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Andreas von Hohenau

von Anton Pillgruber

Geboren wurde er 1902 als erster Sohn der Bauersleute vom Hinterhohenaugut in St. Koloman bei Hallein. Zwei Jahre danach kam sein zweiter Bruder zur Welt und ein Jahr danach kam eine Schwester dazu. Bei dieser geschah ein sehr schlimmes Unglück. Die Frau und Mutter starb bei dieser Geburt. Damit waren die drei Kinder Halbwaisen. Ihr Vater, der 1901 als Nachbarsohn in den Hof eingeheiratet hatte, musste sich alsbald um eine zweite Frau umsehen. Er fand diese in einer Bauerntochter, die eine außereheliche Tochter mit in die Ehe brachte. Aus dieser Ehe entstammte dann noch ein Sohn, der 1908 geboren wurde. Damit war die Familie beim Hohenauer – wie er in der Gemeinde genannt wurde – vollständig.

Für diese Frau war das insofern keine so leichte Aufgabe, weil zu den drei Kindern der ersten Frau ihres Mannes noch ihr Sohn und Halbbruder und ihre uneheliche Tochter dazukamen. Ihr Mann war sehr oft im Viehhandel unterwegs, also lag die Erziehung der Nachkommen in ihrer Hand. Außerdem musste sie sich auch noch um die Landwirtschaft kümmern und schauen, dass sie mit dem Gesinde (Knechte und Dirnen) zurechtkam. Es soll ihr auch gut gelungen sein. Notgedrungen musste sie ein (ich möchte es so sagen) schärferes Regiment führen, um den Hof zusammenzuhalten. Wie weit das junge Volk damit einverstanden war, ist nicht leicht zu beantworten. Ein Aufbegehren, wie das heute gang und gebe ist, hat es damals nicht gegeben. Man setzte sich allenthalben mit kleinen Boshaftigkeiten zur Wehr. Die durften aber auch nicht zu schlimm sein, sonst gab es Zores. Ein paar Beispiele: Man brachte bei einer befohlenen Arbeit nicht so recht was weiter oder man war notorisch zu spät dran. Es gab schon Möglichkeiten, um den Alten verstehen zu geben, dass nicht alles passte.

Die Kinder wuchsen also heran. Dann kam die Schulzeit. Die gestaltete sich schwierig, weil niemand da war und auch die Zeit fehlte, sich um den schulischen Fortschritt der Kinder zu kümmern. Die Buben schwänzten oft tagelang den Unterricht. Das Resultat war mehrmaliges Sitzenbleiben, und am Schulschluss konnten die beiden Erstgeborenen mit Müh und Not nur ihre Namen schreiben. Es muss zur damaligen Zeit die Schulpflicht nicht sonderlich streng gehandhabt worden sein, sonst hätte die Schulleitung längst eingreifen müssen, damit diese jungen Herren zum Unterricht erschienen wären. Aber so war es halt damals. Für die Alten war es wichtig, dass die Schulzeit bald um war, damit man die jungen Leute zur Arbeit bekam. Dienstboten kosteten Geld und waren manchmal aufmüpfig. Bei den Kindern war das nicht so.

Die Burschen kamen also aus der Schule und wurden voll in das Arbeitsleben am Hof eingespannt. Zu ihrer Ehre muss gesagt werden, dass sie die Bauernarbeit gut erlernt haben. Wahrscheinlich waren gute Knechte da, die ihnen vieles beigebracht haben. Vom Alten, ihrem Vater also, kam nicht viel, weil er immer öfter im Viehhandel unterwegs war. Dann war da ja auch noch die Stiefmutter, die dafür sorgte, dass aus den Buben etwas wurde. Während der Schulzeit hatte man auf Leistung nicht geschaut, dafür umso mehr darauf, dass sie arbeiten lernten. Ein alter Spruch galt damals: „Lesen und schreiben sollen sie können die jungen Leute, mehr ist nicht notwendig! Diejenigen die mehr können, werden zu gescheit und arbeitsscheu!“ In unserem Fall hat aber das Erlernen dieser beiden Grundschulfächer auch nicht ganz geklappt, aber, wie gesagt, war das nicht so wichtig. Der junge Mann muss Leistung bringen, besser als die anderen, dazu wurden sie angehalten und erzogen.

