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Schule im Ausnahmezustand

von Margarethe Teufelsbauer

Im Schuljahr 1944/45 wurde meine Klasse nach Pötzleinsdorf in die Schule Scheibenberggasse 60 verlegt, da unser Schulgebäude in der Michaelerstraße durch einen Bombenvolltreffer zerstört wurde.

Volksschulklassenfoto mit Lehrer
In der ersten Klasse der Volksschule Michaelerstr. 30 in Wien-Währing (1940/41)

Für uns Kinder aus der Währingerparknähe war das ein ziemlich weiter Schulweg. In der Früh fuhren wir mit der Straßenbahn Nr. 8 bis zur Währingerstraße und anschließend mit dem 41er Richtung Pötzleinsdorf; der Heimweg wurde zu Fuß zurückgelegt, über das Gersthofer Platzl, dem Türkenschanzpark und die Hasenauerstraße entlang bis zum Währingerpark und zur jeweiligen Wohnadresse.

Die Schule besaß auch einen Luftschutzkeller, in dem wir Kinder viele Stunden verbrachten, da die Bombardements gegen Ende des Krieges, wie schon erwähnt, immer zahlreicher wurden.

Aus welchen Gründen auch immer wurden wir eines Tages plötzlich vor dem offiziellen Unterrichtsende nach Hause geschickt. Das löste zwar vorerst Freude aus, doch der Verlauf dieses Vormittags brannte sich derart in mein Gedächtnis ein, daß ich die Situation noch heute so lebendig vor mir sehe, als ob sich dieser Vorfall gestern ereignet hätte.

Diesmal trat ich den Heimweg mit Christel, der jüngsten Tochter unserer Hausbesorgerin, an. Wir waren fröhlich und unbekümmert unterwegs, als plötzlich die uns zur Genüge bekannten Sirenen losheulten. Erst da registrierten wir, daß die Straßen wie leergefegt und nur wir zwei Kinder unterwegs waren. Wir stürmten zum nächsten Haustor, um dort Schutz im Luftschutzraum zu finden. Das Tor war versperrt. Also auf zum nächsten, hier öffnete ein alter Mann, offensichtlich der Luftschutzwart, und wies uns mit der Bemerkung ab: "Fremde Kinder könne er nicht ins Haus lassen." Inzwischen flogen über uns schon Flugzeuge. Angst stieg hoch, die Tränen rannen uns über die Wangen, wir waren total verzweifelt, wir wollten und mussten Schutz finden! Das nächste Haus, Tor verschlossen, das übernächste auch. Wir rannten im Zickzack von einer Straßenseite zur anderen, um vielleicht doch noch irgendwo Unterschlupf zu finden.

Als wir in vollster Angst und in Tränen aufgelöst dahinliefen, schoss plötzlich aus einem Gartentor ein Mann heraus, schnappte uns am Kragen und rannte, an jeder Hand ein total verängstigtes und heulendes Bündel haltend, durch einen kleinen Vorgarten in einen ebenerdigen Raum. Als wir uns ein wenig gefasst hatten, realisierten wir, dass wir in einem Wachzimmer gelandet waren. Der diensthabende Polizeibeamte, unser Retter, sah zufällig einen Moment von seiner Arbeit auf und einen Schatten auf der Straße vorbeihuschen. Da sich bei einem Fliegerangriff normalerweise keine Menschenseele auf die Straße wagte, kam ihm diese Erscheinung nicht geheuer vor, und so hielt er Nachschau und fand uns. Er bemühte sich sehr, unseren Schock zu mildern. Als wir uns nach der Entwarnung verabschiedeten, riet er uns, sofort in das Wachzimmer zu laufen, sollte ein derartiger Vorfall wieder eintreten. Es passierte nicht mehr, möglicherweise hatte er in der Schule interveniert, denn er war sichtlich entsetzt, als wir ihm erzählten, daß wir vorzeitig nach Hause geschickt worden waren.

