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Großvaters Geschichten

von Toni Distelberger

Ende der Sechzigerjahre verfasste Markus Distelberger (1892-1979) seine Autobiographie, in der er von seinem Aufstieg vom Waisenknaben zum Familienvater und Besitzer eines Bauernhofes in der Gemeinde Hochrieß bei Purgstall erzählte. Markus Distelberger war mein Großvater. Ich habe mich mit der Lebensgeschichte meines Großvaters auseinandergesetzt und war bemüht, die Strukturen und Voraussetzungen seiner Erzählung zu untersuchen. Ich lade interessierte Leserinnen und Leser dazu ein, meine Lesart der Geschichte kritisch zu beleuchten und mir Ihre Anmerkungen zu übermitteln (Näheres siehe Infoteil am Ende dieses Beitrags).


altes Bauernehepaar bei oder nach der Feldarbeit
Meine Großeltern (um 1971)

Nachdem mein Großvater 1925 seinem Dienstgeber in Gresten gekündigt hatte, um sein Häuserl in der Nähe von Purgstall beziehen zu können, brachte er im ersten Sommer sich, seine Schwester Christine und seine Tochter Mina damit durch, dass er den benachbarten Bauern bei der Ernte half. In den Taglohn zu gehen, entsprach zwar der traditionellen ökonomischen Strategie der Kleinhäusler, meinem Großvater reichte es aber nicht: „Mußte mich halt doch langsam um eine Arbeit umsehen“, meint er. Von seinen ehemaligen Chefleuten vom Gasthaus Blamoser in Gresten wird er dem Direktor der metallverarbeitenden Fabrik Busatis empfohlen, der dort seinen Urlaub verbringt. Mein Großvater beginnt am 8. September 1925 mit seiner Arbeit in jenem Betrieb, der der größte Arbeitgeber in Purgstall ist. Er verdient dort in der Woche den gleichen Betrag wie dazumal eine Bauernmagd im Monat.

„Anfangs verdiente ich 33 Schilling in der Woche. So haben wir halt gewirtschaftet.“

Darüber, wie es meinem Großvater in der Fabrik ergangen ist, erfahren wir nichts als...

„Mir tat es halt immer weh, wenn die Bauern aufs Feld fuhren oder lustig bei der Ernte waren und ich mußte in die Fabrik.“

Das Ziel, Bauer zu werden, scheint näher zu rücken, denn mein Großvater beginnt, sich nach einer Bäuerin umzusehen. Nicht nach einer Frau, um mit ihr sein Leben zu teilen, nein, nach einer Bäuerin, um mit ihr gemeinsam zu wirtschaften:

„So sollte es eine sein, die auch das gleiche Streben hatte als ich. [...] Das war aber nicht so leicht.“

Es wurde dann die Wiesbauern Kathi [geb. Höhlmüller] vom Hof Unter-Wies auf der Südseite des Haberges meine Großmutter. Als sich nämlich abzeichnet, dass die Schöne Cilli im Jahr 1929 den Cousin meines Großvaters, August Distelberger heiraten wird. Wieder hatte mein Großvater gegenüber einem Cousin das Nachsehen.

„Hat mich nicht ganz abgewiesen, ein kerniges Mädchen, sehr sehr arbeitssam und brav.“

... erinnert sich mein Großvater.

Seine Frau ist zehn Jahre jünger als er; eine taktische Notwendigkeit – so wird sie ihm noch viele Kinder gebären. Mein Großvater war immerhin schon fünfunddreißig, als die beiden sich im Frühjahr 1927 versprachen und am 24. Oktober 1927 heirateten. Mein Großvater gibt keinen Hinweis darauf, dass es eine Liebesheirat gewesen wäre.

„… Hat mich nicht ganz abgewiesen …“

Meine Großmutter war für ihn zweite Wahl. Es ist eine Vernunftehe.

Mein Großvater war froh, dass er überhaupt noch eine Frau gefunden hatte, mit der er Hoffnung hatte, seinen Lebensplan zu verwirklichen. Es war auch schon allerhöchste Zeit.

„Wir hätten schon vor dem Heiraten gern ein Bauernhaus gekauft oder eingetauscht. Aber es hat sich nicht machen lassen. [...] So mußte halt doch die Kathi in das kleine Hauserl hineinheiraten. War auch ein Opfer für sie. Sie mußte viel allein sein.“

Mina erinnert sich, wie sie, ihr Vater und ihre Tante Christine mit einem Omnibus der Autobuslinie Oberndorf-Purgstall-Steinakirchen zur Hochzeit ihres Vaters in Steinakirchen gelangten. Beim Einsteigen in Reingrub hätte sie so sehr geweint, weil sie sich vor dem Fahrzeug fürchtete.

Meine Großmutter lebte und wirtschaftete zwei Jahre mit ihrem Mann, der nach Purgstall in die Fabrik arbeiten ging, auf dem Teuschelhofhäusel in der Gemeinde Petzelsdorf-Galtbrunn.

„Ich verdiente meist in der Woche bei Akkordarbeit 50 Schilling. Wir konnten ganz schön ein Geld ersparen, weil wir ja leicht von der Wirtschaft lebten.“

Ein Photo aus dem Jahr 1928 zeigt den frisch verheirateten und hoffnungsvollen Landwirt in spe als vierten von links in der vorletzten Reihe der vor dem Photographen aufgebauten gesamten Belegschaft der Firma Busatis.[1] Der stattliche Mann mit dem kräftigen Brustkorb blickt distanziert und gelassen in die Kamera. Seine überlegene Miene verrät, dass er sich hier nicht zugehörig fühlt.

