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Das "väterliche" Waldviertel

von Margarethe Teufelsbauer

Die Ferien meiner Kindheit verbrachte ich einige Male im Waldviertel, bei der Familie meiner Mutter in Ellends oder bei den väterlichen Verwandten in Haselberg. Großmamas Familie bestand zu dieser Zeit aus der Urgroßmutter, Tante Leopoldine, ihrem Ehemann Ignaz und ihren Töchtern Maria und Leopoldine.

bäuerliche Familie vor Hauseingang

An die Besuche als Kleinkind, die ich offenbar nach diversen Fotos zu schließen, mit meinen frisch getrauten Eltern absolvierte, kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber an jenen besonderen, der einige Jahre später in Begleitung von Großmama stattfand.

Der Zielbahnhof war Irnfritz, und von da aus ging man circa eine halbe Stunde, um nach Haselberg zu gelangen. Das Dörfchen bestand und besteht noch heute aus einer oberen und einer unteren Häuserzeile, die sich elliptisch um einen Hügel mit einer kleinen Kapelle darauf gruppiert. Großmamas Elternhaus befand sich in der unteren Häuserzeile und vom Ortseingang, also von der Straße aus Irnfritz, führte ein relativ abschüssiger Weg zum Hof der Grieblings, so hieß jetzt die Familie von Großmamas jüngerer Schwester Leopoldine.

Der Bauernhof hatte zur damaligen Zeit eher bescheidene Ausmaße. Um einen rechteckigen Innenhof gruppierten sich in Form, Material und Größe verschiedene Gebäude. Gleich links neben dem großen Einfahrtstor befand sich das Wohnhaus, anschließend gab es einen Schuppen, in dem der Schweinestall untergebracht war und in dem sich auch ein Zugang zu einem Keller befand, dessen Boden aus Lehm bestand und für die Aufbewahrung von Kartoffeln und Wintergemüse diente. An der gegenüberliegenden Schmalseite des Hofes, im größten Gebäude, dem sogenannten Stadel, standen eine Dreschmaschine und verschiedene andere Gerätschaften. Darüber erstreckte sich ein großer Boden, auf dem das gedroschene Getreide getrocknet wurde, bevor man es zum Mahlen in die Mühle brachte.

Die darauf folgende Längsseite beherbergte das kleinste Häuschen, nämlich das mit einem Herz auf der Türe, anschließend folgte der Kuhstall, und das letzte Gebäude war das sogenannte „Stübl“, ein eigener Bauteil, der als Ausgedinge für die „Altbauern“ vorgesehen war. Da der Altbauer zu dieser Zeit bereits verstorben und seine Frau, also meine Urgroßmutter, hochbetagt und pflegebedürftig war, wohnte sie mit ihrer Familie im Haupthaus und das Stübl stand leer und diente im Falle von Verwandtenbesuch als Gästeunterkunft. Vor dem Kuhstall, in dem auch zwei Pferde Unterstand fanden, war der auf einem Bauernhof unverzichtbare Misthaufen, auf dessen höchster Erhebung jeden Morgen der Hahn aus Leibeskräften krähte, um seinen Harem an Hennen um sich zu versammeln.

Das sogenannte Haupthaus, in das man auch durch einen Garten und einen zweiten kleinen Hof gelangte, gliederte sich in Vorhaus, dem rechts davon liegenden Elternschlafzimmer, und der linkerhand befindlichen Küche, dem größten Raum, der auch das Zentrum des Familienlebens bildete. In der einen Ecke gab es einen riesigen Jogltisch, um ihn herum eine hölzerne Sitzbank mit geschnitzter Lehne. Der Jogltisch hatte zwei große Laden, in der einen wurde das Brot aufbewahrt und in der zweiten lag das Besteck.

Neben der Eckbank stand in einem gewissen Abstand der große Herd, auf dem gekocht, gebraten, gebacken und auch in einem eigenen Abteil heißes Wasser zubereitet wurde. Neben einem Kasten für Geschirr und allerlei Hausrat befand sich dann noch der gemauerte Backofen.