Es lief auch gut mit der Wirtschaft. Die Bäuerin hatte die Zügel fest in der Hand, vielleicht manchmal zu straff. Aber besser ein wenig härter als zu lax. Man kam leicht ins wirtschaftliche Strudeln, wenn nicht Obacht gegeben wurde, und außerdem musste sie auch noch den Bauern ersetzen.

Es ging gut bis zum Jahr 1924. Da starb auch die zweite Frau. Sie hinterließ eine „Sach“, die schuldenfrei war und dazu war noch Bargeld vorhanden: Sie hatte gut gewirtschaftet.

Die Arbeiten am Hof gingen weiter. Am Herd stand jetzt die Tochter des Hauses, im Stall werkten eine Dirn und ein junges Dirndl, welches der Bauer von Innergebirg auf den Hof gebracht hat. Es soll ein armes Kind gewesen sein, dessen sich der Bauer erbarmt haben soll. (Man hatte sie im Alter von vier Jahren in Bischofshofen in den Zug gesetzt mit einer Tafel um den Hals, wo drauf stand, man möge sie in Golling aus dem Zug hinausführen, dort werde sie von jemandem abgeholt).

Für die Arbeiten am Feld und im Holz waren die jungen Männer da. Die Bewirtschaftung der Liegenschaft funktionierte auch weiterhin.

Andreas war als der Älteste unter den verwaisten Nachkommen und nach damaligen bäuerlichen Gepflogenheiten der Hoferbe. Demnach stellte er sich auch darauf ein. Das ging bis zum Jahr 1929. Da stellte sich heraus, dass das Anwesen heillos überschuldet war. Was war daran schuld und was war zu tun, um aus diesem Schlamassel wieder herauszukommen? Die Suche nach einer Schwiegertochter, die die nötige Mitgift ins Haus brachte, damit das „Werkel“ wieder in Schwung kam.

Jetzt wurde es eng für den Andreas. Er hatte eine Braut, eine brave und arbeitsame Bauerntochter. Obendrein war sie auch noch ein fesches Madl. Ein Kind war auch schon da (nach damaliger Auffassung ein lediger „Baunze“). Der Vater der Braut aber gehörte zu der Kategorie der Minderbemittelten. Da war nicht viel zu holen. Also musste etwas anderes konstruiert werden. Die Lösung war, dass der Zweitgeborene den Hof übernehmen und die Tochter des Nachbarn heiraten musste. Eingefädelt wurde die ganze Aktion von den beiden Alten. Der Hohenauer war froh, dass diese Art erhalten blieb, und der Nachbar konnte eine seiner Töchter in einen großen Hof einheiraten lassen. Dass die junge Frau einen Freund hatte, störte die Alten wenig.

Was aber war jetzt mit Andreas? Fürs Erste war es für ihn ein gewaltiger Schock. Er hatte sich schon Vorstellungen gemacht, wie er den Hof weiterführen möchte. Nun war alles aus, weggeräumt von den Altvorderen. Mit Tränen in den Augen sagte er zum Sefferl: „Die haben mir meine Heimat weggenommen und das ist nicht recht.“

27 Jahre war er alt, der ehemals stolze Hoferbe. Nun stand er vor dem Nichts. Bei der Hofübergabe wurde für den jüngeren Halbbruder eine Schlafkammer festgeschrieben. Er bekam nicht einmal eine solche. Jetzt musste er sich um etwas umschauen. Er brauchte einen Verdienst und ein Quartier. Arbeit bekam er als Holzknecht bei einem Holzhändler. Dieser kaufte die Holzstämme am Stock, ließ sie von seiner Holzknechtpass schlägern und verarbeitete die Bloche in seinem Sägewerk. Eine Liegestatt und das Essen zum Wochenende gab ihm gegen Bezahlung einer seiner Nachbarn. Wochentags hausten die Holzknechte in der Holzknechthütte im Wald. Da waren sie Selbstversorger. „Selbstler“ nannten sie die Leute.

Im Winter gab es Arbeit bei der Papierfabrik in der nahen Stadt. Das war aber auch Knochenarbeit. Es gab damals noch keine Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln, also musste der Weg vom und zum Arbeitsplatz zu Fuß gegangen werden. Das beanspruchte jeweils eineinhalb Stunden pro Strecke. Das waren drei Stunden pro Tag.

