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Der "geliebte Führer" im Milchgeschäft

von Margarethe Teufelsbauer

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939, wie in allen Geschichtsbüchern nachzulesen ist. Wenn ich bei Großmama im Geschäft war, habe ich das Wort „Krieg“ öfter aus den Gesprächen der Erwachsenen aufgefischt, jedoch seine Bedeutung nicht verstanden. Auf meine Frage „Was ist das, Krieg?“ erhielt ich die Antwort „Dafür bist zu noch zu klein, das verstehst du nicht“.

Dieser Krieg dauerte sieben Jahre und ich habe ihn mit viel Angst und oftmals auch mit kindlicher Verzweiflung durchlebt.

Es musste etwas Bedrohliches sein, dachte ich mir oft, wenn die Frauen bei ihrem Einkauf mit Großmama darüber sprachen. Ihre Stimmen wurden dann immer leiser, ihre Mienen immer ernster und meist versuchten sie, ihre Kinder, wenn sie sie dabei hatten, mit irgendetwas abzulenken und sie so außer Hörweite zu haben.

Erst viel später erfuhr ich den Grund für diese ängstlichen und übervorsichtigen Gespräche. In der Zeit, als sich diese neue Ideologie des Nationalsozialismus durchsetzte, und es naturgemäß auch viele Sympathisanten gab, war es für jene Menschen, die diesem Regime nichts abgewinnen konnten, ratsam, keine wie immer gearteten Bemerkungen in Bezug auf ihre persönlichen Anschauungen in Hörweite ihrer Kinder zu machen. Es blühte das Denunziantentum und viele der neuen, fanatischen Parteigenossen machten sich an Kinder heran, um herauszufinden, was in den Familien so über die neue Politik und das Tagesgeschehen gesprochen wurde. Da Kinder meist sehr vertrauensselig und gesprächig sind, wurden diese Spitzel sehr oft fündig, und so mancher Vater, Großvater oder Onkel landete bei der Gestapo oder gar im Konzentrationslager.

Besonders gefährlich in diesem Zusammenhang waren die sogenannten SA-Männer, Mitglieder eines nationalsozialistischen Wehrverbandes, die durch Terror und Propaganda die Machtergreifung Hitlers seinerzeit erheblich förderten und die auch während des Krieges ihre Mitmenschen terrorisierten.

Es handelte sich bei diesen Leuten um Individuen, die in ihrer Mitgliedschaft bei dieser Organisation die Chance erblickten, Machtgelüste und ihre niedrigen Instinkte an hilflos ausgelieferten Menschen, wie z.B. jüdischen Mitbürgern oder politisch anders Denkenden, auszuleben. Gleichzeitig waren diese Personen vom Frontdienst befreit, führten also ein privilegiertes Leben in der Heimat und waren nie nur einen Augenblick mit den schrecklichen Gegebenheiten, die die einfachen Soldaten in den Kampfgebieten erleben oder erleiden mussten, konfrontiert.

Herr Wiener, der Trafikant, der schräg gegenüber von unserem Geschäft seinen dürftigen Laden betrieb – es konnte sich doch in diesen Zeiten kaum jemand täglich eine Zeitung oder gar Tabakwaren leisten – trat eines Tages in der Uniform eines SA-Mannes aus seiner Trafik. Die Wandlung, die diese Kleidung offensichtlich an ihm vollbrachte, war phänomenal und der Mann in seinem Wesen nicht wiederzuerkennen. Von seiner schlechten Haltung, dem leicht hinkenden Gang, seinem ergeben dienernden Gehabe, das er gegenüber Kunden an den Tag legte, um sie zum Kauf eines "Zigarretterls" oder eines "Zigarrls"  zu überreden, war nichts mehr zu bemerken.

Sein Gang war so aufrecht, als hätte er einen Stock verschluckt, seine Beine staken in hochglanzpolierten, schwarzen Stiefeln, und er trat so kraftvoll auf, dass es beinahe hallte. Die linke Hand an der Koppel, den Kopf hoch erhoben, den Blick arrogant nach vorne gerichtet, marschierte er in der Gegend umher.

Hinter dem Verkaufspult stand nun seine schüchterne und verhärmte Frau, die dazu ausersehen war, diesen ärmlichen Laden in Gang zu halten, da ihr Mann den großen Karrieresprung geschafft hatte, der ihm so große Wichtigkeit verlieh.