Seinen Platz weiß er anderswo.

Die Inbesitznahme der neuen Heimstatt war für meinen Großvater der Einzug in ein Gelobtes Land, und er gedenkt aller, die ihn dabei begleiteten oder unterstützten, in Dankbarkeit. Auch der Hofhund Flockl gehört zu denen, für deren Wohl und Wehe sich mein Großvater verantwortlich fühlt.

„Die Mutter [meine Großmutter Katharina Höhlmüller] und die Mina haben den Flockl-Hund an einer langen Kette geführt. Die Mutter hängt den Hund bei einer Deichsel an. Der Hund läuft so und so, die Kette dreht sich um das Rad. Ich komm gerade zurecht, wie es ihn das letzte Mal durchgedreht hätte. Es war beim Schwarz in Harmannsdorf vor dem Haus. Ich mach ihn los, er fällt hin wie ein Sack. Ich gieße ihm Wasser auf den Kopf, hilft alles nichts. Es scheint, ich darf nichts Lebendiges hinüberbringen. So laden wir ihn halt auch auf. Einen halben Kilometer liegt er oben wie tot. Auf einmal schaut er in die Höhe, ich heb´ ihn herab. Er ist nimmer von mir weggegangen, bis wir zu unserer neuen Heimat gekommen sind.“

Aus der Perspektive der damals sechsjährigen Mina hört sich das so an:

„Ich erinnere mich noch an den Umzug [im April 1929] auf die Hochrieß. Zwei Fädelfuhren hatten der Vater und die [Stief]Mutter. Ich packte meine Puppen in eine Tasche, eine musste zurückbleiben. Der Vater hatte vom Herrn Onkel ein Kruzifix zur Hochzeit geschenkt bekommen, das musste er auch zurücklassen. Es hat ihm noch lange darum leid getan. „Der Herrgott muß beim Haus bleiben“, hat es geheißen. Meine Mutter und ich, auch sie mit einer Taschen, machten uns auf den Weg [Meine Großmutter war hochschwanger und erst im Februar bei einer Ohnmacht infolge Kohlenmonoxidvergiftung nur knapp mit dem Leben davongekommen. Mein Vater sollte zwei Monate später, am 11. Juni 1929, geboren werden]. Wir gingen zu Fuß. Für eine Sechsjährige ist das ein weiter Marsch. Deshalb fragte ich jedesmal, wenn wir zu einem Bauernhaus kamen: „Ist es schon dieses Haus?“ Als wir von der Höhe hinunterstiegen, und wir endlich das Haus sehen konnten, kamen auch die Pferdefuhrwerke an, die den längeren Weg nehmen mussten.“

Für meinen Großvater war der Kauf des Hubbauern in der Gemeinde Hochrieß die Erfüllung seiner Wunschträume. Diesen Erfolg stellt er wieder in den Rahmen einer religiösen Sinngebung. Noch bevor er seine Familie in das neue Heim übersiedelt, berichtet er über sein Gebet am Marterl, mit dem er sein künftiges Wirken an diesem Ort unter die Ägide Gottes stellte. Die Schutzfunktion des Heiligtums nimmt er ganz für sich in Anspruch:

„So haben wir halt immer gesucht nach einem Bauernhaus. Da im Frühjahr erfuhr ich, daß auf der Hochrieß das Hubbauer zu kaufen ist. Ich ging an einem Samstag herüber und schaute es an. Nun ja, ein altes Haus [...] Anderen Tages, es war der 10. April 1929, habe ich es mit 28 Joch gekauft. Da steht am Weg nahe dem Haus eine Kapelle mit Kalvaria. Wie ich es gekauft hatte und das erste Mal vorbeiging, da habe ich gebetet: „Herr sei mein Schutz und meine Hilfe“ und wir haben auch wirklich einen Segen gehabt.“

In Wirklichkeit war dieser Bildstock von den beiden Bauernhäusern Hubbauern und dem benachbarten Maeßlitz gemeinsam errichtet und mit einem Bild, das auf wunderbare Weise bei einer Überschwemmung der Erlauf angetrieben wurde, ausgestattet worden. Mein Großvater verstand es, die lokalen Traditionen auf sich zu beziehen. Er, der neu Hinzugekommene, machte sich sofort die örtlichen Schutzmechanismen zunutze.

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Die Waldfrau Daphne flieht vor der Zudringlichkeit des Gottes Apollo. Sie wird vor seinem Verlangen geschützt, indem ihr Vater, ein Flussgott, sie im letzten Moment, bevor Apollo sie zu ergreifen vermag, in einen Lorbeerbaum verwandelt. Ovid erzählte die Geschichte in seinen Metamorphosen unter dem Titel Apollo und Daphne.

Hier finden wir die Vorlage für eine ätiologische Erzählung aus dem Erlauftal. Das Schicksal der Sage vom Türkensturz zeigt die Aneignung der lokalen Überlieferung durch Zugezogene, im konkreten Fall durch meinen Großvater und seine Familie. Mein Großvater und mein Onkel beanspruchten später die topographische Bezeichnung Türkensturz als Bezeichnung für die Ferienpension, das sie in den Sechzigerjahren dort eröffnen sollten (heute: Gasthof zum Türkensturz). Damit usurpierten sie eine lokale Überlieferung, die ursprünglich an einen anderen Hof in der mittelbaren Nachbarschaft geknüpft war.

