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Schulbeginn

von Angelika Pawikovsky-Scott

Es war beschlossen worden, dass ich bis Dezember bei meiner Großmutter in der Penzinger Felbigergasse wohnen sollte, weil unsere neue Wohnung in der Linzerstraße erst Anfang Dezember 1963 bezugsfertig war. Da beide Eltern arbeiteten, war ich es ohnehin gewöhnt, viel bei meiner Omi zu sein. Ich war gerne bei ihr. Sie traute mir mehr zu als meine Eltern, und ich konnte viele Dinge ausprobieren, die ich bei ihnen nicht durfte. Die Omi stellte einen Schemel zum Herd und ich durfte „kochen“. Sie gab mir einen Kochlöffel in die Hand und befahl mir, ordentlich umzurühren, damit nichts anbrannte. Mit fünf Jahren konnte ich meinen Eltern stolz berichten, dass ich Kohlsprossen kochen konnte.

Bei der Omi durfte ich Geschirr abtrocknen, ohne dass sie ständig Angst hatte, ich würde etwas fallen lassen. Wenn dann doch einmal etwas zu Bruch ging, sagte sie kein Wort und räumte die Scherben weg. Das war viel schlimmer, als wenn sie mit mir geschimpft hätte. Ich wusste, dass die Omi von einer ganz kleinen Pension leben musste und sich neue Dinge nur schwer kaufen konnte. Ich lernte also, besonders gut aufzupassen und vorsichtig mit Glas und Porzellan umzugehen, ohne dass sie mich ermahnen musste.

Großmutter mit Enkelin auf Parkbank
Die Autorin mit ihrer Großmutter (um 1960)

Mein erster Schultag war ein sonniger Spätsommertag. Die Eltern brachten mich zur Schule und durften ausnahmsweise mit ins Klassenzimmer kommen. Es war ein großer Raum mit schwarz geöltem Boden, mit dem ich später noch zur Genüge Bekanntschaft machen sollte. Jedes Mal nämlich, wenn ich niederfiel – und das passierte mir öfter als anderen, weil ich so ein Schussel war –, waren die Knie meiner weißen Strumpfhosen schwarz.

Die Tische und Bänke waren aus düsterem Holz und trugen die Wunden langer Jahre, die ihnen von Kindern vieler Generationen absichtlich oder unabsichtlich zugefügt worden waren. Die Tische hatten eine Tintenrinne mit einem Loch für Tintenfässer. Diese Löcher waren mit einem Metalldeckel versehen, den man lautstark auf- und zuklappen konnte. Einige der kleinen Buben vergaßen sofort ihre Aufregung über diesen besonderen Tag und machten mit den Deckeln das schönste Klapperkonzert. Ein Umstand, mit dem unsere Lehrerin in Zukunft noch viel Freude haben würde ...

An der Stirnwand der Klasse stand eine große schwarze Tafel, die bedrohlich auf uns Knirpse niederblickte. Sie war offensichtlich im Sommer neu gestrichen worden, denn sie glänzte wie poliert.

Ich betrachtete alles mit großer Neugier und vergaß darüber fast, dass meine Eltern noch da waren. Als es läutete, kam unsere Lehrerin und bat die Eltern, vor der Schule auf uns zu warten. Jetzt wurde es mir doch ein wenig bang. Ich war zwar schon im Kindergarten gewesen und hatte dort keine Angst gehabt, aber hier war niemand, den ich kannte ...

Es dauerte allerdings nicht lange, bis es mir außerordentlich zu gefallen begann, dass mich die Eltern in meiner neuen Rolle als „Schülerin“ nicht beobachten konnten. Wahrscheinlich wäre ich in einen Rollenkonflikt geraten, wenn sie im Klassenzimmer herumgestanden wären. Zu Hause war ich Tochter und meistens ein relativ braves Kind. In der Schule war ich Schülerin, da war ich erstaunlicherweise nicht immer so brav. Meine Freude am Kräftemessen mit den Buben wurde von der Lehrerin nicht immer geschätzt und hätte meine Eltern wahrscheinlich zutiefst schockiert.