Anschließend an die Küche kam man in eine kleinere Schlafkammer, dann weiter in die Milchkammer und eine Vorratskammer, in der auch die Kartoffel für die Schweine gekocht wurden.

Großmama besuchte, so oft sie Zeit fand, ihre alte Mutter und fühlte sich sichtlich wohl im ehemaligen Elternhaus und bei ihrer Schwester und deren Familie. Ich durfte sie öfter begleiten und freute mich natürlich in erster Linie auf meine Kusinen Maria und Poldi.

Bei einem dieser Besuche gelang es mir unbewusst, meine liebe Großmama in große Verlegenheit zu bringen, was sie mir nie nachtrug, weil sie wusste, daß Kindermund nur das nachplappert, was Erwachsene manches Mal unbedacht und in Laune von sich geben.

Bei unserer Ankunft, die unseren Verwandten ja durch ein Schreiben meiner Großmutter bekannt gegeben wurde, fand sich die ganze Familie bei der Haustür, fröhlich gestimmt, zu unserer Begrüßung ein. Um nun auch meinerseits die Freude über den herzlichen Empfang zum Ausdruck zu bringen und in dem Bemühen, etwas Artiges und besonders Nettes zu sagen, tatschte ich mit meinem „Ich freu mich ja so, dass wir wieder bei Euch G'scherten sein können“ in einen besonders großen Fettnapf. Großmama, die zuvor noch sehr freundlich auf mich sah, schien zur Salzsäule erstarrt, die Urgroßmutter schien es aus Gründen einer gewissen Schwerhörigkeit nicht gehört zu haben, Gott sei Dank, den Kindern dürfte der Ausdruck nicht allzu geläufig gewesen  sein, und die liebe Tante Dini warf ihrer Schwester einen sehr fragenden Blick zu, und das anfängliche Lächeln auf ihrem Gesicht war verschwunden.

Die nun offensichtlich eingetretene, etwas abgekühlte Atmosphäre bekam ich wohl mit, konnte mir aber den Grund für diesen plötzlichen Stimmungsschwenk nicht erklären, nachdem ich mich  meiner Meinung nach wohlerzogen benommen hatte.

Was ich aber nicht wissen konnte, war die Bedeutung des Wortes „G'scherte“. Ich fasste es als andere Bezeichnung für unsere Anverwandten auf, denn der „liebe Großvater“ in Wien bezeichnete die Waldviertler Verwandtschaft immer als „G'scherte“, wenn er Großmama damit scherzhafterweise ärgern wollte. Er pochte immer darauf, ein „echter“ Wiener zu sein, obwohl sein Geburtsort Hadersdorf-Weidlingau erst relativ spät nach Wien eingemeindet wurde.

Für diese Peinlichkeit, die im Übrigen bald vergessen zu sein schien, war ich nun aber wirklich nicht verantwortlich.

drei erwachsene Frauen und drei Mädchen auf einer Wiese
Die Autorin (links vorne) und ihre Mutter (rechts hinten) mit Urgroßmutter, Tante Dini und den Kusinen Maridl und Poldi

Ich hielt mich sehr gerne in Haselberg auf, erstens war Maria in meinem Alter und eine kongeniale Spielpartnerin, wenn wir uns auch oft zwischendurch im wahrsten Sinne des Wortes in die Haare gerieten.

Meistens dann, wenn sie versuchte, ihren Willen bei mir durchzusetzen und auf starken Widerstand stieß. Dann berief sie sich darauf, daß sie im Grunde nicht meine Kusine sei, sondern dem Verwandtschaftsverhältnis nach eben meine Tante, deren Anordnungen ich zu befolgen hätte. Pah, von wegen Tante, ein Jahr jünger als ich, noch kleiner als ich, nichts wie ran an die Zöpfe dieses frechen Geschöpfes, und schon war die schönste Balgerei im Gange, die aber nie lang anhielt.

