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„Sie haben ihre Muttersprache gelernt wie wenige andere …“

von Hubert Schmiedbauer

Lehrjahre, Lernjahre

(...) Mit sechzehn Jahren war ich in eine neue Welt eingetreten: Aus dem Mittelschüler wurde ein Lehrling. Meine ursprünglich angedachten Berufsfelder – etwa Germanistik, Lehrer, Arzt – habe ich mir selbst vermasselt. Na ja, in der vierten Klasse in Latein ein Gut, ein Jahr später bei einem befehlsgewohnten Ex-Wehrmachtsoffizier aus pubertärem Trotz ein Totalabsturz, das soll keine Ausrede sein, da waren noch einige andere Probleme, die meine Eltern zuletzt radikal durchgreifen ließen. Gespräche über eine mögliche Berufslehre drehten sich – was sonst inmitten einer polygraphischen Dynastie? – um das Druckerei- und Zeitungswesen. Anfängliches Zögern legte ich rasch ab, als sich herausstellte, dass ich in Graz keine passende Lehrstelle finden würde, wohl aber in Wien. Als Sechzehnjähriger weg von der elterlichen Gewalt – das wog alles auf …

Im September 1949 landete ich also im bombenzerstörten Wiener Südbahnhof, um mich in einer Wohngemeinschaft in der Leopoldstadt, dem zweiten Bezirk, einzuquartieren, im Karmeliterviertel. Anders als meine Freunde oder Arbeitskollegen, die bei ihren Eltern lebten, war ich auf mich allein gestellt, lebte von einem nicht allzu üppigen Betrag, den mir meine Eltern aus Graz monatlich zukommen lassen konnten, und von der anfangs noch spärlichen Lehrlingsentschädigung. Miete musste ich auch zahlen. Das hieß in der ersten Zeit Hunger, bis wir Lehrlinge das Werkküchenessen in der Druckerei gratis bekamen.

Wir waren in diesem Betrieb, der ehemaligen Tagblatt-Druckerei am Fleischmarkt, zwei Setzerlehrlinge, und zwar in einer eigenen kleinen Abteilung, in der nur Geschäftsdrucksachen hergestellt wurden, denn reine Zeitungsbetriebe durften damals keine Lehrlinge ausbilden. Der Abteilungsleiter Franz Kubelka war ein legendärer Typographiker der zwanziger und dreißiger Jahre, hatte zwar fast nichts zu tun, diente aber die letzten Jahre seines unkündbaren Arbeitsvertrages ab. Als Übung mussten wir einige seiner kunstvollen Bleisatzarbeiten genau nachsetzen – lehrreich, aber in diesen Jahren wurden solche Arbeiten nicht mehr gesetzt, allein schon wegen des Zeitaufwandes.

Rund um uns der große Zeitungsbetrieb des Globus-Verlages mit mehreren Tages- und Wochenblättern („Volksstimme“, „Abend“, „Tagblatt am Montag“, „Die Woche“, „Tagebuch“, dazu Betriebszeitungen wie der „Erdölarbeiter“ usw.). Da standen noch viele Handsetzer in den Gassen zwischen den Regalen. „Huat oba!“, hallte es dutzendfach durch den Saal, wenn jemand sich erdreistete, beim Betreten der Setzerei nicht die Kopfbedeckung abzunehmen. Und musste einer niesen, wurde eifrig auf die Arbeitsplatte geklopft – Metall auf Metall, das kann jeden dösenden Lehrling arg erschrecken …

Gearbeitet wurde damals noch am Samstag bis Mittag. Mein „Gspan“, wie man den unmittelbaren Kollegen nannte – der ausbildende Setzer war der „Anführgspan“ – war ein Jahr älter als ich und ebenfalls Mittelschulaussteiger. Wir standen die erste Zeit acht Stunden täglich am Setzkasten oder an der Arbeitsplatte. Das war eine Qual, erst nach Wochen hatten wir uns an das fast unbewegliche Stehen gewöhnt.