Dann kam die Arbeit am Holzplatz, eine kräfteraubende Beschäftigung. Dafür war der Lohn mickrig. Ich erinnere mich, dass er mir erzählt hat, dass es fünfzig Groschen pro Stunde waren. Ich kam zu der Zeit auf den Hof seines Bruders (der eigentlich sein Hof sein sollte). Dessen Frau war meine Tante, die vor ein paar Jahren da eingeheiratet hatte und mit ihrer Mitgift dazu beigetragen hatte, dass das Anwesen nicht unter den Hammer kam. Von da an konnte ich erleben, wie es dem Andreas ergangen ist. Die weiteren Jahre vergingen im gewohnten Arbeitstrott.

Ende der Dreißigerjahre kam der große Umsturz. Da glaubten wir, dass wir den Himmel auf Erden bekämen. Es sah auch gut aus. Die ersten paar Jahre, bis sich der Kanzler mit den Nachbarstaaten zerstritten hatte und es zum Krieg kam. „Männer an die Front!“, hieß es damals. Da wurden sie dann eingezogen, die Männer, um das Vaterland zu verteidigen. Mir war nicht ganz klar, warum die Soldaten in fremde Staaten einmarschieren mussten, um dort „das Vaterland zu verteidigen. Am wenigsten einrücken mussten die Bauern. Die brauchte man in der Heimat, um die Versorgungsschlacht zu schlagen.

Es dauerte nicht lange, bis es den Andreas auch erwischte. Für die Arbeit in der Fabrik wurden vermehrt Kriegsgefangene eingesetzt. Ich weiß nicht mehr, zu welcher Einheit er kam. Seine Ausbildung absolvierte er in Tirol und dann ging’s nach Russland. Vierzig Jahre war er alt damals. Sein Kriegseinsatz dauerte Gott sei Dank nur kurz. Dann wurde er freigestellt. Eine Bäuerin, deren Mann gestorben war, lebte mit ihren halbwüchsigen Kindern auf ihrem Bergbauernhof. Sie kannte den Andreas von früher und suchte um seine Entlassung vom Militärdienst an. Das wurde ihr genehmigt. So kam er wieder heim.

Während des Militärdienstes hatte er schreiben gelernt. Eines Tages bekam sein Nachbar und Hausherr einen Brief aus Russland. Er strotzte klarerweise vor Fehler, aber den Sinn seines Schreibens konnte man leicht herauslesen. Daneben gegangen ist ihm die Anrede. Wahrscheinlich wollte er schreiben „Lieber Hausherr“. Geworden ist aber daraus „Lieber Kausel!“ Das wurde dann sein Spitzname für sein weiteres Leben. Ich hab mich damals geärgert, dass man ihm diesen Spottnamen anhängte. Was wollte er den erreichen mit diesem Brief! Selbstredend suchte er einen Kontakt zur Heimat. Dieser Mann war in den Weiten Russlands. Da raffte er sich auf, um die Kunst des Schreibens zu erlernen. Als gemeiner Landser gehörte er sicher zu den Soldaten, die ganz vorne an der Front waren. An wen konnte er diesen Brief schicken als an seinen Hausherrn. Es war ja sonst niemand da, der sich um ihn kümmerte. Da haben Leute, die daheim in der warmen Stube saßen und genug zu Essen hatten, nichts Besseres zu tun als ihn zu verhänseln. Er hat dazu nie etwas gesagt, aber ich weiß, dass es ihm sehr weh getan hat.

Nach Kriegsende kam er zu uns auf den Hof. Die Kinder der Bäuerin waren inzwischen herangewachsen, da brauchte sie seine Hilfe nicht mehr. Bei der Arbeit auf deren Hof schien ihm das Glück hold zu sein, er lernte in der Nachbarschaft eine Frau kennen, die mit ihm durchs Leben gehen wollte. Ganz anders ist er geworden, der Andreas, in dieser Zeit. Einfach fröhlich und lebensbejahend. Ich hab mich für ihn gefreut, weil er mir ein guter Freund geworden ist. So kam es, dass er anfing ein Häusl zu bauen. Den Grund hatte ihm der Bruder gegeben. Wir halfen alle kräftig mit, bis der Rohbau fertig war. Da merkte ich ihm an, dass irgendwas mit ihm nicht stimmte. Einmal kam er mir gerade zurecht, da wollte ich mehr von ihm erfahren. Seine Antwort war kurz: „Sie hat mir die Liab aufgsagt!“ Verdammt noch einmal, konnte denn dieser Mensch nicht einmal im Leben Glück haben?! Es gibt Menschen, die sind zum Pechvogel geboren und werden ihn ein Leben lang nicht mehr los. Am Bau ging dann nichts mehr weiter. Wozu auch? Für ihn wird alles sinnlos geworden sein. Dann fing er an zu kränkeln und erholte sich nicht mehr.