Man kann zwar nicht behaupten, dass man sich an die Fliegerangriffe, die im Verlaufe des Krieges fast täglich untertags wie auch immer öfter nachts stattfanden, gewöhnte, aber es wurde mehr und mehr zur Routine, dass man wie ein geduldiges Schaf bei den beschriebenen Warnsignalen sich dem Schicksal beugte, die Schutzräume aufsuchte und hoffte, daß das Wohnhaus und man selbst nach der Entwarnung heil davon gekommen sein würde.

Frau mit Kind spaziert über gepflasterten Platz, im Hintergrund viel Hakenkreuzfahnen
Mit Mutter unterwegs in der Wiener Innenstadt (um 1939)

Schlimm war auch die Zeit für Mutti. Sie arbeitete aufgrund ihrer Dienstverpflichtung in der Molkerei Klein, verließ das Haus zu einer Zeit, als wir Kinder noch schliefen, und konnte nur beten, dass wir uns am Abend lebend wieder sehen würden. Ihre Arbeitsstätte war gefährdet, da der Betrieb einen sehr markanten Fabriksschornstein besaß, der für die feindlichen Flieger ein beliebtes Angriffsziel darstellte und auch einmal getroffen wurde. Zum Glück war es kein Volltreffer und alle beschäftigten Personen blieben unversehrt, nur alle Fensterscheiben waren zerbrochen und Millionen Glassplitter landeten in der Milch, dem Rahm, mit einem Wort in allen Milchprodukten, die zur Weiterverarbeitung oder Verpackung vorgesehen waren.

Ebenso gefährlich war die Arbeit für Großvater. Er war, wie immer, während der Nacht mit seinem Pferdegespann unterwegs, konnte sich jedoch bei nächtlichen Fliegerangriffen selbst nicht schützen, hatte er ja alle Hände voll zu tun, um die verängstigten und aufgeschreckten Tiere so in Zaum zu halten, dass sie ihm nicht mit Wagen und Ladung durchgingen. Sie waren ja schon enorm irritiert durch die Scheinwerfer der Luftabwehr, die des Nachts ständig den Himmel nach fremden Flugzeugen absuchten, und wenn dann noch die Sirenen und schlussendlich der Lärm eines Angriffs ertönte, gerieten die sonst so frommen Tiere ganz außer Fassung und versuchten natürlich davonzustürmen. Zum Glück war Großvater nicht nur ein bärenstarker Mann, er hatte auch ein ganz besonderes und liebevolles Verhältnis zu seinen Tieren, so dass es ihm immer gelang, sie durch Zureden und Streicheln zu beruhigen. Die Peitsche, die er oft in der Hand hielt, wenn er mit seinem Milchwagen unterwegs war, war zum einen nur ein Aufputz und zum anderen allenfalls ein Abschreckungs- oder Verteidigungsgegenstand für eventuelle, fürwitzige Räuber, die versuchen wollten, an die Firmengeldtasche, die er umhängen hatte, heranzukommen. Seine beiden Lieblinge bekamen die Peitsche nie und nimmer zu spüren, die folgten seiner Stimme.

Vielleicht war es eine Art Selbstschutz, denn wenn die schrecklichen Minuten eines Angriffs vorüber waren, schien für uns Kinder die Welt wieder heil. Im Sommer stürzten wir uns nachmittags in den Währingerpark, spielten und tollten umher und konnten so unbewusst unsere Angstzustände bis zum nächsten bedrohlichen Ereignis aus der Luft neutralisieren.

Fast die halbe Klasse wohnte rund um den Währingerpark und dadurch verbrachten wir nicht nur die Vormittage, sondern auch die Nachmittage meistens mitsammen. Wir spielten mit Vorliebe „Vater, Vater, leih mir die Scher“, Tempelhüpfen, Jojo usw. Ein beliebtes Spiel war auch „Stollen werfen“.