Frau Sturmlechner, Altbäuerin auf Weinberg 3, erzählte Alois M. Wolfram, dem Sammler von Sagen des Bezirkes Scheibbs, am 6. 10. 1973 folgende Geschichte (Nr. 834 und 835):

Das Mensch [Mädchen, Magd], das die Türken bis zum Türkensturz verfolgt haben, ist auf unserem Hof da, wie die Alten alleweil erzählt haben, Dirn gewesen. Wie die Türken damals vorne bei der Tür ins Haus eingedrungen sind, ist das Mensch hinten durch eine Stalltür hinausgewuscht und den Wald entlang bis zur hohen Rieße gelaufen. Ein Türk hat sie aber doch ersehen und verfolgt.Fast hatte er es erreicht. Da schlüpft das Mädchen in seiner Todesangst in ein Gebüsch nahe dem Steinabhang und war dem türkischen Reiter entschwunden. Der sprengte auf seinem Pferd im Nebel weiter und stürzte über den Steilabhang in die Tiefe. Seither heißt diese Stelle `Türkensturz´.[2]

Im südöstlichen Niederösterreich, in der Nähe von Scheiblingstein, trägt ein markanter Kalkfelsen ebenfalls den Namen Türkensturz. Der Sage nach soll von diesem Felsen schon im Jahr 1532 eine Schar türkischer Soldaten in die Tiefe gestürzt sein, nachdem diese von der Gottesmutter Maria in die Irre geführt worden waren. Maria als femme fatale, die die Ungläubigen in ihr Verderben führt und sie mit sich in den Untergang reißt! Hier tritt die mythische Gestalt der Verfolgten als Vorlage der Erzählung noch deutlicher zum Vorschein.

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Obwohl sich mein Großvater an abergläubisch-magische Vorkehrungen hält und das Kruzifix in der Stube des Teuschelhofhäusels belässt, geht der Umzug nicht glatt vonstatten: „Es scheint, ich darf nichts Lebendiges hinüberbringen“, verrät der Erzähler seine Befürchtung. Die Übertragung eines Haushaltes, dieser Zustand der Schwebe und Unentschiedenheit, ist eine prekäre Situation, die durch magische Rücksichtnahmen abgesichert werden muss. Das Alte und das Neue vertragen sich nicht sofort. Die Dinge haben ein Eigenleben, sie wollen nicht fort. Gegen die Translokation sträuben sie sich, verweigern den Dienst.

„Wie es dann ernst geworden ist, bin ich halt in der Früh mit dem Rad zum Hubbauern hinübergefahren, hab die Pferde an den besseren Leiterwagen gespannt und bin zum Ehrenstrasser gefahren [ein Nachbar beim Teuschelhofhäusel]. Der hat dann mit seinen starken Pferden in meinen Leiterwagen eingespannt und ich in seinen Platzwagen. Da wurde unsere Einrichtung augeladen, weil das leichter war. Aufgeladen wurde alles, bis auf die Sachen vom Herrgottswinkel. Nach altem Brauch muß das beim Haus bleiben. So haben wir halt die Wagen vollgeladen. War da noch ein Schweindl zum Unterbringen, ca. 20 kg. schwer. Da ich keine Kiste hatte, gab ich sie [die Sau] in einen Korb und band einen zweiten darüber. Dann fuhren wir los über die Hochrieß, beim Galtbrunnkreuz hinab in die Reichersau. Auf dem schlechten Weg wirft es den Wagen hin und her. Mein Schweindl mit den Körben wirft es hinaus. Ist gerade ein kleiner Hohlweg, der Korb rollt unter das Hinterrad. Natürlich alles hin!

Bis 1942 werden meinen Großeltern auf dem Hubbauern acht Kinder geboren. Markus, mein Vater, kam gleich im Jahr 1929 zur Welt. Mein Großvater gibt als das Geburtsdatum seines ersten Sohnes den 12. Juli an, wobei er um einen Tag irrt. Richtig wäre der 11. Juli. 1930 dann Adolf, der nach dem Arbeiterpriester Adolf Kolping getauft und dem damit die geistliche Laufbahn vorbestimmt wurde.

„Da hatte die kleine Mina schon allerhand Arbeit mit den 2 Buben. In die Schule mußte sie ja auch nach Wieselburg gehen.“

Vom Pfefferreith-Onkel Josef wird überliefert, dass er sich in dieser Hinsicht folgend geäußert haben soll. Sich die Schnurrbartenden zwirbelnd meinte er: Ja-a, des san rechte Käfern, de Hochrießer-Buam! Die habm des Mäeu am rechten Fleck! [eigentlich sollte man ja das `Herz am rechten Fleck´ haben.]

Das erste Photo, auf dem die junge Familie zu sehen ist, ist nicht beim Photographen, sondern bei der Arbeit auf dem heimatlichen Hof entstanden. Spaziergänger wären es gewesen, die diesen Schnappschuss angefertigt hätten, erzählte mir meine Tante Mina. Sie machte es damals möglich, dass meine Großeltern sowohl mit der Arbeit in der Landwirtschaft als auch mit ihren Kindern zurecht kamen. Keine der auf den Photo abgebildeten Personen hat sich herausgeputzt, alle sind in ihrer Alltagskleidung zu sehen. Sie wurden vor dem Hintergrund eines Leiterwagens aufgenommen, der zwischen ihnen und einem strohgedeckten Schuppen steht. Mein Großvater hält in der Rechten einen glasierten Mostkrug, mit der linken Hand fixiert er seinen ältesten Sohn, meinen Vater. Meine Großmutter hält ihren zweiten Sohn, Adi, an den Schultern. Mina schaut, wie ihr Vater, direkt in die Linse der Kamera. So wie ihre Halbbrüder, die Zwillinge, die sie vor sich hat, es sein können, darf dieses Mädchen nicht Kind sein. Es hat nur Aufgaben zu bewältigen.