Außenansicht eines Wiener Milchgeschäfts mit Auslagen; 1930er Jahre
Das Milchgeschäft der Großmutter in Wien-Döbling in den 1930er Jahren

Eines Tages, ich saß wieder einmal auf der untersten Stufe unseres Geschäftes und beobachtete das Geschehen auf der Straße, als ich bemerkte, wie Herr Wiener, in seine Uniform gehüllt und sich seiner Bedeutung bewusst, aus seinem Laden trat und schräg über die Straße auf unser Geschäft zustrebte. Als er mich erblickte, scheuchte er mich mit einer Handbewegung weg wie ein lästiges Insekt und trat dann geräuschvoll ein. Ich sauste hinter ihm drein und suchte bei Mutti Schutz, da ich über seinen bösen Blick, den er mir zuwarf, sehr erschrocken war. Er pflanzte sich vor dem Verkaufspult auf, hinter dem Großmama saß und in einem Buch schrieb, und begrüßte sie mit einem lautstarken „Heil Hitler!“, wobei er seine rechte Hand hochstreckte und die linke Hand, wie immer, an der Koppel ließ, als sei sie dort angewachsen.

Großmama blickte auf, erhob sich und erwiderte seinen Gruß mit „Grüß Gott, Herr Wiener!“ und fragte höflich „Was darf’s denn sein“?

„Dass wir bei Ihnen nicht einkaufen, dürfte Ihnen ja bekannt sein“, herrschte er Großmama an, „ich komme natürlich aus dienstlichen Gründen.“ „Aha“, sagte Großmama daraufhin trocken, „also bitte, worum geht's denn?“

„Es dürfte Ihnen doch bekannt sein, dass unser „geliebter Führer“ in einigen Tagen Geburtstag hat, und ich sehe, dass Sie Ihr Geschäft weder beflaggt noch ein Bild unseres „geliebten Führers“ in Ihrer Auslage aufgestellt haben. Wieso, frage ich, sind Sie dem öffentlichen Auftrag noch immer nicht nachgekommen?“

Seine Stimme klang sehr gereizt und böse, doch Großmama erwiderte seelenruhig: „Weil ich bis jetzt noch keine Zeit dazu hatte, und Sie können beruhigt sein, dass alles zu seiner Zeit in der geforderten Art und Weise gemacht werden wird. Haben Sie sonst noch Wünsche? Nein? Dann sind S’ so freundlich und entschuldigen mich jetzt, Sie sehen ja, ich bin sehr beschäftigt, Grüß Gott!“

Sie warf ihm den Blick zu, von dem ihre ganze Familie wusste, dass in dem Moment mit ihr „nicht gut Kirschen essen“ war. Er sah uns alle drei sehr zornig an, riss sodann wieder die rechte Hand in die Höhe, schmetterte sein „Heil Hitler!“ und stürzte sichtlich verärgert zur Tür hinaus.

Ich zerbrach mir die ganze Zeit den Kopf, wer unser „geliebter Führer“ sein könnte? War das ein Kunde von Großmama, den ich vielleicht noch nie gesehen hatte? Ich kannte doch fast alle unsere Kunden.

Und warum sollen wir ein Bild von ihm in die Auslage stellen? In unserer Auslage standen doch die vielen Flaschen mit Milch, Rahm oder Joghurt, die wir verkauften, warum dann noch ein Bild von einem „geliebten Führer“? Dieser ominöse Führer begann mich zu interessieren. Kennt ihn vielleicht die Großmama doch und auch die Mutti? Wenn man ihn aber nicht kennt, kann man ihn auch lieben? Fragen über Fragen schossen durch meinen kleinen Kopf.

Da muss ich unbedingt fragen, überlegte ich mir, und während ich nachdachte, wen ich jetzt am besten mit meiner Neugierde beglücken könnte, Mutti oder Großmama, hörte ich, wie sie zu Mutti in ärgerlichem Tone sagte: „Ich bin seit eh und je in erster Linie Milchfrau und in meiner Auslage haben nur Milchflaschen etwas verloren und sonst nichts.“ Sie schien richtig empört zu sein und dann passierte noch etwas, was mich in Verwirrung setzte. „Aber Mutter, ich bitte dich“, sagte Mutti leise zu ihr und legte ihren Zeigefinger auf den Mund, während sie zur mir blickte. „Ja ja, Mitzi, hast ja recht …“, und nach einer Pause: „Geh, sei so gut und wieg mir die Halbkilosackerl mit Würfelzucker ein, und du, Greterl“, an mich gewandt, „hilfst der Mutti und reichst ihr die Sackerln zu. Und wenn ihr beide dann fertig seid, könnt ihr noch zum Bensdorp gehen, ich glaub, wir brauchen schon wieder ein paar Schachteln Schokolade.“

Damit hatte sie genau die richtige Strategie angewendet, um mich von ihrer Äußerung, die sie sichtlich in der ersten Erregung machte, abzulenken. Ihre Worte hätten in fremden Ohren vielleicht doch zu Schwierigkeiten für sie führen können.

