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Fußball

von Josef Svec

Der Oktober 1949 sollte für mich noch bedeutungsvoll werden. Da sah ich im Praterstadion mein erstes Fußballmatch! Eigentlich wollte mein Vater mit uns zum Trabrennen in die Krieau gehen. Weil es aber keine Karten mehr gab, gingen wir weiter zum Stadion. Dort war auch allerhand los, es gab aber noch Stehplatzkarten. Im ersten Spiel der Doppelveranstaltung war die Partie Sportclub gegen Admira und im Hauptspiel Austria gegen Rapid. An diesem Wochenende war auch die allererste Runde eines neuen Wettspiels, das Fußball-Toto hieß.

Das Stadion war voll, die Stimmung grandios, und ich sah mit Begeisterung das Wiener Derby. Die Mannschaftsaufstellungen wurden über Lautsprecher angesagt, und da hörte ich die Namen Huber und Stojaspal, die mir von den Sammelbildern der Kinderzeitung bekannt waren und so wurde ich Austria-Anhänger. Vom Spiel verstand ich allerdings recht wenig. Etwa eine viertel Stunde vor Schluss stand es 4:1, und ich wusste nicht für wen. Bedeutet das, was auf der Tafel stand, dass eine Mannschaft vier Tore bekommen oder geschossen hatte? Zu meinem Glück gab es turbulente Schlussminuten, und das Spiel endete 4:4.

typisches Fußballmannschaftsbild
Mannschaft von Austria Wien in den 1950er Jahren; von links nach rechts, hintere Reihe: Kominek, Ernst Melchior, Huber, Ocwirk, Dr. Schleger, Aurednik; vordere Reihe: Kowanz, Otto Melchior, Sveda, Fischer, Stojaspal

Bald darauf freundete ich mich mit einem Mitschüler an, der Gerhard hieß, obwohl er und seine Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen. Er war etwa zwei Jahre älter als ich und kannte sich beim Fußball perfekt aus. Zuerst durfte ich ihn bei seinen Eltern besuchen und wir spielten Tischfußball, später gingen wir miteinander zu Fußballspielen und er erklärte mir nicht nur die meisten Regeln, sondern auch wie die Spieler hießen und dazu ihre Spitznamen. Bald wusste auch ich, wer mit Panther, Wödmasta, Ossi, Stojsi, Gscherter, Zauberer usw. gemeint war. Es waren Zeman, Happel, Ocwirk, Stojaspal, Melchior und Aurednik, damals alle Weltklasse!

Ein Wochenende, ohne zu einem Fußballspiel zu gehen, war zu der Zeit für mich fast undenkbar! Die härteste Strafe wäre gewesen, nicht zum Match gehen zu dürfen. Mein Vater beließ es immer nur bei Drohungen. Für Straßenbahnfahrten hatte ich zu wenig Geld, also musste ich gehen. Auf diese Weise lernte ich Wiens Straßen und Gassen kennen. Von der Wohnung am Alsergrund waren es ganz schöne Gehstrecken in den Prater zum Stadion, zu Rapid nach Hütteldorf, zu Wacker nach Meidling, zur Vienna nach Döbling, oder zum FC Wien nach Favoriten. Dann musste ich zwei, manchmal mehr Stunden auf dem Stehplatz stehen und nach dem Spiel die gleiche Wegstrecke nach Hause gehen. Nach einem Match im Stadion waren oft die Straßenbahnen so voll, dass vorerst keine Gefahr war, dass der Schaffner kam. Beim Ring musste ich eben rechtzeitig aussteigen, um nicht erwischt zu werden.

Oft waren bei Meisterschaftsspielen mehr als 50.000 Zuschauer. Für besondere Spiele waren kaum Karten zu bekommen. Zu einem Länderspiel gegen Ungarn „schwindelte“ ich mich, die Drängerei ausnützend und immerhin schon dreizehn Jahre alt, mit einer vorher „schwarz“ erworbenen „Kinderschoßkarte“, ins Stadion!

In den 50er Jahren gab es einen österreichischen Box-Europameister im Schwergewicht: Joschi Weidinger. Den Titel errang er in einem Kampf, der auch im Wiener Prater-Stadion stattfand. Danach war er in einem Werbespot im Kino zu sehen: Er trug einen Wintermantel und eine Person sprach ihn darauf an, dass sich eben nur ein Europameister so einen Mantel leisten kann. Worauf er zu sagen hatte, dass sich auch ein Normalverdiener in dem bestimmten Kleiderhaus so einen Mantel kaufen könne und dass es günstige Teilzahlungsbedingungen gebe. Mein Wintermantel war trotzdem nicht aus dem betreffenden Kleiderhaus, sondern von einem Schneider, aus einem „gewendeten“ alten Wintermantel gefertigt.

