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Zurück im Land der Masken (Wien 1972-78)

von Franz A. Pichler

Dieses Heft handelt von verbohrten, weil jede Trauerarbeit verweigernden Menschen, dann den durchschnittlichen Maskenträgern (jeder braucht eine Maske zum Überleben), darunter den „Diplo-masken“ (ein Maskenträger, der sich hinter einem Diplom oder diplomatischen Amt versteckt) und schließlich den Wenigen, die versuchen, ihren Weg ohne Maske zu gehen.

Der zerbrochene Spiegel

Ich sah mich in den Spiegel – dieser war zerbrochen, ich sah nur Teile von mir, zersplittert. Bin ich das, fragte ich mich? Vorher war ich doch ein netter Junge gewesen, und jetzt sah mir ein fremdes und unrasiertes Gesicht entgegen. Wo war der kleine Albert geblieben, mit seinem blonden Scheitel und den fröhlichen blaugrauen Augen? Wo der Ministrant, der ernst dreinblickte, aber doch zeitweise lächeln konnte. Ich beschreibe mich in der Folge als Fremden, dem ich nicht ganz traue, den ich nur zum Teil kenne, der anders ist, als er vorher war.

Die Übersiedlung nach Wien war schwieriger als ich dachte. Vor meinem Weggehen nach Genf war ich ein gläubiger Katholik, hatte kaum Beziehungen mit Frauen, lebte in einem gesicherten familiären Umfeld mit meiner Mama und meinem Bruder, mein soziales Umfeld war die Katholische Jugend.

Aber in Genf hatte ich, wie eine Larve, mein Puppengehäuse verlassen und war zu einem Schmetterling geworden. Aber ich konnte nicht fliegen. Mein Doktorat in Internationalen Beziehungen half mir bestenfalls, die Welt besser zu verstehen. Aber ich hatte nicht gelernt, wie man eine Familie gründet, anhaltende Freundschaften gründet, sich in einem neuen sozialen Umfeld etabliert. Bisher war ja alles nur vorläufig, im Übergang, gewesen.

Schlimmer: Ich war mir damals dieser Schwächen nicht bewusst. Wenn du deine Schwächen kennst – zum Beispiel wenn du auf Grund eines Verkehrsunfalls hinkst, stellst du fest, dass du nicht schnell laufen kannst; du wirst dir daher eine neue Lebensstrategie aufbauen und kannst neu anfangen. Aber ich war mir meiner Versäumnisse nicht bewusst, hielt meine kurzen erotischen Abenteuer und glamourösen Begegnungen für eine ausreichende Erfahrung, um zu lieben. Ich hatte alles investiert in meine intellektuellen Neigungen, aber von Gefühlen verstand ich nichts.

Mit der zeitlichen Distanz zu meinem damaligen Leben sehe mich als Helden einer Tragik-Komödie. Was sollte aus mir – ich war inzwischen 28 Jahre alt – werden, da ich bisher das reale Leben nicht kennengelernt hatte? Ich kannte mich in Büchern aus, war inzwischen dreisprachig, aber meine Navigationsgeräte zur Steuerung meines Lebens waren nur beschränkt tauglich.

Oft hatte ich davon geträumt, die Hände in die Höhe zu strecken, Flugbewegungen zu machen und fliegen zu können. Im Traum konnte ich meine Klassenkameraden überholen und war vor ihnen am Ziel. Das waren meine Träume, aber meine Realität war jetzt ganz anders: Trotz meiner bunten Flügel – das waren meine akademischen Erfolge – musste ich am Boden kriechen und riskierte jeden Moment, wie ein Ungeziefer(1) zertreten zu werden.

Ich musste nun Geld verdienen und einen Job suchen. Eine neue Regierung hatte vor kurzem in Österreich ihr Amt angetreten. Auf Grund meiner Ausbildung sind die Kontakte nicht schwierig: ich durfte nach einem ausführlichen Gespräch mit der neuen Wissenschaftsministerin in deren Amt anheuern. Deren Intelligenz und politische Ausrichtung – eine alte Widerstandskämpferin – sprachen mich an.(2) Das vorangegangene Gespräch mit dem Außenminister war zwar ohne Schwierigkeiten verlaufen, aber ich musste zur Kenntnis nehmen, dass man praktisch veranlagte Leute suchte:

— Hier ist mein Buch, Herr Minister. Ich reichte dem Minister mein Buch.
— Ich fürchte, junger Freund, dass ich keine Zeit zum Lesen habe. Wenn ich mehr über das von ihnen beschriebene Problem wissen möchte, dann rufe ich einfach meinen ungarischen Amtskollegen an ... Aber Sie sind selbstverständlich herzlich willkommen.