Mina schildert ihre Funktion als Kindsdirn:

„An dem Tag, als die Mutter mit den Zwillingen niederkam [15. Nov. 1931], machte sich der Vater mit dem Rad auf den Weg; zuerst zum Nachbarn, auf dass die Ederer-Moam der Mutter Beistand leiste, dann fuhr er weiter nach Purgstall und verständigte die Hebamme, und dann noch nach Steinakirchen hinüber, zum Wiesbauern, seinen Schwiegereltern Bescheid geben. Er war noch nicht zurück, da kam die Hebamme auf dem Fahrrad auf der Hochrieß an, und nach einer Weile, während der ich mich in der Küche herum getrieben hab, kommt die Ederer-Moam heraus, ich soll schnell zu ihrem Sohn laufen, dass er nach Wieselburg fährt, den Doktor holen. Ich lauf zum Nachbarn und richte alles aus. Wie ich zurückkomm, sind die Zwillinge schon glücklich da, und die Ederer-Moam schickt mich gleich wieder hinauf zu ihrem Sohn Loisl, ob ich ihn vielleicht noch erwische, der Doktor braucht doch nicht kommen. Wie ich beim Ederer-Nachbarn anlange, pumpt der Loisl grad den Schlauch von seinem Fahrradl auf. Weiter ist er noch nicht gekommen. Wenn es dazumal wirklich gnädig [eilig] gewesen wäre um den Doktor, wäre der zu spät gekommen. Wie der Vater z´ruck ist, und er an der Tür läut, bin ich ihm gleich aufmachen ´gangen, damit ich ihm die Nachricht als Erste überbringen kann: Vater, zwoa Buam hamma!“

„Die Zwillinge fingen bei Einbruch der Dunkelheit zu schreien an, aus vollem Halse. Jeden Abend. Es wäre halt die Zeit für die Stallarbeit gewesen. Der Vater kam herein und half mir die Zwillinge zu stillen [d.i. zur Ruhe bringen]. Wir hutschten sie, bis sie sich beruhigten.

Der eine hatte einen Nabelbruch, der zweite einen Leistenbruch. Der Vater holte die Wenderin, Frau Baumgartner aus Götzwang, mit den Pferden ab. Ich erinnere mich, wie die Zwillinge auf dem Küchentisch lagen… Dann verlangte sie ein Messer und ging damit nach dem Gartl owe. Sie verbot uns, ihr nachzuschauen. Ich weiß nicht, hat sie es uns dann erzählt, oder wie haben wir es erfahren? Sie schnitt mit dem Messer ein Kreuz in den Wasen und sagte: Wenn das eingewachsen ist, sind die Kinder gesund…“

...

„Zu Fuß gingen wir nach Wieselburg in die Kirche, aber der Vater fuhr mit seinem Radl meistens nach Purgstall. Ich musste immer mit den beiden älteren Buben, dem Max und dem Adi in die zweite Messe gehen. An einem Ostersonntag dauerte das Amt so lang´, dass wir erst spät nach Hause kamen, so knapp vor dem Mittagessen. Ich hatte deswegen schon Hoffnung, wir müssten am Nachmittag nicht außerdem zur Andacht gehen. Aber kaum hatten wir aufgegessen, hieß es schon: Auf, zum Kreuzweg!

Später hatten wir schon ein Radl und sind dann mehr nach Purgstall gefahren, zur Jugend…“

...

„Nachdem der Vater in Purgstall in der Messe war, kehrte er manchmal im Gasthaus Lumper in Unternberg ein. Als er dort einmal zusammen mit dem Nachbarn, dem Ederer, und allen Hochrießern zusammentraf, hat er sich anbrennt [konnte sich länger nicht zum Aufbruch durchringen] und is mitsammen dem Nachbarn noch dort gesessen, da waren die Hochrießer schon fort. Sie hatten beide über den Durst getrunken, und der Ederer war schon recht schwach auf die Füß. Der Vater läutet beim Ederer-Haus an, da sagt der Ederer: `Und i håu´ glaubt, der Wein macht ån stark, …´“

 

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Die französische Anthropologin Françoise Loux merkt in ihrem Buch Das Kind und sein Körper in der Volksmedizin (1978) auf Seite 111 (dt. Ausgabe Fischer TB) an:

„Wein steht nämlich allenthalben in der Volksmedizin im Rufe großer Heilkraft. Man sagt ihm stärkende Wirkung nach. Er besitzt zugleich konkrete Kraft, als „Heilkraut“, als Frucht des Weinstocks, und Symbolkraft, insofern er für das Blut steht [...] Wenn das [neugeborene] Kind schwächlich zu sein scheint, gibt man ihm sogar ein wenig gezuckerten und mit Wasser verschnittenen Wein zu trinken. Häufig fügt man dem Waschwasser Wein oder Branntwein hinzu.“

Der Herr Onkel steckte seiner Schwägerin öfters eine Flasche Wein zu: Damit du wieder zu Kräften kommst! Zumindest der Herr Generalvikar, der als ein gestrenger Mann bekannt war, registrierte die Erschöpfung meiner Großmutter; nur war der Wein nicht gerade die beste Therapie. Schließlich war meine Großmutter laufend schwanger, oder sie stillte gerade ein Kind.