Auf dem Weg ins Praterstadion, wo die meisten Fußballspiele stattfanden, stand oft dort, wo man von der Hauptallee zum Zugang zu den Sektoren A, B und C einbog, ein Mann, der um Almosen bat. Sein „Bitt‘ schön, für’n armen Blinden, bitt’ schön“ habe ich noch heute im Ohr.

Vor den Eingängen gab es in den warmen Jahreszeiten Wasserverkäufer, die aus einer Kanne Hochquellwasser in Bechern verkauften. Manchmal wurden auch Essiggurken angeboten. Der Durst war oft schon auf dem Weg ins Stadion groß, aber ein Getränk kaufen konnten wir uns fast nie. In Gasthäusern, die auf dem Weg waren, baten wir oft um ein Glas Leitungswasser. Meistens gaben es uns die Wirte, aber einen Wirt habe ich in Erinnerung, der auf die Bitte mit „Verschwind!“ antwortete.

Vor Spielbeginn und in den Pausen hörten wir oft die Erwachsenen vom „Wunderteam“ reden und vom berühmten Mittelstürmer Sindelar. Er muss schon eine Persönlichkeit auf dem Spielfeld gewesen sein, wenn noch lange nach seinem Tod von ihm geschwärmt wurde und wenn ihn sogar Friedrich Torberg in einem Gedicht würdigte. […]

Schulklassenbild, Hauptschule
In der Hauptschule: Ich bin in der vorletzten Reihe rechts, Erich in der ersten Reihe, Zweiter von links (um 1950)

Die erste Freundschaft in der Hauptschule schloss ich mit Erich R., sein Rufname war Ruda. Er und seine Eltern kamen aus Bratislava. Beide waren wir Austria-Anhänger und gingen miteinander zu den Fußballspielen. Erichs Eltern waren arm. Er trug, wie man auf Klassenfotos sehen kann, während der ganzen  Hauptschulzeit  dieselbe  Weste.  Die  Wohnung  seiner  Eltern  bestand  aus  einem  einzigen Raum, einer Wohnküche. Eine Türe, die einmal zu einem Zimmer führte, war zugenagelt, weil es das Zimmer nach einem Bombentreffer nicht mehr gab. Ob sein Vater krank war, weiß ich nicht. Gesehen habe ich ihn bei meinen wenigen Besuchen in der Wohnküche immer nur in einem Bett schlafend. Vielleicht war er Nachtwächter oder sonst ein Nachtarbeiter? Seine Mutter putzte und wusch bei anderen Familien in deren Waschküchen die Wäsche.

Ruda und ich verbrachten viel Freizeit miteinander. Zum Beispiel spielten wir mit meinem Tischfußballspiel. In der Schule war in den Pausen das beliebteste Spiel auch eine Art Tischfußball, das „Fitschigogerln“ genannt wurde. Man spielte es mit Knöpfen oder Münzen, oft wurde auch ein Kamm zu Hilfe genommen. Nach den Fußballspielen, die wir besuchten, warteten wir oft auf die Spieler und baten um Autogramme.

Einmal ging ich in die Redaktion der Kinderzeitung „Unsere Zeitung“ und wurde sehr freundlich aufgenommen, deshalb wurde ich „Stammgast“. Die Redakteurin „Tante Alice“ hat mich sogar einmal zu sich in die Wohnung eingeladen und mit mir Kekse gebacken. Einmal wurde eine Geschichte, die ich über meinen Sittich Maxi schrieb, in der Zeitung abgedruckt, worauf ich sehr stolz war. Es gab wieder Fußballerbilder für ein Preisausschreiben zum Sammeln, und da durfte ich in der Redaktion beim Auswerten mithelfen. Als Belohnung durfte ich mir Bilder mitnehmen, so viel ich wollte. Ich verwertete sie auf dem Fußballplatz! Ich verkaufte die Fußballerbilder an andere Autogrammsammler. Da kam Ruda mit einer glänzenden Idee. Wir gingen zum Pressefotografen Votava in die Taborstraße und kauften kleine Porträtbilder von  Fußballspielern. Zusätzlich bekamen wir eine Menge Ausschussbilder geschenkt. Mit  dem Verkauf bei den Autogrammjägern konnten wir unser Taschengeld ganz schön aufbessern!

Die vielen Fußballspiele, die ich als Zuschauer in Erinnerung habe, kann ich nicht aufzählen. Aber ein Spiel bleibt unvergesslich: Austria gegen Honved Budapest beim Osterturnier 1953. Honved war damals wohl die beste Klubmannschaft der Welt, wie überhaupt Ungarn in den Nachkriegsjahren im Fußball führend war. Für sie war es ein Jahr später eine Katastrophe, nicht Weltmeister geworden, sondern im Finale gegen den Außenseiter Deutschland nach einer Menge von Zufällen unterlegen zu sein.

