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Unser altes Bauernhaus II

von Anton Pillgruber

(...) Der nächste Raum war die vorher schon erwähnte Rauchkuchl (Ruckkuchl, Rußkuchl). Über zwei Stufen nach unten gelangte man da hinein, nachdem man eine beiderseitig völlig verrußte Tür öffnete. Rechterhand war da gleich die "Hoaz" für den Stubenofen, deren Boden mit Schamotteplatten ausgelegt war. Das hatte den Zweck, daß die erzeugte Wärme gespeichert wurde. Außerdem konnten drei Brotlaibe da drinnen gebacken werden. Den Kletzenbrotlaib für den Heiligen Abend buk die Ziehmutter lange Zeit in der Ofenhoaz. Das war deswegen so, weil der "Heilignacht-Laib" etwas größer geformt wurde, als die normalen Brotlaibe und das Hoaztürl größer war als das des nebenstehenden Backofens. Da wäre Ziehmutter einmal fast ein Mißgeschick passiert. Sie hat den Laib zwar anstandslos "einschießen" können, aber heraus ging er nicht mehr so einfach, weil er durch das Backen "aufgegangen" war, das heißt, sein Volumen hat sich vergrößert. Irgendwie hat sie’s dann doch geschafft, "a wengerl nach da Schreamsn" (durch Schrägstellung) den Laib herauszubekommen.

Auf dieses Kletzenbrot freuten wir uns alle schon lange Zeit zuvor, bekam doch jeder Hausangehörige einen solchen Laib, allerdings von normaler Größe, ganz für sich allein. Die Weiberleut durften den Kletzenlaib nicht selbst anschneiden. Das tat am Stephanitag der Freund oder der Bräutigam derselben. Was aus den Brotlaiben wurde, wenn es an einem solchen "Scherzlschneider" mangelte, weiß ich nicht. Bei unseren Mägden war dieses Problem nicht gegeben. Gegessen wird wahrscheinlich alles geworden sein. Auch so manchen Jux hat es da gegeben. So wurden zum Beispiel manchmal Drähte oder andere harte Gegenstände in den Laib gebacken, um die Schneid zu testen, die der Anschneider vorzuweisen hatte.

Doch weiter zur Kuchl. Anschließend an die Hoaz war die offene Feuerstelle. Die war so groß, daß bei Bedarf zwei Feuer unterhalten werden konnten. Für jede dieser Feuerstellen war ein „Driefuß“ (Dreifuß) vorhanden. Diese stellte die Köchin über das Feuer, und darauf kam dann die Pfanne, der Kochtopf oder das Häfen, was halt für das jeweils zu kochende Essen erforderlich war. An der Wand befestigt war ein Galgen, an dessen Querarm ein Kupferkessel hing mit einem Fassungsvermögen von circa 50 Liter. Diesen Galgen konnte man ausschwenken, sodaß der Kessel über dem Feuer zu hängen kam. Das war außer einem kleinen Kupferschiff, welches im Kachelofen über dem Backrohr eingebaut war, die Warmwasserbereitung für weniger Bedarf. Brauchte man große Mengen an Warmwasser, so wurde der große Wasserkessel geheizt, der anschließend an die Esse gemauert war. Das war zum Beispiel am Waschtag, beim großen Hausputz vor den großen Feiertagen, oder wenn ein Schwein geschlachtet wurde, der Fall.

Vor dem Waschkessel, ums Eck herum, befand sich ein transportabler Backofen, ganz aus Eisen außer den Schamotteplatten in den zwei übereinander gelagerten Backrohren. Von diesen faßte jedes drei Brotlaibe im Durchmesser von circa 30 Zentimeter. Unter diesen Backrohren befand sich die Feuerung. Beim Backen mußten die Brotlaibe zur Halbzeit vom oberen zum unteren Backrohr und umgekehrt gewechselt werden, weil das untere Backrohr naturgemäß mehr Hitze hatte.