Zurück zur Realität meines Beamtenlebens, das neben einigen Tiefen viele Höhen und Privilegien aufzuweisen hatte. Das spürt man vor allem, wenn man „raus ist aus dem Job“.

Nach einigen Monaten im Sektor der Kulturpolitik und der Verwaltung der Österreichischen Kulturinstitute im Ausland (mein ehemaliger Mittelschulprofessor Dr. Kräutl leitete das Kulturinstitut in Kabul, Afghanistan), wechselte ich in den Sektor der europäischen Bildungspolitik und landete schließlich auf Grund einer Ausschreibung in der Abteilung für Sozialwissenschaften.

Die Regierung war sich der Versäumnisse in der historischen Forschung bewusst. Arbeitsgruppen für Geschichte der Arbeiterbewegung (Geschichte der Arbeiterparteien, Verfolgung und Widerstand, KZ-Geschichte) und Zeitgeschichte (Staatsvertrag, Ost-West-Beziehungen) wurden gegründet. Treffen mit Emigranten wie Eric Hobsbawm, Felix Kreissler, Karl Popper, Anna Freud, Paul Lazarsfeld, Bruno Bettelheim, Billy Wilder, waren an der Tagesordnung. Geschichte und Philosophie des Wiener Kreises wurden gefördert, eine wissenschaftliche Musil-Ausgabe gemeinsam mit dem Rowohlt Verlag vorbereitet. Eine Studie über den Eurokommunismus brachte mich nicht nur auf die Liste der Staatspolizei – sie notierte alle politisch brisanten Treffen –, sondern auch mit Michael Voslensky zusammen, dem Autor des Buches „NOMENKLATURA“. Voslensky war – wie ich später von einem Mitarbeiter des deutschen Kanzlers Helmut Schmidt erfuhr – ein Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU und informeller Gesprächspartner mit dem Westen. Es war eine sehr spannende Arbeit, trotz der bürokratischen Abläufe eines Ministeriums, die ich mit Freude zu umgehen lernte.

Nachmittags eilte ich öfters in Café Museum, um mir Notizen für Texte oder Reden zu machen: an den hinteren Tischen konnte man dann Elfriede Gerstl oder manchmal auch Elfriede Jelinek, die spätere Nobelpreisträgerin für Literatur, antreffen.

Ich habe jetzt meine äußerlich sichtbaren Ziele beschrieben, meine beruflichen Ambitionen, aber was brauchte ich sonst noch? Konnte ich nicht glücklich sein, einen interessanten Job zu haben? Was brauchte mein wirkliches ICH sonst noch zum Überleben?

War ich nicht ein Kind meiner Zeit, das sich mit Masken und Krücken ein Überleben sichern musste? Aufgewachsen in den unterirdischen Katakomben des Wiener Rathauses, dann Flucht aufs Land – als der Krieg längst verloren war – und schließlich Rückkehr in eine zerbombte Stadt, die ihre Seele wieder finden musste. Die Heurigenseligkeit versuchte die innerlichen Konflikte der meisten Bewohner zu übertönen, die vorher noch „Heil Hitler“ gerufen hatten, aber in Wahrheit seelische oder körperliche Invaliden geworden waren. Sie mussten sich nunmehr in eine neue demokratische Ordnung einfügen, die „Zweite Republik“. Der Wiederaufbau der zerbombten Häuser, die Zähmung der Donau, der Bau des Kraftwerkes Kaprun, der Bau neuer Schulen waren an der Tagesordnung: Jede Woche hatte ich diese Bilder in der Fox’ Tönenden Wochenschau in meinem Lieblingskino am Graben gesehen.