Bei frühsommerlichem Wetter begann Honved mit überfallsartigen Angriffen und führte nach einer viertel Stunde 4:0! Da schien schon alles verloren. Mit dem Mute der Verzweiflung kämpfte Austria gegen eine vernichtende Niederlage. Endlich fiel der Anschlusstreffer, dann das 2:4, 3:4… Und den Torschrei zum Ausgleich nach einer weiteren viertel Stunde hörte man sicher bis zum Praterstern! Auch der weitere Spielverlauf war dramatisch. Fast ohne Bedeutung war, dass Kocsis in der 89. Minute den Siegestreffer zum 7:6 für Honved erzielte. Wer dabei war, wird dieses Spiel sicher nie vergessen!

Porträtbild eines Fußballers

Mein Liebling auf dem Fußballfeld war Ernst Stojaspal. Er war von 1945 bis 1954 bei Austria und wurde in dieser Zeit fünf Mal (!) österreichischer Torschützenkönig. Stojaspal war kein Sturmtank, sondern ein herausragender Techniker, der mit Tricks und Körpertäuschungen eine ganze gegnerische Abwehr „schwindlig“ spielen konnte, wie sein Klubkamerad Karl Stotz beim Hundertjahrjubiläum der Austria sagte. Bei der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz, wo Österreich Dritter wurde, erzielte er drei Tore. Nachher ging er nach Frankreich, zunächst zu Racing Straßburg, wo er 1955 in der französischen Liga zweitbester Torschütze wurde. Für Austria schoss er 218 und in der französischen Liga 74 Tore. Sportlich blieb er bis fast zuletzt auf dem Tennisplatz.

Sein Ende war traurig. Er erinnerte sich kaum mehr an seine sportlich erfolgreichen Zeiten. Eine Woche war er erst im Seniorenwohnheim in Metz. Da dürfte er beim Spazierengehen vom Weg abgekommen sein und wurde später 600 Meter entfernt vom Heim in einer Sandgrube gefunden. Als Todesursache wurde Herzschwäche angegeben; er wurde 77 Jahre alt.

Aus meiner Bubenzeit blieb mir eine Begegnung in Erinnerung: Er hatte ein Sportgeschäft in der Kolingasse und verkaufte dort auch Eintrittskarten für Austria-Spiele. Einmal war er anwesend und schenkte mir meine Karte. Außerdem bekam ich von ihm ein Foto mit Autogramm.

Zu den „Helden meiner Kindheit“ gehörte auch der Sportreporter Heribert Meisel! Wenn er in der Vor-TV-Zeit im Radio ein Fußballspiel kommentierte, hörten auch Leute mit Begeisterung zu, die noch nie auf einem Fußballplatz waren. Heribert Meisel war ein Ereignis!

Nach einem abgeschlossenen Studium an der Hochschule für Welthandel kam er 1947 durch Zufall zum Rundfunk. Da beim Sender Rot-Weiß-Rot kein Kommentator aufzutreiben war, bot man ihm, dem Sportredakteur der „Salzkammergut-Zeitung“ diese Aufgabe an. Von da an war klar, dass Heribert Meisel der geborene Sportreporter war.

Der ehemalige Sportchef des ORF Thaddäus Podgorski (aus oe1.orf.at): „Der Heribert Meisel war kein Sportreporter. Der Heribert Meisel war ein Entertainer. Es war reine Unterhaltung. Es war ein Vergnügen, wenn er sich aus dem Stadion gemeldet hat. Er hat Situationen beschrieben. Er hat Partei ergriffen, was ganz wichtig ist im Sport. Er war witzig, er hat Humor gehabt, er hat neben seiner wirklich fundierten Sachkenntnis so viel Bildung gehabt und G’scheites vermittelt. Der Sport war – so kann man fast sagen bei ihm – nur das Vehikel für unglaublich gute Unterhaltung.“

Im österreichischen Fernsehen machte er später jeden Montag den „Sportstammtisch“, und im ZDF moderierte er am 14. 8. 1963 die erste Ausgabe von „Das aktuelle Sportstudio“.

Am 20. Oktober 1965 übertrug er im Fernsehen sein letztes Länderspiel, England gegen Österreich im Wembley-Stadion. Österreich gewann 3:2! Ein Jahr später starb Heribert Meisel zwei Wochen vor seinem 46. Geburtstag an Krebs.

Informationen zum Artikel:

Fußball

Verfasst von Josef Svec

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk / Wien
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag gibt einen Textausschnitt aus einem lebensgeschichtlichen Manuskript mit dem Titel "Kindheitserinnerungen, 1939-1954", wieder, das der Autor im September 2012 fertigstellte.

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