Mitte Oktober 1963 war die Volksschule in der Felbigergasse fertiggestellt, und wir konnten in die renovierten, hellen Klassenzimmer umziehen. Hier gab es neue, glänzend lackierte Tische aus hellem Holz und einen freundlichen und sauberen Linoleumboden, und wir mussten alle Hausschuhe tragen. Sogar die Lehrerinnen! Meine Lehrerin hieß Frau Klein. Ich liebte sie über alles und bewunderte sie sehr. Sie war freundlich, gerecht und unterstützend. So eine wie sie wollte ich einmal werden! So entstand bereits zu diesem Zeitpunkt der Wunsch, später Lehrerin zu werden.

Das Beste an der neuen Schule aber war: Sie stand direkt neben dem Haus, in dem meine Großmutter wohnte. Nur ein Grundstück mit einem wilden Garten war dazwischen. So konnte ich in der Früh länger als andere Kinder schlafen und musste erst um zehn vor acht aus dem Haus gehen. Trotzdem habe ich oft meine Schuljause zu Hause vergessen. Die gute Omi hat sie dann um 10 Uhr zur großen Pause in die Schule gebracht, damit „das Kind nicht hungrig ist“. Schließlich hat die Frau Lehrerin Klein es verboten. Sie hat gemeint, dass das Kind selbst die Verantwortung für seine Jause zu tragen habe und nicht verwöhnt werden sollte. Das hat die Omi nur sehr ungern eingesehen.

Nun bekamen wir die ersten Schreibhefte. Die kleinsten Hefte, die es damals gab, waren im A5-Format. Sie wurden in der Mitte durchgeschnitten. Zeilen und Linienspiegel, sogenannte „Faulenzer“, waren streng verboten. Wir mussten uns von Anfang an bemühen, in geraden Zeilen zu schreiben.

Auch Plastikeinbände gab es damals noch nicht. Also kaufte die Omi sogenanntes „Spinnenpapier“, das in den Farben rot, blau, gelb und grün angeboten wurde. Das wurde sorgsam auf die richtige Größe zurechtgeschnitten, die Flügel eingeschlagen und mit gelblichen Klebestreifen auf der Innenseite des Heftes festgepickt. Mein erstes Schreibheft war rot eingebunden.

Auf die Vorderseite wurde ein kleines weißes Schildchen geklebt, auf das der Name und die Klasse geschrieben wurde. Das Schildchen war gummiert und man musste es ablecken, damit der Klebstoff freigesetzt wurde. Als alle Schildchen aufgepickt waren, hatte ich einen furchtbar scheußlichen Geschmack im Mund, der trotz Schokolade und Seidenzuckerln bis zum Schlafengehen anhielt.

Zu Beginn schrieben wir noch mit Bleistift, weil man da bedenkenlos herumradieren und Fehler ausbessern konnte.

Dann wurde es Zeit für die erste Füllfeder. Die Omi ging mit mir zur Frau Haas, der das Papiergeschäft Ecke Pachmanngasse Hütteldorferstraße gehörte und ich durfte mir eine Feder aussuchen. Ich entschied mich für eine kleine, zarte, dunkelgrüne mit einer wunderschönen goldenen Federspitze. Dazu wurde ein großes Tintenfass gekauft, denn Tintenpatronen gab es damals auch noch nicht.

Jeden Abend musste man nachsehen, ob noch genug Tinte in der Feder war, denn es war, aus verständlichen Gründen, verboten, die Tintenfässer mit in die Schule zu nehmen. Um die Feder zu füllen, steckte man sie vorsichtig mit der Spitze ins Tintenfass und öffnete die Schraube am oberen Ende. Wenn sie ganz geöffnet war, war alle alte Tinte ins Tintenglas zurückgeflossen. Nun musste man die Schraube ganz langsam wieder zudrehen und dabei darauf achten, dass die Federspitze immer in der Tinte steckte. Die Feder saugte nun die Tinte ein. Wenn die Schraube ganz zugedreht war, war die Feder vollgefüllt. Danach musste sie sorgfältig mit Löschpapier gereinigt werden.