Unser Anführgspan Josef Korinek war ein ruhiger, einfühlsamer, fachlich hervorragender Setzer, der uns innerhalb eines Jahres alle notwendigen Vorgänge beim Handsatz beibrachte: als erstes den richtigen „Griff“ in den Setzkasten, um eine der schmalen, dünnen Lettern so zu fassen, dass sie auf dem Wege zum Winkelhaken richtig gehalten und in die Reihe der anderen Lettern gesetzt werden konnte; zugleich mussten wir unsere Augen für das Material und dessen Maße trainieren, wobei es oft um wenige Zehntelmillimeter ging.

Man stelle sich eine beliebige bedruckte Seite (oder eine Bildschirmseite) vor und ziehe eine gedachte Linie als Rechteck um den bedruckten Teil. Alles innerhalb dieser Linie sowie innerhalb der bedruckten Flächen musste mit Blindmaterial, also nicht sichtbarem Blei, ausgefüllt werden, und zwar genau nach dem typographischen Maßsystem. Der gesamte Satz musste so passen, dass er mit einem Spagat, der Ausbindschnur, umwickelt oder in einer Form fest geschlossen werden konnte, ohne dass beim Anheben ein Teil herausfiel. Wurde ein Stück von einer Farbwalze herausgezogen, weil es zu locker saß, war zumindest der Satz kaputt, wenn nicht auch die Druckwalze oder gar die Maschine. Eine Satzarbeit musste aber auch geplant werden, das Anfertigen von Skizzen oder gar genauen Entwürfen als Muster für Kunden war zu lernen.

Eine andere Hürde war das spiegelverkehrte Lesen der Lettern und des ganzen Satzes. Dann ging es um das Gefühl für Schriftcharakter, Schriftgrößen, die Raumverteilung auf einem Blatt – etwa bei Geschäftsdrucksorten, gesetzten Plakaten usw., über die richtige „Konstruktion“ beim Tabellensatz, gar nicht zu reden von Spezialsätzen wie mathematischen oder chemischen Formeln. Und über allem der wichtigste Dressurakt: Rechtschreibung und Grammatik der deutschen Sprache, bis zum Training für das Lesen von Handschriften bzw. handschriftlichen Bemerkungen oder Korrekturen. Manches davon macht heute ein PC-Programm selbsttätig.

Fortschritte und Rückschritte

Während ich in diesem Augenblick vor dem Computermonitor sitze, denke ich an all die langwierigen Arbeitsgänge bei der Satzherstellung im nunmehr vergangenen Bleizeitalter. Ich will gar nicht vom Handsatz reden, mit dem vor nicht einmal 150 Jahren noch jedes Buch hergestellt wurde. Wie der Siegeszug der Setzmaschinen ganze Heerscharen von Schriftsetzern überflüssig machte, sind heute die restlichen Berufe der alten Druckkunst verschwunden. Setzer, Metteure, Korrektoren, Setzerei- und Druckmaschinenmechaniker, diverse Hilfsarbeiter, Stereotypeure (die Gießer und Fräser der Bleiplatten für die Rotationsmaschinen) und noch ein Dutzend mehr. Das schlägt sich auch in der Berufsausbildung nieder. Es gibt faktisch nur mehr zwei statt einem Dutzend Ausbildungsgänge: die Druckvorstufe und die Drucker.

Mit den Arbeitsplätzen schrumpfte auch der Raumbedarf. Was früher an Schriften und Blindmaterial tonnenschwer einen ganzen Setzersaal füllte – für jede Schrift bis zu zehn Setzkästen, dazu Steckkästen für die großen Titelschriften, Laden für Plakatschriften, deren große Lettern aus Holz waren, die Kästen und Regale für Blindmaterial, für Linien, Sonderzeichen und Klischees, dazu viele Meter Arbeitsplatten, der Platz für Maschinen wie Setzmaschinen, Abziehpressen, Bleikreissägen usw., all das kann sich eine Druckerei heute sparen; es hat in einem einzigen Computer Platz.