Anschließend bis zur Ecke wurden kleine Mengen Brennholz gelagert. Auf der nächsten Wandseite war etwas Besonderes. Das war der Teil eines Freßtroges, der etwa 30 Zentimeter in den Raum reichte und, etwas schräg abfallend durch die Hausmauer hindurch, direkt in den an der Außenmauer des Hauses angebrachten Schweinestall reichte. Das Schweinefüttern konnte daher von der Küche aus bewerkstelligt werden. Der Nachteil dieser "Anlage" war, daß wir den Schweinebraten schon zu Lebzeiten der Sau im Haus gerochen haben.

Wieder anschließend stand das Küchenkastl, mit drei übereinander liegenden Schubladen und einem Doppeltürl. Im Innern gab es die Etagen. Dieses Kuchlkastl beinhaltete das Gebrauchsgeschirr, Töpfe und dergleichen. In den Schubladen fand sich das Mehl, Zucker, etwaige Backhilfen, Salz usw.

Über dem Kastl hing der Schüsselkorb. Da befand sich das Eßgeschirr für den täglichen Gebrauch. Von diesem brauchte man ja nicht allzuviel. Verschiedene Speisen, wie Suppen, Farfeln, wurden aus einer in der Mitte des Tisches gestellten Schüssel gegessen. Gab es Muas, Koch oder Polenta, so kam dieses Essen in der Pfanne auf den Tisch. Für Knödel, oder gar einmal Braten, benützte man einen Teller für zwei Personen. Was jeder für sich brauchte, war nur der Löffel. Messer und Gabel reichten ebenfalls für zwei Leute. Ein denkbar geringer und sparsamer Aufwand also.

Über die Ruckkuchl spannte sich ein rundes Gewölbe. Unterhalb desselben waren die Reben. Das waren zwei parallel laufende Stangen, die mit starken Drähten im Deckengewölbe verankert waren. Auf den Stangen lagen quer ein paar Bretter. Auf diesen wurde der "Knetkas" geräuchert. Woraus dieser Knetkas bestand, weiß ich heute nicht mehr. Sicher ist, daß er als Speisewürze verwendet wurde. An den Stangen hing manchmal Räucherfleisch oder Speck zum Nachräuchern, wenn das notwendig war.

An der letzten Wandseite, das war die Seite links von der Kuchltür, war der Schlufkamin. Das war eine Öffnung im Gewölbe, circa 80 mal 80 Zentimeter, die sich bis zum First hinauf so weit verjüngte, daß der Rauchfangkehrer durchkraxeln konnte. In zwei gegenüberliegende Seiten des Kamins waren Kerben eingeschlagen, damit er den richtigen Halt hatte. Auf halber Höhe des Kamins war eine Vorrichtung zum Selchen des Schweinefleisches. In diesem Bereich befand sich auch das Eisentürl zum Dachboden hin, weil die Selche von unten her nicht beschickt werden konnte. In der Zeit des Tausendjährigen Reichs, wo außer den Soldaten an der Front in der Heimat die Erzeugungsschlacht geschlagen wurde, wurden die Rauchfangkehrer angehalten, jedes Stückchen Fleisch, das von einer geselchten Sau im Kamin gefunden würde, sogleich bei den Behörden zu melden. Vom Schlachten bzw. vom Geschlachteten war in jener Zeit, wie man sieht, sehr viel die Rede. Mir ist aber, zumindest in unserer Gegend, kein Kaminkehrer mit einem derartigen Berufseifer bekannt geworden, eher fiel mir an diesen Männern beim Verlassen des Hofes ein volles Ränzlein auf.

Neben der Kuchltür hing was ganz Spezielles. Das war ein kleines Wandkastl aus Holz etwa 40 mal 40 Zentimeter, mit sechs kleinen Schubladerln. In einem dieser Schuberl lag meist ein Zettel mit Bleistift. Auf diesen Zettel schrieb Ziehmutter so nach und nach alles auf, was sie beim nächsten Gang in die Stadt zu besorgen hatte.