Wenn es sehr heiß war, planschten wir im Freibad und als wir dann schon ein wenig größer waren, gingen wir ins Michaelerbad. Dieses befand sich in dem Häuserblock zwischen Michaelerstraße und Sternwartestraße, beinhaltete ein gutes, altes Tröpferlbad, Wannenbäder und hatte in der Mitte des Gebäudes ein Freischwimmbad. Obwohl die Sonne nur ganz kurz das Schwimmbecken streifte, weil es ja von drei Stockwerken umgeben war, gaben wir uns, meist schon sehr bald blau gefroren, den Vergnügungen eines Badetages, wie Schwimmen, Ball spielen, Springen vom Trampolin etc. hin. Die größeren Kinder, die schon schwimmen konnten, brachten es den Kleinen bei. Der Eintritt kostete einen Pappenstiel, die Bademode bestand bei uns Kleineren aus einer schwarzen Clothhose, die wir auch für die Turnstunde verwendeten; Busen hatten wir sowieso keinen und als sich vielleicht dann und wann bei einem der Mädchen ein bescheidener Ansatz zeigte, strickte es sich aus irgendwelchen Wollresterln einen „ganz tollen“ einteiligen Badeanzug. Die Wolle soff sich natürlich beim Schwimmen voll, und wenn dann „die Badenixe“ aus dem Wasser stieg, rutschte der durch das Wasser schwer gewordene Anzug hinunter und gab das frei, was sie gerne verhüllt hätte. Auch ich luchste Mutti ein paar dürftige Wollknäuel ab und strickte mir einen wunderschönen weinroten Einteiler, obwohl ich ihn figürlich absolut nicht gebraucht hätte und mich jedes Mal ärgerte, wenn ich aus dem Wasser stieg und endlos brauchte, um das schöne Stück wieder in die Form zu zupfen. Aber es war unheimlich chic und modern, wenn auch die Wolle noch so ekelhaft scheuerte. (...)

Kind im Schulalter mit Mutter und Vater in Uniform
Mit meinen Eltern (1940/41)

Je weiter der Krieg fortschritt, desto knapper wurde die Versorgung der Bevölkerung sowohl auf dem Lebensmittel-, wie auch auf dem Bekleidungssektor, deshalb standen jedem Bürger Lebensmittel- bzw. Kleiderkarten zu. Beim Einkauf von Lebensmitteln musste der Lebensmittelhändler die für die entsprechende Ware ausgewiesene Marke aus der Karte herausschneiden, sammeln und schlussendlich die einbehaltenen Marken auf große Papierbögen aufkleben und bei der zuständigen Behörde abgeben. Das bedeutete für die Geschäftsleute großen Zeitaufwand.

Meiner Freundin Elfi und mir machte es Spaß, ihrer Mutter bei dieser Arbeit zu helfen, und mit Feuereifer klebten wir die Lebensmittelmarken. Leider gab es auch bald keinen Klebstoff mehr, so dass man aus Mehl und Wasser Kleister anrühren musste, um diese Tätigkeit ausführen zu können.

Genauso verhielt es sich bei den Textilmarken. Wollte man sich Bekleidung, Wäsche oder Schuhe kaufen, musste man die dafür vorgeschriebene Anzahl Marken abgeben.

Zu Beginn des Krieges bekam man auf dem Bekleidungssektor noch gute Qualität zu kaufen, je weiter der Krieg jedoch fortschritt, desto schlechter wurde die Beschaffenheit der diversen Materialien auf diesem Sektor, und schlussendlich musste man froh sein, wenn man überhaupt noch etwas ergattern konnte.

So erinnere ich mich beispielsweise an Strümpfe, die aus Holzfasern hergestellt waren und so entsetzlich kratzten, daß man es fast nicht aushielt. Weiters hatte ich nur ein Paar hohe Schnürschuhe für Frühling, Herbst und Winter und für den Sommer „Holzklapperln“. Diese bestanden aus einer beweglichen Holzsohle und Lederriemchen, sie waren sehr filigran und oft kaputt, aber bei uns Kindern ungemein beliebt, denn sie erzeugten herrlichen Radau, wenn man damit die Stiegen  hinuntertrampelte.

Diese vorhin erwähnten hohen Schuhe mussten auch herhalten, als wir nach dem Krieg Eislaufen gingen. In der Peter Jordanstraße oberhalb des Döblinger Friedhofes gab es einen Eislaufplatz, den die Währingerpark-Gruppe gerne aufsuchte, weil der Eintritt sehr billig war.