Trotz aller Vorsicht entstand beim Füllen der Feder meist eine schreckliche Sauerei. Überallhin tropfte die teuflische Tinte, und die Flecken konnten nur schwer, aus Stoffen überhaupt nicht entfernt werden. „Tintenkiller“ waren zur damaligen Zeit natürlich noch völlig unbekannt ...

Dann begann es richtig kalt zu werden. Die Omi kaufte keine Eisblöcke mehr für den Eiskasten, sondern stellte Milch, Butter und anderes leicht Verderbliches zwischen das rechte Doppelfenster des Zimmers.

Der große schwarze Ofen wurde in Betrieb genommen und die arme Omi musste täglich zwei Kübel Koks aus dem Keller schleppen, um das Feuer in Gang zu halten. Weil es nur eine Zimmer-Küche-Wohnung war, genügte der eine Ofen. Manchmal ging allerdings in der Nacht das Feuer aus, dann war es am Morgen ziemlich kalt, und ich wollte nicht aufstehen.

Die Omi hatte die Angewohnheit, um Punkt sechs Uhr aufzuwachen – sie brauchte dazu keinen Wecker – und sofort den hölzernen Radioapparat einzuschalten, um die Frühnachrichten zu hören. Sie setzte sich dazu im Nachthemd auf meine Bettkante, denn das Radio stand auf dem Bettkasten.

Wenn die Nachrichten vorüber waren, ging sie in die Küche, wusch sich und zog sich an. Dann widmete sie sich dem Ofen. Wenn das Feuer ordentlich brannte, begann sie das Frühstück herzurichten. Nun war es Zeit für mich, aus dem Bett zu klettern und mich fertig zu machen. Lange Zeit war ich viel zu faul, um mich selbst anzuziehen. Ich murkste und maulte herum, bis der Omi die Geduld ausging und sie mich in meine Kleider stopfte.

Das rächte sich in der Schule bitter. Die Turnstunden begannen sich zu einem Horror auszuwachsen. Das Ausziehen der Schulkleider und Anziehen von Turnhose und Leiberl ging ja noch. Da war ich motiviert, weil ich ja in den Turnsaal und herumtollen wollte. Aber am Ende der Stunde begannen die Probleme. Ich war es nicht gewöhnt, mich alleine anzuziehen und es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich die Strumpfhose siebenmal umgedreht hatte, sodass ich sie endlich über meine beiden Beine streifen konnte. Blusen und Westen waren sowieso niederträchtig, weil die Ärmel nie in die richtige Richtung schauten und die Knöpfe einfach nicht durch die Knopflöcher passten. Viele Male bin ich heulend vor der bereits abgesperrten Turnsaaltür gesessen, weil alle anderen längst umgezogen waren und nicht mehr darauf warten wollten, bis ich endlich fertig war.

Bis heute ist es mir unangenehm, Kleidung zu kaufen, weil ich sie nicht probieren mag und es mir immer noch grässlich ist, mich etliche Male aus- und anzuziehen ...

Informationen zum Artikel:

Schulbeginn

Verfasst von Angelika Pawikovsky-Scott

Auf MSG publiziert im August 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk
  • Zeit: 1960er Jahre

Anmerkungen

Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, weil ich mich sehr gerne an die erste Schulzeit, die ich bei meiner Omi verbracht habe, erinnere. Beim Schreiben ist mir erst aufgefallen, wie vieles sich in all den Jahren verändert hat und dass der Alltag, wie wir ihn damals als selbstverständlich empfunden haben, heute so nicht mehr vorstellbar ist...

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