Bensdorp und Schokoladen holen, konnte es denn was Verlockenderes geben? Ich zählte im Geiste die Schleifen, die ich gesammelt hatte, während ich Mutti die kleinen Papiersäckchen reichte. Für zehn Schleifen bekam man ein Täfelchen gratis, mir rann schon das Wasser im Munde zusammen. Es dauerte nämlich sehr lange, bis man die erforderliche Anzahl der Schleifchen beisammen hatte; auch wenn Großmama diese Köstlichkeit verkaufte, sehr großzügig war sie mir gegenüber nicht. Ich musste mir die Belohnung immer sehr redlich verdienen.

Mutti holte aus einem großen Leinensack die Zuckerwürfel und wog penibel, indem sie mal ein Stückchen wieder aus dem Papiersäckchen nahm, das andere Mal ein, zwei oder mehrere dazu gab. Ich wurde bei dieser Arbeit immer zappeliger, es ging mir einfach zu langsam, doch Großmama schaute so ernst und streng in ihr Bücherl, dass ich es vermied, mir meine Ungeduld anmerken zu lassen. Endlich, endlich hatten Mutti und ich die aufgetragene Arbeit geschafft und wir konnten losziehen.

Der Weg in die Weinberggasse schien mir endlos lang zu sein, und da mir wieder das Gespräch zwischen Großmama und dem Herrn Wiener einfiel, löcherte ich nun Mutti mit meinen Fragen über den „geliebten Führer“ und warum wir jetzt Fahnen aufhängen und ein Bild in die Auslage stellen müssen. Mutti erklärte mir, dass dieser „geliebte Führer“ Adolf Hitler heiße und kein Kunde von Großmama sei und auch keiner werden würde, weil er in Deutschland lebe und ein sehr mächtiger Herr sei. Deshalb sollten alle Leute an seinem Geburtstag an ihn denken, ein Bild von ihm aufstellen und die Fenster und Geschäfte mit Fahnen schmücken. Und was des Trafikanten Gruß anlange, meinte Mutti, jetzt, wo so viele Menschen diesen großen Herrn in Deutschland verehren, wäre das die neue Art des Grüßens, aber man dürfe genauso „Grüß Gott“ sagen, wie wir es gewohnt sind.

Damit war die Sache für mich erledigt, und ich gab mich der Freude, die mich in der Weinberggasse bei der Schokoladenfabrik Bensdorp erwartete, voll und ganz hin.

Außenansicht eines Wiener Milchgeschäfts mit Auslagen und NS-Dekoration, vermutlich 1938
Das Milchgeschäft der Großmutter in Wien-Döbling im Frühjahr 1938

Genau wie Großmama es versprochen hatte, wurde unser Geschäft mit einer großen und mehreren kleinen Fahnen geschmückt, und in der Auslage stand, sehr zur Freude vom SA-Mann und eher zum Verdruss der Großmama das ominöse Bild. Sie platzierte es so, dass doch noch einige ihrer bevorzugten Flaschen, wenn auch nur die kleineren, Platz fanden.

Brustbild einer jungen Frau im Dirndlkleid

Die große Fahne hob sie auf, schnitt nach dem Krieg das Hakenkreuz-Emblem heraus und übergab den Rest der Mutti. Diese färbte das rote Stück Stoff schwarz ein und nähte mir ein Dirndl, das aus einem schwarzen Rock und einem roten, gemusterten Oberteil mit schwarzer Einfassung bestand.

Wem sie es zu verdanken hatte, dass man ihr während der Nazizeit das Geschäft sperrte, weiß ich leider nicht. Obwohl sie sich mit mir, je älter ich wurde, über die verschiedensten Dinge unterhielt, dieses Thema vermied sie. Als ich sie nach dem Krieg einmal gezielt darauf ansprach, sagte sie nur, sie sei zu alt und schon zu müde gewesen, um es weiterzuführen. Sie hatte nach dem Krieg das Angebot erhalten, ein Geschäft übernehmen zu können, das man einem „Nazi“ weggenommen hatte, doch sie lehnte mit der Begründung ab, das was man ihr angetan hatte, möchte sie keinem anderen antun. Daraus zog ich einfach den Schluss, dass das mit dem Alter und dem Müdesein vielleicht gar nicht der eigentliche Grund war; möglicherweise hat sie sich als nicht regimetreu verhalten, oder ihrem Widersacher in der braunen Uniform ist es gelungen, ihr einen gemeinen, heimtückischen Streich zu spielen.

Informationen zum Artikel:

Der "geliebte Führer" im Milchgeschäft

Verfasst von Margarethe Teufelsbauer

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 19. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus umfangreicheren Kindheitserinnerungen, welche die Autorin im Jahr 2002 unter dem Titel "Blick in die Kinderzeit" aufgeschrieben und in Buchform gebracht hat.

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