Weihnacht 1949 war für die ganze Familie ein trauriges Fest. Ein Jahr davor war die Tante aus dem Leben geschieden. Am Heiligen Abend saßen wir alle um den Tisch herum, der Bauer mit seinen drei halbwüchsigen Buben, die Dirn und auch der Alte (der Vater war schon an die achtzig Jahre alt). Nachdem die üblichen Zeremonien abgewickelt waren – Rauchen gehen, Weihwasser spritzen und Rosenkranzbeten, eine Stunde lang – wurden ein paar Geschenke verteilt. Viel war es nicht, aber wir freuten uns über jede Kleinigkeit.

Andreas saß nicht am Tisch. In der Stubenecke hockte er allein und verlassen. Nach dem „Festmahl“ war es von jeher üblich, zum Nachbarn zu gehen. Ich war schon gespannt, was die mit dem Andreas anstellen würden, und siehe da, man ließ ihn allein in der Ecke sitzen. Ich habe ihn nicht allein gelassen. Als die anderen weg waren, setzte ich mich zu ihm. Für mich wurde es ein schöner Heiliger Abend. Irgendwie fing er zum Reden an, erzählte mir Geschichten aus seinem Leben. Er ging förmlich aus sich heraus. Er nahm meine Hand und wollte sie nicht mehr loslassen. Ich war froh darüber, diesen von einer Krankheit gezeichneten Mann ein paar Stunden seinen Zustand vergessen lassen zu können.

Es dauerte nicht mehr lange, da konnte er nicht mehr aus dem Bett. Einen Arzt habe ich in der Zeit nie gesehen. Der 19. März des darauffolgenden Jahres war ein schöner Tag und zugleich ein Feiertag. Da hieß es Kirchengehen. Wieder einmal gingen alle fort, außer mir. Ich ging zu ihm ans Krankenbett. Da lag er nun, apathisch und teilnahmslos, eingefallene Wangen und eine schlechte Farbe im Gesicht.

Auf einmal merkte ich, dass er mich unentwegt anschaute. Da musste ich ihn wohl fragen, ob ich etwas für ihn tun kann. Er schüttelte nur den Kopf, dann sagte er: „Ich muss dich nur alleweil anschauen“, und gleich drauf, „mich haben sie umgebracht und dir geht es nicht besser!“ Das waren seine letzen Worte. Da kreisen mit einemmal die Gedanken im Hirn und man weiß keine Antwort darauf. Aber eines kam mir damals in den Sinn. Mich bringen die nicht so schnell um. Den Weg bis dorthin werde ich diesen Leuten so schwer wie nur möglich machen. (Es kam dann alles ganz anders. Bei der nächsten Generation schlitterte die Liegenschaft in eine fast ausweglose Situation, und ich durfte wieder einmal mithelfen, dass die Katastrophe etwas abgewendet werden konnte.)

Jetzt kamen die Kirchgeher wieder heim. Ich sagte dem Alten, dass es dem Andreas nicht gut geht. Da ging er zu ihm ins Krankenzimmer und kam bald danach mit Tränen in den Augen wieder zurück, weil der Kranke in den letzten Zügen lag. Den Pfarrer müsse man holen, meinte ich, doch da schlief er einfach ein und wurde nicht mehr wach.

Achtundvierzig Jahre ist er alt geworden, der Andreas von Hohenau. Sein Leben war begleitet von Enttäuschungen, Entbehrungen und zuletzt von einer Krankheit, die zu seinen Tod führte.

Als ich vor dem offenen Grab stand, nahm ich Abschied von ihm. Die letzten Weihnachten kamen mir in den Sinn und natürlich auch seine Worte, bevor er sich auf den letzten Weg machte in ein für ihn hoffentlich besseres Jenseits. Ich sagte ihm, dass ich ihm ein ehrendes Andenken bewahren werde. Ob ich dieses Versprechen immer gehalten habe, trau ich mich nicht zu sagen. Im selben Jahr ging ich fort in die Fremde. Da muss man erst einmal Fuß fassen und die Vergangenheit hinter sich lassen. Aber das, was ich versäumt habe, wollte ich mit dieser Geschichte gutmachen.

Informationen zum Artikel:

Andreas von Hohenau

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im August 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau, St. Koloman u.a.
  • Zeit: 1900er Jahre, 1910er Jahre, 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre

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