In einem anderen Schuberl lag das Kleingeld für die Bettler, von denen es damals noch viele gab. Es waren meist Ein- und Zweigroschenstücke, von denen ein oder zwei Stück gegeben wurden. Mit diesem Geld geschah mir einmal ein Mißgeschick. Ich war noch nicht schulpflichtig, als eines Vormittags ein Bettler ins Haus kam. Ziehmutter war gerade auf dem Gang (Balkon) und rief herab, ich solle ihm Geld geben. In der Lade waren etwa 30 Groschen, und ich gab alle dem Mann. Ich weiß noch, daß er ganz lieb „Vergeltsgott“ sagte und schleunigst davoneilte. Wenn man weiß, daß eine Semmel in dieser Zeit fünf Groschen kostete, so habe ich diesen Mann fürstlich bedient. Als dann am selben Vormittag ein anderer Bettler auftauchte, war kein Geld mehr im "Tresor". Ich glaube, daß Ziehmutter mir damals das erste Mal prophezeite, daß aus mir unmöglich etwas werden könne.

Vor der hinteren Haustür stand der Leierbrunnen. Von diesem führte eine Wasserleitung circa 80 Zentimeter unter der Erdoberfläche zu einem etwa 50 Meter von Haus entfernten, etwas tiefer gelegenen Wasserloch. Von dort wurde das Wasser, das für den Haushalt und den angebauten Pferdestall benötigt wurde, heraufgeleiert. Das war also die Wasserversorgung.

Gegenüber der Ruckkuchl war der Gaden, ein Raum von circa zwei mal vier Meter im Ausmaß und über zwei Stufen nach oben erreichbar. Das kam daher, weil unter dem Gaden der Keller war, dessen Rückgewölbe das Niveau des Vorhausbodens überragte. Der Gaden war so eine Art Abstellraum. Da stand das Krautfaß, das jedes Jahr im Herbst mit selbst eingelegtem Sauerkraut gefüllt wurde, der Fleischstotzen mit der Drehspindel für das Surfleisch, die Truhe für das Viehsalz usw. Auf einer hölzernen Stellage befanden sich Behälter für Petroleum, Steinöl war da, als Heilmittel bei Pferden und Kühen bei offenen Wunden, der Kaiblzieher (Geburtsstrick), der Schuhnagler (ein kleiner Amboß auf einem Holzprügel angebracht), die verschiedenen Schaffeln oder Zuber, Waschrumpeln, Waschbürsten und die gute alte Hirschseife usw. Nicht zu vergessen die Mausfallen, die trotz der Haltung von Katzen erforderlich waren.

Anschließend befand sich der Kellerabgang (Kellerstiege). Der Keller selbst entsprach der Größe des Gadens. Groß genug zur Lagerung von Butter, Käse, Obst, Kartoffel und dergleichen. Vom Vorhaus weg wurde die halbe Kellerstiege von einem Steg mit Geländer überbrückt, über welchen man in den Roßstall gelangte. In meiner Heimatgemeinde waren die Pferdeställe sehr oft in einem Seitentrakt des Wohnhauses untergebracht. Die Kühe, Schafe und Schweine hingegen in einem eigenen Gebäude, dem Kuhstall.

Warum das so war? Zum einen vertragen die Pferde die ammoniakangereicherte Luft des Rinderstalles sehr schlecht, zum anderen hatte das Pferd zur damaligen Zeit eine wesentlich höhere Rangstellung als die übrigen, am Bauernhof gehaltenen Tiere. Eine Ausnahme machte nur noch der Hofhund, sofern einer gehalten wurde. Das mag vielleicht daran gelegen sein, daß das Pferd seinerzeit der ausschließliche Begleiter des bäuerlichen Menschen war, sofern dieser nicht auf eigenen Schustersrappen unterwegs war. Wurde ein junger Erdenbürger zur Taufe gebracht, wurde mit dem Einspänner gefahren. Zur Hochzeit wurden Braut und Bräutigam samt den nächsten Verwandten zur Kirche kutschiert. War jemand krank, wurde mit dem Roß zum Doktor oder ins Spital gefahren, und zur letzten Fahrt zog das Pferd den Leichenwagen.

Aber auch für die Bewirtschaftung des Bauernhofes war das Pferd unerläßlich. Im Frühjahr und Frühherbst war es der Pflug und die Egge, im Sommer der Erntewagen, im Winter das Holzfuhrwerk, um nur einige der wichtigsten Arbeiten zu erwähnen, wo das Pferd vorgespannt wurde.

