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Unser altes Bauernhaus I

von Anton Pillgruber

(...) Meine Ziehmutter war die Schwester meines Vaters. Diese hatte einen Bauern in der Nachbarschaft geheiratet, deren Ehe nach drei Jahren noch immer kinderlos war. Man nahm mich daher an "Kindesstatt" an. Ich war also der voraussichtliche Hoferbe. Daß meine Eltern über diese Lösung sehr froh waren, ist natürlich verständlich. Ich war "versorgt". Außerdem brauchte Mutter keinen Unterhalt mehr zu zahlen. Ich kam also auf den Bauernhof meiner Zieheltern. Das erste Interesse galt vorderhand den dort lebenden Menschen. Außer den Zieheltern war der Altbauer da, der dann für mich der Großvater war.

An Dienstboten waren ein junger Knecht da und eine Dirn. Diese hatte eine ganz platte Nase. Später erfuhr ich, daß ihr ein Knecht mit einem Löffel das Nasenbein eingeschlagen hatte. Obwohl die Gefahr des Verblutens gegeben war, wurde kein Arzt konsultiert. Dann war noch ein jüngeres Dirndl da, das noch zur Schule ging. Das war die "Steferl". Sie war eine Halbwaise, die Großvater auf den Hof brachte, als er noch selber Bauer war. Mit dem Steferl habe ich sehr bald enge Freundschaft geschlossen. Ich betrachtete sie einfach als meine Schwester. Sie war ein lieber Kerl, zwar etwas temperamentvoll, aber wenn ich ein Anliegen hatte, konnte ich immer zu ihr kommen. Das waren also die Menschen, mit denen ich fortan zusammenlebte.

Ansichtskarte von St. Koloman mit steilen, schneebedeckten Bergen im Hintergrund

Der Hof selber war zwar ein altes, aber stattliches Gebäude. Beim Überschreiten der Haustürschwelle gelangte man in ein geräumiges Vorhaus. Ging man durch dieses durch, so konnte man durch die hintere Haustüre wieder ins Freie gelangen.

Der erste Raum rechterhand war die Bauernstube, ein großer Raum, etwa 5 mal 5 Meter im Ausmaß. Hinter der Stubentür stand ein großer Kachelofen. Auf der Vorderseite war ein Kachel mit einem bäuerlichen Motiv: der Bauer als Pflüger, und auf der rechten Seite war eine Kachel, auf der ein Sämann zu sehen war. Auf der linken Seite war das Backrohr eingebaut. Auf der hinteren Seite war der Kachelofen an die Wand angebaut, die die Bauernstube von der dahinterliegenden "Rauchkuchl" trennte.

Auf der Backrohrseite war zwischen Mauer und Ofen ein Abstand von circa 1,50 Meter. Dadurch ergab sich ein Geviert, das sogenannte Ofeneck. Das war etwas Besonderes. Erstens einmal ging die Tür in Richtung Ofen auf, sodaß keine Kaltluft hinter den Ofen kommen konnte, wenn jemand vom Vorhaus kommend die Stube betrat. Durch das Backrohr strömte dann, wenn im Kachelofen geheizt wurde, eine wohlige Wärme in diese Ecke. Es war aber nicht nur Wärmespender, sondern hatte auch andere Funktionen. Die am Samstag üblichen Rohrnudeln wurden hier gebacken, der Gugelhupf, wenn Besuch angesagt war, die Kekse für die Weihnachtszeit und selbstverständlich der obligate Schweinebraten für Weihnachten, Neujahr und Ostern. Wenn es zur übrigen Zeit Schweinebraten gab, mußte das schon ein ganz besonderer Anlaß sein. Im Sommer war das deshalb schon nicht möglich, weil es keine Konservierungsmöglichkeit von Frischfleisch gab.

Aber noch einmal zurück zum Ofeneck. Da spielte sich auch sonst noch manches ab. War ein neuer Erdenbürger zur Welt gekommen, so stellte man ihn samt dem Kinderwagen dorthin, wenn es draußen kalt war. Manchmal saß Großvater dort hinten, um sein Pfeiferl zu rauchen, ein armer verfrorener Bettelmann konnte sich zuweilen dort aufwärmen. Aber auch Hund und Katz suchten diese Ecke auf. Obendrein war eine Garderobe angebracht, um bei schlechtem Wetter die Arbeitskleidung trocken zu kriegen. Zusätzlich waren am Plafond und um den Ofen Stangen befestigt, auf welchen die ganze nasse Kleidung zum Trocknen aufgehängt wurde. Besonders im Winter war das sehr wichtig, weil man beim Holzfuhrwerk tagsüber nicht heimkam und bei schlechtem Wetter die Arbeitskleidung eben dementsprechend durchnäßt war; am nächsten Tag mußte man dieselbe aber wieder anziehen. Meist besaß man ja keine zweite Garnitur, um wechseln zu können. Sehr problematisch war das bei den Schuhen. Wurden diese über Nacht nicht trocken, schlüpfte man in die halbnassen Schuhe, was zur Folge hatte, daß diese innerhalb kürzester Zeit "bockgefroren" waren.