Dann die Logistik: Was gab es nicht innerhalb einer Druckerei für Transportwege! Manuskripte von AutorInnen oder von Redaktionen zur Bearbeitung und zum Satz, den Satz oder die Abzüge zur Korrektur, Tonnen von Bleisatz in die weiterverarbeitenden Abteilungen oder verpackt zum Bahnhof oder Flugplatz. Verzögerungen von Stunden oder Tagen, gar nicht zu reden vom Minutenstress der Tageszeitungen … Mit jedem einfachen PC kann man heute kompletten Satz herstellen und per Tastendruck in den daneben stehenden Drucker oder bei gleichem Zeitaufwand in die tausend Kilometer entfernte Druckerei senden, womöglich direkt in die Druckmaschine.

Nach einem weiteren Tastendruck ist der Bildschirm wieder frei für die nächste Arbeit. Jeglicher Bleisatz musste aber wieder aufgeräumt – Handsatzschriften in die Setzkästen abgelegt, Blindmaterial sortiert und eingeordnet, alles zuvor natürlich gereinigt werden. Linotype-Satz konnte man gleich wieder zu Barren einschmelzen, auch Monotype-Satz, bei dem die Maschine lochbandgesteuert nicht Zeilen, sondern Einzellettern goss.

Aufgrund der Einsparungen durch geringeren Personalbedarf und den Wegfall vieler guter Löhne für qualifizierte Fachkräfte, durch den Kahlschlag bei Zulagen – speziell bei den Zeitungsarbeitern mit ihrer einst fünfzigprozentigen Schichtzulage ab 18 Uhr – und die Verlängerungen der täglichen Arbeitszeit waren die Kosten für die neuen Technologien bald amortisiert … Allerdings wanderte ein Teil der einst den Druckereien vorbehaltenen Produkte aus dieser Branche ab: PC, Kopiertechnologien, Gebrauchsgraphik mit Personal ohne spezielle Ausbildung decken einen großen Teil des Bedarfs direkt im ehemaligen Kundenbereich ab – nicht immer mit dem Qualitätsanspruch vormaliger Facharbeit, dafür billiger, rascher. Aber zur Ehre der Computerschriften sei festgestellt: Sie haben – gemessen an den ersten PC-Schriften – innerhalb weniger Jahre fast schon das höchste Niveau legendärer Schriftgießerkunst erreicht.

Die gute Nachricht: Eine Reihe gesundheitsschädlicher Tätigkeiten gibt es nicht mehr. Das Heben und Schleppen schwerer Setzkästen, Umbruchrahmen, Satzschiffe (Stahlbleche für Bleisatzspalten und Seiten), der allgegenwärtige Umgang mit Bleistaub, -dämpfen und -spänen, die chemischen Belastungen durch Farben, Fette, Lösungs- und Reinigungsmittel für eingefärbte Sätze und Farbwalzen, durch Säuren usw. Noch nicht verschwunden oder neu hinzugekommen sind vor allem chemische Einflüsse im Druckbereich durch völlig neue, längst nicht auf ihre mögliche Schädlichkeit für Haut und Atmungsorgane bei Langzeitbelastung überprüfte Substanzen. Das gilt übrigens für die meisten Branchen. Auch die Arbeit an Bildschirmen ist nur oberflächlich auf mögliche schädliche Wirkungen erforscht. Und ganz an vorderster Stelle: Wie in den meisten Berufsgruppen stehen auch die Beschäftigten im Druckereiwesen unter einem noch nie dagewesenen psychischen Druck durch ein unmenschliches Zeitregime.

