Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Sommerfrische in Küb

von Angelika Pawikovsky-Scott

Jeden Sommer durfte ich mit der Omi aufs Land fahren. Damals war man als Normalbürger noch nicht mit dem Flugzeug unterwegs – Gott bewahre! Man fuhr auch höchst selten ins Ausland und wenn doch, dann war es der sogenannte „Hausmeisterstrand“ an der nördlichen Adria oder vielleicht ein paar Tage in Bayern oder Südtirol. Alles andere war viel zu weit weg und viel zu teuer. Es darf nicht vergessen werden, dass die im Osten an Österreich angrenzenden Länder zu dieser Zeit nicht bereist werden konnten. Österreich war ja an drei Seiten vom Eisernen Vorhang umgeben. Damit fielen die Tschechoslowakei (Tschechien und die Slowakei waren damals zu einem Staat vereint), Ungarn und das damalige Jugoslawien als Urlaubsziele weitgehend aus.

Man fuhr mit der Bahn und mit dem Autobus. Manche hatten wohl schon ein Auto, wir gehörten nicht zu diesen „Reichen“. Wir fuhren mit der Bahn aufs Land.

Damit ich als Wiener Kind ein bisschen mehr von der guten Luft abbekam, durfte ich nicht nur die drei Wochen Wanderurlaub mit meinen Eltern verbringen, sondern fuhr zusätzlich mit der Omi ein paar Wochen weg.

Meist quartierten wir uns in einem Bauernhof ein. Die Zimmer waren billig und hatten keinen Komfort, aber das kümmerte uns wenig. Mit der Omi hatte ich die herrlichste Zeit! Sie ließ mich laufen und ich genoss meine Freiheit, streifte durch Wiesen, Wälder und Ställe, spielte mit den Kindern der Umgebung und half auch manchmal bei der Feldarbeit. Für mich war das eine Freude, denn es war neu und aufregend. Die Bauernkinder konnten das nie so richtig verstehen. Sie hätten lieber alles mögliche andere gemacht, als den Eltern bei ihrer schweren Arbeit zur Hand zu gehen ...

Oft waren wir in Küb am Semmering. Dort wohnten wir nicht in einem Bauernhof, sondern in einer alten, riesigen Sommervilla aus der Zeit um 1900, die von den Besitzern so umgebaut worden war, dass die einzelnen Zimmer vermietet werden konnten. In den Zimmern gab es weder fließendes Wasser noch ein Waschbecken und schon gar kein WC. Im ersten Stock befand sich eine große Küche, die alle Sommerfrischler gemeinsam benützen konnten. Dort war eine alte Abwasch mit einem Kaltwasserhahn. Wenn man warmes Wasser wollte, musste man es in einem Topf auf dem Gasherd wärmen.

Dieser Gasherd löste bei der Omi großes Misstrauen aus, war er doch nicht an eine normale Gasleitung angeschlossen, sondern wurde mit Propangas betrieben, das es in schweren Metallflaschen zu kaufen gab. Wenn alles Gas einer Flasche verbraucht war, wurde der Josef, ein Angestellter der Hausbesitzer, gerufen, der die leere Flasche gegen eine neue austauschte. Die Omi hatte immer Angst, dass die Flasche nicht ordentlich angeschlossen wurde und fürchtete eine plötzliche Explosion oder den langsamen Erstickungstod. Glücklicherweise ist nie etwas passiert ...

Der Josef betreute auch die Hasen, die in kleinen Holzställchen hinter dem Haus lebten. Ich liebte die Hasen sehr und beobachtete sie stundenlang. Besonders die empfindlichen Hasennasen hatten es mir angetan, weil sie sich immer schnüffelnd bewegten. Der Josef war ein sehr freundlicher Mann und ließ mich bei vielen Arbeiten helfen oder zumindest zuschauen. Einmal schickte er mich mürrisch weg, und ich verstand zunächst überhaupt nicht, warum er plötzlich so grantig war. Als er einige Zeit später mit einer ausgenommenen Hasenpfote zu mir kam und sie mir als Glücksbringer einreden wollte, ging mir wohl ein Licht auf. Ich war sehr böse auf ihn und sprach mit ihm tagelang kein Wort.

Es gab auch eine Frau, die das Haus in Ordnung hielt. Sie hieß Frau Schweiger und ich mochte sie besonders gern. Das lag nicht nur daran, dass sie viel mit mir plauderte, sondern auch an ihrem wunderbaren Gebiss. Es saß nicht sehr fest, und wenn die Frau Schweiger lachte, dann klappte es von alleine zu, obwohl ihr Mund offen war. Gebannt wartete ich darauf, dass die Frau Schweiger lachte und starrte immerzu auf ihren Mund. Später, als ich sie schon besser kannte, war ich nicht mehr so geduldig. „Frau Schweiger, klapper mit deinem Gebiss!“ forderte ich sie ganz direkt auf und die Frau Schweiger lachte und klapperte.