Der nächste und letzte Raum im Erdgeschoß, gegenüber der Bauernstube, war das Stüberl. An und für sich die Wohnstätte der Austragleute. Da stand schon ein mit blauen Ofenkacheln gesetzter Tischherd, mit dem damals üblichen Ringeinsatz ober der Feuerung. Bratrohr und Wasserschiff waren vorhanden. Dieses Stüberl hat der Großvater bald einmal zur Verfügung gestellt und es wurde dann als Wohnküche benutzt. Ich erinnere mich sehr lebhaft, wie glückselig die Ziehmutter war, als sie von der wirklich sehr unpraktischen Rauchkuchl hierher übersiedeln konnte.

Vom Vorhaus führte eine Holzstiege hinauf in den ersten Stock. Gegenüber dem Stiegenaufgang, auf einem etwas erhöhten Podium, stand die Mehltruhe. Diese hatte vier Fächer mit einem Fassungsraum von etwa 70 bis 80 Kilo. Diese Fächer enthielten die verschiedenen Mehlsorten. Das aus dem Roggen gewonnene Brotmehl, dann das Weizen- oder Kochmehl. Im nächsten Fach war Mehl von schlechterer Qualität, geeignet für Schweinefütterung, und im letzten Fach die Kleie. Diese verwendete man zum "Trank" für die Milchkühe und das ganz junge Jungvieh.

Ein Bett stand auch im Söller. Das war bestimmt für die Störgeher. Das waren die verschiedenen Handwerker die zur damaligen Zeit in bestimmten Abständen auf den Hof geholt wurden zum Beispiel Wagner, Binder, Sattler, Schneider, die bei Bedarf neue Sachen machten und das alte Zeug auch zusammenrichteten. War einmal kein Handwerker am Hof, konnte auch ein Bettler darin schlafen, wenn er nicht allzu verwahrlost und lausig aussah.

Über dem Stüberl war die Schlafkammer des Großvaters. Außer zwei Betten standen auch noch zwei Kästen in der Kammer. Einer dieser Kästen stachelte immer meine Neugierde an. Er beinhaltete nämlich ganz exquisite Gegenstände. Erst einmal die Veteranenuniform mit den Silberknöpfen, dazu den Veteranenhut mit dem Hahnfederbuschen daran. Dann hängte da ein Leibriemen, an dem eine Säbelscheide mit Säbel steckte und einen verzierten Knauf hatte. Ein alter Trommelrevolver lag, Gott sei Dank ohne Munition, darin und eine alte, verzierte Kassette mit verschiedenen alten Münzen (Gulden und Talern) gab es da. Auch ein altes Veterinärbuch erregte meine Neugier. Ich erinnere mich, daß mir das Wort "Influenza" so gut gefiel, weil es so gut klang, was es bedeutete, interessierte mich damals weniger. Alle diese Dinge und noch andere mehr, mußte so ein kleiner Knirps natürlich erforschen. Erwischen lassen durfte ich mich bei diesen Schnüffeleien nicht, da wäre eine Strafpredigt fällig gewesen.

Gegenüber der Schlafkammer, wie schon erwähnt, über der Bauernstube befand sich die Ehekammer mit den notwendigen Einrichtungsgegenständen. Anschließend, Wand an Wand, war die Dirnenkammer. Das war das Schlafzimmer der Töchter und Mägde. Diese war wieder über eine Stufe nach oben erreichbar, weil unterhalb das Kuchlgewölbe war, welches wie das Kellergewölbe nach oben mehr Platz brauchte. Daß die Mägdekammer neben der Ehekammer der Bauersleute war, hatte neben der sich ergebenden Raumeinteilung auch noch einen anderen Sinn. Die Bauersleute konnten die ledigen "Menscher" besser unter Kontrolle halten, wenn ein junger Bursch sich etwa anschicken sollte, diesen einen nächtlichen Besuch abzustatten. Die Kammerfenster waren damals alle stark vergittert. Daß die ganze Aufpasserei nicht lückenlos funktionierte, bewiesen die unehelichen Kinder, die es damals gab.