Es bereitete ihr immer wieder teuflischen Spaß, mich damit aufzuziehen, dass ich als Stadtkind mir dieses oder jenes nicht zutrauen würde, zum Beispiel in der Scheune mit der Schaukel so hoch hinaufzuschwingen, dass man mit den Zehenspitzen an die Decke stieß, einbeinig stehend schaukeln, von der Schaukel so rechtzeitig abzuspringen, dass man in dem unter der Schaukel liegenden Heuhaufen landete, oder im Teich zu schwimmen, wo sich auch unzählige Frösche aufhielten und das Wasser zum Teil schon ganz grün war, mit der bloßen Hand Kaulquappen zu fangen und vieles mehr.

Natürlich bewies ich ihr, dass Stadtkinder alles das zuwege bringen, was Landkinder so können, auch wenn es mich bei manchen Aktionen ziemlich grauste und ich mich im Stillen über ihre manches Mal sehr üblen Späße ärgerte. Trotz alledem hatten wir unendlich viel Spaß miteinander und jeder Tag war aufregend, weil voller Abenteuer.

Poldi, vier Jahre älter als ich, war von Haus aus ein ernsteres Kind und immer bestrebt, mich zu umsorgen. Da ich in meiner Volksschulzeit sehr klein und spindeldürr war, fühlte sie sich verpflichtet, mich aufzupäppeln, indem sie zum Beispiel, wenn ihr Vater die Milchkannen nicht rechtzeitig kontrollierte, das Obers abschöpfte und mir mit den Erdbeeren, die sie beim Hüten der Kühe sammelte, heimlich zusteckte. Auch bestrich sie für mich die Brote mit mehr Butter oder Schmalz.

Die Mahlzeiten im Hause Griebling waren ja sehr bescheiden. Unter der Woche gab es fast jeden Tag nur Grießknödel, einmal mit grünem Salat, das andere Mal mit Gurkensalat, was eben gerade im Garten gedieh. Vor den meisten Bauernhäusern befand sich ein sogenanntes Vorgärtchen, in dem sich ein wunderbares Kunterbunt von Salat, Kräutern und Blumen befand, was herrlich anzusehen war und wunderbar duftete, besonders wenn sich in der Blumenvielfalt auch der so wohlriechende und hübsche Phlox befand.

Als Abendbrot gab es entweder gekochte Kartoffeln mit warmer Milch oder „Schnittelsuppe“, bei der es mich schon beim Betrachten der Zubereitung abbeutelte. In eine große Schüssel wurde zuerst Brot hineingeschnipselt, dann kam gehackter Knoblauch, heißes Wasser, in dem zu Mittag die Knödel gekocht wurden und zum Schluss ein Esslöffel Schmalz und etwas Salz hinzu. Mahlzeit! Da saßen nun alle Mitglieder der Familie am Jogltisch, jeder löffelte aus der gemeinsamen Schüssel und zu jedem führte eine „Suppenstraße“.

Nur sonntags stand ein Festschmaus auf dem Tisch. Da gab es Schweinsbraten, der in Einmachgläsern haltbar gemacht und dann aufgewärmt wurde, als Beilage Erdäpfelknödel – so hart und so dunkel, dass man sie mit kleinen Türkenkugeln hätte verwechseln können, aber trotzdem wahnsinnig gut – und Salat aus dem Hausgarten.

Es gab zu dieser Zeit keine Kühlmöglichkeiten, so dass die Bauernfamilien die Schlachtung eines Schweins in die kühlere Jahreszeit verlegten und das Haltbarmachen des Fleisches auf die oben beschriebene Art bewerkstelligten.

