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Erinnerungen ans Fernsehen

von Gabriele Stöckl

Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal in das „Wunderkastl“ schaute. Es muss unmittelbar nach dem Beginn der österreichischen Fernsehära gewesen sein. Ich war vielleicht 10 bis 11 Jahre alt. Ecke Leebgasse Quellenstraße war ein Wirtshaus – es gibt es heute noch –, wo ich die erste Begegnung mit dem Medium Fernsehen hatte. Eine Frau aus unserem Haus kam eines Abends bei uns vorbei und sagte, heute müssten wir ins Wirtshaus mitgehen, denn da gäbe es was zu sehen. Im Extrazimmer stand erhöht ein Kasten, größer als ein Radio, mit einer Glasfläche. Das Zimmer war bummvoll und alle warteten gespannt auf das Ereignis. Auf das Programm kann ich mich nicht mehr genau erinnern, nur auf das Staunen des Publikums. Ich glaube, dass es eine Revue war, Schloss Schönbrunn ist mir in Erinnerung. Es ging „bunt“ zu, obwohl das Programm noch in Schwarz-Weiß war, und die Zuseher waren sichtlich begeistert. Das war meine erste Begegnung mit dem neuen Medium. Es hatte mich nicht sonderlich beeindruckt, hörte ich doch noch lieber Radio oder ging ins Kino.

Bald sah man eingeschaltete Fernseher in den Elektrohandlungen. Oft stand eine Menschenmenge vor den Auslagen, wie im Geschäft an der anderen Ecke des Gasthauses, Siccardsburggasse Quellenstraße. Sich einen eigenen Fernseher zu leisten, war noch ein Luxus.

Als meine Eltern nach Ybbs zogen, überraschte uns mein Vater Weihnachten 1959 oder 1960 mit einem Fernsehgerät. Natürlich wurde ein eigener Fernsehtisch gekauft und eine eigene Fernsehleuchte als indirekte Beleuchtung (damals modern waren Segelschiffe). Fernsehen war nun der Mittelpunkt des Familienlebens. Und es gab ab da für meinen kleinen Bruder eine neue Strafe: „Fernsehverbot“.

Neu war nun auch der „Fernsehschlaf“. Oft lehnten die Eltern dösend in ihren Polstersesseln und erwachten spätestens bei der täglich mitternächtlich gespielten Bundeshymne. Uns Jugendliche betraf das noch nicht. Ich sage noch nicht, denn heute ergeht es mir wie damals den Eltern. Und es liegt nicht nur am nachlassenden Fernsehprogramm. Wir schauten aufmerksam in die „Glotze“, raschelten mit den Solettisackerln beim Herausfassen neuer Knabberstangerln. Das störte die Eltern, obwohl das Empfangsgerät auf „Zimmerlautstärke“ eingestellt war. Die Schlafzimmer grenzten gleich ans Wohnzimmer. Wenn es meinem Bruder, der früher schlafen gehen musste, zu laut wurde, knallte er seinen Pantoffel an die Tür.

Besonders freuten wir uns auf die Sendung „Einer wird gewinnen“ (EWG) mit dem großartigen Hans Joachim Kuhlenkampff, „Am laufenden Band“ (Rudi Carell), „Der goldene Schuß“ (Lou van Burg, später Vico Torriani), „Wünsch dir was“ (Vivi Bach und Dietmar Schönherr), „Dalli, dalli“, Hans Rosenthals legendäres „Das war Spitze!“, Robert Lembkes heitere Beruferaten „Was bin ich?“ oder Rudolf Horneggs (der sogar ein Graf war) „Quiz 21“. Samstag Heinz Conrads mit „Was gibt es Neues?“ Mein Vater war mit ihm eingerückt und schon damals hatte Heinzi das bekannte Augenzwinkern. Die Kabarett-Sendungen mit Farkas und Waldbrunn, Maxi Böhm, Peter Wehle und Gerhard Bronner.