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Mein Großvater erzählt von der Zwillingsgeburt, als wäre es für seine Frau ein Spaziergang gewesen:

„Am Leopolditag 1931 schickte mich die Kathi wieder um die Frau. [„die Frau“ – damit ist die Hebamme gemeint] Weil uns die liebe Wiesmutter [meine Urgroßmutter vom „Wiesbauern“, die Schwiegermutter meines Großvaters] versprochen hat, auszuwarten [d.h. im Haushalt auszuhelfen], bin ich gleich mit dem Rad nach Steinakirchen gefahren, um sie auch zu holen. Spät abends sind wir zurückgekommen. Da lag die Mutter im Bett und hatte auf jeder Seite einen Buben. Und sie lachte dazu. Wurde ein Leopold und ein Anton getauft. Nun ja, in 3 Jahren 4 Buben, das wäre uns fast genug gewesen.“

Mein Onkel Anton Distelberger weiß von sich und seinem Zwillingsbruder folgendes zu berichten.

„Nach der Geburt hatten wir beide einen Nabelbruch, der wurde nicht operiert, sondern durch eine `Wenderin´ geheilt. Sie ging in der Nähe unseres Hauses auf eine Wiese und stach mit einem Messer ein Wiesenstück in Dreiecksform heraus, legte dieses wieder zurück, drehte sich um und betete: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.“ Dann schaute sie nicht mehr zurück und ging weg. „Wenn der Rasen eingewachsen ist, dann sind auch die Nabelbrüche zurückgegangen und verheilt“, sagte sie zu meinen Eltern - und so ist es wirklich geschehen.“[3]

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Die sympathiemagische Aktion der Heilerin entspricht der Definition, die Hannelore Fielhauer in ihrer Dissertation über das heilmagische „Wenden in Niederösterreich“ bietet:

„Das Wenden beruht auf der Herstellung einer Beziehung zwischen dem Kranken, der Krankheit und einem magischen Gegenstand, wobei man erwartet, dass letzterer die Krankheit in sich aufnimmt. Die Beziehung stellt eine übernatürlich begabte Person, der Wender, mit Hilfe von Sprüchen oder Handlungen her, in einfacheren Fällen auch der gläubige Kranke selbst.“ [4]

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Die Geschichte, wie mein Großvater die Wenderin mit dem Pferdewagen abgeholt hat, kommt in seiner Chronik nicht vor. Sie ist nur in der Familienüberlieferung belegt. Ich vermute, dass sich mein Großvater nicht sicher war, ob er damit nicht die Vorschriften der Kirche übertreten hat. Wäre sein Bruder, der Ordinariatskanzler Michael Distelberger, damit einverstanden gewesen, dass die Hilfe einer Zauberin in Anspruch genommen wurde? Im Gegensatz zu heute, wo sich sogar die Kirche hinsichtlich esoterischer und geistheilerischer Methoden einer „everything-goes“-Maxime zu befleißigen beginnt, wurden damals von der katholischen Hierarchie solche volksmagischen Therapien entschieden abgelehnt. Fünf Jahre später vertraute mein Großvater in der Krise ausschließlich auf Remedia der katholischen Lehre, die durch den offiziellen Ritus zugelassenen sind. In seinen Lebenserinnerungen erzählt mein Großvater davon, wie sein Erstgeborener (mein Vater) 1937 an Kinderlähmung erkrankte und geheilt wurde. Mein Vater war damals acht Jahre alt. Mein Großvater betrachtete die Genesung seines Sohnes als wundersame Heilung, als eine direkte Folge des Gebets. Mein Großvater versteckt sich mit seiner Ansicht von der Sache hinter der Äußerung einer fremden Person:

„Ich hab diese Sache einmal erzählt bei einer Bahnfahrt. Da hat eine Frau ausgerufen: „Da ist ein Wunder geschehen!“

Und so war es auch.“

Erzählerisch ist das ein geschickter Zug. Die Interpretation der Genesung meines Vaters als Wunder wirkt dadurch glaubwürdiger. Die Stimme des vermeintlich neutralen Außenseiters und Beobachters, einer Frau, die mein Großvater zufällig bei einer Bahnfahrt trifft, lässt seine subjektive Auffassung von dem Geschehen erst zutreffend erscheinen. Die Entscheidung, welche Bedeutung ein Ereignis hat, fällt erst, wenn unser eigenes Erleben von anderen bestätigt wird.