Dann war da noch das Kammerloch. Das war eine Ausnehmung am Plafond oberhalb des Ofens circa 20 mal 20 Zentimeter, mit einem von oben abnehmbaren Deckel versehen. Oberhalb der Stube war die Ehekammer und über dem Kammerloch standen die Ehebetten. Dieses Kammerloch hatte also die Funktion einer Warmluftbeheizung. Manchmal sah ich, daß die Dienstboten beim Kammerloch horchten, wenn die Zieheltern vor ihnen zu Bett gingen. Später kam ich dann darauf, daß sie auf verdächtige Geräusche warteten, die allenfalls entstehen können, wenn ein junges Ehepaar zu Bett geht.

Am gegenüberliegenden Eck stand der Tisch mit dem Herrgottswinkel. Da war in der Mitte im Eck ein Kruzifix. Das war aus Holz und handgeschnitzt. Keine Massenware, wie man sie heute in den verschiedenen Geschäften kaufen kann, produziert aus irgend einem Werkstoff. Ziehmutter sagte einmal: "Unser Herrgott ist auf einem Holzkreuz gestorben, drum gehört auch ein Holzkreuz in den Herrgottswinkel". Rechts und links des Kreuzes hingen zwei Tafeln, die eine die heilige Familie darstellend, auf der anderen war die heilige Dreifaltigkeit zu sehen. Darunter war die Holzkonsole angebracht. Darauf standen Heiligenfiguren, zwei silberige Kerzenleuchter und in der Mitte ein Kripperl mit dem Jesuskind. Auf der Stirnseite der Konsole wurde das Altartüchl befestigt. Dieses Altartüchl wurde übrigens von den Frauen nach Feierabend selbst gestickt. Eine Braut, die etwas auf sich hielt, hatte bei ihrer Aussteuer auch ein oder zwei solcher Altartüchln mit.

In der mit Steinen gemauerten Außenmauer, die etwa 60 bis 70 Zentimeter dick war, befand sich ein Kasterl, vollständig in die Mauer eingelassen, in der Größe von circa 80 mal 50 Zentimeter, innen mit zwei Etagenbrettern versehen. Da bewahrte man verschiedene Sachen auf. Zum Beispiel das "Laßzeug" zum Aderlaß für Mensch und Tier. Dieses "Set" bestand aus dem "Pflierl, Laßschnur und Schlögerl". Meterstäbe waren da drinnen, eine Kubaturliste zum Berechnen von Rundholzstämmen, der Trächtigkeitskalender für Roß und Kuh. Großvater bewahrte seinen Pfeifentabak dort auf und die verschiedenen Pfeifen für Festtage, Feiertage und Wochentage. Die Spielkarten waren auch da usw.

Rechts neben der Stubentür hing der Schüsselkorb mit dem schönen Geschirr, welches nur ganz selten verwendet wurde. Es diente mehr der Dekoration. Wie schon vorher erwähnt, stand in der Ecke beim Herrgottswinkel der Tisch, welcher Platz für etwa zehn bis zwölf Personen bot. Über dem Tisch hing die Petroleumlampe mit einem 8-linigen Zylinder. Rechts und links des Tisches waren der Mauer entlang die Sitzbänke angebracht. Sie wurden von Holzbalken gehalten, die in die Mauer eingelassen waren. Zwei Schuber gab’s noch unter dieser Bank, zum Aufbewahren von Socken, Stutzen, Fußlappen, Schuhputzzeug und dergleichen. Vor dem Tisch standen zwei Schemel in Tischlänge, die etwas niedriger waren als die Ofenbank. Das hatte den Vorteil, daß man selbige nach dem Essen unter die Stubenbank schieben konnte, und sie daher beim Abräumen des Tisches nicht hinderlich waren. Auch schaute es zusammengeräumt aus, wenn diese nicht herumstanden.

Am Plafond lief quer durch die Stube ein Holztram, auf der einen Seite war das Christusmonogramm eingeschnitzt, auf der anderen Seite die Initialen der Besitzer aus dem 17. Jahrhundert. Darauf lag der Kammerboden, welcher aus einfachen Dielen bestand. Auch schöne gedrechselte Holzknöpfe waren im Tram eingeschlagen. Da konnten die Hüte aufgehängt werden. Wir jungen Leute benützten diese Holznägel als Turnbehelf. Ein beliebtes Spiel war es, wer imstande war, sich mit einem Finger am Tram hochzuziehen.

Das war also die Bauernstube, der zentrale Raum des Hauses, in dem sich das Leben und das Zusammenleben der Bauernfamilie mit den Dienstboten abspielte. Hier wurden die Mahlzeiten eingenommen, gab es ein Fest zu feiern, so fand das hier statt, Gäste welche zu Besuch kamen wurden, in die Stube geleitet. Für einen jungen Erdenbürger war es die erste Umwelt, deren Eindruck er gewann, und so mancher alte Mensch, der bresthaft wurde, "kam nicht mehr aus der Stuben", so daß es für den einen oder anderen das letzte Geviert auf der Welt war, wo er sich mit den Seinen aufhielt. (...)

Fortsetzung im Beitrag "Unser altes Bauernhaus II"

Informationen zum Artikel:

Unser altes Bauernhaus I

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im Juli 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau, St. Koloman
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus meinen Kindheitserinnerungen. Diese sind in dem Buch "Ziehkinder", herausgegeben von Eva Ziss 1994, S. 198-236, in etwas gekürzter Form veröffentlicht.

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