(…)

Vom Absterben zum Wiederaufbau

Der Rückblick auf mein Arbeitsleben spiegelt die Geschichte des historisch gesehen rasanten Absterbens einer jahrhundertealten Technologie, des Verschwindens einer ganzen Berufsgruppe mit all den sozialen Folgen und persönlichen Tragödien. Wie fühlt sich ein Mensch, der nach vielen Jahren Berufslehre und Erfahrung plötzlich an ein Gerät verpflanzt wird, das er nicht mehr sehen, hören, fühlen kann und an dem er nicht mehr schöpferisch tätig, sondern nur mehr Bedienungselement ist? Oder dem bisherigen Beherrscher einer sensiblen Maschine, mit der er aber nicht mehr kommunizieren kann, weil elektronische Steuerelemente ihm seine schöpferische Arbeit abnehmen …

Einen vielseitig qualifizierten Schriftsetzer traf ich eines Tages in Wien als Fahrdienstleiter an einer U-Bahn-Station. Er hatte in einem halbdunklen Kämmerchen ein paar Bildschirme und ein Dutzend Kontrolllämpchen vor sich. Seine wichtigste Aufgabe war der Blick auf die Menschen am Bahnsteig, ob sie sich wohl weit genug vom einfahrenden Zug aufhielten. Dabei hatte er Glück, überhaupt einen Platz in der Arbeitswelt zu finden, selbst wenn er statt früherer Teamarbeit und dafür nötiger Kommunikation stundenlang nur mehr Beobachter selbständiger Technologie sein durfte.

Einige tausend Fachkräfte mussten und konnten sich auf die neuen Herausforderungen der veränderten Arbeitswelt einstellen. Einige tausend fielen heraus, einige tausend kamen neu in diese veränderte Berufswelt. In den Kollektivverträgen wurde zusätzlich zu den laufenden Verschlechterungen der Arbeitsrechtgesetzgebung ausgejätet, was nur ging, um „nicht mehr zeitgemäße“ oder „produktivitätshemmende“ oder eben für die Beschäftigten positive Bestimmungen loszuwerden, aus qualifizierten Facharbeitern Hilfskräfte zu machen und vor allem ganze Berufe auszulöschen.

Eine der Folgen ist ein Verfall der Sprachkultur. Mit dem Verschwinden der ausgebildeten Setzer und Korrektoren brach ein Damm, und was in Tagespresse, Zeitschriften, in der Massenliteratur, ja selbst in den Werken renommierter Verlage an Sprachschluderei und ignoranter Fließbandarbeit bei Übersetzungen ins Deutsche (meist ins Norddeutsche) verbrochen wird, ist Kulturschande.

Auf das Ende des Bleisatzes folgten einige Jahre Übergang mit Fotosatz, und wie sich heute Produktion und soziales Umfeld entwickeln, ist ein Kapitel, das andere schreiben müssen. Was sie heute lernen, werden sie noch lange brauchen. Die Generationen vor ihnen hatten Berufe gelernt und Technologien beherrscht, die niemand mehr braucht. Sie haben ihre Muttersprache gelernt wie wenige andere, doch deren Zerstörung wird „Reform“ genannt, so wie das Sozialsystem von „Reform“-Schritten zerstampft wird.

Dieser Krieg ist noch lange nicht vorbei. Der Wiederaufbau wird mühevoll sein. Er wird die Erfahrungen der vorangegangenen schöpferischen Generationen für seine Fundamente heranziehen müssen – so wie die neuen Technologien ohne vorangegangene technologische Entwicklungen undenkbar wären.

Informationen zum Artikel:

„Sie haben ihre Muttersprache gelernt wie wenige andere …“

Verfasst von Hubert Schmiedbauer

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Schreibaufrufe, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Steiermark, Graz
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt Textausschnitte aus dem Erinnerungsbuch "Arbeit ist das halbe Leben ... Erzählungen vom Wandel der Arbeitswelten seit 1945", herausgegeben von Sabine Lichtenberger und Günter Müller im Böhlau Verlag, Wien 2012, wieder.

© Böhlau Verlag

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