„1937: Hie und da hörte man im September von Kinderlähmung. Auch der Bürgermeister ließ einen Laufer durchgehen, bei Erkrankungen von Kindern sofort den Arzt zu verständigen. Ich und die Mutter sind zu Maria Namen nach Maria Taferl gewallfahrtet. Am Abend haben die Kinder beim Bett vom Markus gebetet. Der Markus war ein bisschen krank. Da sagte er: „Beten wir noch einen Vater unser, damit wir die böse Krankheit nicht bekommen.“ Bei Nacht verlangt er aufzustehen. Ich machte Licht, er stand aber nicht auf. Da sagte ich: „Max, steh auf, es brennt das Licht schon so lange.“ Da sagte er: „Vater, ich kann net.“ Da hat es mir einen Riss gegeben. Ich wusste alles. Beim Morgengrauen bin ich dann mit dem Rad um den Doktor gefahren. Dieser stellte fest: Rückenmarklähmung. Wir fuhren sofort nach Scheibbs ins Spital. Dort haben sie mir gleich Blut abgezapft und ihm eingespritzt. Dann bin ich halt wieder heim. Das waren Ölbergstunden. Wir haben gesagt: Herr, dein Wille geschehe, und haben zum Gebet und besonders zum hl. Josef unsere Zuflucht genommen. Wir haben eine Novene zu ihm gehalten. Ich habe mich hingesetzt und habe einen Brief an meinen Bruder Michael [1933−1942 Ordinariatskanzler, 1942−1959 Generalvikar der Diözese St. Pölten] geschrieben mit der Bitte um Gebet. Er hat diesen vervielfältigt und an alle meine Geschwister geschickt. Und alle haben gebetet. Der liebe Gott hat unser Gebet erhört. Nach 14 Tagen ist er [mein Vater ist hier gemeint, nicht Gott] schon zum Fenster [des Spitalszimmers] gekommen. Nach [weiteren] 14 Tagen spannte ich das Bräundl ein und holte ihn nach Hause. Das war eine Freud! Lob und Dank dem Herrn! Ich hab diese Sache einmal erzählt bei einer Bahnfahrt. Da hat eine Frau ausgerufen: „Da ist ein Wunder geschehen!“

Und so war es auch.“

Ein krankes Kind wird ins Spital eingeliefert und verlässt dieses nach vier Wochen geheilt. Ist dies ein Vorgang, der zwingend nach der Erklärung durch ein Wunder verlangt? Der Weg, den mein Großvater gefunden hat, um in der Krise zu intervenieren und seinem kranken Sohn Unterstützung zukommen zu lassen – er organisiert ein gemeinschaftliches Gebet, eine Novene – ermöglicht auch das Wunder. Nur wer darum bittet, dem kann auch ein Wunder gewährt werden. Die religiösen Verrichtungen von Vätern, deren Kinder erkrankt sind, wie die Novene meines Großvaters, haben vielleicht auch den Charakter von Bußübungen, mittels derer die latenten Schuldgefühle von Eltern, deren Kinder an den Folgen von Unfällen oder Krankheiten leiden, betäubt werden sollen. Entscheidend ist die emotionale Beteiligung meines Großvaters. Er, der am Alltag der Kindheit meines Vaters keinen großen Anteil nahm, tritt in der Krisensituation als Handelnder in Erscheinung. Er überspielt seine Position der Hilflosigkeit und Ohnmacht durch die Hinwendung zu Gott, er mobilisiert seine religiösen und Verwandtschaftsnetzwerke.

Von zwei Strategien, um die gesundheitliche Krise des erstgeborenen Sohnes zu bewältigen, weiß mein Großvater zu erzählen: Erstens wurde ihm „Blut abgezapft und ihm [seinem Sohn] eingespritzt“, und zweitens betet er mit seinem Haushalt eine Novene und bittet seinen geistlichen Bruder sowie die Verwandten um Gebetsbeistand. Obwohl also auch materielle, medizinisch-rationale Strategien zur Anwendung kamen, legt der besorgte Vater sein Vertrauen hauptsächlich in die spirituelle Unterstützung. Dieser will der Chronist der Geschichte für den glücklichen Ausgang das hauptsächliche Verdienst zuschreiben, und nicht dem Bemühen der Ärzte. In den Kampf der Ärzte um die Gesundheit des Buben war er nicht involviert − diese mögen jenem das Leben gerettet haben − meinem Großvater ist es aber nicht wichtig, speziell darauf hinzuweisen. Sein aktiver Beitrag war der Appell an die himmlischen Mächte. Dem drohenden Unglück begegnete er mit den Strategien, die ihm zur Verfügung standen. Als Gestalter seines Schicksals, bzw. das seines Sohnes, als einer, der eingreift und nicht hinnimmt, rehabilitiert er sich in der Erinnerung. Der Arzt hat in der Sage von der wunderbaren Errettung von Kindern aus körperlicher Not keinen prominenten Platz. Was unternommen wurde, um die Krise zu meistern, wird durch den glücklichen Ausgang zur einzigen Option erklärt. In der Erinnerung sind die Erzähler selbstbestimmte Akteure, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die Gewissheit des Erzählers, dass die Zusammenhänge unserer Welt individuell begreifbar und der persönlichen Wahrnehmung zugänglich sind, ist eine der Voraussetzungen für eine Geschichte. Damit der Erzähler daraus einen Sinn konstruieren kann, ist es nötig, dass er sich in seiner Erzählung als Handelnder, als aktiver Gestalter erleben kann.

Dass der Erzähler dem erzählten Ereignis und insbesondere seinem glücklichen Ausgang Bedeutung zumisst, bedeutet, dass er nicht an den Zufall glaubt. Der Glaube an den Zufall ist schließlich genauso eine Religion wie der Glaube an transzendente Mächte. Zufall und Bedeutung schließen sich aus. Natürlich muss es für mich eine Bedeutung haben, dass mein Vater im Alter von acht Jahren nicht an Kinderlähmung gestorben ist. Ansonsten wäre mein Dasein nur eine Verkettung von Zufällen und „völlig bedeutungslos“, und wer hält das aus?