Da fällt mir gerade etwas Lustiges ein. An einem Samstagabend, als die Hausleute beim Rosenkranzbeten knieten, gab es im Vorhaus ein Rumpeln. Der Freund und spätere Ehemann der Haustochter wollte sich in die Menscherkammer schleichen. Dabei verfehlte er die Stiegenstufe und rutschte auf derselben ab. Es blieben also, wie damals üblich, nicht alle am Samstagabend zum Rosenkranzbeten daheim, den einen oder anderen drängte es halt fort. Natürlich ging die Haustochter schnell nachschauen und schimpfte dann über das dumme Katzenvieh, welches diesen Krach verursacht habe.

Neben der Mägdekammer, ums Eck herum, war einmal ein kleines Schlafzimmer. Das stand leer und wurde als Gästeschlafzimmer benutzt.

Links vom Stiegenaufgang führte ein Gang zur Roßbigl. Auf halben Weg dorthin war rechterhand eine Tür, die zur "Buamakammer" (Knechtkammer) führte. Diese lag zur Hälfte über dem Gaden und zur anderen Hälfte über dem Roßstall. Im Winter wurden die Außenwände dieser Kammer "reischig", das heißt, es bildete sich Rauhreif an den Wänden. Zwangsläufig wurde dann das Bettzeug naß. Anschließend war die Roßbigl und – über eine Stiege erreichbar – der Dachboden des Hauses. Dort lagerte das Heu für die Pferde.

Etwas Besonderes hatten wir in der Roßbigl, was nicht jeder Bauer hatte: ein WC im Hausinneren. Von einer Wandnische führte eine Rohrleitung zu einer ebenerdig betonierten Senkgrube. Bei uns gab es also nicht mehr das Häuschen mit Herzchen. Zur damaligen Zeit immerhin ein Fortschritt. Auf alle Fälle hat unserem Nachbarn diese Anlage so gut gefallen, daß er sich auch so etwas gebaut hatte. Eines Tages kam der Nachbarsbub zu mir gelaufen, ich soll schnell kommen, weil sein Vater gerade das neue WC ausprobiere. Wir stellten uns also ganz in die Nähe desselben und tatsächlich hörten wir’s plumpsen. Das sind halt so Lausbubengeschichten.

In der Roßbigl stand auch die Getreidetruhe. Roggen und Weizen wurden da gelagert, bevor sie zur Mühle gebracht wurden, welche zur Halbscheid dem Hof gehörte. Sie stand am Bach unterhalb des Dorfes.

Der Getreideanbau wurde bei uns in der Nachkriegszeit allmählich aufgegeben. Fürs erste wurde das Ganze durch die Umstellung der bäuerlichen Betriebe vom Selbstversorgerbetrieb zur Marktwirtschaft unrentabel. Fürs zweite brachten es die Arbeitsangebote in Gewerbe und Industrie mit sich, daß die bäuerliche Bevölkerung immer weniger wurde. Die Dienstboten verschwanden nach und nach von den Höfen und schließlich sah sich so mancher Bauer selbst gezwungen, sich um einen Nebenerwerb umzusehen.

Im Dachgiebel des Hauses war der Glockenstuhl mit der Hausglocke. Zu früherer Zeit wurde sie geläutet, um die am Feld arbeitenden Leute zum Mittagessen zu holen. Aber auch bei Brandkatastrophen in der Umgebung, oder sonstigen Unglücksfällen wurde geläutet, um die Menschen zur Hilfeleistung zu holen. Ich habe unsere Hausglocke nur einmal gehört, und das war zu einem traurigen Anlaß.

Das war also, kurz umrissen, unser Bauernhaus, in dem sich, wie ich schon einmal erwähnte, das Leben und Zusammenleben der bäuerlichen Familie – damals zählte man auch die Dienstboten dazu – abspielte. Wieviel Freude, aber auch wieviel Leid, Zerwürfnisse und Streit, Versöhnungszeremonien usw. wird so ein altes Bauernhaus wohl gesehen haben. Könnte man von den Wänden das alles ablesen, ich glaube es wäre eine interessante Lektüre.

Informationen zum Artikel:

Unser altes Bauernhaus II

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im Juli 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau, St. Koloman
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus meinen Kindheitserinnerungen. Diese sind in dem Buch "Ziehkinder", herausgegeben von Eva Ziss im Jahr 1994, S. 198-236, in etwas gekürzter Form veröffentlicht.

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