Elfi hatte von ihrer Mutter richtige Eislaufschuhe, die ihr mit zwei paar Socken übereinander halbwegs gut passten. Ich fand im Keller ein Paar „Schraubendampfer“, die schon mein Vater als Bub verwendet hatte, zwar sehr verrostet und für Schuhgröße 42 passend; das machte mir aber nichts aus, ich putzte sie und schraubte sie an meine Schuhe Größe 37. Damit ich die „Eiseln“ nicht ständig verlor, gabelte ich irgendwo noch ein paar Lederriemchen auf, die zur weiteren Befestigung dienten. So ausgestattet konnte das Eislaufvergnügen losgehen. Das Fatale an der Geschichte war jedoch, daß die Eisen ziemlich weit über meine Schuhspitzen hinausragten, was zur Folge hatte, daß ich mich immer und überall bei meinen Laufpartnern einhakelte und sie und mich unweigerlich zu Sturz brachte. Doch als ich die Technik ein wenig beherrschte, drehte ich am Rand des Platzes und im Sicherheitsabstand zu meinen Freundinnen genüsslich meine Runden. Paarlaufen beherrschte ich zwar aus den genannten Gründen nicht, dafür sauste ich wie ein Eisschnell-Läufer dahin.

Auch hier, genauso wie im Schwimmbad, bemühten sich diejenigen, die die eine oder andere Sportart schon ein wenig beherrschten, es selbstverständlich auch den Nichtkönnern mit viel Geduld beizubringen. Und alle hatten richtig Spaß dabei.

Gegen Ende des Krieges bestand meine Bekleidung aus den letzten Resten meiner „Brieftaube“-Garderobe, so sie auf Grund aller ausgelassenen Säume noch passte, und dann aus gewendeten und noch gut erhaltenen Garderobestückteilen von Erwachsenen, die Mutti zu nächtlicher Stunde für mich zu Mantel, Röcken oder Hosen verarbeitete.

Meist brachte dann das liebe "Christkind" die aus den gewendeten Materialien oder aufgetrennter Wolle neu entstandenen Kleidungsstücke. Dadurch konnte man auch den sonst sehr dürftigen Gabentisch für die Kinder ein wenig erweitern, Spielzeug gab es kaum zu kaufen.

Da es, wie schon erwähnt, Vorschrift war, abends oder in der Nacht die Räume so abzudunkeln, das kein Lichtschimmer nach außen dringen konnte, hatte man meist eine nur spärliche Lichtquelle zur Verfügung. In unserer neuen Wohnung im 2. Stock, die meine Eltern gegen die kleine Zimmer-Küchewohnung im 1. Stock eingetauscht hatten, befand sich oberhalb des Küchentisches eine kleine Lampe. Wenn Mutti am späten Abend oder während der Nacht strickte oder nähte, saß sie wie das "tapfere Schneiderlein" auf dem Küchentisch, um möglichst nahe bei dieser dürftigen Beleuchtung sein zu können.

Wie kam ich zu meiner Kleidung aus dem bekannten Modehaus „Die Brieftaube“?

Onkel Franzl legte sehr großen Wert auf überaus gepflegtes Aussehen und elegante Kleidung, die er meist bei der "Brieftaube" auf der Nussdorferstraße erstand. Dieses Modegeschäft verfügte nicht nur über eine Herrenabteilung, sondern auch eine Abteilung für Damen und Kinder. Für ihn war es ein besonderes Vergnügen, auch mich dort einzukleiden. Als Stammkunde wurde er besonders bevorzugt behandelt, und die Verkäuferinnen in der Kinderabteilung bemühten sich ganz besonders um den eleganten jungen Mann und seine kleine Nichte, die er bei seinen Besuchen sehr großzügig und sehr hübsch ausstattete.

Informationen zum Artikel:

Schule im Ausnahmezustand

Verfasst von Margarethe Teufelsbauer

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 18. Bezirk, Scheibenberggasse, Währingerpark / Wien, 19. Bezirk, Währingerpark
  • Zeit: 1944 bis 1945

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus umfangreicheren Kindheitserinnerungen, welche die Autorin im Jahr 2002 unter dem Titel "Blick in die Kinderzeit" aufgeschrieben und in Buchform gebracht hat.

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