Dem stelle ich eine Geschichte gegenüber, die sich knapp mehr als ein Jahr nach der Hochzeit meiner Großeltern ereignete, als sie noch im Teuschelhofhäusel wirtschafteten und wohnten. Meine Großmutter war mit meinem Vater schwanger, als ein Winter hereinbrach, der von legendärer Strenge war – der Winter 1928/1929, der in vielen Lebenserinnerungen Erwähnung findet.

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In autobiographischen Lebensgeschichten wird auf diese Jahreszeit gern Bezug genommen. Die damals knapp sechsjährige Emma Jagersberger aus Lassing, Gemeinde Göstling, erwähnt diesen Winter als:

„Jänner 1929, der kälteste Winter, den man wusste.“ [5]

Der 1917 geborene Amstettner Johann Hömstreit erinnert sich:

„Von 1928 bis 1929 gab es den kältesten Winter, und wir hatten drei Wochen Winterferien.“ [6]

Die 1915 im Lungau geborene Maria Schuster spricht von einem „sibirischen Winter 1929“.[7]

Die 1911 geborene Kärntnerin Anna Berger schreibt:

„Der Winter 1928/29 war außergewöhnlich kalt, wochenlang waren Temperaturen unter -30 Grad.“ [8]

Der 1916 geborene Felix Nöbauer erzählt ein Erlebnis, wie er auf dem Heimweg von der Messe beinahe erfroren wäre:

„Der schlimmste Winter des zwanzigsten Jahrhunderts war der des Jahres 1928/29. Damals wäre ich nach einem Gottesdienstbesuch auf dem Heimweg beinahe erfroren. Es war so kalt, dass ich in dem eisigen Ostwind plötzlich das Gefühl hatte, ich sei sehr müde und wollte mich ein wenig in den Schnee setzen und ausruhen. Doch ich ahnte schon, dass es das Ende wäre, und begann zu laufen und rettete mich so vor dem Erfrierungstod.“ [9]

In Wien versetzte der bis Februar 1929 anhaltende Frost die Stadt in Ausnahmezustand. Gas- und Wasserleitungen begannen zu bersten, unzählige Menschen konnten ihre Wohnungen nicht mehr heizen, Rettungseinsätze waren an der Tagesordnung; die Züge waren eingestellt, die Schulen geschlossen, die Straßen beinahe entvölkert; die Zeitungen beschworen ein Kriegsszenario, schrieben von einer „Kältekatastrophe“. Die Donau fror auf einer Länge von vierzig Kilometern zu, von der Wachau bis Ungarn. Im Bereich von Heiligenstadt bei Wien kam es zu einem Eisstoß. Die in langsamer Fluktuation befindliche Eisdecke staute sich, Eisschollen schoben sich zu Barrikaden zusammen, die sich erst am 15. März lösten. Dieses Naturschauspiel wurde von den Wienern genossen, wie auch der 1916 geborene Friedrich Rudolf Miksa erzählt:

„Im Winter des darauffolgenden Jahres es war ein sehr harter Winter mit bis zu minus achtundzwanzig Grad hatten die Wiener und natürlich besonders wir Kinder eine andere Sensation: Der „Eisstoß“ hatte Wien erreicht, und man konnte trockenen Fußes auf das andere Donauufer gelangen. Halb Wien tummelte sich da auf den Eisschollen.“ [10]

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Mein Großvater hatte hinter seiner Keusche einen Rübenkeller ausgegraben, in dem seine Frau eine Kohlenmonoxidvergiftung erleidet. Obwohl das Überleben meiner schwangeren Großmutter bei minus dreißig Grad erstaunlicher und bemerkenswerter erscheint als die Heilung eines Kindes im Krankenhaus, bemüht der Erzähler keine überirdische Fügung, sondern begnügt sich mit dem „besonderen Schutz von oben“. Der Ablauf bot für meinen Großvater keine Möglichkeit, aktiv zu werden. Seine Krisenintervention war nicht erforderlich. Als er von seiner Schichtarbeit in der metallverarbeitenden Fabrik Busatis in Purgstall heimkehrt, ist der Unfall glücklich ausgestanden. Damit entfällt auch das Wunder. Die Passage in den Lebenserinnerungen meines Großvaters zum Februar 1929 erwähnt nicht direkt die Schwangerschaft seiner Frau:

„Im Jahre 1929 hat im Februar ein so ein furchtbarer Winter eingesetzt und es war Gefahr, dass es uns in den Keller einfriert. So habe ich halt Holzkohlen gekauft. Die Kathi [meine Großmutter] hat sie dann auf Glut in den Keller gegeben, das hat ganz schön warm gemacht. Aber die Gase! Eines Nachmittages holte sie Rüben, schloss hinter sich die Tür. Wie sie es spürte [Kohlenmonoxidgas ist geruchlos], strebte sie zur Tür und konnte noch hinauskommen. Draußen lag sie dann bei strenger Kälte 1 ½ − 2 Std. bewusstlos. Das war ein besonderer Schutz von oben, dass sie mit dem Leben [und ohne das Kind zu verlieren!] davon kam.“

Gerade der Umstand, dass seine Frau weder eine transzendente noch eine pragmatische Hilfe erhalten konnte, befreite meinen Großvater von der erzählerischen Aufgabe, aus der Errettung eine besondere Fügung zu konstruieren. Er kann es auch einfach zur Kenntnis nehmen. Das Überleben meiner Großmutter im Februar 1929 hatte für meinen Großvater keine metaphysische Bedeutung, wohingegen er acht Jahre später die Genesung meines Vaters von der Kinderlähmung als wundersame Heilung und direkte Folge des Gebets sehen möchte. Ich möchte damit zeigen, dass es nicht auf die Ereignisse selbst ankommt, ob zum Zweck der Verarbeitung die Erzähler daraus ein Wunder oder übersinnliche Fügung konstruieren. Wenn es für den glimpflichen Ausgang einer Krise weder nötig war, noch sich die Gelegenheit bot, zu beten, zu wallfahrten, Gott oder den Heiligen ein Geschenk zu geloben oder zu einem Heiler zu pilgern, dann ist auch kein Wunder geschehen. Dann wurde Gott nicht gebraucht.