Es gab die „Familie Leitner“ (1958–1967), in der die Jugend tatsächlich noch „Küss die Hand“ und „gnädige Frau“ sagte. Dann begreift man, dass bei der „Mundl“-Serie die Wogen der Empörung hoch gingen. Und wie harmlos ist sie heutzutage.

1962 wurde eine Krimi-Serie groß angekündigt: „Das Halstuch“ von Francis Durbridge mit Dieter Borsche, der auch der Mörder war. Niemand wäre auf ihn gekommen, war der Schauspieler doch immer aus sympathischen Rollen bekannt. 1966 „Melissa“ mit Ruth Maria Kubitschek. Diese Durbridge Krimis waren „Straßenfeger“. Voll Spannung erwartete man die nächste Folge.

Langsam entwickelte sich die „Fernsehsucht“. Man saß vor dem Patschenkino, schaute mit Begeisterung sogar die Werbung, nachdem das Äffchen über den Giraffenhals gerutscht war. Thea-Kochsendung mit Frau Berger, „Der Untermieter“ mit Otto Schenk und Alfred Böhm. Die Eltern fand man natürlich beim Seniorenclub vor. Wann immer man die Eltern besuchte, sie saßen vor der „Flimmerkiste“, was meinen Mann zu der Aussage: „Ein Fernseher kommt mir nicht ins Haus!“ bewog. Und dann gewann er im September 1966, bei einem Foto-Wettbewerb der Firma SHELL mit einem Dia einen Philips Portable Fernseher. Der 1. Preis wäre ein Auto gewesen. Ein Auto! Wir konnten uns noch kein eigenes leisten. Ab und zu durften wir uns den DKW-Junior von meinem Vater ausborgen. Man soll aber nicht unbescheiden sein, hatte ich doch erst im Juni 1966 eine Flugreise nach Korfu, mit 14 tägigem Aufenthalt für zwei Personen von der AZ gewonnen. Es ging um den Mini, dem neuen Trend in der Mode.

Unserem Sohn kauften wir das 1962 im Verlag Jungbrunnen erschienene Buch: „Flip im Fernsehen“, das mit dem „Hans Christian Andersen-Preis 1964“ ausgezeichnet worden war.

Nun stand der kleine SW-Fernseher am Fußende unseres Ehebettes und mein Mann schaute mit Begeisterung die Übertragungen, die vor allem in der Nacht ausgestrahlt wurden: Boxkampf (Cassius Clay), Eishockey (Olympiade), Mondlandung. Gleichmäßiges Geräusch störte mich nicht, doch wenn mein Mann in seiner Begeisterung „Tooor!“ schrie, dann fuhr ich hoch.

Unsere Kinder wuchsen mit dem Fernseher bereits auf. So lange unsere Tochter noch nicht lesen konnte, war es relativ einfach ihren Fernsehkonsum in Grenzen zu halten. Doch kaum konnte sie lesen, studierte sie das Programm. Wenn sie bei uns nicht schauen durfte, packte sie ihr Köfferchen und ging zur Oma, die über den Gang wohnte. Die Oma saß mit Begeisterung beim Kinderprogramm, und sie brauchte sich nicht zu genieren, wenn sie mit der Enkelin „Am, dam, des“ (Lieselotte Blauensteiner und Heinz Zuber als Enrico), „Lassie“, „Biene Maja“ usw. schaute. Inzwischen war das Fernsehen bunt geworden. „Lassie“ war der Auslöser für die spätere Wahl eines Collies, unserem Johnny, der über 16 Jahre alt wurde.

Informationen zum Artikel:

Erinnerungen ans Fernsehen

Verfasst von Gabriele Stöckl

Auf MSG publiziert im Juni 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Niederösterreich, Mostviertel, Ybbs
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1970er Jahre

Anmerkungen

Verfasst im Mai 2012 nach einer Einladung, Erinnerungen an das Thema  Fernsehen festzuhalten,  im lebensgeschichtlichen Gesprächskreis "Generationen und Jugendkulturen" im Wien Museum.

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