Was ich jedoch nie sah, waren die Tränen meiner Landsleute über die begangenen Verbrechen am jüdischen Volk sowie an Zivilisten in Frankreich, Belgien, Skandinavien oder Russland. Ich hatte viele Bücher über den Holocaust zu Hause, aber die allgemeine Regel lautete: „Man spricht nicht darüber.“ Todesstille erlebte ich. Manchmal flüsterte Frau Sonntag meiner Mama ihre Trauer zu, dass ihr Sohn im englischen Exil geblieben sei, sie ihr Enkelkind kaum mehr sehen werde. Ich sollte nie erfahren, ob ihr Sohn Fred schon 1938 geflüchtet oder etwa von der Wehrmacht desertiert war: Da ich seine Kleider und Werkzeuge erbte, wusste ich nur, dass er ein toller Typ war, der Österreich leider für immer den Rücken gekehrt hatte.

Nach meiner Rückkehr aus Genf verliebte ich mich in ein neunzehnjähriges Mädchen, deren Eltern zu Ostern einen jährlichen Urlaubsgast aus Deutschland erwarteten. Meine Freundin nannte ihn Onkel Fritz. Angeblich, so der Vater meiner Freundin, sei dieser – er flüsterte dabei – ein Kriegsverbrecher, aber er könne das nicht glauben. Unvorstellbar, dass dieser ein Lageraufseher gewesen sei und Handel mit den Goldzähnen ermordeter Juden betrieben habe.

Onkel Fritz, rumänischen Ursprungs, sei charmant und über jeden Zweifel erhaben. Er sei reich, aber das sei ja keine Schande, er habe sich eben als Apotheker„hochgearbeitet“. Ich sah mir einige Zeitungsnotizen an und mir wurde übel: Alles deutete auf einen versteckten Kriegsverbrecher hin, der im schönen Österreich unbehelligt urlaubte. Wenn ich in der Wiener Straßenbahn fuhr und mir die Fahrgäste ansah, spürte ich, dass ein Teil davon – vor 25 Jahren – bei der NSDAP oder beim BDM gewesen war, Juden angespuckt oder denunziert hatte. Die Beziehung zu dieser Freundin zerbrach.

Ich konnte schlecht mit meinen eigenen Gefühlen und der fehlenden Trauer umgehen. Der österreichischen Krimiautor Wolfgang Haas würde sagen: „Du bist eben ein Gefühlstrottel.“ Ich hatte gelernt, so wie viele meiner Zeitgenossen, keine Gefühle zu zeigen. Der Herr Doktor war Maske! Es war keine Gasmaske, wie im Krieg. Ich bildete mir ein, dass jeder eine Maske tragen müsse, um zu überleben, sonst wären wohl der eingemottete Bürgerkrieg und die Konflikte mit den eingefleischten Nazis wieder aufgebrochen.

Als mir meine Freundin Christl mitteilte, sie sei schwanger, war ich sprachlos. Sie sah meine Maske an, erwartete einen Luftsprung. Aber wo war ICH, was spürte ich? Die positiven Gefühle – „Das ist super“ – lagen mit den negativen Gefühlen – „Das haben wir nicht so rasch geplant, das kommt so plötzlich“ – im Widerstreit. Gespräche mit den Eltern gab es nicht: Stille. Wir steuerten auf einen Konflikt zu. Wozu jahrelang studieren, wenn mich die angekündigte Geburt eines Kindes über den Haufen warf, mich zu Gefühlen zwang, die ich in diesem Moment nicht hatte. Ich hatte Zeugnisse und Diplome, eine Maske für die Arbeit und den Kellner im Café, der mich mit „Guten Morgen, Herr Doktor, wie geht’s denn heute ...“ begrüßte. Aber ich hatte keine Gefühle, glaubte, keine Gefühle zu haben, weil diese ganz tief vergraben waren. Meine Mutter hatte öfters zu mir gesagt: „Du hast keine Gefühle.“ Ich liebte meine Mutter, aber ich musste mich von ihr fortbewegen, meine eigenen Gefühle entwickeln. Diese Absetzbewegung war in diesem Moment – der Ankündigung des Nachwuchses – noch nicht abgeschlossen und stellte ein Hindernis für die neue Familie dar.