Die fetteren Teile des Schweins sowie der reine Speck, so er nicht zu Grammeln oder Schmalz verarbeitet wurde, wurden in einer Selchkammer geräuchert. Die so präparierten Speckseiten waren kohlschwarz und man bekam auch ganz schwarze Finger, wenn man sich ein Stück davon abschnitt. Das Geräucherte gab es beim sogenannten Schnitt, also der Ernte, als Gabelfrühstück mit selbst gebackenem Brot und Most und wurde unter einem schattigen Baum, auf der Wiese sitzend, genossen.

Die Haselberger Zeit war natürlich jedes Jahr voll „Action“. Zum Teil hatten wir Kinder beim Einbringen der Ernte mitzuhelfen. Wenn Schnitt war, mussten wir genauso zeitig aus den Federn wie die Erwachsenen und mit hinaus auf das Feld.

Das Getreide wurde damals schon maschinell geschnitten, und zwar von einer eher primitiven Maschine, die von einem Pferd gezogen wurde. Dieses Gerät hatte einen breiten Schneidebalken, der dann seitlich das Schnittgut auswarf. Onkel Naz lenkte das Gefährt, meine Aufgabe war, aus Stroh gefertigte Bänder in gewissen Abständen auszulegen, Poldi und Maria fassten die Halme zusammen, legten sie auf die vorbereiteten Bänder und Tante Dini band dann die Garben. Wenn das Feld abgeerntet war, wurden die Garben zu "Mandeln" aufgestellt und so lange auf dem Feld belassen, bis das Getreide und das Stroh richtig ausgetrocknet waren, erst dann wurde es nach Hause zum Dreschen gebracht. Das konnte damals auch schon mit einer Dreschmaschine bewerkstelligt werden.

Auch die „Heuernte“ verlief zum Teil schon maschinell, nur wurden hier die „Mahden“ händisch zusammengerecht, und wenn der Trocknungsgrad erreicht war, wurde das Heu auf große Leiterwagen verladen, obenauf kam noch ein Balken aufgelegt, um die Fracht gut abzusichern, und als Krönung durften wir Kinder auf dem hochbeladenen Wagen sitzend heimfahren.

Kind mit Hühnerschar auf einem Bauernhof
Die Autorin, hier auf dem Bauernhof von mütterlichen Verwandten in Ellends bei Groß-Siegharts

Natürlich mussten jeden Tag auch die Kühe auf die Weide geführt und gehütet werden, das heißt, man musste darauf achten, dass sie beim Grasen nicht auf fremde Wiesen oder Äcker gerieten.

Da gab es natürlich verschieden situierte Weidemöglichkeiten, eine davon war die Wiese unterhalb des Kapellenbergerls, die bei Maria und mir, als zweitem „Hiatamadl“ äußerst beliebt war, denn das genannte Bergerl war der Treffpunkt aller Dorfkinder. Da ging es naturgemäß äußerst lustig zu, wenn zum Beispiel beim Fußballspielen mit dem Ball auch gleich die Holzschuhe mitflogen, die dann die bösen Buben als Pfand behielten und die ausgelöst werden mussten. Sehr oft vergaßen aber Maria und ich auf unsere Schützlinge und des Öfteren mussten wir sie suchen, weil sie sich bereits auf fremden Territorien aufhielten. Einmal waren wir besonders unachtsam, und eine der Kühe stand, als wir uns umsahen, bereits auf dem Dach des „Milchhäusls“, der Sammelstelle für Milch, die für die Molkerei bestimmt war und wo die Bauern des Dorfes ihre gefüllten Kannen ablieferten. Das erwähnte Milchhäusl lag am Fuße unseres Kapellenberges. Es gelang uns in letzter Minute und mit viel Kraftanstrengung, die verwirrte und verängstigte Kuh aus der Gefahrenstelle zu bringen. Nicht auszudenken, was passieren hätte können, wenn das Tier eingebrochen oder aber in Panik vom Dach gesprungen wäre.

Das Fatale an der Geschichte war jedoch, dass Tante Dini vom Hof aus unser Treiben beobachtet hatte, und das Gewitter, das uns bei unserer Heimkehr erwartete, war nicht von schlechten Eltern.

