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Tante Tontschy

von Angelika Pawikovsky-Scott

Meine Großmutter Josefine hatte vier Schwestern, im Familienjargon nur „die Tanten“ genannt. Ihre unabwendbare Präsenz prägte das Leben meiner Mutter und beeinflusste auch meine eigene Kindheit und Jugend ziemlich nachhaltig.

„Die Tanten“ waren immer zugegen, auch wenn sie körperlich gar nicht anwesend waren. Sie versorgten ungefragt mit guten Ratschlägen und wussten immer alles besser. Sie waren ausgesprochene „Powerfrauen“ zu einer Zeit, als man dieses Wort noch gar nicht kannte.

Dame in vornehmem Abendkleid und spitzen Schuhen
Tante Tontschy (um 1930)

Eine von ihnen war Antonia, genannt Tontschy. Selbst gatten- und kinderlos fand sie als Taufpatin rege Verwendung. Sowohl meine Mutter als auch ich waren ihre Patenkinder, und auf diese Weise hat sie uns ihre an sich hübschen Vornamen – Antonia Maria – vererbt.

Sie war die jungfräuliche Sauberfrau, und Jungfrau blieb sie – so dürfen wir annehmen – bis zu ihrem Tode. Ihre Markenzeichen waren der abgespreizte kleine Finger und das entrüstet gespitzte Mäulchen.

Ihre Weisheiten, die sie ungefragt und zu jeder Zeit mit Gott und der Welt teilte, waren bei Alt und Jung gefürchtet. Sie wusste, wie man eine perfekte Ehe führte, wie man die Wohnung klinisch sauber hielt und wie man Kinder großzog. Unglücklicherweise konnte sie den Beweis für die Richtigkeit ihrer Ansichten nur in Bezug auf die Wohnung erbringen. Alles andere war und blieb Bücherwissen, das in der Praxis oftmals kläglich scheiterte.

Meiner Mutter brachte sie von klein auf bei, dass Sauberkeit gleich nach Göttlichkeit rangiert. Das Kind verwandelte sich unter ihren wachsamen Augen in Betty, das Stubenmädel, das mit einem weißen Schürzchen und dem Staubwedel in der Hand herumsauste und dabei alle Schlager sang, die gerade modern waren.

Ich allerdings war nicht so leicht zu lenken, denn ich war eigenwillig wie meine Omi Josefine und übermütig wie meine Oma Hermine. Tante Tontschys Geduld wurde von mir des Öfteren auf eine harte Probe gestellt.

Ich erinnere mich, dass sie mich einmal aufs Land mitnahm, wo wir es beide nicht gerade leicht miteinander hatten.

Unter normalen Umständen verbrachte ich jeden Sommer drei bis vier Wochen mit meiner Omi Josefine auf dem Land. Der Sommer 1963 jedoch war eine Ausnahme, weil sich die Omi einer Gallenoperation unterziehen musste. Tante Tontschy erklärte sich bereit einzuspringen.

Man mietete ein billiges Zimmer in einem Ort namens St. Peter, von dem ich heute nicht mehr weiß, wo er sich befand und um welches der vielen österreichischen St. Peter es sich handelte. Es gab dort kein fließendes Wasser. Zum Waschen wurden morgens und abends zwei Emailkannen vor die Zimmertür gestellt. Eine war mit heißem, die andere mit kaltem Wasser gefüllt. Das Wasser wurde in einem sogenannten „Lavur“ (= Waschschüssel, vom französischen „lavoir“) zusammengemischt und so auf eine erträgliche Temperatur gebracht.

Meine gute Tante ließ es sich nicht nehmen, mich morgens und abends von Kopf bis Fuß zu waschen, weil sie davon überzeugt war, dass ich es selbst nicht zu ihrer Zufriedenheit erledigen würde.