Erst Jahrzehnte später habe ich in Brüssel – in einem Kurs über Klinische Psychologie – das Vaterwerden als zentrales Thema des Lebens verstanden. Aber damals, Anfang der 70er Jahre, gab es kaum Verständnis dafür. Die Vorstellung war: „Vaterwerden ist ganz einfach, da braucht man nichts zu lernen, nur anpacken ...“ Wie eine Beziehung mit meinen Zweifeln und Ängsten leben, meine Angst eingesperrt zu sein in Beruf und Beziehung? Aber das waren ganz andere Sorgen als die meiner Eltern, als es ums Überleben ging.

Ich schämte mich, da wir doch „im Frieden“ lebten; der nahe Eiserne Vorhang hatte uns eher ein neues „Biedermeier“ mit Plüsch und Torte mit Schlag verordnet als reale Sorgen. Österreich profitierte von seiner geographischen Lage im Schnittpunkt von Ost und West. Wien war zu einem blühenden Spionagezentrum geworden, das John le Carré und Ken Follett zu Geschichten inspirierte und sogar zu einer James-Bond-Verfilmung führte. Unsere Eltern hingegen hatten uns in den schwierigsten Momenten der Weltgeschichte gezeugt und zur Welt gebracht, keiner meiner Eltern wusste, ob er am nächsten Tag noch leben oder von den schwarzen Rittern des Nazireiches abgeholt werden würde.

Und dann kam der schönste Moment meines Lebens: Christl kam mit dem winzig kleinen, etwas zerknautschen, aber ansonsten bildhübschen Stefan nach Hause. Ich durfte ihn baden: Wir beide hatten Angst, seine winzigen Fingerchen zu zerbrechen oder ein „Fußerl auszureißen“. Ganz vorsichtig ging ich mit diesem kleinen Wesen um, das mein Leben um 100 Prozent verändern sollte. ICH suchte eine Therapiestation auf, um die beiden Teile – MICH und die Maske – wieder zusammenzubringen. Denn ich liebte dieses kleine Wesen, mein Kind, vom ersten Augenblick an, aber der blöde ALBERT tat so, als wäre nichts geschehen. Albert besuchte Freundinnen und ICH machte ihm Vorwürfe:

– Jetzt hast du ein Kind, so kannst du mit Christl nicht umgehen! Kümmere dich um Stefan!

Ich befand mich in einem Konflikt zwischen meiner nach außen getragenen Maske und meinen realen Bedürfnissen nach Liebe und Geborgenheit. In meiner Kindheit hatte ich noch Gefühle, Leid und Freud gespürt, was mir später, als ich zunehmend meine Maske aufsetzte, verloren ging.

Im Angesicht des kleinen Stefan, den ich anfangs in einen kleinen Rucksack stecken konnte, erinnerte ich mich wieder an meine eigene Kindheit, als ich noch unbekümmert lachen und weinen konnte.

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1 Franz Kafka hat diesen Gedanken in der Kurzgeschichte „Die Verwandlung“ verarbeitet: Eines Tages wacht er auf und kann sich – auf dem Rücken liegend - nicht umdrehen; er ist zu einem Käfer geworden; er verpasst seine Arbeit, die so nötig ist, um Geld nach Hause zu bringen ... Bei der Lektüre dieses Textes im Jahre 2010 war ich zutiefst erschüttert, wegen der Parallelen zwischen der Romanfigur und meinem damaligen Leben.

2 Der österreichische Autor Thomas Bernhard kritisiert in einem Bericht über die Verleihung des Literatur-Preises der Akademie der Wissenschaften Frau Ministerin Firnberg. „Wo ist denn der Dichterling“ habe diese gefragt und sich in der Runde umgesehen. In Wahrheit handelte es sich um einen Regiefehler der veranstaltenden Akademie der Wissenschaften, und Thomas Bernhard hatte bei diesem Versteckspiel seinen Spaß.

Informationen zum Artikel:

Zurück im Land der Masken (Wien 1972-78)

Verfasst von Franz A. Pichler

Auf MSG publiziert im September 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1940er Jahre, 1970er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt ein Kapitel aus dem 2010 entstandenen lebensgeschichtlichen Manuskript Franz Albert Pichlers mit dem Titel "Ein Wiener in Brüssel. Autobiographische Notizen / Un Viennois à Bruxelles. Notes autobiographiques" wieder.

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