Büßen für unser sorgloses Tun mussten wir dann die nächsten Tage. Da suchte sie Weiden aus, die so entlegen waren, daß wir absolut durch nichts und von niemandem abgelenkt hätten werden können.

Aber derartige Gewitter waren bald vergessen, denn es gab immer wieder Erlebnisse, die für ein Stadtkind neu und aufregend waren. So ein Bauernhof war ja voller Leben, da gab es bei den Tieren immer wieder Nachwuchs, einmal ein Kälbchen, dann Küken, Kätzchen oder rosarote Ferkelchen, alle Tiere durfte man streicheln, füttern oder auf den Arm nehmen. Für Landkinder Alltag – für Stadtkinder schöne Erfahrungen.

Höchst interessant war auch die Zeremonie des Brotbackens. Tante Dini buk in gewissen Abständen ein herrliches Brot. Sie begann natürlich schon meist in den frühen Morgenstunden damit, da schliefen wir Kinder noch. Wenn aber schon der himmlische Geruch von frisch gebackenem Brot sich in unser Schlafzimmer und in unsere Nasen schlich, hielt uns nichts mehr im Bett. Wir sausten in die Küche, um uns zu vergewissern, dass die Tante nicht den ganzen Teig zu Laiben verarbeitete, sondern ein wenig für die „Feuerflecken“ beiseite getan hatte.

Diese sogenannten Flecken bestanden aus ganz dünnen, runden Teigplatten, die dann gebacken wurden, wenn alles Brot fertig war und die Glut schon am Erlöschen. Diese mit Schmalz und Mohn versehenen, knusprig gebackenen Fladen waren von einer unendlichen Köstlichkeit und immer viel zu wenige.

Im Elternschlafzimmer, das Maridl und ich während der Ferienzeit benützen durften, waren über der Eingangstüre hölzerne Regale angebracht, auf denen das Brot gelagert wurde. Dementsprechend gemütlich roch es dann die erste Zeit in diesem Raum. Ansonsten war dieses Zimmer durch die winzigen Fensterchen eher dunkel und auch im heißesten Sommer sehr kühl, fast ein wenig feucht. Die großen, dicken Federbetten fühlten sich meist klamm an, und ein heiß gemachter Ziegelstein im Bett, erleichterte das Einschlafen, auch im Sommer, ungemein.

Als wir älter waren, durften wir auch im „Stübl“ schlafen. Das Schlafzimmer dort bestand aus einem länglichen Raum, in dem bloß zwei Betten, jedes auf einer Seite neben dem vergitterten Fenster, Platz hatten. Dort hatten wir enormen Spaß, besonders wenn die Dorfbuben am späten Abend „fensterln“ kamen. Da wurde geblödelt und gekichert, alles im Flüsterton, damit die Tante nur ja nicht geweckt wurde, sie hatte einen sehr leichten Schlaf und feine Ohren.

Besonders lustig waren auch die sonntäglichen Kirchgänge. Haselberg hatte ja nur die kleine Kapelle auf dem Berg, die Kirche befand sich aber in dem rund zwei Kilometer entfernten Nondorf, und der Besuch der Messe war Pflicht. Am Sonntagmorgen kamen aus den verschiedenen Häusern die Kinder gelaufen und am Ende des Dörfchens war es schon eine stattliche, fröhliche Schar, die sich auf den Weg zur Messe machte.

Da natürlich auch unsere männlichen Spielgefährten dabei waren, machten wir zwei, Maria und ich, uns jedes Mal besonders hübsch. Unser wöchentliches Bad nahmen wir schon am Vortag im Waschtrog, und am Sonntagmorgen erfolgte dann die restliche Schönheitspflege. Sie hielt damals schon viel auf Naturkosmetik und weihte mich in ihre Geheimnisse ein. Um schöne rote Lippen zu bekommen, musste man die Lippen fest mit der Zahnbürste bearbeiten, daher wendeten wir unser besonderes Augenmerk mehr den Lippen als den Zähnen zu.

