wurden mehr der Patient und die pflegende Schwester befragt, was heute der Blick in den mitgeführten Computer ersetzen soll.

Ein Vorfall ist mir in Erinnerung: Ein alter Mann, der auf der chirurgischen Abteilung in einem 20-Bett-Zimmer lag, war es von daheim her gewohnt, sein Nachtkastl auf einer bestimmten Seite zu haben. Hier in diesem Krankensaal aber stand sein Nachtkastl genau auf der anderen Seite seines Bettes. Er griff also immer wieder – auf seiner gewohnten Seite – in die Lade oder auf das, was auf dem Kastl seines Nachbarn stand.

Man wollte ihn schon wegverlegen, als ich den anderen Mitpatienten vorschlug, doch alle Nachtkastln so umzustellen, dass sein Nachtkastl auf „seiner“ gewohnten Seite stand. Das taten wir, und von da an gab es keine Probleme mit dem fremden Eigentum mehr.

Diese Mehrbettzimmer hatten auch so manche Vorteile und Befürworter. Unter den zehn oder zwanzig Patienten waren immer einer oder mehrere Kranke, die sich schon auf dem Weg der Genesung befanden, die mit einfachen Hilfeleistungen die noch Kränkeren unterstützten.

War der Tisch frei, so spielten einige Patienten auf ihm Karten. Es war auch ein Ort der Geselligkeit, wo manche ihre Erzählkunst unter Beweis stellen konnten.

Gefürchtet waren die ersten Betten rechts und links. Denn dort kam der Nachtdienst mit der Taschenlampe nachsehen, wie es den Kranken ging. Und so mancher starb auch in einem der ersten Betten.

Heute sind in den Zwei-, Drei-, Vier-, Fünfbettzimmern manchmal Leute beieinander, die kaum miteinander reden und sich ebenso wenig um das Wohl des Nachbarn kümmern. Ich selbst habe keine guten Erfahrungen mit den Ein- bis Dreibettzimmern gemacht. Freilich konnte auch ein Mehrbettzimmer für einen nicht konformen Zimmerkollegen unangenehm werden.

Aber so war es eben früher: einfacher, aber oftmals auch viel mühsamer für das Personal! Wenn ich an das Auskochen der Record-Spritzen und der Stahlnadeln für die Injektionen denke, an das Abtrocknen derselben, bevor die ersten Sterilisiergeräte aufkamen.

Die Tupfer wurden von einem Gazeballen heruntergeschnitten, oft gemeinsam mit hilfswilligen Patienten gelegt und in großen Tupfertrommeln gelagert. Von da heraus nahm man sie dann mit der Kornzange oder im Notfall auch mit den Fingern. Es ging damals nicht so hochsteril her; dennoch gab es nicht mehr postoperative Eiterungen oder Pilzinfektionen.

Wenn ich daran denke, wie mühsam es war, die Leintücher über die Seegras- oder Rosshaarmatratzen zu spannen; erst vereinzelt gab es auch schon dicke Schaumstoffmatratzen. Dann war auch noch das Spannen des Durchzugs. Die dreiteiligen Matratzen sollten auch immer wieder umgedreht und verschoben werden, um Grubenbildung zu vermeiden. Als ich 1986 neu in einem Pflegeheim zum Arbeitseinsatz kam, waren zu meinem Pech auch noch die Füße der Betten abgeschnitten, damit die kleinen Patienten aus dem Bett heraus und ins Bett hinein konnten. Heute gibt es höhenverstellbare Betten.

Die heute üblichen Gummihandschuhe gab es nur für die Ärzte. Windelhosen – heute Standard auf den Pflegestationen – gab es damals nur selten. Die Einlagen brachten, auch wenn sie dick waren, recht wenig. Trotz Gummieinlagen waren fast jeden Tag die Betten frisch zu beziehen – von weit weniger Personal als heute.

Informationen zum Artikel:

"Es ging damals nicht so hochsteril her ..."

Verfasst von Edmund Scherer

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk
  • Zeit: 1960er Jahre, 1970er Jahre, 1980er Jahre, 2000er Jahre

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