Von den Urlauben mit meiner Großmutter war ich es gewöhnt, mich weitgehend frei bewegen zu können, was mir Tantchen natürlich nicht durchgehen ließ. Sie bestand darauf, mich 24 Stunden am Tag wie ein Schießhund zu bewachen. Man kann sich vorstellen, dass ich das nicht besonders schätzte.

Meine Rache folgte zwangsläufig. Am Tag unserer Abreise versteckte ich mich in den Zweigen eines Hollerbuschs und war stundenlang unauffindbar. Zu meiner großen Freude befand sich die Tante auf ihrer verzweifelten Suche mehrmals auf Armlänge von mir entfernt, ohne mich jedoch zu entdecken. Schließlich siegte aber mein Mitgefühl und ich stellte mich freiwillig.

Zu allem Überfluss wurde mir auf der Heimreise ein Karton mit frischen Bauerneiern anvertraut und man schärfte mir ein, dass ich sie wie meinen Augapfel zu hüten hätte. Um meine Bosheit wieder einigermaßen gutzumachen, verwandelte ich mich in das „brave Kind“ und bewegte mich buchstäblich „wie auf Eiern“. Ich schaffte es genau bis in Tantchens Vorzimmer.

Ich hätte wissen müssen, dass sie ihren Parkettboden wie einen Spiegel blankpolierte. Der Kokosläufer, der ihn hinterhältig bedeckte, wurde mein Verderben.

Ich schlitterte mit diesem und dem Eierkarton bis an die nächste Wand, wo ich meine Fracht unsanft deponierte. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber ich glaube, das Vorzimmer musste frisch ausgemalt werden, weil das Eigelbmuster an der Wand doch recht unschön aussah.

Tante Tontschy war und blieb ein wesentlicher Bestandteil und der mahnende Zeigefinger der Familie. Weihnachts-, Geburtstags- oder sonstige Familienfeste waren ohne sie nicht vorstellbar. Und weil sie selbst keine Familie hatte, hatte sie auch immer Zeit. Sie revanchierte sich mit selbstgenähten Kleidchen, die ich hasste, und selbstgestrickten Pullöverchen, deren Babyfarben ich nicht ausstehen konnte.

um den Küchentisch versammelte Familie, lauter Erwachsene, viele Frauen
Familienfest mit den Tanten (Wien-Brigittenau um 1960)

Eines aber muss man ihr zugute halten: sie war immer freundlich und um aller Wohl besorgt. Wenn Not am Mann, beziehungsweise an der Frau war, konnte man auf sie zählen. Sie hat ihre Mutter, als sie am Magenkrebs dahinschwand, aufopfernd bis in den Tod gepflegt und ist nicht von ihrer Seite gewichen.

Nach dem Tod der Mutter zog Tontschy zu ihrer Schwester Käthe und deren Mann, die im 8. Bezirk, in der Albertgasse, eine wunderschöne, geräumige Vierzimmerwohnung hatten. Sie bewohnte dort zwei Räume. Küche, Bad und Esszimmer wurden gemeinsam benützt.

Das Zusammenleben führte naturgemäß zu unausweichlichen Auseinandersetzungen, die mit leidenschaftlicher Heftigkeit ausgetragen wurden. Offensichtlich war man daran aber gewöhnt und konnte sich nicht vorstellen ohne diese auszukommen, denn keiner der Beteiligten machte jemals Anstalten, das Mietverhältnis zu beenden. Erst im Alter von 70 Jahren entschloss sich Tante Tontschy, in ein Pensionistenheim zu ziehen.

Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Stille und relativer Zufriedenheit, obwohl eine fortschreitende Diabetes sie zu strenger Diät zwang. Sie starb im Jahr 1978 und hinterließ mir eine kleine Erbschaft, von der ich, zum Entsetzen meiner Mutter, ein Moped erstand – mein erster fahrbarer Untersatz.

Informationen zum Artikel:

Tante Tontschy

Verfasst von Angelika Pawikovsky-Scott

Auf MSG publiziert im September 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Niederösterreich
  • Zeit: 1960er Jahre, 1970er Jahre

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