Da wir beide ja blond waren, hatten wir auch helle Augenbrauen. Um dem Gesicht mehr Ausdruck zu verleihen, sollte der Brauenbogen dunkler sein, befand sie. Also brannte sie ein Streichholz ab und verwendete dieses als Augenbrauenstift.

Dann kamen die Haare dran. Die wurden endlos lang gebürstet, damit sie einen schönen Glanz bekamen. Dies erklärte sie damit, dass man auch das Fell der Pferde ordentlich striegeln (bürsten) müsse, damit es richtig glänzt. Auf Grund dieser intensiven Schönheitspflege und angetan mit unseren Sonntagskleidern fanden wir uns für das sonntägliche Ereignis formvollendet.

Die kosmetischen Tricks meiner Kusinen gefielen mir sehr und brachten mich auf die Idee, wie man diese vielleicht noch ausbauen könnte.

Dazu brauchte ich die Hilfe von Christel Bretschneider. Sie war eine der Töchter unserer Hausbesorgerin und eine Klassenkameradin und hatte, das war des Pudels Kern, eine große Schwester, die immer, wenn sie ausging – meistens mit amerikanischen Soldaten –, sehr schön geschminkt war. Mutti fand, dass sie ordinär aussah, mir gefiel sie aber ungemein gut. Was ich von Christel brauchte? Ein wenig Puder ihrer Schwester, was sie mir auch prompt besorgte.

Bei der nächsten Fahrt nach Haselberg hatte ich natürlich diese Kostbarkeit mit, und um Maria schon bei unserer Ankunft maßlos zu beeindrucken und vor Neid erblassen zu lassen, begab ich mich eine Station vor Irnfritz, unserem Zielbahnhof, in die Toilette und bestrich mein Gesicht mit dem braunen Puder. Ich fand mich wunderschön und schwebte förmlich zurück in unser Abteil, wo Großmama noch immer ihre Zeitung studierte.

Als ich eintrat, stolz auf mein wunderschönes Aussehen, blickte sie auf, sah mich entgeistert an und während sie „Um Gottes willen, wie schaust denn du aus?“ sagte, hatte sie schon ihr blütenweißes Leinentaschentuch aus ihrer Handtasche gezaubert, schnappte mich, marschierte mit mir aufs Klo und wusch mir die ganze Herrlichkeit aus meinem Gesicht. Zurück im Abteil, nahm sie mir noch den Rest des Puders ab und warf ihn beim Fenster hinaus, was mich sehr frustrierte, hatte sie mich um einen Gag gebracht, den ich meiner Kusine gegenüber ausspielen wollte.

Diese Ferienaufenthalte in Haselberg genoss ich immer sehr und die Übersiedlung nach der Halbzeit nach Ellends fiel mir jedes Mal schwer, wenngleich mich Großvater Schmid mit dem hübschen Einspänner-Wägelchen von der Bahnstation Blumau abholte und sich sichtlich freute, mich zu sehen.

Die Ellendser Verwandtschaft empfing mich immer sehr freundlich, mir gefiel es dort trotzdem nicht sehr gut. Erstens hatte ich überhaupt keine Spielkameraden in meinem Alter und zweitens war ich jedes Mal dazu auserkoren, auf die kleinen Kinder von Tante Anna, die von Jahr zu Jahr mehr wurden, aufpassen zu müssen. Ich sehnte mich jedes Mal nach dem Ferienende und nach Wien.

Informationen zum Artikel:

Das "väterliche" Waldviertel

Verfasst von Margarethe Teufelsbauer

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Irnfritz, Haselberg; Ellends
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus umfangreicheren Kindheitserinnerungen, welche die Autorin im Jahr 2002 unter dem Titel "Blick in die Kinderzeit" aufgeschrieben und in Buchform gebracht hat.

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