Wenn hingegen die Hilfe Gottes angerufen wurde, und tatsächlich ein positiver Erfolg zu erkennen ist, dann entspricht das einem Wunder. Nur wenn es ein Handeln gegeben hat, dann kann das glückliche Ende das Resultat der Handlung sein.

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Theodor Kramers Gedichtsammlung „Kalendarium“ von 1930 beginnt mit dem auf den 26. Februar 1929 datierten Gedicht „Vom großen Frost vor Rust anno 1929“.[11] Das Gedicht ist die Beschreibung einer meteorologischen Ausnahmeerscheinung in den Anfangsmonaten des Jahres 1929.

Theodor Kramer

Vom großen Frost vor Rust anno 1929

Nach Stephani ist heftiger Schneewind gekommen,
hat die Hänge verschneit und die Senke genommen,
daß die Schilfkegel wie der leibhaftige Schnee
breit gestanden sind rund um den Neusiedlersee.

Und hernach ist das Naß in den Brunnen gefroren,
auf der Fahrt haben Schlitten die Kufen verloren;
und es haben die ältesten Leute im Land
also grimmige Fröst nicht zeitlebens gekannt.

Ganz absonderlich hat´s auf den Höhen gebissen,
hat den Knechten beim Schlägern die Lungen zerrissen;
vor den Weinkellern hat man gefunden die Reh
mit zerschnittenen Sehnen im glasigen Schnee.

Und die Nacht nach dem Lostag ist sternklar geblieben;
langer Frost hat das Saatkorn im Boden zerrieben,
hat die Reben verbrannt und gespalten zumeist
und den See tief von Ufer zu Ufer vereist.

Und die Wildenten haben ans Eis ihren Kragen
scharf gelegt und nur matt mit den Flügeln geschlagen;
wer den Weg nicht gescheut hat und zwiefach Gewand,
hat sie korbweis fangen können im Schilf mit der Hand.

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[1] Franz und Hildegard Wiesenhofer: Purgstall. Eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert. Purgstall 2001, S. 99.

[2] Helmut Fielhauer, Hannelore Fielhauer (Red.): Die Sagen des Bezirkes Scheibbs. Vollständige Sammlung aller bisher bekannten Sagen, Legenden, Schwänke und anderen Volksberichte. Heimatkunde des Bezirkes Scheibbs (1). Scheibbs 1975.

[3] Anton Distelberger (sen., Mostviertler Bauernmuseum), Mei Sammlerlebn. Von Menschen, alten Dingen und Worten. Amstetten 2001, S. 12.

[4] Hannelore Fiegl: Das Wenden in Niederösterreich. Ein Beitrag zur Volksmedizin. Dissertation Universität Wien 1962, S. 14.

[5] Rosa Scheuringer (Hg.): Bäuerinnen erzählen. Vom Leben, Arbeiten, Kinderkriegen, Älterwerden („Damit es nicht verlorengeht...“ 60). Wien, Köln, Weimar 2007, Emma Jagersberger: S. 87.

[6] Verein Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Hg.): „Als lediges Kind geboren…“ Autobiographische Erzählungen 1865−1945 („Damit es nicht verlorengeht...“, 53). Wien, Köln, Weimar 2008, Johann Hömstreit: S. 108.

[7] Maria Schuster: Auf der Schattseite („Damit es nicht verlorengeht...“, 40). Wien, Köln, Weimar 1997, S. 129.

[8] Eva Tesar (Hg.): Hände auf die Bank. Erinnerungen an den Schulalltag („Damit es nicht verlorengeht...“, 7). Wien, Köln, Weimar 1985, Anna Berger: S. 178.

[9] Norbert Ortmayr (Hg.): Knechte. Autobiographische Dokumente und sozialhistorische Skizzen („Damit es nicht verlorengeht...“, 19). Wien, Köln, Weimar 19952, Felix Nöbauer: S. 196.

[10] Gert Dressel, Günter Müller (Hg.): Geboren 1916. Neun Lebensbilder einer Generation („Damit es nicht verlorengeht...“, 38). Wien, Köln, Weimar 1996, Rudolf Miksa: S. 45.

[11] Theodor Kramer: Kalendarium. In: Erwin Chvojka (Hg.): Theodor Kramer − Gesammelte Gedichte 1. Wien 1984, 81–94, hier S. 83.

Informationen zum Artikel:

Großvaters Geschichten

Verfasst von Toni Distelberger

Auf MSG publiziert im Juni 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus einem umfangreicheren Rohmanuskript des Autors wieder. Inzwischen wurde dieses Manuskript im Herbst 2013 unter dem Titel "Großvaters Geschichten" in der Bibliothek der Provinz veröffentlicht.
Mehr dazu in der MSG-Rubrik "Erinnerungsbücher":

http://menschenschreibengeschichte.at/index.php?pid=30&kid=1208&buid=14168&i=2

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