In späteren Jahren war die Frau Schweiger bereits im Ruhestand. Sie hatte eine kleine Wohnung in Payerbach, von wo sie manchmal nach Küb marschierte, um uns zu besuchen. Eines Tages bettelte ich die Omi so lange an, bis sie mir erlaubte, mit der Frau Schweiger nach Hause zu gehen und bei ihr zu übernachten.

Für mich war das ein unglaubliches Abenteuer, weil meine Eltern es mir nie erlaubt hätten. Die Omi war wohl froh, mich Plagegeist für eine Weile los zu sein, und obwohl sie lange zögerte, durfte ich schließlich losziehen. Sie wollte mich am nächsten Tag abholen kommen.

Als sie am darauffolgenden Vormittag in Payerbach auftauchte, staunte sie nicht schlecht. Ich hatte mir gleich in der Früh das Fahrrad von der Frau Schweiger geschnappt und war damit so lange im Obstgarten herumgegondelt, bis ich nicht mehr herunterfiel. Der Sattel war viel zu hoch und so musste ich im Stehen radeln. Trotz meiner blutigen Knie war ich unwahrscheinlich stolz! Ich hatte das Radfahren erlernt!

Wenn die Omi einkaufen musste, ging ich gerne mit. Wir gingen – natürlich zu Fuß – in das nahe gelegene Dorf. Ich ging den Weg am liebsten, wenn es regnete. Ich stapfte durch alle Pfützen und bewunderte die großen glitzernden Tropfen auf Bäumen und Sträuchern. Neben der Straße floss dann das Wasser in einem kleinen Rinnsaal und gluckerte lustig vor sich hin.

Wenn man die Greißlerei betrat, strömte einem ein wunderbarer Duft entgegen. Es roch nach Zimt und Vanillezucker, nach Äpfeln, Backpulver und Nüssen. Die Mischung war so einmalig, dass mir heute noch das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn ich daran denke. Die Besitzerin hieß Frau Rosenkranz. Sie war eine sehr dicke und freundliche Frau mit einer kleinen Nase und rosigen Wangen und pflegte hinter der Budel (dem Ladentisch) zu sitzen und auf Kunden zu warten. Und diese Budel war das Interessanteste, was man sich vorstellen konnte! Ganz vorne waren große Gläser mit Schraubverschluss, in denen sich alle Freuden einer damaligen Kindheit zusammengefunden hatten: Da waren die berühmten Seidenzuckerln, die Krachmandeln, die Wiener Zuckerln mit ihrem blauweißen Einwickelpapier, auf dem sich die Bilder der Früchte befanden, die in dem jeweiligen Zuckerl verarbeitet worden waren. Da gab es Geleefrüchte, in Schokolade getunktes Marzipan und die sauren Fruchtgummis.

Aber am liebsten mochte ich die Stollwerck. Es waren einzeln verpackte Karamellzuckerln. Eine 10-Stück-Packung kostete 10 Groschen, aber man konnte sie auch einzeln erwerben. Das Stück zu einem Groschen! Da ließ sich sogar die äußerst sparsame Omi ab und zu überreden und genehmigte mir eine Packung.

Am Wochenende kamen manchmal die Eltern aus Wien. Es war ja nicht weit bis zum Semmering. Ich erinnere mich gut, dass ich oft am Bahnhof stand und wartete, bis der Zug aus Wien dahergeschnauft kam. Manchmal saß ich auch am Balkon der alten Villa und drückte mein Gesicht gegen die herzförmigen Löcher des Geländers. So konnte ich die Gleise der Semmeringbahn sehen. Der warme Geruch des alten Holzes ist unauslöschlich in meine Erinnerung eingegraben ...

Ich freute mich immer auf die Eltern, aber trotzdem war es meistens eine Enttäuschung. Sie erwarteten natürlich, dass ich den ganzen Sonntag mit ihnen verbrachte und nicht allein loszog, wie ich es an den Wochentagen immer tat. So wurde mir bald langweilig und ich wusste mir nichts Rechtes anzufangen.

Eines Sonntags kam plötzlich ein kleines blaues Auto über den Wiesenweg zur alten Villa geholpert. Autos waren zu dieser Zeit und in dieser Gegend eine ausgesprochene Seltenheit! Wer konnte das wohl sein?

Ich lief von meinem Ausguck am Balkon durchs Haus, die Stiegen hinunter. Als ich vor die Haustür trat, hatte der Wagen bereits geparkt und die Türen öffneten sich.

Wie groß war mein Erstaunen, als meine Eltern ausstiegen!

Sie hatten unser erstes Auto erstanden! Es war ein hellblauer Fiat 1100, Baujahr 1956. Das Auto war also ein Jahr älter als ich und ich war damals elf. Was waren wir stolz! Unser erster fahrbarer Untersatz bekam den Namen Bobby und sollte uns noch viele Jahre treue Dienste leisten.

drei ältere Personen in Winterkleidung vor einem Kleinwagen

Informationen zum Artikel:

Sommerfrische in Küb

Verfasst von Angelika Pawikovsky-Scott

Auf MSG publiziert im August 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Küb, Payerbach
  • Zeit: 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Author gibt folgende Orte der Kindheit an: Küb am Semmering; Payerbach

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.